Kapitel 17

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Man sagt: Man könne den Menschen beim Spiel am besten kennenlernen; seine Leidenschaften zeigten sich da offen und wie in einem Spiegel. So habe ich auch gefunden.“ – Johann Wolfgang von Goethe


Stilles Schweigen herrschte beim Abendessen. Seit dem Nachmittag hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Ich hatte mein Buch verschlungen und Edward irgendetwas für die Wahl gemacht. Lähmende Stille machte sich breit, bis sein BlackBerry läutete.
„Tanya?“, fragte Edward, als er vom Handy abhob. Verwirrt sah er mich an. Anscheinend hatte er so wenig wie ich mit einem Anruf meiner Schwägerin und seiner Schwester gerechnet.
Er nahm das iPad in die Hand, welches bis jetzt neben ihm gelegen hatte und schaltete es ein. Zum Vorschein kamen Tabellen und Grafiken.
„Ja, ich hab die Umfrageergebnisse vor mir… ja… ja, das sehe ich auch. Ich bin nicht blind…“ dabei verdrehte er die Augen und deutete mir, dass er gehen würde. Ich zeigte mit dem Finger auf das Tablett und er nickte nur, bevor er verschwand. Deshalb nahm ich es und sah mir die Statistik an. Sie waren merklich in die Höhe gegangen, weshalb hatte sie dann angerufen. Ich schloss die Grafiken und sah auf das Hintergrundbild. Mein Gesicht strahlte mir entgegen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wo wir waren, als Emmett es heimlich aufgenommen hatte… Seufzend wollte ich das iPad in den Schlafmodus stellen, als mir ein kleines Icon ins Gesicht sprang. Ich öffnete die Datei und das Cover von „Fifty Shades of Grey“ war abgebildet.
Oh, hatte der werte Herr gesehen was ich da las? Bei dem Gedanken waren zwei Gefühle im Vordergrund: Scham, da er es ebenfalls las und Verwirrung, weil ich nicht wusste, ob er nun das mit mir machen würde… Denn mir war von Anfang an klar, dass ich rein gar nichts mit dieser Protagonistin gemeinsam hatte. Sie war naiv und ließ sich von dem Kerl dominieren und das in jeglichem Aspekt. Kopfschüttelnd legte ich das technische Gerät zur Seite und gab eine kleine Schachtel auf Edwards Platz gegenüber von mir. Ich hatte nicht vergessen, dass unser Hochzeitstag auch sein Geburtstag war und wollte es nicht als gute Ehefrau versäumen, ihm nachträglich sein Geschenk zu geben.

Nach ein paar Minuten kam ein genervter Edward zurück und taxierte das Etui verwirrend.
„Was ist das?“, fragte er misstrauisch und nahm das Geschenk in die Hand. Mit zusammengezogenen Augenbrauen ließ er sich wieder auf seinen Stuhl vis-à-vis nieder.
„Dein Geburtstagsgeschenk. Ich hoffe, dass es dir gefällt. Da ich nicht wirklich wusste, was dir gefällt, ist es neutral ausgefallen.“ Meine Antwort schien ihn zu überraschen, denn eine der Brauen schoss merklich in die Höhe. Langsam öffnete er die Schleife und hob den Deckel in die Höhe. Vorsichtig nahm er einen der beiden Manschettenknöpfe heraus und begutachtete diesen.
„Vielen Dank. Du hast sogar meine Initialen eingravieren lassen.“ Es klang nicht gerade begeistert, aber ich hatte mir auch nichts anderes erwartet. Ich presste meine Lippen aufeinander, sodass mir keine bissige Antwort entschlüpfen konnte.
„Ich habe ebenfalls etwas für dich.“ Nun war es an mir ihn verwirrt anzusehen. Er griff auf den Stuhl, der neben ihm stand und förderte ein großes Etui mit der Aufschrift Tiffany & Co. zu Tage. Ich überlegte für was dieses Geschenk war.
„Deine Morgengabe“, erklärte mein nun Ehemann und streckte es mir entgegen.
„Morgengabe?“
„Ein Geschenk des Ehemannes an seine Frau. Eigentlich am Morgen nach der Hochzeitsnacht, aber ich dachte mir, dass ich sie dir jetzt schenke. Es ist in unserer Familie ein Brauch.“
„Aha… Und das bedeutet jetzt was?“
„Nun ja…“ verunsichert fuhr er sich durch sein Haar, „eigentlich – so wurde es früher gehandhabt – ist es eine Entschädigung für die Braut, dass sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat.“
„Oh… oh… oh… dann sollte ich es aber nicht annehmen!“, sagte ich und spürte, wie meine Wangen rot wurden. Denn wir beide wussten, dass es in der vergangenen Nacht keinen Sex gegeben hatte. Ich war mir nicht klar, weshalb mir das peinlich war und wollte einfach nur aus dieser Situation flüchten.
„Mach es doch auf. Egal ob…“ Er machte eine bedeutende Handbewegung. Das Schmucketui war immer noch in seiner Hand und er hielt es vor meine Nase. Gezwungen lächelnd nahm ich es und öffnete mein Geschenk. Ich riss meine Augenlider auf, als ich sah, was sich darin befand.
„Oh Gott, das kann ich unmöglich annehmen. Das hat bestimmt ein Vermögen gekostet!“, sagte ich und wollte es ihm wieder zurückgeben.
„Gefällt sie dir nicht?“ Edward klang beleidigt und in seinem Stolz getroffen. Anscheinend handelte es sich bei Männern und Schmuck folgendermaßen: je größer, extravaganter und kostspieliger, desto besser.
