Kapitel 25

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Because I believe that each of us - no matter what our age or background or walk of life - each of us has something to contribute to the life of this nation.” – Michelle Obama

Dt. Übersetzung: „Weil ich glaube, dass jeder von uns – egal unser Alter oder Hintergrund oder Lebensweg – jeder von uns muss etwas für das Leben dieser Nation beisteuern.





„… Und Gott segne Euch und Gott segne die Vereinigten Staaten der USA!“, sagte Edward mit lauter und furchtloser Stimme, als er seine Rede abschloss und den Zuschauern zuwinkte. Im Hintergrund begann ein ausgewählter Song zu spielen, während Edward sich langsam auf der Bühne bewegte und sich zu jeder Seite drehte, damit ihn auch jeder von vorne betrachten konnte.
„Er macht es großartig, oder?“, fragte mich Esme neben mir, die meine Hand hielt. Bis jetzt hatten wir die Rede über den Bildschirm hinter der Bühne beobachtet. In ein paar Minuten würde ich zu ihm auf die Bühne stoßen und das Spektakel mit eigenen Augen sehen können.
„Ja, das tut er. Der geborene Politiker. Ich kann nur hoffen, dass er auch gewählt wird.“
„Mach dir darüber keine Gedanken, das wird er schon und das hat er dann nur dir zu verdanken.“ Sanft drückte sie meine Hand, bevor sie sie losließ.
„Misses Cullen, es wäre nun an der Zeit.“ Ich nickte dem Mann zu und folgte ihm direkt hinter die Bühne. Am kleinen Bildschirm daneben konnte ich erkennen, wie Edward weiter nach hinten ging.
„Drei, zwei, eins“, meinte der Bühnentechniker nochmals und die Abblendung wurde zur Seite geschoben. Lächelnd ging ich auf Edward zu und nahm diesen dann in den Arm. Er drückte mir einen Kuss auf die Wange, etwas anderes wäre nun nicht angebracht gewesen.
„Das hast du toll gemacht“, flüsterte ich ihm ins Ohr, bevor wir uns voneinander lösten und Hände haltend wieder nach vorne gingen, wo gerade das Rednerpult im Boden versank. Ich schreckte leicht zusammen, als hinter uns Raketen in die Luft geschossen wurden und lachte schließlich über mich selbst, wie schreckhaft ich doch geworden war. Beschützend schlang Edward seinen Arm um meine Taille und zog mich näher an ihn heran, während wir den Massen um uns herum immer weiter zuwinkten.
„Unfassbar!“, sagte ich erstaunt, all die fröhlichen Gesichter zu sehen und zu wissen, dass sie einen unterstützen würden in dem was man tat.
„Ja, und wie auch noch. Schau, da kommen Christian und Stefanie.“ Ich merkte, wie er unfreiwillig seinen Arm von mir löste um Christian zu begrüßen, während ich Stefanie in eine herzliche Umarmung zog.

