Kapitel 22

,

Der Tod beendet nicht alles.“ – Sextus Aurelius Propertius, römischer Dichter







„Verdammt, Leute, kennt ihr die Funktion eine Handys nicht?“, fragte Tanya erbost, als wir in den wartenden SUV einstiegen, der vor dem Privatjet geparkt hatte. Langsam setzte er sich in Bewegung und ich konnte erkennen, dass Bella und ich mit dem gleichen schuldigen Blick meine Schwester ansahen. Jasper saß neben mir und wirkte unzufrieden.
„Ich wünsche euch auch einen schönen Tag und mich freut es dich ebenfalls wieder zu sehen, liebe Schwester. Aber warum seht ihr drein, als hätte es die letzten Tage aus Kübeln geschüttet?“ Bella neben mir kicherte kurz, unterdrückte es jedoch, als Jasper sich räusperte.
„Hättest du dein Handy eingeschalten gehabt, heute, oder gestern Abend, oder deine Mails durchgesehen, dann wüsstest du, was jetzt los ist und du würdest bestimmt nicht so locker hier sitzen und Witze reißen.“ Mein Wahlkampfleiter hatte mit bedrückter Stimme gesprochen, was mein Lächeln aus dem Gesicht vertrieb.
„Was ist los? Hat es mit dem Wahlkampf zu tun? Hat Black aufgeholt? Sind meine Werte in den Keller gestürzt?“, erkundigte ich mich beinahe panisch. Ich spürte, wie mir Bella beruhigend über den Arm rieb und schenkte ihr sogleich ein dankbares Lächeln.
„Bevor ich dir beziehungsweise euch den Grund für unsere schlechte Laune sagen werde, möchte ich nur erwähnen, dass euch beiden die Flitterwochen sehr gut getan haben. Ehrlich, ich hab euch noch nie so still und harmonierend gesehen. Bella, du musst mir dann alles erzählen“, bevor meine Schwester noch weiter vom Thema abschweifen konnte, unterbrach ich sie: „Also, was ist jetzt das wichtige Thema?“
„Ähm… nun ja…“, begann sie und kramte in ihrer Tasche herum. Nach ein paar Sekunden holte sie ein Magazin hervor und reichte es mir. Mit gehobener Augenbraue betrachte ich sie und blickte schließlich auf das Cover.
„Das ist los…“, meinte Jasper und rieb sich über sein Kinn. Zuerst wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte, es war eine Frau, die ihren Rücken der Kamera zudrehte und nur noch ihr Bikiniunterteil anhatte und alles war sehr unscharf zu erkennen. Als ich ein zweites Mal hinsah und mir schließlich den Titel durchlas, stieg wallende Wut in mir auf und mit meiner Faust schlug ich gegen die Tür des SUVs.
„Wie konnte das passieren? Ich hab das Meer überwachen lassen, wir haben die erste Woche unseren Aufenthaltsort geheim gehalten. Wie. Ist. Das. Möglich!“, schrie ich und merkte, wie alle im Auto zusammenzuckten durch meinen plötzlichen Wutausbruch.

„Edward“, sagte Bella sanft und legte ihre Hand auf meine Wange, ich drehte meinen Kopf, sodass ich sie ansehen konnte, „hey, beruhig dich. Atme tief ein und aus und gib mir dann bitte die Zeitschrift. Ich würde auch gern wissen, was auf dem Titelblatt ist.“ Zaghaft lächelte sie mir zu, als wäre ich eine tickende Zeitbombe, war ich vermutlich auch.
„Du willst wissen was da drauf ist?! Du“, presste ich hervor und Bella zog ihre Augenbrauen zusammen.
„Wie, ich?“
„Du, an unserem vorletzten Tag, als du aus dem Meer zurückgekommen bist und dich umgezogen hast.“ Geschockt riss sie die Augenlider auf. Ich wusste nicht, ob es aufgrund der Tatsache war, dass sie es auf dem Cover war, oder auf Grund dessen, dass ich sie wieder angeschrien hatte.