„Ähm… also… das Collier ist nett, wirklich, aber… nun ja… etwas zu pompös… ich bin mehr für schlichte Sachen, die nicht gleich ins Auge springen und die Kette…“
„Ich versteh schon… Nett ist die kleine Schwester von scheiße“, fluchte er und ballte seine Hände zu Fäusten. Er schnaubte und sah mich dann verwirrt an.
„Edward, sie ist toll, wirklich. Zwar kann ich sie nicht immer tragen, aber wenn du die Wahl gewinnst, dann habe ich einen Anlass sie zu tragen und zwar der Inaugural Ball. Der Abend als Mister President und First Lady. Das First Couple und der erste Tanz.“ Ich lächelte ihn aufmunternd an.
„Würdest du sie mir anlegen?“, fragte ich ihn und war mir selbst nicht sicher dabei. Er erwiderte mein Lächeln, stand auf, kam um den Tisch zu mir und nahm schließlich die Kette aus dem Etui. Vor meinem Gesicht ließ er sie langsam hinab. Ganz vorsichtig schob er mein Haar über die linke Schulter, bevor er mir das Collier anlegte. Plötzlich küsste er meinen freigelegten Hals zärtlich und ein Schauer jagte mir über den Rücken. Keiner, der vor Angst entstand, sondern einer, der von Erwartung und Lust begleitet war. Wobei ich mir bei der Lust selbst nicht so sicher war…
Zaghaft berührte ich mit meinen Fingerspitzen das filigrane Geschmeide. Die Kette war wirklich schön, nur etwas zu viel für meinen Geschmack. Wäre diese fünf Wasserfall ähnlichen Reihen, die bei meinem Schlüsselbein begann und bei dem Ansatz meines Busens aufhörten, nicht gewesen, so wäre es ein annehmbares Collier gewesen.
„Diamanten?“, fragte ich, als ich über den harten Edelstein fuhr.
„Ja, oval, eckig und rund geschliffen und in eine Platinfassung eingearbeitet.“ Edward klang dabei stolz, oder hatte ich mir das nur eingebildet. Ich nickte nur, bevor ich meinen Mann wieder bat mir den Schmuck abzunehmen.
„Haben wir einen Safe hier? Denn ich würde das sehr ungerne unbewacht lassen.“
„Ich werde es in den im Büro geben. Wenn du möchtest, kann ich dorthin auch deinen Reisepass geben.“ Kurz nickte ich ihm zu.
„Nun gut, dann werde ich das Collier verstauen gehen. Vielen Dank nochmal für mein Geschenk. Ich hoffe, dass es dir nichts ausmacht, wenn ich eine Runde laufen gehen werde, oder?“
„Nein, nein. Geh ruhig. Ich werde mich mit der Fortsetzung des Buches, das ich heute Nachmittag fertig gelesen habe, widmen.“ Neugierig sah er mich an und fuhr sich über sein Kinn.
„Was ist das denn jetzt für ein Buch?“
„Lies es und du wirst es herausfinden“, konterte ich lachend, da ich wusste, dass er es bereits las. Schnell schnappte ich mir die beiden Teller und Gläser und huschte dann in die Küche.




~~~~~*~~~~~



Ich saß mit einem Glas Rotwein, einem Ben und Jerry’s Eis sowie mit dem Buch „Fifty Shades Darker“ auf dem Sofa im Wohnzimmer, das auf der untersten Ebene angesiedelt war. Mir auf die Unterlippe beißend las ich gerade die Szene, in welcher Ana sich zum Teller des Desserts verwandelt und Christian das Eis auf ihrem Körper verteilte. Als mir plötzlich klar wurde, welches Eis es war und welches ich gerade aß, verschluckte ich mich. In dem Moment trat ein verschwitzter Edward in das Wohnzimmer und wischte sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn.
„Bella, ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt und kam sofort zu mir. Zaghaft klopfte er mir auf den Rücken, bis mein Husten verebbte.
„Danke. Ich hab mich nur verschluckt, als ich diese Szene hier las. Aber jetzt geht es wieder.“ Vorsichtig lächelte ich ihn an und klappte das Buch zu. Bald würde er wissen um welche Szene es sich drehte, doch das war mir in diesem Moment egal.
„Oh, na dann…“ Unsicher sah sich Edward um und griff sich mit einer Hand in sein nasses Haar, bevor er fortfuhr „… dann werde ich duschen gehen und dir dann, wenn ich darf, Gesellschaft leisten. Ich werde etwas für die Wahlen machen, denn untätig kann ich hier nicht herumsitzen.“ Ich nickte ihm zu und schlug wieder die Seite auf. Mein Eis stellte ich bewusst weg und verschlang das Buch weiter.

Unruhig rutschte ich auf dem Stoff hin und her und sah von den Zeilen des Buches auf. Edward saß vis-à-vis von mir und starrte mich unverhohlen an. Unwillkürlich zog ich meine Augenbrauen zusammen und biss mir auf meine Unterlippe. Diese Geste hatte ich nun leider von der Protagonistin aufgenommen. Ich sollte mit diesen Büchern aufhören. Selbst wenn Rose und Alice ganz begeistert davon waren. Jedoch schwirrte mir bei jeder Sexszene die Frage im Kopf herum: Welche Frau tat sich das ehrlich an? Durch einen Schlag auf seinen Po solch eine Erregung und Lust zu verspüren, war für mich nicht vorstellbar. Kopfschüttelnd legte ich den Roman neben mich.