Als wir uns voneinander trennten, schossen Fontänen von weißen, blauen und roten Papier in die Luft, die Musik änderte sich zu einem Marsch und die Menge kreischte fröhlich auf. Edward und Christian gingen mit je einem Arm um die Schulter des anderen nach vorne, während Stefanie und ich leicht abwärts den beiden Männern zu klatschten und dann weiter in die Menge winkten. So mussten sich also die Könige und Königinnen fühlen, wenn sie ihre Untertanen bejubelten, nur dass es hier bei uns keine Untertanen waren, sondern Mitbürgern, denen wir unser Versprechen gaben, etwas in dieser Welt zu ändern.
Ich wusste nicht wie lange wir so dagestanden hatten, jedoch machte es mächtig Spaß das zu tun. Hin und wieder machten Christian und Edward komische Figuren für die Leute und die tobten deshalb noch umso mehr. Man sah den beiden an, dass sie sich gut verstanden und das war eine der Voraussetzungen für so eine Partnerschaft, denn der Präsident und sein Vize sollten sich verstehen. Außerdem zeigte ihre lockere Art, dass sie sowohl ernst als auch humorvoll sein konnten, was wieder gut bei den unentschlossenen Wähler anzukommen schien, denn Edwards Werte waren wieder um etliche Prozent gestiegen.  Es war wirklich unfassbar wie viele Menschen in dieses Stadion gekommen waren. Viele hielten Plakate mit dem Slogan hinauf, andere mit Cullen oder Coleman. Die ganze Zeit über hatte ich am ganzen Körper eine Gänsehaut vor lauter Aufregung und Glückshormonen. Es war als hätte ich einen Rausch. Ich sog jede Kleinigkeit in mich auf, denn so etwas zu erleben war einmalig.
„Wir sollten langsam zurück“, hörte ich Christian sagen. Zuerst gingen er und seine Frau wieder hinter die Bühne, während Edward und ich anschließend nebeneinander und Hände haltend vorne standen und noch ein wenig die fröhlichen Rufe genossen.
„Einfach unglaublich“, stieß ich hervor, als wir uns langsam im Kreis drehten. Plötzlich wurde mir schlecht und ich musste mich an Edward festhalten.
„Schaffst du es noch eine Minute bis wir nach hinten können?“, fragte er mich besorgt, während er weiter lächelte.
„Ja, das muss ich. Aber danach kann ich für nichts garantieren.“ Meine Morgenübelkeit war viel schlimmer im Laufe der letzten Tage geworden. Es war schwer etwas Flüssiges bei mir zu behalten, von fester Nahrung wollte ich nicht einmal beginnen.

Ich war froh, als die Minute vorbei war und ich mit Edward hinter die Bühne gehen konnte. Sofort setzte ich mich auf den nächstgelegenen Stuhl und atmete tief ein und aus. Ich versuchte den Zipp des Kleides hinten hinunterzuziehen, da es so eng war, dass mir nicht wohl war.  Das Kleid an sich war wirklich schön, schlicht gehalten und blau, jedoch wie eine zweite Haut, die mir die Luft zum Atmen nahm und meine Übelkeit nur noch förderte.
„Bella, das solltest du nicht tun“, meinte Stefanie streng, die nichts von meiner Schwangerschaft wusste, als sie mein Vorhaben sah. Niemand außer Edward, seine Familie und meiner Gynäkologin wussten davon. Ich spürte, wie Edwards Hände meine Schultern zu massieren begannen und entspannte mich etwas, doch das half nicht dabei meine Übelkeit von mir zu nehmen. Ernsthaft, ich musste aus diesem Kleid, sonst würde ich mich auf der Stelle übergeben.
„Edward“, sagte ich halb flehend und nahm seine Hand.
„Schatz, ein paar Meter weiter ist ein Raum, da kannst du dich ausruhen.“ Ich nickte ihm zu und sprintete schon regelrecht zu der Tür, riss sie auf und verschwand in dem Zimmer. Ein paar Sekunden später waren sowohl Edward, Esme, Carlisle und Tanya bei mir. Ich schnappte mir den Mülleimer und übergab mich. Viel kam nicht hoch, denn des Essens noch des Trinkens war mir die Lust seit Tagen vergangen.
„Dad, kann man dagegen nichts machen?“
„Mehr als Vitamin B kann sie derzeit nicht nehmen. Wenn es ab der zwölften Schwangerschaftswoche nicht besser wird, dann Dexamethason, was wirklich dann die allerletzte Rettung ist. Bis dahin können wir nur versuchen, dass sie nicht dehydriert und das heißt viel trinken oder Infusionen, was wiederum bedeuten würde mit einer Nadel in die Nähe von Bella zu kommen, was sich vorgestern schon als sehr schwer herausgestellt hat…“ Ich lachte trocken auf. Carlisle hatte mir eine Infusion verabreicht, da ich grottenschlecht aussah und wenigstens für heute repräsentabel zu sein. „… und das will ich weder ihr, noch mir, oder einem anderen Arzt zumuten.“ Das letzte gluckste Carlisle leise. Ja, ich weiß, dass ich mich wie eine Heulsuse angestellt hatte. Aber was konnte ich für meine Nadelphobie?

