Kapitel 18
"Das Klettern ist wie ein Spiegel, der ein einziges Bild reflektiert, nämlich uns selber." - Max Liotier
Die Türen des SUV wurden geschlossen und das Kinderlachen verstummte allmählich. Bellas Gesicht zierte immer noch dieser betrübte Blick. Ich hatte in den letzten Stunden mitbekommen, wie ihr die Kinder in der Schule ans Herz gewachsen waren und sie mehr für diese wollte, als eine abgenützte Schule und ein Spielplatz, der gerade mal über ein heruntergekommenes Klettergerüst verfügte. Ich sah aus dem getönten Fenster und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Gerade erst bei der Szene angekommen, in der uns die Leiterin der sozial geförderten Lerneinrichtung in den Eingangsbereich geführt hatte, war mir der Ausdruck in Bellas Gesicht aufgefallen, der sich immer noch in ihrer Mimik widerspiegelte. Seufzend wand ich mich meiner Frau zu, die sich gerade eine Träne aus dem Gesicht wischte. Ich nahm ihre Hand und drückte sie sanft. Sie sah mich aus tränenverschleierten Augen an und ich konnte nicht anders, als sie in meine Arme zu ziehen.
„Ich würde… ihnen so gerne… helfen“, schluchzte sie, „… da war… dieses Mädchen… als ich sie fragte… was sie gerne einmal… werden wolle…. sagte sie Ärztin, damit… nicht jeder so stirbt… wie ihre Mutter.“
Beruhigend versuchte ich ihr über das Haar und den Rücken zu fahren, doch es schien kaum Wirkung zu zeigen, denn nun verlor sie vollkommen die Beherrschung. Ich wiegte sie mehrere Minuten hin und her, wusste aber nicht genau, was ich ihr in diesem Moment sagen sollte.
„Das sind alles so liebe Geschöpfe, die noch ihre Zukunft vor sich haben, aber durch die momentane Lage des Gesundheitssystems bekommen sie keine gute medizinische Versorgung, da die Medikamente einfach zu teuer sind. Sie müssen mit abgegriffenen Stiften schreiben, auf Papier schreiben, dass man kaum noch etwas darauf lesen kann und die Bücher fallen auseinander, oder es fehlen Seiten. Wie sollen sie gut unterrichtet werden, um ihre Ziele zu verfolgen. Während abertausende Menschen im Saus und Braus leben, führen diese Kinder ein Leben an der Armutsgrenze. Die Knochen stehen schon heraus und nicht wie bei mir, weil ich keinen Hunger habe, sondern weil sie daheim zu wenig zu essen bekommen, außer der regelmäßigen Mittagsration Reis in der Schule. Edward, das kann es nicht sein.“
Plötzlich knurrte ihr Magen lautstark und ich zog eine Augenbraue in die Höhe. In den letzten Tagen hatte sie zwar gegessen, aber nie mehr als einen halben Teller pro Mahlzeit und ich machte mir langsam wirklich große Sorgen um sie.
„Ich kann dich verstehen, aber jetzt steht dein Hunger auf der Tagesordnung und dann die Kinder.“ Sanft streichelte ich über ihre Wange und beugte mich dann zu unserem Chauffeur nach vorne. Schnell gab ich ihm die Anweisung uns zu einem Restaurant zu fahren, bevor ich mich wieder bequem in den Sitz setzte und Bella an mich zog.
„Wenn du möchtest, kannst du mit deinem Status als Sonderbotschafterin eine Patenschaft mit dieser Schule beginnen. Das hatte Tanya mir in der gestrigen Mail mitgeteilt. Die Möglichkeit diesen Kindern zu helfen bestünde, aber, Bella, so leid es mir tut, die Armut, die hier herrscht, kannst du nicht beseitigen. Das würde zu viele Schlagzeilen bringen und zwar negative. Die Patenschaft wäre wiederum eine gute Idee, da du deinem Job nachkommst und dich sozial engagiert zeigst. Weißt du, wie ich das meine?“ Obwohl es nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein des sozialen Systems war, erhellte sich ihr Gesicht und sie strahlte mich an.
„Das würde ich liebend gerne machen. Ich bin froh, dass ich das machen darf, auch wenn du nicht gerade sehr begeistert darüber scheinst.“ Mit meiner Hand über mein Kinn reibend betrachtete ich sie. Mir war klar, dass sie dieses Projekt auf jeden Fall leiten wollte, aber ich musste mir etwas mit Jaspers Hilfe einfallen lassen, dass Black es nicht gegen uns verwenden könnte. Denn meine Frau würde in einem Gebiet, das zwar zu den USA gehörte, aber nicht wählen durfte, eine Patenschaft übernehmen und somit Angriffsfläche bot, um zu behaupten, dass sie sich nicht um die sozial bedürftigen in den Bundesstaaten kümmerte, die wählen durften. Vielleicht wäre eine zweite Partnerschaft von Vorteil, aber dafür hatten wir noch Zeit.
„Senator, wir wären da.“ Mit diesen Worten riss mich der Chauffeur aus meinen Gedanken und ich löste mich von Bella. Wir bedankten uns und stiegen aus dem SUV aus.
Außerhalb empfing uns die schwüle Mittagshitze und ich merkte, wie sie Bella zu schaffen machte. Unsere Bodyguards, auch wenn diese Insel ruhig schien, so würde ich nicht auf den Schutz für uns verzichten, kamen zu uns und sahen sich prüfend um. Sie waren unabdingbar. Bella blieb vor dem Restaurant stehen.
„Ich will dort nicht essen. Das kann ich nicht.“ Verwirrt sah ich sie an. Vor uns war eines der besten Restaurants von St. Thomas und ich konnte nicht verstehen, was daran falsch sein sollte.
„Bella, du musst aber was essen. Also komm… bitte.“ Sie schüttelte nur ihren Kopf und sah sich schließlich forschend um, bis etwas in ihr Auge stach.
„Du willst, dass ich was esse? Gut, dann aber etwas von dem Stand dort drüben. Die Wucherpreise in dem Lokal sind bestimmt überteuert und helfen der Bevölkerung nicht.“ Nun verstand ich ihre Absichten. Ich sah die Bodyguards an und jene nickten mir nur zu. Bellas Hand nehmend trat ich neben sie und küsste dann ihre Schläfe. Ohne weg zu zucken blieb sie neben mir stehen und sah mich dann lächelnd an.
„Du bist einfach ein Sturkopf“, flüsterte ich ihr zu.
„Nein, ich bekomme einfach das, was ich möchte und vielen Dank.“ Grinsend zog sie mich hinter sich her und der Mann am Stand betrachtete uns belustigt. Er bot uns eine Auswahl an den Spezialitäten der Virgin Islands an: Fisch, Muscheln, Schnecken, süße Kartoffeln, Kürbis und Bohnen. Mit einer großen Portion von allem und reichlich Trinkgeld, welches ich aufgrund Bellas bösen Blick auf mich gab, ließen wir uns auf einer Bank unter einer Palme nieder und betrachteten während des Essens das Geschehen um uns herum. Keine hundert Meter von uns entfernt war ein Markt, auf dem herumgeschrien wurde und ich nur Wortfetzen verstand.
„Das schmeckt echt lecker“, stellte Bella fest, als sie den ersten Bissen von dem Kürbis machte. Lächelnd musste ich bemerken, wie sie sich meinen Kürbis aneignete. Dafür bekam ich ihre Bohnen. In den letzten fünf Tagen war viel passiert, angefangen davon, dass ich wieder alles machen durfte, was ich wollte, da ich keine Schmerzen mehr hatte, bis hin zu langen Gesprächen zwischen Bella und mir, in denen wir begannen, uns besser kennen zu lernen, die Vorlieben des anderen zu erkennen und auch miteinander zu lachen. Aber auch sehr emotionale Themen kamen zur Sprache. Ich musste dabei an ein Gespräch vor ein paar Tagen erinnern.