„Ist etwas?“, fragte ich Edward, der mich immer noch anstarrte. Kaum merklich verengte er seine Augen. Er blickte mir aber nicht in mein Gesicht, sondern nun auf mein Dekolleté, wie ich feststellen musste. Dort war vorhin ein Stück des Eises hinuntergetropft.
„Gefällt dir das Buch?“, kam plötzlich der Themenwechsel von Edward, welcher sich inzwischen auf mein Gesicht konzentriert hatte.
„Ähm… nun ja… ich empfinde es nicht gerade als literarisch wertvoll, aber ich lese es…“ Unsicher fuhr ich mir durch mein Haar und zog meine Beine an meinen Körper.
„Und um was geht es jetzt genau in diesen Büchern. Ich habe eine vage Vorstellung und mich interessiert es, was die halbe Welt gerade liest. Zumal ich bei der New York Times Bestsellerliste gesehen habe, dass die drei Bücher – ich denke, dass es sich hierbei um eine Trilogie handelt – die ersten drei Ränge für sich innehaben.“
„Es ist schwer zu erklären, soll ich dir den ersten Teil leihen? Ich müsste nur ein Stockwerk höher gehen und könnte es dir dann geben“, sagte ich und musste so tun, als ob ich nicht wüsste, dass er das eBook schon besaß.
„Oh nein, bitte mach dir nicht die Mühe. Ich habe es mir schon auf mein iPad geladen. Schließlich haben Tanya und meine Praktikantinnen, wenn ich an der Teeküche vorbei bin, immer nur über diesen Fifty geredet. Und als ich gesehen habe, dass du das Buch ebenfalls liest, habe ich meine Neugierde am Schopf gepackt und es mir online erworben. Solltest du jetzt sagen, dass der Roman nicht gut ist, so werde ich ihn nicht lesen. Denn ich denke, dass ich deinem Urteil Vertrauen schenken kann.“
Ein zaghaftes Lächeln trat in sein Gesicht und ich erwiderte es vorsichtig.
„Nun ja… ich weiß nicht, ob du so etwas lesen möchtest… hmmm, aber ich denke, dass du es probieren kannst. Wie heißt es immer so schön: Probieren geht über Studieren.“ Er nickte mir zu und ich begann herzhaft zu gähnen. Mein Blick glitt zur Uhr, die an der Wand befestigt war und ich musste feststellen, dass es schon Mitternacht war. Gähnend stand ich auf, wünschte Edward eine gute Nacht und verschwand dann in mein Zimmer.

Nachdem ich schnell unter die Dusche gesprungen war, mir ein luftiges Nachthemd angezogen und die Tür zum Balkon geöffnet hatte, legte ich mich auf das einladende Bett. Kurz ließ ich den ersten Tag unserer Flitterwochen Revue passieren. Der Gedanke daran, wie mich Edward gemustert hatte, als ich in dem Bikini und der Tunika vor ihm gestanden hatte, ließ etwas in mir wach werden, was ich nicht zu benennen wusste. Dieser Blick hatte etwas Besitzergreifendes, Lustvolles und Leidenschaftliches an sich gehabt, das mich unsicher gemacht hatte und war froh gewesen, als Edward selbst die Spannung durchbrochen hatte. Dann waren da noch diese Minuten, in denen wir schon fast freundschaftlich im Wasser gespielt hatten, bis durch meine Taktikänderung wir beide im Wasser gelegen hatten und meine Gedanken, Ängste und Anliegen einfach nur so wie ein Wasserfall aus mir herausgesprudelt waren.
Es war für mich wichtig zu wissen, dass wir uns kennenlernen wollten und dass das in beidseitigem Interesse entstand. Zwar war es mir immer noch zuwider mit einem Mann Sex zu haben, den ich nicht liebte – denn das tat ich im Falle von Edward Cullen nicht, sondern es bestand nur eine Anziehungskraft zwischen uns, die man am besten mit sexueller Spannung bezeichnen könnte – doch würde es mir leichter fallen, wenn ich ihn kannte und mir dessen bewusst war, dass er mich nicht verletzen würde und damit meinte ich nicht physisch, sondern psychisch. Das würde ich nicht nochmals ertragen können. Edward hatte mich schon vor ein paar Wochen soweit gehabt, dass ich nur noch seine Marionette gewesen wäre, hätte ich keinen Abstand zwischen uns gebracht. Ich lauschte noch träge dem Rauschen des Meeres, bevor ich langsam aber sicher in das Land der Träume sank.

Der nächste Morgen kam eindeutig zu früh. Es war schon lange hell draußen und die exotischen Vögel zwitscherten um die Wette. Gähnend blickte ich auf den Wecker am Nachtkästchen und streckte mich ausgiebig. Ich hatte etwas geträumt, doch ich konnte mich nicht mehr recht daran erinnern, was es gewesen war. Kopfschüttelnd setzte ich mich auf und bemerkte das türkisfarbene längliche Etui neben meinem Kopfkissen, darunter war ein Zettel. Verwirrt sah ich es an und nahm es in die Hand, das Stück Papier ignorierend. Von allen Seiten begutachtete ich es, bevor ich es vorsichtig öffnete. Zum Vorschein kam ein silbernes Armband, auf dem zwei Charms angebracht waren. Das eine war ein silbernes B mit Steinen besetzt, vermutlich Diamanten und das andere – ganz zu meiner Verwunderung – ein kleiner Jack Russell Terrier. Sofort musste ich an Eddie denken, der derzeit bei Tanya war, denn die Strapazen dieses Urlaubes wollte ich meinem kleinen Freund nicht aussetzen. Zumal er und Edward ein paar kleine Differenzen hatten. Lächelnd strich ich über das Armband, welches mir mehr bedeutete, als diese dumme sündhaft teure Kette, die mir Edward gestern geschenkt hatte. Nun nahm ich den Zettel und entfaltete diesen.