Seufzend richtete ich mich auf und nahm das dargereichte Taschentuch von Esme entgegen und wischte mir damit meinen Mund ab. Danach rappelte ich mich auf und zupfte an meinem Kleid herum.
„Edward, ihr müsst da wieder hinaus“, meinte Tanya, die von ihrem Handy aufsah und mir mitfühlend zulächelte.
„Aber Bella-“, begann Edward, doch ich unterbrach ihn: „Gib mir etwas Anderes, etwas Weiteres zum Anziehen und es geht. Dieses Kleid hier, vergiss es, darin werde ich keine zehn Minuten mehr überleben.“ Meine Schwägerin nickte mir zu.
„Gib mir fünf Minuten und du bekommst was Neues.“ Damit verschwand sie aus dem Raum. Müde ging ich zu dem Wasserspender in der Ecke und füllte mir etwas von der Flüssigkeit in den Plastikbecher. Nach meinem ersten Schluck verzog ich das Gesicht und Edward kam sofort mit dem Mülleimer zu mir.
„Nein, geht schon, danke. Das Wasser schmeckt nur abgestanden, aber es wird seinen Zweck erfüllen, wenn ich es sehr langsam trinke.“ Er stellte den Eimer auf den Boden und massierte meinen Rücken. Das war eines der wenigen Dinge, die mein Leben zurzeit erleichterten. Seine Hände waren gerade zu magisch. Zufrieden brummend schloss ich meine Augen und versuchte etwas Kraft zu schöpfen, bevor ich erneut hinaus und mich mit Edward der Menge an Reportern stellen musste. Sowie der Anzahl von Wählern, die ein Bild, eine Umarmung oder ein Autogramm wollten. Ab und zu kam ich mir vor wie ein großer Popstar und keiner zukünftigen First Lady, denn inzwischen ging ich schon davon aus, dass wir im Januar ins Weiße Haus ziehen würden.

Nach etlichen Minuten kam Tanya mit einer Kleiderhülle zurück und sprach voller Stolz: „Wie gut, dass ich immer etwas Zweites und Drittes für dich mithabe für den Notfall.“ Sie reichte mir den Sack und machte sich schließlich mit meinen Schwiegereltern auf den Weg hinaus, sodass ich mich ungestört umziehen konnte. Gähnend legte ich die Hülle über einen der Sessel im Raum und bat anschließend Edward mir mein Kleid aufzumachen, was er gerne tat. Als er die Träger über meine Schultern streifte und das Stück Stoff hinunterklappte, legte er automatisch seine Hände von hinten auf meinen ganz leicht gewölbten Bauch. Ich wunderte mich, wann man es sehen würde.
„Ich freue mich schon darauf, wenn jeder sehen kann, dass da ein kleines Wesen in dir heranwächst“, flüsterte er gegen meinen Hals. In den letzten Tagen wurden wir wieder vertrauter, redeten über alles und nichts, jedoch war es noch nicht wie vor dem großen Streit. Ich wollte ihm noch nicht ganz vertrauen, ich wusste nicht, ob ich es überhaupt konnte, obwohl er sich all die Mühe gab und mir fast jeden Wunsch von den Lippen ablas, so war es mir nicht möglich das alles zu glauben. Vielleicht in ein paar Tagen, aber noch nicht heute und hier. Ich drehte mich zu ihm um und küsste ihn flüchtig.
„Danke“, sagte ich und strich über seine Wange, „aber wir müssen da wieder hinaus und je früher wir dort fertig sind, desto eher kann ich aus diesen Schuhen hinaus und ins Bett.“ Zu meiner Übelkeit kam nämlich auch die neu erweckte Lust am Schlafen, vor allem wenn das Kissen Edward Cullen hieß.
„Nun denn. Ich möchte meine Frau und die Mutter meines Kindes glücklich machen“, lachte er, bevor er sich von mir löste, um mir das andere  mintgrüne Kleid zu reichen. Schnell schlüpfte ich aus meinem jetzigen hinaus, bevor ich das Gewand anzog, welches nicht so eng war wie das andere.
„Von mir aus können wir.“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen und lächelnd traten wir der Meute vor dem Stadion entgegen.