„Edward, reiß dich verdammt noch mal zusammen. Wir können froh sein, dass es keine Bilder von vorne waren. Du wusstest ganz genau, dass du damit zu rechnen hattest. Es ist für euch nicht angenehm, vor allem für Bella kann ich mir vorstellen, aber es hätte schlimmer sein können.“ Schnaubend fuhr ich mir mit beiden Händen über das Gesicht.
„Ich möchte, dass ihr mir den Paparazzo findet, ihn zu mir bringt und dieses Magazin verklagt. Sie sollen dafür büßen in meine Privatsphäre eingedrungen zu sein und meine Frau so abzulichten. Verdammt noch mal, das ist ein ganzes Special!“
„Deine Anwälte arbeiten seit gestern Abend daran. Was wir aber jetzt schon sagen können, ist, dass es sich nicht merkbar in deinen Umfragen widerspiegelt. Bis jetzt hältst du dich gut. Vielleicht können wir sogar eine gute Kampagne daraus machen: Der Präsidentschaftskandidat, wie ein normaler US-Bürger. Dass die Wähler sehen, dass ihr bodenständig seid, dass ihr euch selbst in euren Flitterwochen unter die Leute mischt und euch mit welchen fotografieren lässt“, sinnierte Jasper und lehnte sich leicht vor.

„Das wäre eine Möglichkeit, aber trotzdem ist es ein Eindringen in unsere Privatsphäre, die ich so nicht dulden kann und will.“
„Edward, vergiss bitte nicht, dass du, wenn du die Wahlen gewinnst, eine Person der Öffentlichkeit sein wirst, wie Bella, und die einzige Privatsphäre, die du haben wirst, ist die im Schlafzimmer und im Bad, mehr nicht. Überall werden Leute des Secret Service sein und dich beschützen. Selbst vor eurem Schlafzimmer, werden Wachen positioniert sein – im diskreten Abstand.“
„Aber-“, wollte ich beginnen, wurde von ihm jedoch unterbrochen: „Nichts aber. Du hast anscheinend in den letzten zwei Wochen vergessen, dass du in der Öffentlichkeit bist und dass du damit auch zu leben hast. Die Tage auf der Insel waren schön und gut für euch beide und freue mich sehr, dass ihr sichtbar zueinander gefunden habt und euch eure kleine Welt gebaut habt, aber ihr müsst jetzt zurück in die harte Wirklichkeit und das heißt auch, dass ihr wieder mit Bodyguards, Paparazzi und viel Medieninteresse zu kämpfen habt. Je früher das passiert, desto besser ist es für euch wieder in den geregelten Rhythmus hineinzukommen!“

„Bella, ist alles okay mit dir?“, fragte Tanya meine Frau und ich drehte mich zu ihr. Sie saß mit ihren Armen um den Körper geschlungen und den Kopf am Fenster lehnend neben mir und starrte hinaus auf die Straße. Ich merkte, dass wir schon in der Stadt waren und es nicht mehr lange dauerte, bis wir bei meinen Eltern eintreffen würden, da unser gemeinsames Haus umgebaut wurde und die Arbeiten länger dauerten als erwartet und Mum nicht wollte, dass wir in einem Hotel übernachteten. Aber auch ich merkte, dass es Bella nicht gut ging, wie sie so dasaß und nichts sagte. Langsam legte ich meinen Arm um ihre Schultern und erkannte, dass sie leicht zusammenzuckte. Ihr Kopf schnappte zu mir hinüber und sie blickte mich verzweifelt an. Ich zog ihren Körper zu mir und bettete ihren Kopf auf meiner Brust. Mit meiner rechten Hand zog ich Kreise auf ihrem Oberarm und meine andere Hand strich sanft über ihre Wange.

Als ich meinen Blick hob, erkannte ich, dass sowohl Tanya und Jasper Bella bemitleidend ansahen, denn keiner von uns wünschte sich so etwas in der Presse. Ich spürte, wie sich meine Frau zu bewegen begann und ihre Hände von sich löste und eine unter mein Sakko schlüpfen ließ und ihre Finger in meine Seite krallte. Auch wenn es schmerzte, so strich ich immer weiter beruhigen über ihren Oberarm und sah Tanya hilfeflehend an, da ich einfach nicht wusste, was ich machen sollte.