Liebe Bella,

ich hoffe, dass dir mein Geschenk gefällt. Da ich nicht wusste, ob dir die Kette gefallen würde, hatte ich mit Tanya gerätselt, was ich im Falle deines Widerwillens gegen so ein Collier tun sollte. Unsere ganzen Aufeinandertreffen ließ ich mir durch den Kopf gehen und mir fiel auf, dass du die ersten Male ein Bettelarmband mit ein paar Anhänger getragen hattest, dieses jedoch nach einiger Zeit abgelegt haben musstest, da ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, es in den vergangen Wochen gesehen zu haben. Deshalb möchte ich dir dieses schenken, es soll eine kleine Erinnerung an die Tage hier auf der Insel, aber auch an die, die uns noch bevorstehen, sein. Wie du siehst, habe ich ein B für Bella und den kleinen Hund für Eddie ausgesucht. Ich kann jetzt nur noch hoffen, dass ich deinen Geschmack getroffen habe.

Edward

Dies stand in seiner eleganten Handschrift auf dem cremefarbenen Blatt Papier. Seufzend legte ich alles beiseite und  machte mich für den Tag fertig, was folgendermaßen aussah: duschen – obwohl ich wusste, dass das nichts brachte – Zähne putzen, und etwas Bequemes anziehen. Während dieses Ablaufes, drängte sich immer die Frage des Warum in den Mittelpunkt meiner Gedanken. Warum tat er das? Warum genau jetzt? Warum nicht früher? Warum genau diese Charms?
Nachdenklich ging ich hinunter in die Küche, wo mich bei der Kücheninsel ein üppiges Frühstück erwartete. Jedoch war Edward weit und breit nirgendwo zu sehen. Ich setzte mich auf den Stuhl und machte mich daran mein Müsli zu vertilgen.
„Oh, hi. Du bist schon wach“, sagte plötzlich Edward, der gerade durch die Tür kam.
„Ja, scheint so. Ich habe ohne dich begonnen, ich hoffe, dass es dich nicht stört.“
„Nein, nein, denn ich habe schon gegessen.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und musterte ihn kurz. Unter dem weißen Muskelshirt zeichneten sich die Ansätze eines Six-Packs ab und sein Bizeps war auch nicht zu verachten. Gestern hatte ich im Laufe des Tages am Strand immer wieder flüchtige Blicke auf seinen Körper geworfen… Nein, daran durfte ich jetzt nicht denken!
„Oh…“, kam es mir sehr geistreich über die Lippen, als ich immer noch seine Brust anstarrte.
„Bella, wie wäre es, wenn ich das Programm für den heutigen Tag ziehen würde?“ Erst jetzt merkte ich die gläserne Schale in seinen Händen mit den gefalteten Zetteln. Nachdem ich ihm zugenickt hatte, kam er auf mich zu und wühlte mit einem Grinsen in dem Behälter herum, bis er zwei Zettel neben mir auf der Theke abgelegt hatte.
„So, dann sehen wir einmal nach was wir heute machen…“ freudig öffnete er den ersten Zettel und starrte verwirrt das Papier an – vermutlich war es etwas, das ihm gar nicht gefiel, „… gut, heute Vormittag wird Tennis gespielt“, sagte er nun lustlos.
Oh, wollte oder eher konnte er es nicht spielen? Da würde ich aber meine Freude am Platz haben. Vielleicht gelang mir ja der allzu bekannte Bella-Schlag… Bevor ich weiter grübeln konnte, fuhr er fort: „Und am Nachmittag wird Schach gespielt.“ Dieses Mal war ich es, die gelangweilt in die Luft starrte.
„Nicht so viel Enthusiasmus!“, kicherte Edward und händigte mir die Zettel aus. Verwirrt sah ich ihn an, denn ich wusste nicht, was er von mir wollte.
„Was hast du gestern mit dem Papier gemacht?“ Nun verstand ich ihn.
„Gib sie mir. Ich hab eine kleine Schachtel, in die ich sie hineingelegt habe. Die kommen dazu.“ Ich nahm ihm die beiden Zettel ab und erhob mich von meinem Platz, um diese in die Taschen meiner Shorts zu stecken. Gemeinsam räumten wir die Theke ab und alles in den Geschirrspüler ein.

„Ähm, Edward…“, ich wusste nicht, wie ich beginnen sollte, „… mich persönlich stört es nicht, aber warum gibt es hier kein Personal. Versteh das bitte nicht falsch, ich bin froh, dass wir hier unter uns sind, aber bei dem riesigen Gebäude…“
„Ich dachte mir, dass dir das auffallen wird. Wir können jederzeit die Leute, die hier für gewöhnlich putzen, oder für Christian kochen, rufen lassen, sodass wir das nicht machen müssen, aber ich hatte die Vermutung, dass es einfach angenehmer wäre, wenn wir das selber machen und bis jetzt hat das gut geklappt.“
Ich nickte ihm zu und räumte den letzten Teller in den Geschirrspüler bevor ich diesen einschaltete. Nachdem ich mich aufgerichtet hatte, bemerkte ich erst, wie nah Edward und ich nebeneinander standen und wie sich unsere Unterarme beinahe berührten. Gedanklich schüttelte ich meinen Kopf um mich zu fassen.