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Ich saß im SUV, dessen Scheiben dunkel getönt waren und blickte hinaus auf die Straße. Seufzend lehnte ich meinen Kopf gegen das Glas und betrachtete die unzähligen Fotografen, die sich vor dem Gitter des Weißen Hauses herumtrieben. Ein paar bekannten Nachrichtensendern und Reportern würde ich heute noch begegnen, aber ich wollte es so. Schließlich hätte ich die Einladung der derzeitigen First Lady Miranda Oregon – was ziemlich lustig war, denn sie kam ursprünglich auch aus dem Bundesstaat Oregon – ablehnen können, jedoch waren sowohl Jasper als auch Tanya der Meinung, dass es eine gute Publicity wäre mich mit Miranda zu treffen. Bei dem Gedanken legte ich beschützend eine Hand auf meinen Bauch. Ich wusste nicht weshalb, aber ich hatte immerzu Angst, dass meinem Ungeborenen etwas passieren könnte. Relativ schnell und gründlich wurde das Fahrzeug  mit Angela und mir durch die Sicherheitsvorkehrungen geschleust. Wenigstens musste ich mir hier keine Gedanken machen, dass mir etwas passieren würde. Miranda erwartete uns schon auf der Treppe, wo normalerweise Staatsgäste empfangen wurden, aber anscheinend war es ihr wichtig gewesen aller Welt zu zeigen, dass sie – und damit auch stellvertretend für den derzeitigen Präsidenten – hinter uns stand. Der Wagen hielt und ein Secret Service Agent öffnete die Autotür, damit ich aussteigen konnte. Lächelnd bedankte ich mich bei ihm und ging schließlich auf Miranda zu, die mich in eine herzliche Umarmung zog.
„Wie schön es ist dich wiederzusehen, Bella“, meinte sie, während sie ihre Arme um mich legte.
„Das kann ich nur erwidern. Es ist lange her, dass wir uns gesehen haben. Sind es drei oder vier Wochen?“ Wir lösten uns voneinander und Miranda deutete auf einen Mann in unserer Nähe.
„Vier. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich hoffe, dass es dich nicht stört, dass uns der Hauseigene Fotograf begleitet, er wird nichts weiter an die Presse geben und die Fotos nur für das Weiße Haus zugänglich machen.“
„Kein Problem, ich hab sie auf den offiziellen Seiten von sozialen Netzwerken. Mister Hillsboro kenne ich schon vom Hörensagen.“