„Bella?“, fragt diese nochmals und ihr Kopf ruckte in die Höhe.
„Ja?“ Bellas Stimme klang gedrückt und es schien, als wollte sie gar nicht antworten.
„Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlen musst, aber es bringt jetzt nichts, wenn du dir darüber den Kopf zerbrichst. Sieh darüber hinweg und wenn dich jemand darüber fragt, nimm es mit Humor, oder weich der Frage aus.“ Ich betrachtete die Mimik meiner Frau und konnte klar erkennen, dass es ihr nicht gefiel, was meine Schwester gesagt hatte.
„Ach, du kannst dir also vorstellen wie es mir geht? Du weißt, wie ich mich fühle? Soll ich dir sagen, wie ich mich fühle? Ich bin verletzt, gekränkt und zornig, dass man mich so abgelichtet hat. Auch wenn ich in der Öffentlichkeit stehe, so gibt es den Leuten noch lange nicht das Recht mich in dieser Position auf dem Cover abzudrucken und weiß was für Geschichten zu erfinden. Hätte ich mich in einer anderen Stellung umgezogen, so hätten sie sich nicht gescheut mich oben ohne abzubilden. Es macht mich stinkwütend dieses Bild zu sehen und du weißt, wie ich mich fühle? Wirklich, Tanya, rede von nichts was du noch nicht selbst erlebt hast!“, spie sie meiner Schwester entgegen und ich sah geschockt zwischen den beiden hin und her.
Bella schien ebenfalls zu merken, was sie da genau gesagt hatte und ich konnte erkennen, dass sich Tränen in ihren Augen bildeten.
Tanya schien es Gott sei Dank nicht wirklich getroffen zu haben, entweder hatte meine Schwester ein dickes Fell, oder sie wusste, dass es Bella nicht so meinte. Vielleicht war es doch beides.
„Es tut mir so leid, ich wollte nicht… ich weiß nicht… es ist so viel…“, stammelte nun Bella und sah meine Schwester entschuldigend an.
„Hey, es ist in Ordnung. Ich hätte vermutlich auch so reagiert und es war von mir nicht angebracht so etwas zu sagen. Hier habe ich mich bei dir zu entschuldigen!“ Freundlich lächelnd tätschelte Tanya Bellas Knie, die das Lächeln erwiderte und sich mehr an mich presste.



~~~~~*~~~~~



„Hallo ihr drei, kommt doch herein, bevor wir euch in den Arm nehmen. Die Paparazzi lauern vor dem Haus“, begrüßte uns Mum und trat von der Tür zur Seite, sodass wir eintreten konnten. Bella hatte sich inzwischen gefangen, hing jedoch wieder ihren Gedanken nach, was ich verstehen konnte. Während Esme die Tür schloss, umarmte mich Dad kurz, bevor er Bella zweifelnd musterte.
„Alles okay?“, fragte er sie, als er seine Arme um sie legte.
„Es geht schon. Ich denke, dass ich das alles sacken lassen muss…“, meinte sie und schlang sofort wieder ihre Arme um meine Mitte, als würde sie mich brauchen um nicht zusammenzubrechen. Carlisle schenkte mir einen fragenden, aber auch eindringlichen Blick, den ich mit einem stummen „Später“ beantwortete. Er nickte mir zu und führte uns schließlich ins Esszimmer.
„Ich hoffe, dass ihr drei Hunger mitgebracht hat. Tanya, von dir weiß ich es. Ich hoffe, ihr beiden Frischvermählten ebenfalls. Nicht, dass ihr euch im Flugzeug die Bäuche vollgeschlagen habt und jetzt nicht mehr meine Spezialitäten genießen könnt.“ Ich sah zu Bella hinab, die ein wenig halbherzig bei der Sache war. Vor ein paar Stunden hatte die ganze Sache noch anders ausgesehen. Ich erinnerte mich noch genau kurz vor dem Abflug und während des Fluges.