„Dann werde ich mich fertig machen gehen, damit wir Tennis spielen können. Ein passendes Ensemble hat mir Tanya eingepackt.“ Edward verschränkte die Arme vor der Brust und schnaufte, als ich langsam aus der Küche ging. Ein „vielen Dank, Schwesterherz“ konnte ich hören, bevor ich mich schnell in mein Zimmer huschte.




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„Ich dachte, du könntest Tennis spielen, als du dich so gefreut hast!“, meinte Edward belustigt, als ich wieder einen Ball ins Netz und nicht darüber befördert hatte. Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn an, wenn er wüsste…

„Mein Lieber, einspielen nennt sich die Devise. Ich habe lang nicht mehr gespielt.“
„Dann wäre es wohl besser, wenn wir keine Punkte zählen würden“, schlug er vor und ließ seinen Schläger durch die Luft gleiten, was sehr komisch aussah, denn es war keine in sich fließende Bewegung. Kopfschüttelnd nahm ich einen Ball aus der Tasche meiner Shorts und ließ jenen einmal auf dem Boden aufschlagen.
„Bereit?“, fragte ich ihn und er beugte seine Knie, auch wenn es nicht danach aussah, als würde er glauben, dass ich den Ball dieses Mal auf die Seite seines Feldes servieren könnte. Wie beabsichtigt landete dieser wieder im Netz.
„Komm schon, Bella, du schaffst das!“ Seufzend fuhr sich Edward durch sein Haar. Nach dem nächsten Fehlversuch schien es ihm zu reichen.
„So, ich zeig dir jetzt einmal wie man das macht!“ Er kam auf mich zu und blieb neben mir stehen. Eine Hand hielt er ausgestreckt und ich reichte ihm einen der unzähligen Bälle, die ich noch eingesteckt hatte. Es war ein Wunder gewesen, dass er so lange so geduldig geblieben war. Edward zeigte mir ein paar Mal, wie er den Ball über das Netz beförderte, bevor ich mich daran machen musste. Da mir diese Lehrstunde zu dumm war und ich spielen wollte, schoss ich immer in das Feld gegenüber.
„Geht, doch!“, sagte er und stapfte wieder zurück. Kaum stand Edward auf seiner Position, servierte ich wieder und ließ den Ball abermals im Netz landen. So schnell würde ich dieses Spiel nicht aufgeben, denn es machte wahnsinnigen Spaß ihn in Unkenntnis zu lassen, dass ich Tennis spielen konnte und nur so tat, als könnte ich es nicht. Diese Verzweiflung, die ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben war, war einfach nur göttlich anzusehen, genau wie der aufkeimende Zorn. In mich hineinlächelnd retournierte ich den Ball, den er mir zugespielt hatte. Sein Gesicht hellte sich überrascht auf und spielte ihn wieder zurück.
„Langsam wird es. Möchtest du mit oder ohne Punkte nun spielen?“, erkundigte er sich. Edward hätte dies mit Sicherheit nicht angeboten, wenn er meine Aufschläge kennen würde. Anscheinend war er sich schon sicher, dass er gewinnen würde. Da musste ich meinen Ehemann aber sehr enttäuschen.
„Gerne. Auf zwei oder drei Sätze?“, rief ich ihm zu und er deutete mit seiner freien Hand zwei, da er gerade ein Schluck Wasser nahm. Ich nickte ihm zu und machte mich in meinem Feld bereit.

Nach gut einer Stunde lag Edward keuchend am Boden. Bis zu seinem dritten gewonnenen Game ließ ich ihn im Glauben, dass er das Spiel in der Tasche hatte, doch dann begann ich meine Kenntnisse auszupacken und besiegte ihn haushoch, obwohl er sich gut schlug. Nun war nur noch der Matchball offen und vielleicht hatte ich Glück und konnte meinen Lieblingsschlag durchführen.
„Du… du… du…“, keuchte er, als er sich aufsetzte und nach seiner Wasserflasche griff. Zu seinem Bedauern musste er feststellen, dass er anscheinend alles ausgetrunken hatte, so wie er mich ansah, als ich einen Schluck aus meiner halbvollen machte.
„Ach komm schon, Edward, so schlimm war es doch gar nicht. Jedenfalls nachdem ich meine anfänglichen Schwierigkeiten beiseite geschoben habe. Steh auf, damit ich dich fertig machen kann. Dann können wir wieder zum Haus zurückkehren und du kannst etwas trinken.“ Ich lächelte ihm zuckersüß zu. Seufzend stand er auf und klopfte sich den orangenen Sand vom Körper. Seine Kleidung hatte in der letzten Stunde einiges abbekommen, denn er schmiss sich zu jedem Ball, damit ich keinen Punkt machen konnte. Es hatte aber nichts genützt. Ich servierte, Edward retournierte und ich hoffte, dass es klappte. Als ein gedrücktes: „Oh scheiße“ ertönte, wusste ich, dass es geglückt war. Mir auf die Lippe beißend hielt ich mein Lachen zurück und zwängte einen unschuldigen und fassungslosen Ausdruck auf mein Gesicht.
„Edward, ist alles in Ordnung? Habe ich dir wehgetan. Es tut mir so leid!“, sagte ich in meiner unschuldigsten Stimme. Ich lief zu ihm, als er keinen Laut mehr gab. Anscheinend hatte ich zu fest geschlagen… Mich neben ihm niederkniend versuchte ich einen Blick auf sein Gesicht zu bekommen, doch er hatte sich so eingeigelt, dass ich nichts erkennen konnte.