Wir saßen zusammen auf der großen Liegefläche auf der Terrasse und genossen den Abend. Die Sonne war vor ein paar Minuten untergegangen und langsam konnte man die Sterne entdecken. Unsere Gläser mit Wein hielten wir in den Händen und betrachteten das Schauspiel vor uns.
„Was ist deine lustigste Kindheitserinnerung?“, fragte Bella plötzlich und ich sah sie verwirrt an, denn auf dieses Thema wäre ich nicht gekommen, beziehungsweise hätte ich so nicht ein Gespräch begonnen. Seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatten wir uns angeschwiegen.
„Hmmm… Ich weiß nicht, ob sie für mich selbst lustig ist, aber für den Außenstehenden bestimmt. Tanya hat mich so um den Finger gewickelt gehabt, dass sie mich immer wie eine Puppe anziehen durfte. Als ich mit Mum von einem Friseurbesuch zurückkam und mein bis dorthin schon langes Haar radikal abgeschnitten wurde, da ich mehr wie ein Mädchen, als wie ein Junge aussah, war sie total beleidigt und hat mit mir und Esme für die nächsten drei Tage nichts gesprochen. Dad war ab dann ihr Sprachrohr und musste sich ihrem Gepinsele unterordnen. Ich glaube, dass ich davon sogar noch Fotos habe, wenn nicht, dann sicher Mum.“
„Oh ja, das ist lustig“, sagte sie und kicherte vor sich hin.
„Und du?“
„Ich habe keine… Meine Eltern, vor allem Charlie, wenn ich mich jetzt zurückerinnere, haben mich nie mit anderen Kindern spielen lassen. Meine Freunde waren die zahlreichen Stofftiere in meinem Zimmer mit denen ich Teepartys gemacht habe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das mit dem Tod meines Bruders zu tun hatte, von dem ich nicht einmal etwas weiß. Wäre ich nicht am Tag unserer Hochzeit bei der Tür zu deinem Büro vorbeigegangen und hätte ich das Gespräch zwischen Renée und Charlie mitgehört, so wüsste ich es jetzt immer noch nicht…“ Ich schluckte hart, da ich zwar gerne an die Zeit mit Alex zurückdachte, aber das mit viel Schmerz verbunden war. Zum Teil war es sein Tod weshalb ich zu dem Mann geworden war, der ich heute war. „… Aber Carlisle meinte, dass er mir etwas über ihn sagen könne. Hast du vielleicht eine Idee?“ Kopfschüttelnd sah ich sie an.
„Nein, tut mir leid. Ich weiß nichts über deinen Bruder.“ Diese Lüge kam mir so leicht über die Lippen, das es schon schmerzte sie zu sagen, denn das würde mir später teuer zu stehen kommen, das wusste ich jetzt schon. Aber ich hatte es meinem Vater versprochen. Ich würde Bella nichts darüber in unseren Flitterwochen erzählen.
„Wie wäre es, wenn wir uns einem heiteren Thema zuwenden? Du hast bei dem Interview kurz vor der Hochzeit gesagt, dass du gerne einmal Prinzessin sein würdest.“ Ihre Augenlider aufreißend lief sie rot im Gesicht an und nahm einen Schluck von ihrem Rotwein.
„Das hast du gesehen? Oh mein Gott. Ähm… ja, ich wollte wirklich einmal Prinzessin werden. Weißt du, jedes Mädchen stellt sich vor ihren Prinzen in der weißen Rüstung zu finden, diesen zu heiraten und dann viele kleine Prinzen und Prinzessinnen zu bekommen. Ich bin früher immer in einem rosa Tüllrock durchs Haus gelaufen und habe mit Joe, einer der Sicherheitsmänner auf dem Anwesen in Chicago, Prinzessin gespielt, er war der böse Drache und ich die holde Maid, die in ihrem Turm – das Zimmer – festgehalten wurde. Ab und zu konnte ich ihn dazu überreden meinen abscheulichen Tee zu trinken. Joe hatte ihn immer mit solch einem Genuss getrunken, dass ich mich darüber freute, dass ich ihn gut gemacht hatte. Und was wolltest du werden?“ Bei dem Rückblick begann sie zu zaghaft zu lächeln. Vermutlich war das eine der wenigen glücklichen Erinnerungen, die sie von ihrer Kindheit hatte.
„Entweder Arzt, wie mein Vater. Carlisle war immer schon ein Held für mich, wie er kranke Menschen heilte und sie ihn immer anhimmelten. Ich wollte auch so jemand werden. Oder Babysitter.“ Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und ich fuhr fort: „Da gab es dieses bezaubernde Baby in unserer Nachbarschaft und ich vergötterte es. Das Mädchen war so süß mit ihrer Stupsnase, den großen Augen und dem lieblichen Lächeln – jedenfalls empfand ich es so. Ich durfte öfters mit ihr spazieren gehen und mit ihr spielen. Wenn sie quietschte schwoll mein Herz an, sie war wie eine Schwester für mich und ich hätte sie um nichts in der Welt hergegeben. Sie hatte auch einen Bruder, mit dem ich gut befreundet gewesen war. Mit jenem saß ich auch oft vor ihrem Gitterbett, wenn sie schlief, um sie vor den bösen Träumen zu beschützen, oder ihr etwas zu bringen, wenn sie zwischendurch aufwachte. Doch eines Tages zogen wir um und ich konnte den Kontakt mit ihm nicht halten.“ Und dieses Mädchen warst du, sagte ich noch im Gedanken.
„Hast du versucht diesen Freund zu finden?“, fragte Bella mit bedrückter Stimme nach.
„Ja und nein. Es ist schwer zu erklären. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir das ein andermal erzählen…“ Sie nickte mir zu und starrte danach auf das Meer und ich fuhr fort, um von diesem Thema abzulenken: „So, so und du meintest, dir wäre es am liebsten, wenn ich gar keine Unterwäsche tragen würde?“ Sie hatte gerade einen weiteren Schluck von ihrem Wein genommen, als sie sich verschluckte.
„Oh nein. Ich meine… das war doch das, was sie hören wollten, oder?“ Mein Schmunzeln ließ sie deutlich hörbar ausatmen.
„Kann schon möglich sein. Ich denke, du hast die Sache wirklich sehr gut gemeistert und vielen Dank, dass du den Wahlslogan miteingebracht hast.“ Sie hob die Schultern an und ließ sie gleich danach wieder fallen.
„Kein Problem. Aber ich habe jetzt eine Aufgabe für dich!“, sagte sie und ich sah sie neugierig an. Eines der bekannten Rätselspiele. Gut, wir hatten in den vergangenen vierundzwanzig Stunden kaum geredet, da wir in Gedanken waren das Rätsel des anderen zu lösen. Bella hatte von mir eine Aufgabe mit vier Holzstäbchen bekommen, die sie vor knapp einer halben Stunde gelöst hatte. Nun war sie dran ein Rätsel zu stellen.
„Es ist nicht wirklich eine Aufgabe, mehr ein Witz, aber mir ist gerade nichts Besseres eingefallen. Sag Postbote ohne o.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und versuchte das Wort auszusprechen: „Pstbte.“ Ich brauchte gut vier Anläufe bis ich diesen Zungenbrecher ‚fehlerlos‘ sagen konnte. Währenddessen lachte sich Bella schlapp.
„Was?“, fragte ich sie.
„Das hättest du viel einfacher haben können mit Briefträger.“ Nun konnte ich auch nicht mehr anders als lachen. Warum war ich nicht darauf gekommen?