„Nun gut. Ich dachte mir, dass wir uns hinaus in den Garten setzen und etwas das schöne Wetter genießen, bevor wir über dein Projekt auf den amerikanischen Jungferninseln sprechen.“
„Liebend gerne“, pflichtete ich ihr bei und hörte schon das Bellen von Claire, der Hündin der Oregons. Eine überaus süße schwarze Wasserhündin, die wirklich sehr verspielt war.
„Oh mein Gott, bist du groß geworden“, stellte ich fest, als sie vor meinen Füßen herumtapste und mit ihrem Schwanz wedelte. Ich ging in die Hocke und streichelte das Tier, welches freudig bellte.
„Ja, sie ist riesig. Als wir bei den Olympischen Spielen waren, hatte sie noch nicht einmal richtig herumlaufen können und jetzt sprintet sie durch den Garten, zum Leidwesen unserer Gärtner.“ Mirandas Lachen war herzlich und sie kraulte Claire hinter ihrem Ohr.
„Warum denn das?“ Langsam setzten wir uns in Bewegung und der Hund folgte uns zufrieden.
„Sie gräbt die Blumenbeete um, macht Löcher in den Rasen und vor allem sucht sie gerne nach Regenwürmern nach einem Schauer. Anfangs war es noch lustig, aber jetzt wünschen sie sich bestimmt, dass wir nie auf den Hund gekommen wären. Aber Lucy und Rebecca lieben Claire so sehr und sie weggeben kommt auch nicht mehr in Frage. Und ich traue mir zu vermuten, dass sie schon Angst vor Eddie haben, dass er genau das Gleiche anstellt.“
„Das habe ich ihm schon abgewöhnt, als er sich einmal in der nassen Blumenerde gewälzt hatte und danach meinte, dass er unbedingt wieder ins Haus müsste, um sich dort von dem Dreck zu befreien. Und das hat er genau einmal gemacht“, kicherte ich, als ich ihm dann eine kleine Standpauke gehalten hatte. Edward hatte das Spektakel vor ein paar Tagen nur amüsiert betrachtet und schließlich seinen Senf mit: „Ich sehe schon, du wirst die böse Mutter und ich der liebe Vater“ dazugeben müssen.

Lachend traten wir in den Blue Room ein und blieben kurz stehen.
„Ich weiß zwar nicht für was ihr den Raum nutzen werdet, aber Bastian begrüßt hier normalerweise Staatsgäste oder Vertreter des Kongresses. Aber ich denke, das wird jeder selbst entscheiden, wo man wen begrüßt. Persönlich finde ich den Raum toll, vielleicht etwas zu blau“, vergnügt stellte sie sich auf den Kreis, der in den blauen Teppich eingearbeitet war, „und genau hier, stand zu Weihnachten unser Baum.“
Dazu hatte ich ein Foto gesehen. „Aber ich möchte dich damit jetzt nicht belästigen, du wirst das später selbst einmal alles entscheiden und erkunden. Jetzt gehen wir lieber hinaus zu einer Tasse Kaffee und einem Kuchen. Ich hab mich den ganzen Tag schon darauf gefreut.“ Erstaunt blickte ich mich im Zimmer umher, ich war schon einmal mit meiner damaligen Schulklasse hier gewesen, jedoch war das schon etliche Jahre her.
„Wenn ich jetzt schon Angst um das alles hier habe, also dass Kratzer hineinkommen, dann weiß ich nicht, wie es sein sollte, falls wir hier einmal wohnen.“
„Glaub mir, nach einiger Zeit gewöhnst du dich an das alles. Fast acht Jahre wohnen wir jetzt schon im Weißen Haus und noch nie ist etwas Grobes passiert, und wenn, es muss ja niemand wissen, schließlich wohnt hier der Präsident und der kann sagen, ob es an die Öffentlichkeit gelangen darf oder nicht.“ Lachend setzten wir unseren Weg in den Garten fort und gingen durch die geöffnete Tür am Ende des ovalen Raumes hinaus auf den ersten Balkon. Als Claire an mir vorbei die Stufen hinunter in den weitläufigen Garten lief, legte ich erschrocken meine Hand auf die Brust. Den Hund hatte ich total vergessen.

Gemächlich schritten wir die Treppe zur Wiese runter und schlenderten über den Rasen des Rosengartens zu einem weißen Tisch mit vier Stühlen.
„Du hättest es auch ohne die Presse machen können“, meinte Miranda zu mir, als der Secret Service die geladenen Reporter bis gut fünfzehn Metern auf uns zukommen ließ. Sie hatten Kameras, Mikrofone und allen möglichen Technikschnickschnack mit.
„Das wäre halb so lustig geworden, wenn ich meine Erklärung abgebe, mich bei deinem Projekt zu unterstützen.“
Grinsend setzten wir uns auf jeweils einen der Stühle und ein Mann trat zu uns.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragte er und Miranda teilte ihm ihren Wunsch mit, bevor sie mich ansah.
„Früchtetee, bitte“, bat ich und er entfernte sich schnell.