***



„Entschuldigen Sie, Misses Cullen, ich möchte nicht indiskret oder forsch wirken, aber dürfte ich Sie vielleicht um ein Foto bitten?“, fragte die Stewardess, als wir gerade in den Gang zu dem wohnzimmerartigen Bereich des Jets gingen. Bella hatte mich kurz fragend angesehen, während ich meine Augen verdrehte.
„Sicherlich. Ich würde mich sehr darüber freuen“, gab sie freundlich zurück und wir kehrten zur Tür des Jets zurück, da ich nicht wollte, dass man das Innere erkannte. So stellten sich beide davor und ich schoss ein Foto mit dem Handy der Flugbegleiterin und mit Bellas. Die Frau bedankte sich herzlich und ich kehrte mit ihr wieder in das „Wohnzimmer“ zurück. Wir ließen uns auf die Bank nieder und schnallten uns an, da das Flugzeug in ein paar Minuten abheben würde. Sobald wir unsere Flughöhe erreicht hatten, führte ich Bella in das Schlafzimmer und legte mich mit ihr auf das Bett. Sie kuschelte sich an meine Seite.
„Was glaubst du, erwartet uns zu Hause?“, fragte sie mich.
„Zu Hause?“, erwiderte ich skeptisch, da ich nicht erwartet hatte, dass sie mein – nein, unser Haus – als ihr Heim betrachten würde.
„Ja, dein Haus ist mein neues Heim. Unser Zuhause. Ich habe mich noch nie wo anders so wohl gefühlt, so häuslich und das Gefühl gefällt mir. Vor allem etwas einmal mein richtiges Zuhause zu nennen.“ Ein zaghaftes Lächeln trat auf ihre Lippen und ich küsste sie sanft, bevor ich auf ihre eigentliche Frage antwortete.
„Hmmm… ich denke, uns werden die Medien erwarten. Viel Arbeit und Stress. Vermutlich werden wir wenig Zeit zusammen haben.“ Traurig sahen wir uns an.
„Dann lass und lieber diese kurze Zeit genießen“, schlug sie vor und saß plötzlich auf mir. Ihre Hände legte sie auf meine Brust und ein spitzbübisches Grinsen zierte ihr Gesicht.
„Habe ich etwa ein sexgieriges Monster erschaffen?“ Meine Frage war als Scherz gemeint, schien sie jedoch sehr in Verlegenheit zu bringen. Sie biss sich auf ihre Unterlippe und ich konnte sie nur anstarren. So, wie sie auf mir saß, hatte ich einen guten Blick auf ihren Oberkörper. Wartend verschränkte ich meine Arme hinter dem Kopf und sah sie weiter an.
„Nun ja, sexgierig würde ich nicht behaupten, schließlich hatten wir bis jetzt nur einmal Sex, als richtigen Sex. Aber es war schön und durch deine Pflege spüre ich heute kaum noch etwas.“ Schüchtern blickte sie mich an und schien auf eine Antwort zu warten. Gut, nicht wirklich zu warten, denn sie beugte sich langsam hinunter, wodurch ich einen guten Blick auf ihre Brüste erhaschen konnte. Sanft küsste sie mich, bevor sie sich wieder aufsetzte. Vergeblich versuchte ich sie zu mir hinunter zu ziehen.
„Ich muss dir ein paar Fragen stellen“, meinte sie plötzlich und stützte sich mit den Unterarmen auf meiner Brust ab, sodass sie nun halb auf mir lag. Sofort legte ich meine Arme um sie. Ich mochte es Bella in meinen Armen zu halten, ihren Körper nah an mir zu spüren und so umschlungen mit ihr im Bett zu liegen.
„Nun, was willst du mich fragen?“ Liebevoll strich ich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.
„Ähm… du weißt schon langsam was ich beim Sex bevorzuge, aber ich hab keine Idee davon, was du magst.“ Sie lief noch roter an und es sah so süß aus. Ich musste leise lachen aufgrund ihrer Frage.
„Die Frage ist eher, was ich nicht mag und da gibt es nichts. Okay, es gibt schon etwas: ich hasse es zu teilen, also wird ein Dreier oder so etwas in die Richtung eher unwahrscheinlich werden!“ Grinsend sah ich sie an.