„So
und was machen wir jetzt?“, fragte sie und riss mich dadurch aus meiner
Erinnerung. Grinsend rieb sie sich über ihren Bauch und ich musste
schmunzelnd festhalten, dass sie alles aufgegessen hatte, was mich sehr
fröhlich stimmte. Somit hatte sie mehr zu sich genommen als die
vergangenen drei Tage zusammen.
„Da ich wieder vollkommen rehabilitiert bin, dachte ich mir, dass ich dich heute überrasche.“ Mit bösem Blick strafte sie mich, denn ich hatte erfahren, dass sie Überraschungen hasste.
„Gib mir wenigstens einen kleinen Tipp“, quengelte sie, doch ich zeigte mich unnachgiebig.
„Nein, du wirst es früh genug erfahren und ich denke, dass es dir gefallen wird.“ Die Nase rümpfend stand sie auf und entsorgte beim nahegelegenen Mülleimer die Plastikbehälter.
„Nun gut, dann auf, auf, ich will mich meiner Überraschung stellen!“ Sie klatschte in die Hände und eilte schon zum SUV. Kopfschüttelnd stand ich auf und ging ihr hinterher. Das konnte etwas werden.
„Also, Sie haben hier zwei Karabiner. Von denen müssen immer beide auf dem Stahlseil befestigt sein. Sollten wir diese umhängen müssen, dürfen Sie niemals beide Sicherungen gleichzeitig aufmachen. Dieses Verschluss aufdrehen, den Karabiner öffnen, am nächsten Seil anhängen, einklinken und wieder zuschrauben und dann der nächste.“ Das zeigte Maxwell – der lieber Max genannt werden wollte – vor und wir mussten es einmal nachmachen.
„Gut, dann haben Sie hier noch eine Seilrolle, die für die Strecken, die wir über den Wald ‚fliegen‘ brauchen werden. Als erstes legen Sie eine der beiden Karabiner, auf das Seil und danach bringen Sie die Seilrolle an. Anschließend wird der zweite Karabiner am Seil angebracht und Sie gehen bis zum Rand der Plattform. Sie sollten nicht unbedingt ‚hineinspringen‘, am besten Sie setzen sich auf die Fläche und rutschen hinunter. Mit der Rolle fliegen Sie dann zur anderen Plattform. Es kann die Möglichkeit bestehen, dass Sie sich währenddessen zu drehen beginnen, jedoch sollten Sie versuchen am anderen Ende wieder in Fahrtrichtung zu sehen. Während der ganzen Zeit würde ich Sie bitten, sich nie an einem der Stahlseile festzuhalten sondern nur an den Seilen, die Ihnen zur Verfügung stehen beziehungsweise beim Flying Fox, an dem Seil, an dem die Rolle befestigt ist. Haben Sie noch Fragen, Wünsche, Beschwerden oder Anregungen?“, fragte Max und wir schüttelten nur den Kopf.
„Gut. Ich werde das Schlusslicht bilden, meine Kollegin den Anfang und Sie müssten nun ausmachen, wer an welcher Stelle möchte. Dann kann der Spaß auch schon beginnen.“ Er ging zurück zu dem Haus, aus dem er unsere Klettergurte geholt hatte und Bella fiel mir plötzlich um den Hals.
„Danke“, sagte sie und küsste meine Wange, „So etwas wollte ich schon immer einmal machen. Das ist so cool!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht und nahm den Helm, den wir nun von Max bekamen, entgegen und setzte diesen sogleich auf.
„Haben Sie sich schon entschieden?“, fragte Max nun und ich sah Bella an.
„Ich denke, dass meine Frau vorgehen wird. Darauf zu warten bis ich das Hindernis überwunden habe, wird sie vermutlich nicht aushalten“, lachte ich und unser Lehrer nickte mir zu.
„Nun, dann folgen Sie Susan, bitte. Meine Kollegin wird Seilerste sein, dann kommt Ihre Ehefrau, Sie und ich bin der Letzte. Dass immer nur eine Person eine Übung machen darf, habe ich schon erwähnt?“, fragte er nun und wir nickten ihm zu. Susan setzte sich in Bewegung und ich fixierte noch schnell meinen Helm, denn eine Verletzung wollte ich nicht riskieren. Nachdem wir über ein paar Hängebrücken marschiert waren, blieben wir stehen.
„Die ersten Übungen werden noch leicht sein, danach wird das Level immer weiter gesteigert. Falls Sie einmal keine Kraft mehr haben, oder Sie merken, dass Sie die Übung nicht alleine bewältigen können, sagen Sie Bescheid. Das ist uns lieber, als dass Sie dann auf dem Seil hängen und wir wissen nicht was los ist. Die Möglichkeit, die Route zu verlassen besteht immer nach einem Schwierigkeitsgrad. Wenn Sie bis zum Ende des Kletterparcours kommen, erwartetet Sie ein Flug über den Wald, der etwa hundert Meter neben uns endet. Wir werden also jetzt gut drei Stunden unterwegs sein und hier wieder ankommen. Egal, ob zu Fuß oder mit der Flying Fox, aber es ist es wert solange durchzuhalten.“ Susan zeigte uns noch einmal, wie man die Karabiner sicher umhängte, sodass man keinen Sturz riskierte und marschierte dann schon los. Die ersten paar Übungen waren wirklich einfach. Ein dicker eckiger Baumstamm, ein Netz, das oben und unten befestigt war, ein Tunnel, durch den wir kriechen mussten und unser erster Flying Fox, mit dem wir ein paar Sekunden über den Boden geflogen waren.
„So, jetzt kommen wir zu den Partnerübungen. Ich denke, die erste werden wir mit Ihnen machen, das heißt, Bella, Sie bitte mit Susan und Edward, Sie mit mir. Danach werden wir wechseln.“ Wir gingen auf der Plattform herum und sahen einen Teil der Paarübungen. Das würde ich bestimmt nicht machen. Während sich mein Inneres dagegen sträubte, marschierte Bella einfach so mit der Kletterin über den Parcours und ich konnte nur versteinert zusehen.
„Edward, ist alles in Ordnung?“, fragte mich Max, der das anscheinend bemerkt hatte.
„Ja, ja… alles okay“, zwang ich mich zu sagen. Ich würde das jetzt durchziehen!
„Dann, auf geht´s. Die Damen haben ein ziemliches Tempo drauf. Wenn wir sie nicht bald einholen, werden sie uns noch davon laufen.“ Ich nickte ihm zu und stieg auf das fixierte Stahlseil. Bei der Übung mussten wir uns gegenseitig Holzbretter, die an Seilen befestigt waren zu schwingen, sodass wir die Unterbrechungen überbrücken konnten.
„Ihr habt aber lang gebraucht“, meinte Bella und sah sich gelangweilt ihre Fingernägel an, bevor sie zu der nächsten Aufgabe ging, die wir nun gemeinsam bestreiten würden. Es waren wieder zwei Seile, doch dieses Mal mussten wir nach unseren Händen greifen und dann seitlich hinübergehen.
„Edward, lehn dich nicht so weit nach vorne“, sagte Bella gepresst, als ich kurzzeitig das Gleichgewicht verlor.
„Dann mach du doch langsamer!“ Wir sahen uns in die Augen und fochten ein Blickduell aus.
„Mir dir kann man so etwas nicht machen“, keifte Bella nun und tippte mit dem Zeigefinger gegen meine Brust.
„Nein, mit dir kann man so etwas nicht machen. Du machst es viel zu schnell!“
„Nur weil du so alt bist und dich nicht mehr gut bewegen kannst!“, giftete sie weiter und stemmte ihre Arme gegen die Hüfte.