„So und was gibt es Neues bei dir und deinem Ehemann?“ Ihre Frage kam für mich überraschend und ich fühlte mich sofort ertappt.
„Nicht viel. Vielleicht hast du es in den Nachrichten mitbekommen, wir beide hatten ein Pfadfinder Lager besucht. Die kleinen Kinder waren so begeistert uns zu sehen und die Älteren löcherten uns mir ihren Fragen zum aktuellen Wahlkampf.“
„Oh ja, das hatte ich gelesen. Ihr saht richtig glücklich aus und sie schienen dich gemocht zu haben, was sehr wichtig ist, denn dich sollte man mögen. Was hatte man mir immer gesagt: Bastian ist der starke Mann an der Spitze, den niemand mag, wenn er schlechte Neuigkeiten überbringt, aber du, Miranda, wirst die Frau sein, zu der jeder aufsieht und wie jede Frau sein möchte, denn du unterstützt deinen Mann und hast eine tadellose Publicity, das kommt immer gut an und bla, bla, bla. Den Schwachsinn kennst du bestimmt schon.“ Sie verdrehte ihre Augen und lehnte sich in dem Stuhl zurück.
„Jasper hat letztens versucht mich zu einer Jackie O zu verwandeln, aber dagegen habe ich mich strikt geweigert.“ In Mirandas Gesicht spiegelte sich Belustigung wider.
„Das hatte man auch bei mir versucht. Es wurde mir gesagt: Miranda, zieh das und das an, das lässt dich professioneller aussehen. Aber ich tue es noch immer,  dass ich das trage, was mir gefällt und siehe da, ich werde von den Modekritikern gelobt. Meine Berater hatte es nicht wirklich gefreut.“
„Kann ich mir nur zu gut vorstellen. Jasper hatte eine halbe Schaffenskrise, als ich mich geweigert hatte. Ich möchte zwar ein Vorbild sein, aber kein modisches, sondern mit den Taten, die ich setze und mit dem was ich tue. Dass man sagen kann: Bella Cullen hat dies und jenes für uns getan, darum möchte ich einmal so sein wie sie.“ Miranda nickte mich lächelnd zu. „Genau wie bei dir“, setzte ich kleinlaut nach. Sie riss ihre Augenlider hoch.
„Ich bin dein Vorbild?“, fragte sie mich mit einem Hauch Stolz in ihrer Stimme.
„Sicherlich, ich finde, wie du die acht Jahre Bastian zur Seite gestanden hast, war großartig, selbst in den Krisen. Man sieht, dass eure Beziehung auf einer großen und stabilen Freundschaft beruht und dass ihr euch immer noch liebt und eure Kinder. Das möchte ich auch gerne nach so langer Zeit noch haben.“
„Wie lieb von dir, jetzt bin ich wirklich gerührt.“ Sie wischte sich die Tränen schnell weg, bevor sie jemand bemerken konnte.