„Edward?“, fragte ich nun wirklich besorgt. Vorsichtig strich ich über seinen Rücken und dann den Arm.
„Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn du dich so zusammenkauerst.“ Er schüttelte den Kopf, bevor er mich ansah.
„Weißt du, wie weh das tut?“, stieß er hervor und versuchte aufzustehen, was ihm erst nach mehreren Anläufen gelang. Ich reichte ihm meine Wasserflasche, damit er etwas trank. Dankend nahm er sie entgegen und leerte sie in einem Zug. Seufzend und mit einem schmerzverzerrten Gesicht schüttelte er seine Beine aus.
„Komm, gehen wir zurück zum Haus. Soll ich einen Arzt rufen?“ Geschockt blickte er mich an, bevor er dann zaghaft nickte.
„Gut, dann gehen wir einmal langsam.“ Nun tat es mir wirklich leid, dass ich ihm den Ball mit solch einer Wucht auf seine Kronjuwelen geschossen hatte, aber es geschah ihm auch recht.

Ich wartete mit ihm im Wohnzimmer bis der Arzt eintraf, denn Carlisle anzurufen und diesem mitzuteilen was geschehen war, wollte ich eindeutig nicht.
„Erzählen Sie mir bitte, wie Sie sich verletzt haben“, sagte jener, als er seinen Koffer auf den Tisch abstellte und den nun liegenden Edward betrachtete. Schnell schilderte ich dem Mann die Lage und jener machte zwischendurch ein mitfühlendes Gesicht.
„Da hat Ihre Frau aber ins Schwarze getroffen, Senator“, meinte er nun leicht belustigt und sah mich grinsend an.
„Ich habe total vergessen Sie zu fragen, ob Sie etwas zu trinken wollen, Doktor.“
„Ein Glas Wasser, bitte, währenddessen kann ich Ihren Mann untersuchen“, lächelnd wand er sich nun ab und ich eilte aus dem Raum, denn ich wollte bei dieser Untersuchung nicht dabei sein. Ich ließ mir absichtlich lange Zeit und schlenderte wieder zurück ins Wohnzimmer.
„Ah gut, dass Sie zurück sind. Nun kann ich Ihnen beiden gleich sagen, worauf Sie die nächsten Tage achten müssen. Senator, Sie dürfen Sport machen, jedoch für die nächsten vier Tage nichts, das Sie einschnüren würde, also kein Klettern, oder etwas, was mit Klettergurten zu tun hat. Außerdem sollten Sie hartes Aufschlagen vermeiden, also auch kein Jet-Ski fahren. Was auch gleichzeitig für Sie bedeutet und das wird Sie womöglich am meisten treffen, für die nächsten Tage kein Sex.“ Mitfühlend sah er nun zwischen uns hin und her und ich musste die Lippen aufeinanderpressen, dass ich nicht zu lachen begann. Sex stand für mich in den Flitterwochen so oder so nicht auf dem Programm.
„Ich werde Ihnen ein paar Schmerztabletten hierlassen. Falls Sie merken, dass sich Ihr Zustand nicht verbessert, rufen Sie mich unverzüglich an.“ Edward bedankte sich bei dem Arzt, bevor ich jenen zur Haustür begleitete.
„Was hat mein Mann nun? Einen Penisbruch?“ Darüber hatte mir einmal Rose erzählt. Einer ihrer Lover hatte sich das zugezogen und sie war außer sich gewesen, als sie es erfahren hatte.
„Ein Penisbruch kann es nicht sein, das ist ausgeschlossen. Wissen Sie überhaupt, wie dieser zustande kommt?“, fragend sah er mich an und erkannte sogleich an meiner Mimik, dass ich es nicht wusste, denn damit hatte ich mich mit Sicherheit nicht beschäftigt.
„Dieser Bruch, dabei handelt es sich nicht, wie des Öfteren fälschlicherweise angenommen, um einen Knochenbruch, sondern um einen Riss des Gewebes im Glied des Mannes. Dies tritt dann ein, wenn der erigierte Penis des Mannes zum Beispiel mit Wucht gegen das Becken der Frau trifft, dadurch bricht dann das Gewebe und die Blutgefäße, was zu einem Anschwellen und Verfärbens des Geschlechtsteils führt. Das ist bei Ihrem Mann nicht der Fall. Durch die Wucht des Aufpralles – ich muss gestehen, Sie müssen entweder einen guten Return haben, oder gut servieren können – des Balles ist der Penis Ihres Mannes angeschwollen, was ganz normal ist.“ Es klang für mich, als würde er es aus irgendeinem Sexuallexika auswendig aufsagen…
„Was kann ich tun, damit er keine Schmerzen hat?“
„Kühlen, nicht beanspruchen, wie gesagt kein Sex für die nächsten Tage. Ihr Gatte sollte sich nicht überbeanspruchen und Erektionen vermeiden. Also am besten laufen Sie nicht in Kleidung herum, die ihn an Sex denken lässt. Die Medikamente sollten langsam wirken und er wird vermutlich ein kleines Nickerchen machen.“ Ich nickte ihm zu und bedanke mich nochmals bei ihm.