„Wie bitte? Ich bin doch nicht alt! Und ich kann mich bewegen und bin stärker als du. Aber ich überlege einfach was ich mache und handle nicht intuitiv!“
„Jetzt spielst du schon wieder auf die Schachsache an!“
„Ähm… ich will nicht stören, aber wir wären auch wieder hier!“ Geschockt drehten wir uns zu den beiden Kletterern um und ich fühlte mich sofort ertappt. Ich setzte gerade an uns zu entschuldigen, doch Max unterbrach mich: „Das ist kein Problem, Edward. So etwas kommt hier recht oft vor. Es sind nur noch zwei und dann gibt es eine kleine Verschnaufpause, in der wir einen kleinen Sparziergang durch den Wald machen, die Flora und Fauna betrachten können und wir Vertrauensübungen machen, bevor es ans wirkliche klettern geht. Jetzt kommt eine Leiter, bei denen die meisten Paare Schwierigkeiten haben. Es gibt zwei Möglichkeiten auf die Plattform über uns zu gelangen. Entweder geht der körperlich Stärkere als erster eine Stufe hinauf und zieht den anderen dann hoch, oder er drückt den anderen von der unteren Stufe hinauf und hantelt sich selbst dann hoch. Ihnen ist es überlassen, wie Sie es machen.“ Bella ging vor und kam sofort wieder zurück.
„Nein, das werde ich bestimmt nicht machen, nie im Leben!“
„Ach komm schon, Schatz, das schaffen wir.“ Sie hob eine Augenbraue in die Höhe und deutete mir mit dem Kinn mich selbst zu überzeugen. Okay… das würde bestimmt sehr lustig werden, denn die Holzbalken waren gut eineinhalb bis zwei Meter auseinander. Kein Wunder, dass Paare hier ihre Probleme hatten.
„Also-“, begann ich und wurde gleich von Bella unterbrochen, die mich nachäffte: „Ach komm schon, Schatz, das schaffen wir!“ Und sie nahm gleich das Hindernis in den Fokus.
„Ich denke, dass es für uns einfach wäre, wenn du mir hoch hilfst, bei den größeren Abständen. Die ersten paar sollte ich alleine schaffen.“ Ihr zunickend, nahm ich eines der beiden Seile, mit denen wir uns nun sichern mussten und befestigte es an dem vorgesehenen Karabiner auf Bellas Rücken. Sie tat das gleiche bei mir.
„Wenn Sie Hilfe brauchen, wir sind hier!“, sagte Max, bevor wir uns an das Erklimmen dieser Leiter machten. Die ersten paar Stufen erklommen wir ohne größere Probleme, doch die letzten beiden stellten uns vor die Entscheidung, ob ich nun wirklich Bella hochheben oder hochziehen sollte.
„Schau nicht so doof, sondern hilf mir gefälligst“, meinte meine Frau im Befehlston und ich versuchte ihr hoch zu helfen. Dies klappte auch gut, doch ich wurde sofort wieder angekeift: „Edward, grapsch mir noch einmal am Arsch und du lernst meinen rechten Haken kennen!“ Augenverdrehen zog ich mich hoch. Also würde sie sich die letzte Stufe zu der Plattform hochziehen müssen.
„Geht doch!“, sagte sie stolz, als wir uns oben sicherten und auf unsere Begleiter warteten.
„Es war gar nicht mal so schwer.“ Ach wirklich? Ich hatte nur die ganze Arbeit geleistet und mir taten jetzt die Hände weh, aber ich wollte keinen neuen Streit vom Zaun brechen.
Zwei Stunden, ein paar Streitereien – bei denen hatten uns unsere Begleiter ziemlich amüsiert angesehen – zig Vertrauensübungen und Gemeinschaftsaktivitäten, sowie einen kleinen Sparziergang später, bei dem uns ein Paar entgegen kam, das uns erkannte und nach einem Bild fragte, hatten wir es geschafft: wir waren am Ziel, bei der Flying Fox.
„Okay, hier wären wir. Da meine Kollegin so klug war Ihre Rolle zu verlieren, würden wir Sie bitten das gemeinsam zu machen.“ Entgeistert sahen wir die beiden an und wirklich, dieses Tool war nicht mehr vorhanden. Seufzend reichte ich Susan dieses und wand mich zu Bella, die mich böse ansah.
„Kann uns das überhaupt beide tragen?“
„Ja, sonst könnten wir Ihnen gar nicht helfen, falls Sie nicht weiter könnten. Der erste Flying Fox ist relativ kurz und der zweite ist dann der längere. Sie werden über die Baumkronen fliegen, passen Sie dabei bitte auf Ihre Füße und Hände auf. Diese immer beim Körper behalten. Zusammen werden Sie eine nette Geschwindigkeit aufbauen, keine Sorge, Sie werden nicht in den Baum hineindonnern. Das wurde alles so sicher konstruiert.“
Wir nickten Max zu und stellten uns nebeneinander auf die Plattform. Gleichzeitig stießen wir uns ab und unsere Körper krachten schmerzhaft aneinander.
Ein „Autsch“ kam uns unisono über die Lippen.
„Bei der nächsten Plattform setzen wir uns hin“, forderte Bella als wir gerade jener genannten entgegen flogen und ich konnte ihr nur zustimmen. Ich griff nach dem Seil, das am Baum befestig war, sodass wir nicht mehr zurückrutschen konnten, war mir heute schon einmal passiert… Wie es Bella gefordert hatte, machten wir es auch. Wir ließen uns auf den Boden nieder, dicht nebeneinander.
„Auf drei“, meinte ich und sah zu Bella. Diese biss auf ihrer Lippe herum und blickte in den Wald unter uns.
„Scheiße, ist das hoch“, murmelte sie und verkrampfte ihre Hände. Ich schlang eine Hand um ihre Taille und zog sie zu mir, damit wir nicht wieder gegeneinander schlagen würden.
„Eins… zwei…“ und weiter zählte ich nicht, da ich uns beide von der Plattform hinunterzog. Bella schrie wie am Spieß und ich konnte nur lachen bei ihrem Gesichtsausdruck. Ihre Hände vergruben sich in meinem Shirt und ich spürte ihre Nägel über die Brust kratzen. Als sie mir aber dann ins Ohr brüllte, als wir uns zu drehen begannen, musste ich sie zum Schweigen bringen und dafür hatte ich zwei Alternativen. Entweder ich löste eine Hand und drückte ihr diese auf den Mund, oder ich küsste sie. Und ich entschied mich – Gentleman, der ich war – für den Kuss. Meine Hand legte sich auf ihre Wange und meine Lippen auf ihre. Sie waren weich und geschmeidig. Zu meiner Verwunderung erwiderte sie diesen. Seit der Hochzeit hatte ich sie nicht mehr geküsst und ich musste feststellen, dass ich es vermisst hatte. Damals im Pool war ich zurückgewichen und hatte mich bei ihr entschuldigt, dass es unpassend war. Doch das hier war kein unschuldiger Kuss mehr wie bei der Hochzeit, er war besser, viel besser. Es war zwar kein leidenschaftlicher Kuss, aber einer der Wohlbehagen übermittelte und den sich verliebte Paare gaben. Verliebte Paare? Was dachte ich da, ich war nicht verliebt. Ich spürte, wie wir langsamer wurden und löste mich von Bella, die ihre Augenlider öffnete und mich mit einem Blick ansah, in dem Wut, Zorn, Entrüstung, aber auch Gefallen zu finden war. Plötzlich spürte ich eine Matte im Rücken und eine Hand an meinen Hoden. Ruckartig stieß ich die Luft aus. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, dabei rieb ihr Oberkörper an meiner Brust und ich spürte ihre harten Nippel. Ihre Lippen waren nah an meinem Ohr, als sie mir etwas zuflüsterte, das mich erschaudern ließ. Das was sie sagte, war doch nicht ihr Ernst, oder?