„Also, wenn ich das hier mache…“, dabei setzte sie sich wieder auf und fuhr mit ihren Fingerspitzen über meine Brust, „…gefällt dir das. Und wenn ich das hier mache…“, nun ließ sie ihre Hand zu meinem Hosenbund gleiten, „… du es anregend findest.“
„Oh ja, sogar mehr als anregend. Und wenn du nicht aufhörst, dann kann ich für nichts mehr garantieren.“
„Ach wirklich?“, erkundigte sie sich gespielt unschuldig.
„Oh ja!“ Damit drehte ich sie auf den Rücken, sodass ich nun auf ihr lag. Ich presste meine Erektion gegen ihren Körper und küsste sie stürmisch.



***



„Nein, wir haben nicht viel gegessen“, antwortete ich meiner Mutter, die nun in Richtung Küche ging. „Und ihr setzt euch jetzt alle. Es ist Zeit zum Essen“, fuhr sie fort, bevor sie um die Ecke verschwand. Augenverdrehend, da meine Mum immer meinte, Tanya und mich mit Essen „voll zu stopfen“ setzte ich mich neben den Platz meines Vaters, nachdem ich Bella den Stuhl zurückgeschoben hatte. Sie hatte sich abwesend bedankt und dann meine Hand in ihre genommen. Ich zog sie näher zu mir und küsste ihre Schläfe.
„Wenn du willst können wir auch alleine sein. Du musst dich nicht verpflichtet fühlen mit meinen Eltern zu essen.“ Geschockt sah mich Bella nun an.
„Nein, nein, ich möchte es. Ich weiß wirklich nicht, was gerade mit mir los ist. So kenne ich mich selbst nicht“, seufzte sie und fuhr durch ihr Haar. Tanyas Blick war auf uns geheftet, bevor sie mit Dad eine Unterhaltung über seine neuesten Fortschritte bei seiner Forschung führte. Mum kam auch gleich mit der Vorspeise herein, die sich als ihre allzu bekannten Feigen-Schinken-Täschchen entpuppten. Bella betrachtete sie zuerst skeptisch, schloss aber schließlich genüsslich ihre Lider. Grinsend schenkte ich uns allen passenden Wein ein, den meine Eltern schon bereitgestellt hatten.
„Esme, das ist wirklich gut!“
„Bella, warte auf die Nachspeise. Ich sag dir, für Mums Sorbet würde ich töten“, lachte meine Schwester und Bella stimmte mit ein.
„Ich hoffe, dass du nicht über meine Leiche gehen wirst um eine weitere Portion zu bekommen.“
„Hört ihr beiden wohl auf von Tod zu sprechen. Schwarzer Humor ist schön und gut, aber bitte nicht beim Essen“, rügte Mum beide, wie kleine Kinder und ich musste kichern, „und Edward hör auf damit, das gehört sich auch nicht. Manchmal frage ich mich, was ich falsch gemacht habe.“ Mum stand immer noch neben Dad, der einen Arm um ihre Taille geschlungen hatte.
„Nichts, mein Schatz. Unsere Kinder sind nun mal unbelehrbar und etwas schwarzer Humor hat noch niemand geschadet!“, lachte Dad und sah uns alle stolz an.
„Ich gebe es auf!“ Esme ging schließlich zu ihrem Platz gegenüber von Dad und setzte sich hin. Still begannen wir zu essen und merkte im Augenwinkel, wie Bella ihre Hand unter das Tischtuch gleiten ließ. Ich tat es ihr gleich und nahm ihre Hand in meine und drückte sie kurz, bevor ich sie auf meinen Oberschenkel ablegte.

Gleich nachdem wir mit unserer Vorspeise fertig waren, brachte Esme auch schon den Hauptgang.
„Erzählt doch einmal, wie euch die beiden Wochen gefallen haben. Was ich schon sehen kann, ist, dass ihr lange in der Sonne wart“, meinte Mum, als sie sich wieder gesetzt hatte. Sie sah Bella und mich abwartend an.