Gerade noch rechtzeitig, denn wir bekamen unsere Getränke und den Kuchen serviert. Wir beide bedanken uns und er verschwand diskret ein paar Schritte nach hinten, sodass er außer Hörweite war, aber noch zum Abruf bereit stand, falls wir etwas brauchten.
„So und du erzählst mir jetzt alles genau über das Pilotprojekt auf den Jungferninseln. Das sachliche Geschreibe kenn ich schon. Der Besuch der Schule und die dort vorherrschende Armut in dem Viertel, aber ich möchte die wirklichen Gründe erfahren.“
„Es war so schrecklich. Der Putz hing von der Decke, es war staubig und die Einrichtung selbst glich einen abbruchreifen Haus, anstatt einer Schule. Der Schulgarten war ungepflegt gewesen und die Kinder hatten genau ein Klettergerüst, bei dem ich Angst hatte, dass es jede Minute zusammenbrechen würde. Und dann denke ich daran, dass es ein Teil der USA ist und man den Kindern helfen muss. Wir sagen doch immer, dass jeder die gleiche Chance verdient hat und dass man in den Vereinigten Staaten alles erreichen kann, aber wenn ich so etwas sehe, dann zweifle ich am ‚American Dream‘. Wie kann man Kinder ohne das notwendige Material gut unterrichten? Wie kann man ihnen etwas verstehen lassen, das die Lehrer selbst nicht gut erklären können, da sie es für eine andere Altersgruppe studiert hatten? Wie können sie sich konzentrieren, wenn sie kaum zu essen bekommen und die Wasserspender nicht funktionieren? Wenn ich dann an meine Schulzeit denke, dass wir Bücher bekommen hatten, die wir nur kurze Zeit brauchten und nicht mehr wiederverwendet wurden, weil sie nicht den aktuellen Richtlinien entsprachen, und sehe, dass sie Bücher benutzen, die nicht mehr alle Seiten besitzen und zerrissen sind und kaum brauchbar, dann schreit in mir ein Teil, der sagt, dass ich dagegen etwas unternehmen muss. Deshalb auch die Patenschaft und das Pilotprojekt. Falls es so gut geht, wie ich es mir vorstelle, möchte ich es ausweiten. Zuerst US-weit und später in der Welt, vor allem Südamerika und Afrika.“ Miranda nickte mir zu.

„Das heißt, du möchtest dich anfangs auf die bildungstechnische Ebene konzentrieren?“
„Ja, schließlich sind sie unsere Zukunft, diejenigen, die dieses System tragen werden müssen und das wird nur möglich sein, wenn sie sich bilden können, sodass das Know-How auf einem hohen Stand bleibt in den USA, schließlich wollen wir weiterhin eine der Weltmächte bleiben. Aber mich interessiert nicht nur die Bildung, sonst würde ich dich in deinem Sport-Projekt nicht unterstützen und ein Yoga-Workout mit der Presse machen und mich von ihnen beim Laufen begleiten lassen in den nächsten Wochen“, lachte ich den letzten Satz und Miranda stimmte ein.
„Erinnere mich nicht daran. Ich bleibe lieber bei meinem Tanzen. Der kleine Lauf bei den Olympischen Spielen hatte mir schon gereicht.“
„Das war damals noch nichts gewesen. Und du willst, dass die Amerikaner mehr Sport machen“, zog ich sie auf.
„Hey, pass auf mit wem du hier redest, noch bin ich die First Lady.“ Ihre Stimme war ernst, bevor wir beide lauthals loslachten. Angela, die ein paar Meter von uns entfernt stand, räusperte sich, und wir sahen uns ertappt an.
„Ich würde das wieder zu gerne machen. Also unsere Sportler und Sportlerinnen bei so einem Event anfeuern und unterstützen“, sagte ich und dachte an den Tag, den ich mit Miranda im Stadion verbracht hatte zurück. Wir hatten uns für jeden siegreichen Sportler gefreut und waren sehr aus dem Häuschen, als ein US-Amerikaner einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte. In dem Moment hatte sie sinniert: „Wir müssen unsere Sportler ehren, wenn sie wieder zurück sind. Vielleicht ein Abendessen im Weißen Haus.“ Ich hatte nur lachen können, denn dem Stabschef würde ihre plötzliche Idee bestimmt sehr gefallen.
„Am folgenden Tag hatte ich keine Stimme mehr, war aber zu einem Staatsbankett eingeladen“, meinte nun Miranda.
„Das hatte ich mitbekommen, aber dass du nicht reden konntest, hatte ich nicht gewusst.“
„Ich hab auch die Zähne zusammengebissen…“ Sie rümpfte ihre Nase, „… aber es hatte sich gelohnt das Rufen im Stadion.“