Die Türen des SUV wurden geschlossen und das Kinderlachen verstummte allmählich. Bellas Gesicht zierte immer noch dieser betrübte Blick. Ich hatte in den letzten Stunden mitbekommen, wie ihr die Kinder in der Schule ans Herz gewachsen waren und sie mehr für diese wollte, als eine abgenützte Schule und ein Spielplatz, der gerade mal über ein heruntergekommenes Klettergerüst verfügte. Ich sah aus dem getönten Fenster und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Gerade erst bei der Szene angekommen, in der uns die Leiterin der sozial geförderten Lerneinrichtung in den Eingangsbereich geführt hatte, war mir der Ausdruck in Bellas Gesicht aufgefallen, der sich immer noch in ihrer Mimik widerspiegelte. Seufzend wand ich mich meiner Frau zu, die sich gerade eine Träne aus dem Gesicht wischte. Ich nahm ihre Hand und drückte sie sanft. Sie sah mich aus tränenverschleierten Augen an und ich konnte nicht anders, als sie in meine Arme zu ziehen.
„Ich würde… ihnen so gerne… helfen“, schluchzte sie, „… da war… dieses Mädchen… als ich sie fragte… was sie gerne einmal… werden wolle…. sagte sie Ärztin, damit… nicht jeder so stirbt… wie ihre Mutter.“
Beruhigend versuchte ich ihr über das Haar und den Rücken zu fahren, doch es schien kaum Wirkung zu zeigen, denn nun verlor sie vollkommen die Beherrschung. Ich wiegte sie mehrere Minuten hin und her, wusste aber nicht genau, was ich ihr in diesem Moment sagen sollte.
„Das sind alles so liebe Geschöpfe, die noch ihre Zukunft vor sich haben, aber durch die momentane Lage des Gesundheitssystems bekommen sie keine gute medizinische Versorgung, da die Medikamente einfach zu teuer sind. Sie müssen mit abgegriffenen Stiften schreiben, auf Papier schreiben, dass man kaum noch etwas darauf lesen kann und die Bücher fallen auseinander, oder es fehlen Seiten. Wie sollen sie gut unterrichtet werden, um ihre Ziele zu verfolgen. Während abertausende Menschen im Saus und Braus leben, führen diese Kinder ein Leben an der Armutsgrenze. Die Knochen stehen schon heraus und nicht wie bei mir, weil ich keinen Hunger habe, sondern weil sie daheim zu wenig zu essen bekommen, außer der regelmäßigen Mittagsration Reis in der Schule. Edward, das kann es nicht sein.“
Plötzlich knurrte ihr Magen lautstark und ich zog eine Augenbraue in die Höhe. In den letzten Tagen hatte sie zwar gegessen, aber nie mehr als einen halben Teller pro Mahlzeit und ich machte mir langsam wirklich große Sorgen um sie.
„Ich kann dich verstehen, aber jetzt steht dein Hunger auf der Tagesordnung und dann die Kinder.“ Sanft streichelte ich über ihre Wange und beugte mich dann zu unserem Chauffeur nach vorne. Schnell gab ich ihm die Anweisung uns zu einem Restaurant zu fahren, bevor ich mich wieder bequem in den Sitz setzte und Bella an mich zog.
„Wenn du möchtest, kannst du mit deinem Status als Sonderbotschafterin eine Patenschaft mit dieser Schule beginnen. Das hatte Tanya mir in der gestrigen Mail mitgeteilt. Die Möglichkeit diesen Kindern zu helfen bestünde, aber, Bella, so leid es mir tut, die Armut, die hier herrscht, kannst du nicht beseitigen. Das würde zu viele Schlagzeilen bringen und zwar negative. Die Patenschaft wäre wiederum eine gute Idee, da du deinem Job nachkommst und dich sozial engagiert zeigst. Weißt du, wie ich das meine?“ Obwohl es nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein des sozialen Systems war, erhellte sich ihr Gesicht und sie strahlte mich an.
„Das würde ich liebend gerne machen. Ich bin froh, dass ich das machen darf, auch wenn du nicht gerade sehr begeistert darüber scheinst.“ Mit meiner Hand über mein Kinn reibend betrachtete ich sie. Mir war klar, dass sie dieses Projekt auf jeden Fall leiten wollte, aber ich musste mir etwas mit Jaspers Hilfe einfallen lassen, dass Black es nicht gegen uns verwenden könnte. Denn meine Frau würde in einem Gebiet, das zwar zu den USA gehörte, aber nicht wählen durfte, eine Patenschaft übernehmen und somit Angriffsfläche bot, um zu behaupten, dass sie sich nicht um die sozial bedürftigen in den Bundesstaaten kümmerte, die wählen durften. Vielleicht wäre eine zweite Partnerschaft von Vorteil, aber dafür hatten wir noch Zeit.
„Senator, wir wären da.“ Mit diesen Worten riss mich der Chauffeur aus meinen Gedanken und ich löste mich von Bella. Wir bedankten uns und stiegen aus dem SUV aus.
Außerhalb empfing uns die schwüle Mittagshitze und ich merkte, wie sie Bella zu schaffen machte. Unsere Bodyguards, auch wenn diese Insel ruhig schien, so würde ich nicht auf den Schutz für uns verzichten, kamen zu uns und sahen sich prüfend um. Sie waren unabdingbar. Bella blieb vor dem Restaurant stehen.
„Ich will dort nicht essen. Das kann ich nicht.“ Verwirrt sah ich sie an. Vor uns war eines der besten Restaurants von St. Thomas und ich konnte nicht verstehen, was daran falsch sein sollte.
„Bella, du musst aber was essen. Also komm… bitte.“ Sie schüttelte nur ihren Kopf und sah sich schließlich forschend um, bis etwas in ihr Auge stach.
„Du willst, dass ich was esse? Gut, dann aber etwas von dem Stand dort drüben. Die Wucherpreise in dem Lokal sind bestimmt überteuert und helfen der Bevölkerung nicht.“ Nun verstand ich ihre Absichten. Ich sah die Bodyguards an und jene nickten mir nur zu. Bellas Hand nehmend trat ich neben sie und küsste dann ihre Schläfe. Ohne weg zu zucken blieb sie neben mir stehen und sah mich dann lächelnd an.
„Du bist einfach ein Sturkopf“, flüsterte ich ihr zu.
„Nein, ich bekomme einfach das, was ich möchte und vielen Dank.“ Grinsend zog sie mich hinter sich her und der Mann am Stand betrachtete uns belustigt. Er bot uns eine Auswahl an den Spezialitäten der Virgin Islands an: Fisch, Muscheln, Schnecken, süße Kartoffeln, Kürbis und Bohnen. Mit einer großen Portion von allem und reichlich Trinkgeld, welches ich aufgrund Bellas bösen Blick auf mich gab, ließen wir uns auf einer Bank unter einer Palme nieder und betrachteten während des Essens das Geschehen um uns herum. Keine hundert Meter von uns entfernt war ein Markt, auf dem herumgeschrien wurde und ich nur Wortfetzen verstand.
„Das schmeckt echt lecker“, stellte Bella fest, als sie den ersten Bissen von dem Kürbis machte. Lächelnd musste ich bemerken, wie sie sich meinen Kürbis aneignete. Dafür bekam ich ihre Bohnen. In den letzten fünf Tagen war viel passiert, angefangen davon, dass ich wieder alles machen durfte, was ich wollte, da ich keine Schmerzen mehr hatte, bis hin zu langen Gesprächen zwischen Bella und mir, in denen wir begannen, uns besser kennen zu lernen, die Vorlieben des anderen zu erkennen und auch miteinander zu lachen. Aber auch sehr emotionale Themen kamen zur Sprache. Ich musste dabei an ein Gespräch vor ein paar Tagen erinnern.