„Mit solch einer Verletzung ist nicht zu spaßen, deshalb erinnere ich Sie noch einmal, dass Sie mich jederzeit anrufen können, wenn Ihr Gatte merkt, dass es ihm schlechter geht. Falls Sie mich nicht erreichen, fahren Sie unverzüglich in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses. Meine Nummer haben Sie. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Seufzend kehrte ich in das Wohnzimmer zurück, wo Edward auf der breiten Couch lag und so vor sich dahinschlummerte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es Zeit zum Kochen war und ich freute mich darauf endlich selbst so richtig den Kochlöffel schwingen zu können. Denn ich wurde immer wieder bekocht und ich hasste es. So wischte ich schnell über Edwards schweißbedeckte Stirn, bevor ich eine leichte luftige Decke nahm und diese über seinem Körper ausbreitete. Die Klimaanlage kühlte auf Hochtouren, zum Leidwesen der Natur und Edwards. Danach ging ich schnell in mein Zimmer, um mich aus den verschwitzten Sachen zu befreien und danach in die Küche, um mit der Zubereitung unseres Mittagessens zu beginnen.

Ich war gerade dabei das Fleisch für die Spaghetti Sauce anzubraten, als ich hinter mir schlurfende Schritte wahrnahm. Über meine Schulter blickend erkannte ich, dass ein verschlafener Edward in die Küche getrottet kam. Sein Haar stand in alle Richtungen ab und er rieb sich die Augen.
„Gut geschlafen?“, fragte ich ihn und bekam ein kurzes Nicken, bevor er sich ein Glas holte und es mit Wasser füllte. Drei Mal hintereinander trank er es aus.
„Das riecht gut. Was kochst du?“ Er lehnte sich neben mir gegen die Küchentheke.
„Spaghetti. Ich hoffe, dass dir das schmeckt, wenn nicht, sag es schnell und ich kann noch etwas anderes daraus machen.“
„Nein, nein. Mach dir wegen mir keine Umstände. Ich esse so halbwegs alles. Gut, exotische Sachen, wie Känguru, Hund, Schlange et cetera muss ich nicht unbedingt haben. Davor graust es mir.“ Da konnte ich ihm nur zustimmen. Die armen Welpen, die ins kochende Wasser geworfen wurden. Nein, daran durfte ich nicht denken.
„Wenn du willst, kannst du die Nudeln ins Wasser geben, damit ich inzwischen die Sauce fertig würzen kann.“ Leise arbeiteten wir und es zog sich auch während des Essens, sowie des Wegräumens hin.
Seufzend und mit vollem Magen ließen wir uns beide aufs Sofa plumpsen. Ich legte meine Hände über meinen Bauch und schloss wohlig meine Augen.
„Was wollen wir jetzt machen?“, fragte Edward, der aus dem Fenster in den Garten starrte.
„Entweder ein Verdauungsschläfchen, da ich wirklich viel gegessen habe, oder wir widmen uns dem Nachmittagsprogramm.“ Das Ende des Satzes sprach ich mit kaum merkbaren Widerwillen. Ich wandte meinen Kopf zu Edward und bemerkte seinen skeptischen Blick.
„Viel gegessen? Das war gerade mal ein Teller, Bella. Du isst wirklich zu wenig und ich mach mir langsam Sorgen um dich. Dad meinte schon, dass du in den letzten Wochen radikal abgenommen hast. Ich war anscheinend zu blind um es zu sehen.“ Laut ausatmend fuhr er sich durchs Haar.
„Ich habe keinen sonderlich großen Hunger verspürt. Zuerst die Endklausur an der Uni, dann die ganzen Auftritte im TV und zu guter Letzt auch noch die Hochzeit. Aber der Faktor, der am meisten dazu beigetragen hat, warst du mit deinen Kommentaren und Handlungen.“ Ich wand beschämt meinen Kopf ab, da ich ihm das ins Gesicht gesagt hatte. Mir war klar, dass ich viel zu dünn war und dass meine Beckenknochen deutlich zu sehen waren. Dies war vermutlich nicht mehr erotisch, aber was kümmerte es mich. Das hier war schließlich nur eine arrangierte Ehe, zu der ich gezwungen worden war. Nicht mehr und nicht weniger. Plötzlich spürte ich Edwards Hand auf meiner Wange und dass er meinen Kopf zu sich drehte.
„Ich versuche mich zu bessern, Bella. Aber das kann ich nicht alleine. Wir müssen das gemeinsam machen. Wie wäre es, wenn wir das Thema lassen und Schach spielen. Uns darauf konzentrieren und im Laufe der Tage den Rest aufarbeiten, den wir falsch gemacht haben?“ Ich nickte ihm zu und stand auf, um das Schachbrett zu holen.

Als ich zurückkam, standen zwei Gläser und ein großer Krug auf dem kleinen Tisch unter der Überdachung auf der Terrasse. Edward saß schon auf einem und starrte wieder auf das offene Meer. Ich breitete das Spiel aus und fragte meinen Gegenüber, welche Farbe er wählen möchte. Jedoch ließ er mir zu meiner Überraschung den Vortritt. Nachdem ich eine Spielfarbe gewählt hatte, meinte er schmunzelnd: „Weiß beginnt, schwarz gewinnt“ und ich sah auf die Figur hinab. Sie war weiß, womit ich beginnen durfte.
„Hast du jemals Schach gespielt und sag mir nicht, dass du dich erst einspielen musst“, meinte er, als er ich den letzten Bauer auf dem Brett platziert hatte.
„Ich kenne das Grundgerüst, das heißt, wie ich mit welcher Figur fahre. Renée hat es gerne mit mir gespielt, aber sie hatte für jeden Zug mehr als zwei Minuten gebraucht, wodurch ich es immer als langweilig und fade empfand. Deshalb mag ich es nicht. Zumal sie immer gegen mich verloren hatte.“
Edward grinste, als ich das sagte und mit dem ersten Bauer ins Feld zog. Nach ein paar Zügen, weitete sich sein Grinsen und mit einem belustigten „Schach“ kündigte er an, dass er gleich meinen König schlagen würde und ich somit verlieren würde. Verwundert sah ich ihn an und betrachtete jeden seiner Spieler. Verdammt, ich hatte den Läufer vergessen. Es war eine ausweglose Situation.