Wir redeten noch einige Zeit über die Olympischen Spiele und den lustigen Situationen, die wir erlebt hatten, bis einer der Medienvertreter des Weißen Hauses zu uns kam, um uns mitzuteilen, dass es langsam an der Zeit wäre um den Reportern zu erklären, dass ich nun enger mit Miranda zusammenarbeiten würde. Nachdem wir aufgestanden waren, gingen wir zu dem Rednerpult, das in der Nähe aufgebaut war und von dem aus der Präsident bei schönem Wetter normalerweise seine Reden hielt. Miranda stellte sich dahinter und begann mit ihrer Pressemitteilung.
„Einen schönen Nachmittag. Es freut mich, dass Sie heute die Zeit gefunden haben mir zuzuhören, wobei das normalerweise der Part meines Mannes ist und ich bin wirklich aufgeregt…“ leises Lachen ertönte von den Presseleuten, was Miranda strahlen ließ, „als erstes möchte ich – bevor ich mit meinem eigentlichen Grund anfange – Mister Hillsboro alles Gute zum Geburtstag wünschen…“ alle applaudierten „man sieht ihm an, dass er gerade dreißig geworden ist“, scherzte sie und diesmal konnte ich mich selbst nicht zurückhalten und musste kichern, denn der Mann war gute fünfzig, wenn nicht sogar noch älter, „sicherlich wird er gleich nach der Pressekonferenz in sein Partyoutfit springen und feiern gehen. Vielen Dank an meine großartigen Assistenten, die Sie eingeladen haben und zum Schluss vielen Dank an Isabella Cullen, mit der ich eben ein längeres Gespräch geführt hatte, für ihr Kommen. Deshalb ist es mir auch eine Ehre und ein Vergnügen Ihnen nun den Grund Ihres Erscheinens zu verraten. Schon lange war mir bewusst, dass wir uns gesünder ernähren müssen und mehr Sport betreiben sollten. Ich habe vor Jahren damit angefangen das bei unseren Kindern zu ändern und nun wird es Zeit dieses Programm zu erweitern und auch die Erwachsenen einzubinden. Da dies jedoch ein größeres Feld bedeutet und das nicht mehr so machbar wäre, habe ich mir eine neue Unterstützung geholt und zwar Senator Cullens Ehefrau Isabella Cullen. Zusammen möchten wir helfen und die Krankheit nicht nur bekämpfen, sondern an der Wurzel packen. Denn wir sind die Generation, die unseren Kindern erklären muss sich gesund und bewusst zu ernähren und wir sind es, die als Vorbild fungieren müssen. Dabei müssen wir allen zeigen, dass man dieses Problem der Fettleibigkeit bekämpfen und überwinden kann und das geht nur zusammen. Aus diesem Grund ist es wichtig viele Partner zu haben, die einem unter die Arme greifen und helfen. Gemeinsam wollen wir allen zeigen, wie das machbar ist. Deshalb werden in den folgenden Tagen weitere Punkte an Sie weitergegeben werden und Sie werden Einladungen erhalten, um entweder mit Isabella oder mir zu reden, Ihre Fragen zu stellen und Isabella bei ihren sportlichen Routinen – wir wollen zeigen, dass wir selbst sportlich aktiv und gesund leben – begleiten. Wir versuchen Sie nach und nach einzubinden und hoffen auf Ihre Unterstützung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Zeit, ich wünsche Ihnen einen schönen verbleibenden Nachmittag.“ Sie sammelte ihre beiden Blätter zusammen, lächelte in die Kameras, bevor sie neben mich trat und von uns gemeinsam Fotos gemacht wurden.

Danach gingen wir nebeneinander zurück ins Weiße Haus, dieses Mal aber durch den Diplomatic Room, der genau unterhalb des Blue Rooms lag. Miranda führte mich in die hauseigene Bibliothek und bat jeden vor den Türen zu warten, da sie mit mir allein sprechen wollte. Kaum war die Tür hinter uns geschlossen, sah sie mich strahlend an und sagte etwas, das mich vollkommen schockte.