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Wir saßen zusammen auf der großen Liegefläche auf der Terrasse und genossen den Abend. Die Sonne war vor ein paar Minuten untergegangen und langsam konnte man die Sterne entdecken. Unsere Gläser mit Wein hielten wir in den Händen und betrachteten das Schauspiel vor uns.
„Was ist deine lustigste Kindheitserinnerung?“, fragte Bella plötzlich und ich sah sie verwirrt an, denn auf dieses Thema wäre ich nicht gekommen, beziehungsweise hätte ich so nicht ein Gespräch begonnen. Seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatten wir uns angeschwiegen.
„Hmmm… Ich weiß nicht, ob sie für mich selbst lustig ist, aber für den Außenstehenden bestimmt. Tanya hat mich so um den Finger gewickelt gehabt, dass sie mich immer wie eine Puppe anziehen durfte. Als ich mit Mum von einem Friseurbesuch zurückkam und mein bis dorthin schon langes Haar radikal abgeschnitten wurde, da ich mehr wie ein Mädchen, als wie ein Junge aussah, war sie total beleidigt und hat mit mir und Esme für die nächsten drei Tage nichts gesprochen. Dad war ab dann ihr Sprachrohr und musste sich ihrem Gepinsele unterordnen. Ich glaube, dass ich davon sogar noch Fotos habe, wenn nicht, dann sicher Mum.“
„Oh ja, das ist lustig“, sagte sie und kicherte vor sich hin.
„Und du?“
„Ich habe keine… Meine Eltern, vor allem Charlie, wenn ich mich jetzt zurückerinnere, haben mich nie mit anderen Kindern spielen lassen. Meine Freunde waren die zahlreichen Stofftiere in meinem Zimmer mit denen ich Teepartys gemacht habe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das mit dem Tod meines Bruders zu tun hatte, von dem ich nicht einmal etwas weiß. Wäre ich nicht am Tag unserer Hochzeit bei der Tür zu deinem Büro vorbeigegangen und hätte ich das Gespräch zwischen Renée und Charlie mitgehört, so wüsste ich es jetzt immer noch nicht…“ Ich schluckte hart, da ich zwar gerne an die Zeit mit Alex zurückdachte, aber das mit viel Schmerz verbunden war. Zum Teil war es sein Tod weshalb ich zu dem Mann geworden war, der ich heute war. „… Aber Carlisle meinte, dass er mir etwas über ihn sagen könne. Hast du vielleicht eine Idee?“ Kopfschüttelnd sah ich sie an.
„Nein, tut mir leid. Ich weiß nichts über deinen Bruder.“ Diese Lüge kam mir so leicht über die Lippen, das es schon schmerzte sie zu sagen, denn das würde mir später teuer zu stehen kommen, das wusste ich jetzt schon. Aber ich hatte es meinem Vater versprochen. Ich würde Bella nichts darüber in unseren Flitterwochen erzählen.
„Wie wäre es, wenn wir uns einem heiteren Thema zuwenden? Du hast bei dem Interview kurz vor der Hochzeit gesagt, dass du gerne einmal Prinzessin sein würdest.“ Ihre Augenlider aufreißend lief sie rot im Gesicht an und nahm einen Schluck von ihrem Rotwein.
„Das hast du gesehen? Oh mein Gott. Ähm… ja, ich wollte wirklich einmal Prinzessin werden. Weißt du, jedes Mädchen stellt sich vor ihren Prinzen in der weißen Rüstung zu finden, diesen zu heiraten und dann viele kleine Prinzen und Prinzessinnen zu bekommen. Ich bin früher immer in einem rosa Tüllrock durchs Haus gelaufen und habe mit Joe, einer der Sicherheitsmänner auf dem Anwesen in Chicago, Prinzessin gespielt, er war der böse Drache und ich die holde Maid, die in ihrem Turm – das Zimmer – festgehalten wurde. Ab und zu konnte ich ihn dazu überreden meinen abscheulichen Tee zu trinken. Joe hatte ihn immer mit solch einem Genuss getrunken, dass ich mich darüber freute, dass ich ihn gut gemacht hatte. Und was wolltest du werden?“ Bei dem Rückblick begann sie zu zaghaft zu lächeln. Vermutlich war das eine der wenigen glücklichen Erinnerungen, die sie von ihrer Kindheit hatte.
„Entweder Arzt, wie mein Vater. Carlisle war immer schon ein Held für mich, wie er kranke Menschen heilte und sie ihn immer anhimmelten. Ich wollte auch so jemand werden. Oder Babysitter.“ Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und ich fuhr fort: „Da gab es dieses bezaubernde Baby in unserer Nachbarschaft und ich vergötterte es. Das Mädchen war so süß mit ihrer Stupsnase, den großen Augen und dem lieblichen Lächeln – jedenfalls empfand ich es so. Ich durfte öfters mit ihr spazieren gehen und mit ihr spielen. Wenn sie quietschte schwoll mein Herz an, sie war wie eine Schwester für mich und ich hätte sie um nichts in der Welt hergegeben. Sie hatte auch einen Bruder, mit dem ich gut befreundet gewesen war. Mit jenem saß ich auch oft vor ihrem Gitterbett, wenn sie schlief, um sie vor den bösen Träumen zu beschützen, oder ihr etwas zu bringen, wenn sie zwischendurch aufwachte. Doch eines Tages zogen wir um und ich konnte den Kontakt mit ihm nicht halten.“ Und dieses Mädchen warst du, sagte ich noch im Gedanken.
„Hast du versucht diesen Freund zu finden?“, fragte Bella mit bedrückter Stimme nach.
„Ja und nein. Es ist schwer zu erklären. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir das ein andermal erzählen…“ Sie nickte mir zu und starrte danach auf das Meer und ich fuhr fort, um von diesem Thema abzulenken: „So, so und du meintest, dir wäre es am liebsten, wenn ich gar keine Unterwäsche tragen würde?“ Sie hatte gerade einen weiteren Schluck von ihrem Wein genommen, als sie sich verschluckte.
„Oh nein. Ich meine… das war doch das, was sie hören wollten, oder?“ Mein Schmunzeln ließ sie deutlich hörbar ausatmen.
„Kann schon möglich sein. Ich denke, du hast die Sache wirklich sehr gut gemeistert und vielen Dank, dass du den Wahlslogan miteingebracht hast.“ Sie hob die Schultern an und ließ sie gleich danach wieder fallen.
„Kein Problem. Aber ich habe jetzt eine Aufgabe für dich!“, sagte sie und ich sah sie neugierig an. Eines der bekannten Rätselspiele. Gut, wir hatten in den vergangenen vierundzwanzig Stunden kaum geredet, da wir in Gedanken waren das Rätsel des anderen zu lösen. Bella hatte von mir eine Aufgabe mit vier Holzstäbchen bekommen, die sie vor knapp einer halben Stunde gelöst hatte. Nun war sie dran ein Rätsel zu stellen.
„Es ist nicht wirklich eine Aufgabe, mehr ein Witz, aber mir ist gerade nichts Besseres eingefallen. Sag Postbote ohne o.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und versuchte das Wort auszusprechen: „Pstbte.“ Ich brauchte gut vier Anläufe bis ich diesen Zungenbrecher ‚fehlerlos‘ sagen konnte. Währenddessen lachte sich Bella schlapp.
„Was?“, fragte ich sie.