„Es war wirklich toll. Ich denke, dass ich für uns beide sprechen kann, wenn ich sage, dass das Abschalten ganz leicht gegangen war, und anhand der Zeitung sieht man, dass es zu leicht war. Nun ja, sonst war es unterhaltsam, romantisch und abenteuerlich.“ Bella sprach wirklich mit Freude, selbst wenn sie diese neue Erkenntnis erwähnte, betrübte es ihre Stimmung nicht mehr.
„Abenteuerlich?“
„Ich habe Bella in einen Kletterpark entführt, nachdem wir eine Schule besucht haben, bei der wir uns nun um eine Patenschaft bemühen werden“, erklärte ich Mum, die nun nickte.
„Darüber habe ich auch schon gelesen und erzählt mir doch einmal, was es mit diesem Straßenfest auf sich hatte“, erkundigte sich Tanya.
„Eine kurze Frage: Was weiß man noch nicht über unsere Flitterwochen?“
„Hmm… ich würde sagen, das was sich in euren vier Wänden abgespielt hat, aber da braucht man nicht viel Fantasie.“ Als meine Schwester das sagte, zwinkerte sie uns zu und ich merkte, wie sich Bellas Hand verkrampfte. Beruhigend zog ich mit meinem Daumen Kreise auf ihrem Handrücken.
„Nun denn, wenn alles in der Zeitschrift steht, warum fragt ihr dann noch?“
„Edward, erhebe nicht so deine Stimme!“, warnte mich Esme.
„Tut mir leid, aber das geht so nicht.“ Ich legte mein Besteck und die Serviette ab, küsste Bellas Wange und stand auf.
„Mum, das Essen war wirklich gut, aber ich kann das hier nicht.“ Ich spürte, wie Bella versuchte meine Hand zu nehmen, doch ich entzog sie ihr und ging aus dem Zimmer. Wütend marschierte ich in das Wohnzimmer und ließ mich seufzend auf das Sofa nieder. Nachdem ich meine Krawatte gelöst hatte, fuhr ich mir mit den Händen durch mein Haar. Weshalb hatte ich nichts gemerkt? Ich hätte besser aufpassen müssen. Das war eine Katastrophe!

Plötzlich spürte ich eine Berührung auf meiner Schulter und ich zuckte leicht zusammen.
„Hey, ich bin es nur!“ Bellas Stimme war sanft und einfühlsam. Ich sah hoch und streckte meine Hand stumm aus. Sie nahm sie und ich zog sie auf meine Oberschenkel. Meine Arme schlang ich um ihre Taille und vergrub mein Gesicht in ihrer Halsbeuge. Flüchtig küsste ich sie und merkte, wie sie schauderte.
„Mach dir nicht so viele Gedanken darüber. Es ist nun passiert und daran können wir nichts mehr ändern. Weder du noch ich. So wie es war, hat es mir gefallen. Zwar war der ein oder andere Tag zwischen uns verbesserungswürdig gewesen, aber wir sind nun einmal zwei Sturköpfe, die immer aneinander geraten. Weißt du, mich stört es auch nicht mehr so sehr, dass man mich abgebildet hat, schließlich kann ich auch einmal ein Kleid tragen, das rückenfrei ist und man genau das Gleiche sieht. Und ich denke, dass so oder so jeder weiß, was wir in unseren Flitterwochen sonst noch so getan haben, genau das, was auch normale Frischvermählte machen und zwar flittern.“ Mit fließenden Bewegungen fuhr sie mir durchs Haar und hob schließlich meinen Kopf hoch. Liebevoll hauchte sie mir einen Kuss auf die Lippen, bevor sie sich von mir löste und aufstand. Sie nahm meine Hand und versuchte mich hochzuziehen. Verwirrt blickte ich sie an.

„Sei nicht so! Auf, auf. Ich will jetzt, dass du mir zu den Bildern die Geschichten erzählst. Deine Kindheit interessiert mich und ich will vieles wissen. Vor allem wenn ich danach gefragt werde!“, meinte Bella sanft lächelnd und ich stand auf. Irgendwie war es mir schon klar gewesen, dass sie mich zum Kamin zieht, noch bevor sie es tat. Schließlich war jener der zentrale Punkt des Raumes, wonach alles ausgerichtet war. Ohne es zu wissen nahm sie das Bild von Alex und mir in die Hand.