„Du hast gewonnen, aber ich möchte eine Revanche.“ Lächelnd händigte er mir meine gefallenen Figuren aus.
„Dieses Mal beginnst aber du.“ Insgeheim schwor ich mir, dass ich bei dieser Partie keine dummen Fehler machen würde. Intuitiv zog ich immer Spieler um Spieler, jedoch verringerte sich die Zahl meiner Figuren exponentiell, wie die Zeit verging und nach etwa einer halben Stunde, war anscheinend Edward das Jagen meines Königs zu dumm, sodass er mich wieder Schach setzte.
Seufzend legte ich meinen Kopf in den Nacken. Es gab kaum etwas schlimmeres, als zu verlieren, und das war, gegen Edward Cullen zu verlieren. Ich schüttelte den Zorn über mich selbst ab, bevor ich mich wieder auf das neue Spiel konzentrierte. Jeden Zug, den er machte, analysierte ich kritisch und kam aber nie darauf, was ich falsch machte. Jetzt brauchten wir schon über eine Stunde, da ich so lange überlegen musste, obwohl Edward immer gleich seinen Zug getätigt hatte ohne weiter darüber nachzudenken, so kam es mir jedenfalls vor.
„Du handelst zu intuitiv, Bella“, sagte er, als er mit seinem Turm meinen König schlug und diesen zwischen Daumen und Zeigefinger nahm.
„Zu intuitiv? Wer macht hier gleich seinen Zug und überlegt nicht weiter?“, presste ich hervor, da ich nun wirklich zornig war. Auf ihn, auf mich und auf dieses verdammte Spiel! Ich nahm einen Schluck Wasser.

„Nein, das siehst du falsch…“, begann er mit beruhigender Stimme auf mich einzureden, doch danach war mir jetzt nicht zu Mute. Ich war ein Hitzkopf und sollte eigentlich gelassen bleiben, aber gegen Edward Cullen zu verlieren, stand mir überhaupt nicht. Bedächtig fuhr er fort: „… ich überlege mir jeden meiner Züge ganz genau. Das muss ich auch, denn das gehört zu meinem Job. Aber zurück zum Schach. Sobald ich meine erste Figur ziehe und du deine darauffolgende, kann ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sagen, welche deine nächsten Züge sind. Du denkst nicht vorausschauend genug, Bella und gibst damit zu viel preis. Beim Schach geht es nicht um die jetzige Figur, sondern um drei, vier Züge in der Zukunft. Es ist das Gleiche, wie in der Politik, alles was du jetzt machst oder worüber du nachdenkst, wird nichts werden. Wenn du aber ein paar Wochen, Monate oder Jahre vorausplanst, dann wird das, was du machen möchtest, Erfolg haben.“
Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Mir gab man am besten keine Ratschläge, wenn ich gerade verloren hatte, vor allem nicht derjenige, der mich besiegt hatte. Wütend beförderte ich das Brett samt den Spielfiguren vom Tisch.
„Du maßt es dir an, mir Ratschläge zu geben?!“, schrie ich ihn an und bevor er etwas sagen konnte, landete das restliche Wasser, welches im Krug war auf ihm.
„Aber das hast du natürlich kommen gesehen“, spie ich weiter und stand wütend auf. Edward tat es mir gleich und strafte mich mit einem bösen Blick.
„Das hättest du nicht tun sollen!“, rief er mir zu, als ich mich ein paar Meter entfernte. Schnell nahm ich meine Beine regelrecht in die Hand und lief über die Wiese, doch ich kam nicht weit. Edward hatte mehr Ausdauersport gemacht und das Essen setzte mir immer noch zu. Obwohl ich mich mit Händen und Füßen wehrte, gelang es ihm mich hochzuheben. Ich merkte, wie wir uns rasch bewegten, doch traute ich mich nicht meine Augenlider zu öffnen. Als wir plötzlich stoppten, überkam mich eine Vorahnung. Keine Sekunde später wurde ich ausgelassen und landete im warmen Pool. Keuchend schnappte ich nach Luft, als ich wieder an die Oberfläche kam. Meine Tunika blähte sich wie ein Heißluftballon auf, wodurch ich in meiner Bewegung sehr eingeschränkt war. Fluchend versuchte ich zum Rand des Beckens zu gelangen, jedoch umschlossen mich zwei starke Arme und begannen mich zu kitzeln.
„Ich hatte dich doch gewarnt, dass du es nicht tun hättest sollen. Wärst du nicht wie ein kleines störrisches Kind davongerannt, so hätte ich dich nur gekitzelt, aber so ist es besser“, lachte Edward, während er mit seinen Finger um meine Taille wanderte und mir Schauer über den Rücken jagten. Zum einen musste ich lachen, zum anderen brachte diese Berührung, Emotionen in mir zum Vorschein, die ich nicht beschreiben konnte und wollte. Plötzlich drehte er mich um.
„Hast du dich nun beruhigt?“, fragte er mich, als er mit seinem Kopf immer näher und näher kam. Ich spürte, dass seine Lippen über meinen schwebten. Die nächsten Sekunden überraschten mich. Ich musste noch vieles über mich, meinen Körper und der Person namens Edward Cullen, der noch dazu mein Ehemann war, lernen.