„Das hättest du viel einfacher haben können mit Briefträger.“ Nun konnte ich auch nicht mehr anders als lachen. Warum war ich nicht darauf gekommen?
***
„Da ich wieder vollkommen rehabilitiert bin, dachte ich mir, dass ich dich heute überrasche.“ Mit bösem Blick strafte sie mich, denn ich hatte erfahren, dass sie Überraschungen hasste.
„Gib mir wenigstens einen kleinen Tipp“, quengelte sie, doch ich zeigte mich unnachgiebig.
„Nein, du wirst es früh genug erfahren und ich denke, dass es dir gefallen wird.“ Die Nase rümpfend stand sie auf und entsorgte beim nahegelegenen Mülleimer die Plastikbehälter.
„Nun gut, dann auf, auf, ich will mich meiner Überraschung stellen!“ Sie klatschte in die Hände und eilte schon zum SUV. Kopfschüttelnd stand ich auf und ging ihr hinterher. Das konnte etwas werden.
~~~~~*~~~~~
„Also, Sie haben hier zwei Karabiner. Von denen müssen immer beide auf dem Stahlseil befestigt sein. Sollten wir diese umhängen müssen, dürfen Sie niemals beide Sicherungen gleichzeitig aufmachen. Dieses Verschluss aufdrehen, den Karabiner öffnen, am nächsten Seil anhängen, einklinken und wieder zuschrauben und dann der nächste.“ Das zeigte Maxwell – der lieber Max genannt werden wollte – vor und wir mussten es einmal nachmachen.
„Gut, dann haben Sie hier noch eine Seilrolle, die für die Strecken, die wir über den Wald ‚fliegen‘ brauchen werden. Als erstes legen Sie eine der beiden Karabiner, auf das Seil und danach bringen Sie die Seilrolle an. Anschließend wird der zweite Karabiner am Seil angebracht und Sie gehen bis zum Rand der Plattform. Sie sollten nicht unbedingt ‚hineinspringen‘, am besten Sie setzen sich auf die Fläche und rutschen hinunter. Mit der Rolle fliegen Sie dann zur anderen Plattform. Es kann die Möglichkeit bestehen, dass Sie sich währenddessen zu drehen beginnen, jedoch sollten Sie versuchen am anderen Ende wieder in Fahrtrichtung zu sehen. Während der ganzen Zeit würde ich Sie bitten, sich nie an einem der Stahlseile festzuhalten sondern nur an den Seilen, die Ihnen zur Verfügung stehen beziehungsweise beim Flying Fox, an dem Seil, an dem die Rolle befestigt ist. Haben Sie noch Fragen, Wünsche, Beschwerden oder Anregungen?“, fragte Max und wir schüttelten nur den Kopf.
„Gut. Ich werde das Schlusslicht bilden, meine Kollegin den Anfang und Sie müssten nun ausmachen, wer an welcher Stelle möchte. Dann kann der Spaß auch schon beginnen.“ Er ging zurück zu dem Haus, aus dem er unsere Klettergurte geholt hatte und Bella fiel mir plötzlich um den Hals.
„Danke“, sagte sie und küsste meine Wange, „So etwas wollte ich schon immer einmal machen. Das ist so cool!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht und nahm den Helm, den wir nun von Max bekamen, entgegen und setzte diesen sogleich auf.
„Haben Sie sich schon entschieden?“, fragte Max nun und ich sah Bella an.
„Ich denke, dass meine Frau vorgehen wird. Darauf zu warten bis ich das Hindernis überwunden habe, wird sie vermutlich nicht aushalten“, lachte ich und unser Lehrer nickte mir zu.
„Nun, dann folgen Sie Susan, bitte. Meine Kollegin wird Seilerste sein, dann kommt Ihre Ehefrau, Sie und ich bin der Letzte. Dass immer nur eine Person eine Übung machen darf, habe ich schon erwähnt?“, fragte er nun und wir nickten ihm zu. Susan setzte sich in Bewegung und ich fixierte noch schnell meinen Helm, denn eine Verletzung wollte ich nicht riskieren. Nachdem wir über ein paar Hängebrücken marschiert waren, blieben wir stehen.
„Die ersten Übungen werden noch leicht sein, danach wird das Level immer weiter gesteigert. Falls Sie einmal keine Kraft mehr haben, oder Sie merken, dass Sie die Übung nicht alleine bewältigen können, sagen Sie Bescheid. Das ist uns lieber, als dass Sie dann auf dem Seil hängen und wir wissen nicht was los ist. Die Möglichkeit, die Route zu verlassen besteht immer nach einem Schwierigkeitsgrad. Wenn Sie bis zum Ende des Kletterparcours kommen, erwartetet Sie ein Flug über den Wald, der etwa hundert Meter neben uns endet. Wir werden also jetzt gut drei Stunden unterwegs sein und hier wieder ankommen. Egal, ob zu Fuß oder mit der Flying Fox, aber es ist es wert solange durchzuhalten.“ Susan zeigte uns noch einmal, wie man die Karabiner sicher umhängte, sodass man keinen Sturz riskierte und marschierte dann schon los. Die ersten paar Übungen waren wirklich einfach. Ein dicker eckiger Baumstamm, ein Netz, das oben und unten befestigt war, ein Tunnel, durch den wir kriechen mussten und unser erster Flying Fox, mit dem wir ein paar Sekunden über den Boden geflogen waren.
„So, jetzt kommen wir zu den Partnerübungen. Ich denke, die erste werden wir mit Ihnen machen, das heißt, Bella, Sie bitte mit Susan und Edward, Sie mit mir. Danach werden wir wechseln.“ Wir gingen auf der Plattform herum und sahen einen Teil der Paarübungen. Das würde ich bestimmt nicht machen. Während sich mein Inneres dagegen sträubte, marschierte Bella einfach so mit der Kletterin über den Parcours und ich konnte nur versteinert zusehen.
„Edward, ist alles in Ordnung?“, fragte mich Max, der das anscheinend bemerkt hatte.
„Ja, ja… alles okay“, zwang ich mich zu sagen. Ich würde das jetzt durchziehen!
„Dann, auf geht´s. Die Damen haben ein ziemliches Tempo drauf. Wenn wir sie nicht bald einholen, werden sie uns noch davon laufen.“ Ich nickte ihm zu und stieg auf das fixierte Stahlseil. Bei der Übung mussten wir uns gegenseitig Holzbretter, die an Seilen befestigt waren zu schwingen, sodass wir die Unterbrechungen überbrücken konnten.
„Ihr habt aber lang gebraucht“, meinte Bella und sah sich gelangweilt ihre Fingernägel an, bevor sie zu der nächsten Aufgabe ging, die wir nun gemeinsam bestreiten würden. Es waren wieder zwei Seile, doch dieses Mal mussten wir nach unseren Händen greifen und dann seitlich hinübergehen.
„Edward, lehn dich nicht so weit nach vorne“, sagte Bella gepresst, als ich kurzzeitig das Gleichgewicht verlor.
„Dann mach du doch langsamer!“ Wir sahen uns in die Augen und fochten ein Blickduell aus.
„Mir dir kann man so etwas nicht machen“, keifte Bella nun und tippte mit dem Zeigefinger gegen meine Brust.
„Nein, mit dir kann man so etwas nicht machen. Du machst es viel zu schnell!“
„Nur weil du so alt bist und dich nicht mehr gut bewegen kannst!“, giftete sie weiter und stemmte ihre Arme gegen die Hüfte.