„Ist das dieser Freund von dem du mir erzählt hast?“, fragte sie und strich mit den Fingerkuppen über die Photographie.
„Ja, da waren wir am Michigan See. Ein Ausflug im Sommer kurz bevor er gestorben ist“, presste ich hervor, da es mir immer noch schwer fiel über die kurze Zeit vor und nach seinem Tod zu reden.
„Er ist gestorben? Ich dachte, dass ihr umgezogen wäret und du den Kontakt nicht halten konntest.“
„Ich habe mich vermutlich damals ungeschickt ausgedrückt. Mit dem Mädchen hatte ich keinen Kontakt halten können, da sein Tod der Grund unseres Umzuges war. Zwar hatte Dad auch eine neue Stelle angeboten bekommen, jedoch hätte er diese nicht angenommen, wenn das damals nicht passiert wäre.“

„Darf ich fragen, was es war. Du musst mir das nicht sagen, wenn du es nicht möchtest. Aber manchmal ist es gut mit anderen, die die Geschichte noch nicht kennen, darüber zu reden.“
„Vermutlich hast du recht. Es war ein sonniger Tag gewesen, wie üblich für Chicago im Sommer. Wir hatten auf seine kleine Schwester aufgepasst und mit ihr im Garten des Anwesens gespielt. Sie liebte es dem Ball hinterher zu laufen und jedes Mal, wenn sie über ihre eigenen Füße gestolpert ist, hat sie eine Schnute gezogen und war kurz davor zu weinen zu beginnen, wenn ich nicht zu ihr bin und sie in den Arm genommen und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben habe. Danach hatte sie immer gekichert und war fröhlich weiter dem Ball hinterher gelaufen. In dem Sommer hatte sie auch Eis entdeckt und mit dem konnte man sie ködern. Wenn sie etwas nicht mochte, versprach man ihr ein Eis und sie machte es ohne zu zicken. Sie erkannte sofort, wenn einer der Eiswagen in der Nähe war, denn das Lied das er spielte, brachte sie auch meistens zum Einschlafen, wenn ich ihr einmal nichts vorsummte. Als wir also an dem Tag mit ihr wieder auf der Wiese spielten, rief seine Mum ihn kurz hinein und ich sah ihm nach, was mein Fehler war. Denn in dem Moment bog ein Eiswagen in die Straße ein und seine Schwester hörte das bekannte Lied. So schnell konnte ich nicht schauen, lief sie über den Rasen zu der Straße. Zwar war ein Zaun angebracht gewesen, sodass sie nicht vom Grundstück hinunterkonnte, jedoch war an dem Tag aus einem nicht bekannten Grund das Eingangstor offen. Somit lief sie auf den Eiswagen zu. Mein Freund war immer schon ein schnellerer Läufer gewesen als ich und ich sah, dass er an mir vorbeilief, als sie auf die Straße sprang. Er schnappte sie sich, stieß sie zu mir und landete vor dem Auto, das ihn überrollte. Seine Mutter hatte sofort den Notarzt gerufen und man versuchte ihn zu retten, aber auf dem Weg ins Krankenhaus ist er gestorben. Er ist wegen meiner Dummheit und der Liebe zu seiner Schwester gestorben. Ein paar Wochen danach sind wir umgezogen und ich hatte mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen. Seitdem habe ich auch nie mehr wirkliche Freunde gehabt beziehungsweise niemanden an mich heranlassen, da ich immer Angst davor hatte, dass dieser Freund auch sterben könnte. Ich war zwar stets beliebt gewesen, aber wahre Freunde gab es nicht.“ Ich sah zu Bella, die Tränen in den Augen hatte und mich in den Arm nahm.
„Das tut mir sehr leid. Und weißt du was aus dem Mädchen geworden ist?“ Als sie danach fragte, erstarrte ich und sah sie an. Ich wollte ihr so gerne sagen, dass sie es war, aber ich konnte es nicht. Was mich genau daran hinderte, wusste ich nicht.