„Wie bitte? Ich bin doch nicht alt! Und ich kann mich bewegen und bin stärker als du. Aber ich überlege einfach was ich mache und handle nicht intuitiv!“
„Jetzt spielst du schon wieder auf die Schachsache an!“
„Ähm… ich will nicht stören, aber wir wären auch wieder hier!“ Geschockt drehten wir uns zu den beiden Kletterern um und ich fühlte mich sofort ertappt. Ich setzte gerade an uns zu entschuldigen, doch Max unterbrach mich: „Das ist kein Problem, Edward. So etwas kommt hier recht oft vor. Es sind nur noch zwei und dann gibt es eine kleine Verschnaufpause, in der wir einen kleinen Sparziergang durch den Wald machen, die Flora und Fauna betrachten können und wir Vertrauensübungen machen, bevor es ans wirkliche klettern geht. Jetzt kommt eine Leiter, bei denen die meisten Paare Schwierigkeiten haben. Es gibt zwei Möglichkeiten auf die Plattform über uns zu gelangen. Entweder geht der körperlich Stärkere als erster eine Stufe hinauf und zieht den anderen dann hoch, oder er drückt den anderen von der unteren Stufe hinauf und hantelt sich selbst dann hoch. Ihnen ist es überlassen, wie Sie es machen.“ Bella ging vor und kam sofort wieder zurück.
„Nein, das werde ich bestimmt nicht machen, nie im Leben!“
„Ach komm schon, Schatz, das schaffen wir.“ Sie hob eine Augenbraue in die Höhe und deutete mir mit dem Kinn mich selbst zu überzeugen. Okay… das würde bestimmt sehr lustig werden, denn die Holzbalken waren gut eineinhalb bis zwei Meter auseinander. Kein Wunder, dass Paare hier ihre Probleme hatten.
„Also-“, begann ich und wurde gleich von Bella unterbrochen, die mich nachäffte: „Ach komm schon, Schatz, das schaffen wir!“ Und sie nahm gleich das Hindernis in den Fokus.
„Ich denke, dass es für uns einfach wäre, wenn du mir hoch hilfst, bei den größeren Abständen. Die ersten paar sollte ich alleine schaffen.“ Ihr zunickend, nahm ich eines der beiden Seile, mit denen wir uns nun sichern mussten und befestigte es an dem vorgesehenen Karabiner auf Bellas Rücken. Sie tat das gleiche bei mir.
„Wenn Sie Hilfe brauchen, wir sind hier!“, sagte Max, bevor wir uns an das Erklimmen dieser Leiter machten. Die ersten paar Stufen erklommen wir ohne größere Probleme, doch die letzten beiden stellten uns vor die Entscheidung, ob ich nun wirklich Bella hochheben oder hochziehen sollte.
„Schau nicht so doof, sondern hilf mir gefälligst“, meinte meine Frau im Befehlston und ich versuchte ihr hoch zu helfen. Dies klappte auch gut, doch ich wurde sofort wieder angekeift: „Edward, grapsch mir noch einmal am Arsch und du lernst meinen rechten Haken kennen!“ Augenverdrehen zog ich mich hoch. Also würde sie sich die letzte Stufe zu der Plattform hochziehen müssen.
„Geht doch!“, sagte sie stolz, als wir uns oben sicherten und auf unsere Begleiter warteten.
„Es war gar nicht mal so schwer.“ Ach wirklich? Ich hatte nur die ganze Arbeit geleistet und mir taten jetzt die Hände weh, aber ich wollte keinen neuen Streit vom Zaun brechen.
Zwei Stunden, ein paar Streitereien – bei denen hatten uns unsere Begleiter ziemlich amüsiert angesehen – zig Vertrauensübungen und Gemeinschaftsaktivitäten, sowie einen kleinen Sparziergang später, bei dem uns ein Paar entgegen kam, das uns erkannte und nach einem Bild fragte, hatten wir es geschafft: wir waren am Ziel, bei der Flying Fox.
„Okay, hier wären wir. Da meine Kollegin so klug war Ihre Rolle zu verlieren, würden wir Sie bitten das gemeinsam zu machen.“ Entgeistert sahen wir die beiden an und wirklich, dieses Tool war nicht mehr vorhanden. Seufzend reichte ich Susan dieses und wand mich zu Bella, die mich böse ansah.
„Kann uns das überhaupt beide tragen?“
„Ja, sonst könnten wir Ihnen gar nicht helfen, falls Sie nicht weiter könnten. Der erste Flying Fox ist relativ kurz und der zweite ist dann der längere. Sie werden über die Baumkronen fliegen, passen Sie dabei bitte auf Ihre Füße und Hände auf. Diese immer beim Körper behalten. Zusammen werden Sie eine nette Geschwindigkeit aufbauen, keine Sorge, Sie werden nicht in den Baum hineindonnern. Das wurde alles so sicher konstruiert.“
Wir nickten Max zu und stellten uns nebeneinander auf die Plattform. Gleichzeitig stießen wir uns ab und unsere Körper krachten schmerzhaft aneinander.
Ein „Autsch“ kam uns unisono über die Lippen.
„Bei der nächsten Plattform setzen wir uns hin“, forderte Bella als wir gerade jener genannten entgegen flogen und ich konnte ihr nur zustimmen. Ich griff nach dem Seil, das am Baum befestig war, sodass wir nicht mehr zurückrutschen konnten, war mir heute schon einmal passiert… Wie es Bella gefordert hatte, machten wir es auch. Wir ließen uns auf den Boden nieder, dicht nebeneinander.
„Auf drei“, meinte ich und sah zu Bella. Diese biss auf ihrer Lippe herum und blickte in den Wald unter uns.
„Scheiße, ist das hoch“, murmelte sie und verkrampfte ihre Hände. Ich schlang eine Hand um ihre Taille und zog sie zu mir, damit wir nicht wieder gegeneinander schlagen würden.
„Eins… zwei…“ und weiter zählte ich nicht, da ich uns beide von der Plattform hinunterzog. Bella schrie wie am Spieß und ich konnte nur lachen bei ihrem Gesichtsausdruck. Ihre Hände vergruben sich in meinem Shirt und ich spürte ihre Nägel über die Brust kratzen. Als sie mir aber dann ins Ohr brüllte, als wir uns zu drehen begannen, musste ich sie zum Schweigen bringen und dafür hatte ich zwei Alternativen. Entweder ich löste eine Hand und drückte ihr diese auf den Mund, oder ich küsste sie. Und ich entschied mich – Gentleman, der ich war – für den Kuss. Meine Hand legte sich auf ihre Wange und meine Lippen auf ihre. Sie waren weich und geschmeidig. Zu meiner Verwunderung erwiderte sie diesen. Seit der Hochzeit hatte ich sie nicht mehr geküsst und ich musste feststellen, dass ich es vermisst hatte. Damals im Pool war ich zurückgewichen und hatte mich bei ihr entschuldigt, dass es unpassend war. Doch das hier war kein unschuldiger Kuss mehr wie bei der Hochzeit, er war besser, viel besser. Es war zwar kein leidenschaftlicher Kuss, aber einer der Wohlbehagen übermittelte und den sich verliebte Paare gaben. Verliebte Paare? Was dachte ich da, ich war nicht verliebt. Ich spürte, wie wir langsamer wurden und löste mich von Bella, die ihre Augenlider öffnete und mich mit einem Blick ansah, in dem Wut, Zorn, Entrüstung, aber auch Gefallen zu finden war. Plötzlich spürte ich eine Matte im Rücken und eine Hand an meinen Hoden. Ruckartig stieß ich die Luft aus. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, dabei rieb ihr Oberkörper an meiner Brust und ich spürte ihre harten Nippel. Ihre Lippen waren nah an meinem Ohr, als sie mir etwas zuflüsterte, das mich erschaudern ließ. Das was sie sagte, war doch nicht ihr Ernst, oder?