„Isabella?“, fragte plötzlich Dad, der mit Esme und Tanya im Türrahmen stand und uns beobachtete.
„Kannst du dich noch an mein Versprechen erinnern, das ich dir bei eurer Hochzeit gegeben habe. Dass ich weiß, was mit deinem Bruder passiert ist, an den du dich nicht mehr erinnern kannst?“
„Ja, aber was soll das damit zu tun haben?“, erkundigte sie sich nun verwirrt.
„Bevor ich dir es nun erzähle, musst du wissen, dass ich Edward darum gebeten habe, es dir während eurer Flitterwochen nicht zu erzählen, da ich wusste wie angespannt euer Verhältnis war und du mich gefragt hattest“, ich blickte kurz zu ihr und merkte, wie sie nickte, „gut, denn dieses Mädchen, diese Schwester, die Edward immer wieder ohne Namen erwähnt hast… nun ja… bist du.“ Zum Ende hin wurde Carlisle immer leise und vorsichtiger. Ich spürte, wie Bella ihre Finger in meine Seiten grub, vermutlich hatte ich diesen Schmerz verdient. Sie stand ein paar Sekunden geschockt da und sah zwischen uns allen hin und her.
„Ihr habt es die ganze Zeit über gewusst, aber nie ein Wort erwähnt?“ Als er still blieb, wurde sie noch wütender, als sie schon war.
„Tanya? Esme? Carlisle? Edward?“ Sie blickte wieder zwischen uns hin und her und als sich unsere Blicke trafen, wurde ihr bewusst, dass sie immer noch bei mir stand. Sogleich löste sie sich von mir und ich konnte nichts dagegen tun.
„Wirklich? Und ihr habt es mir nicht gesagt. Vor allem du, Edward. Du, der mir immer wieder von dem Freund erzählt hat. Von dessen Schwester, die du bewacht hast, die du geliebt hast. Wie? Was? Warum? Ich bin enttäuscht von euch allen  und ich bin gekränkt. Verletzt darin, dass ihr mir die Wahrheit nicht gesagt habt, dass ihr es für euch behalten habt und vor allem, dass du es mir nicht sagen konntest!“, schrie sie mich nun an. Ihr Gesicht war komplett rot und ihre Hände hatte sie zu Fäusten geballt. Ich ging ein Stück auf sie zu, doch sie wich zurück.
„Wage es ja nicht mir nur ein Stück näher zu kommen, Edward. Ich dachte, dass ich dir vertrauen kann, dass das zwischen uns etwas werden könnte, doch scheinbar habe ich mich da getäuscht. Du bist anscheinend nicht besser als Charlie. Ich dumme Kuh, hab noch diesem verblödeten Vertrag zugestimmt und kann mich nicht einmal von dir scheiden lassen und hab mit dir geschlafen. Was habe ich mir nur dabei gedacht.“
Ich versuchte nochmals auf die zuzugehen, doch sie blickte mich böse an und lief schließlich in Richtung der Haustür. Geschockt sah ich ihr hinterher, bevor ich zu meiner Familie sah.
„Das habe ich nicht kommen sehen. Verdammt, Edward, hättest du mich das nur regeln lassen. Jetzt lauf‘ ihr hinterher. Draußen sind unzählige Paparazzi und für die ist sie gerade ein gefundenes Fressen.“ Perplex starrte ich Dad an, bevor ich mich zusammenriss und ihr hinterher rannte. Sie war schon bei der Einfahrt zum Haus und ich lief so schnell ich konnte. Draußen konnte ich schon das Blitzen der Fotoapparate erkennen. Ich war gerade noch eine Schrittlänge von ihr entfernt, als ich das Hupen eines Autos hörte und versuchte sie am Unterarm zu fassen zu bekommen. Das Quietschen der Bremsen wurde immer lauter und ich konnte nur hoffen, dass nicht das Gleiche, wie bei Alex passieren würde. Denn sie jetzt auch noch zu verlieren, könnte ich nicht ertragen.