Kapitel 16
„Das beste Mittel, sich kennenzulernen, ist der Versuch, andere zu verstehen.“ - André Gide
Ich war enttäuscht gewesen, als Bella meinen Vorschlag sie ins Haus zu tragen ablehnte. Zwar konnte ich sie verstehen, doch ich ärgerte mich schon etwas darüber. Denn mein Versuch nett zu sein, wurde gleich ausgeschlagen. Nicht einmal ein klein wenig gewürdigt. Dachte ich nur so, weil ich in meinem Stolz gekränkt war? Seufzend setzte ich mich auf die Couch, die auf der Terrasse stand und sah hinauf in den sternenklaren Himmel. Für die nächsten zwei Wochen hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich kein Streit vom Zaun reißen wollte, ein zuvorkommender und netter Ehemann zu sein und Bella den Freiraum zu lassen, den sie brauchte. Ich ließ kurz die Hochzeit Revue passieren und als das Brautkleid vor meinem geistigen Auge erschien, wurde mir anders. Dies erinnerte mich auch an das Gespräch mit meinem Vater kurz vor der Abreise.
„Sohn, ich habe dich schon gesucht“, sagte er und trat in den Salon ein, in dem ich auf Bella wartete. Leicht nervös wanderte ich von einer Ecke des Raumes zur nächsten.
„Es sieht aus, als könntest du einen Drink gebrauchen. Und keine Sorge, bei mir war es damals nicht anders als ich auf Esme wartete, dass wir in die Flitterwochen aufbrechen konnten…“, Carlisle reichte mir ein Glas Whiskey, bevor er fortfuhr: „… vielleicht sollte ich dir ein paar Tipps geben?“ Augenverdrehend nahm ich einen Schluck, da ich meinen Vater schon so gut kannte, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt hatte und ich ihn nicht mehr stoppen konnte.
„Aber bevor ich beginne, wollte ich dir nur sagen, dass Bella irgendetwas über ihren Bruder mitbekommen hat. Falls sie fragen sollte, dann-“, begann er und ich unterbrach ihn: „Dann erzähl ich ihr davon.“
Kopfschüttelnd sah er mich an.
„Nein, dann tu bitte so, als würdest du von nichts wissen. Vermutlich wird sie dich nicht fragen, aber wenn, dann sag nichts. Ich werde ihr alles erzählen, sobald ihr wieder zurück seid.“ Ich nickte ihm zu und fuhr mir danach durch mein wirres Haar. Seufzend setzte ich mich auf einen Zweisitzer und wartete darauf, dass er begann.
„Also, da wir das nun geklärt haben, kann ich nun zu den Tipps kommen. Die Flitterwochen sind etwas ganz Besonderes am Anfang einer Ehe. Man ist mit Glückshormonen vollgepumpt und könnte die ganze Welt besiegen, wobei das bei deiner Mutter und mir immer noch so ist. Auf den Anblick von viel freier Haut musst du dich jetzt schon einmal einstellen, denn ich kann mich noch genau an die Tage nach der Hochzeit auf Esme Island erinnern. Deine Mutter in einem türkisfarbenen Bikini auf einer Liege am Pool. Ein großer Sonnenhut am Kopf und ein Buch in der Hand. Ich sag dir eines, mein Sohn, so bekommt sie mich immer noch. Nun ja, ab da hatte sie mich soweit, die nächsten Tage verbrachten wir nur noch im Bett, außer wir mussten unseren menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Und diese Tage waren heiß, doch deine Mutter und ich waren-“ Seine Worte projizierten ein Bild in mein Unterbewusstsein und genau das wollte ich auf gar keinen Fall. Außerdem war es ekelhaft, wenn man Vater über Sex mit Mom redete. Das fiel nicht unter die Kategorie, was ich über meine Eltern jemals wissen wollte.
„Dad, das will ich nicht hören. Wirklich, mir reicht es, dass ich weiß, dass ihr beide mindestens zwei Mal Sex hattet, um Tanya und mich zu zeugen. Es setzt sich gerade ein grausames Bild in meinem Kopf fest, welches ich dort eindeutig nicht haben möchte!“
„Darüber bin ich mir im Klaren, eigentlich wollte ich nur noch sagen, dass wir es etwas übertrieben haben und ihr lieber aufpassen solltet, bevor Bella eine Honeymoon-Zystitis oder allgemein bekannt als Flitterwochenkrankheit bekommt und ihr dann mehrere Tage nicht…“, geschockt blickte ich ihn an, was dachte mein Vater über mich? „Was?“, fragte er mich verschmitzt lächelnd, als er meinen Gesichtsausdruck sah.
„Will ich wissen, was du denkst, dass wir das in unseren Flitterwochen machen werden? Was ist überhaupt diese Flitterwochenkrankheit. Davon habe ich noch nie gehört…“
„Ich bin dein Vater, ein Mann und noch Arzt nebenbei, vergiss das nicht! Nun ja, für die Frau fühlt es sich wie eine Blasenentzündung an, was es genaugenommen auch ist, denn durch den vielen Geschlechtsverkehr, können Bakterien...“
„Okay, mehr will ich auch nicht wissen. Falls das passieren sollte, machen wir was?“, fragte ich nun genervt, denn so etwas wollte ich auch nicht von meinem Vater hören.
„In jedem Fall sollte Bella viel trinken, vor allem Preiselbeersaft hat eine bakteriostatische Wirkung. Jedoch sollte sie dann mindestens eineinhalb Liter davon trinken, damit das zu wirken beginnt. Vorbeugend kann sie ja jeden Morgen einhundert Milliliter zu sich nehmen, damit genau das nicht passiert.“
„Deshalb steht immer ein Glas mit dem Saft für Mum auf dem Frühstückstisch und auch deswegen habt ihr immer diese Blicke gewechselt, wenn ich danach gefragt habe.“ Mein Vater nickte mir ertappt zu.
„Einmal und nie wieder. Das war die Hölle. Und trotzdem ist sie noch in den Bikinis herumgelaufen…“, anscheinend hatte er meinen Gesichtsausdruck bemerkt und lenkte vom Thema ab.
Vielleicht sollte ich ihr jeden Tag ein Glas hinstellen. Mir war klar, dass wir in den nächsten Tagen keinen Sex haben würden, denn das hatte ich ihr schließlich versprochen, und hielt es immer. Jedoch würde ich ein paar Annäherungsversuche wagen. Leider wäre die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ich hier überhaupt zum Zug kommen würde. Ich hatte Bella zu viel zugemutet, war zu egoistisch und kaltherzig ihr gegenüber gewesen. Doch ich versuchte mich zu ändern, nur damit es klappen würde. Meine anfänglichen Prinzipien, dass ich sie nur heiraten würde, damit ich Präsident wäre, dass sie meine loyale Ehefrau sein sollte, die nur an meiner Seite sein sollte, hatte ich längst über Bord geworfen. Mir war klar geworden, dass ich mit dieser Einstellung nicht bei Bella weiterkam. Man musste liebevoll, freundschaftlich und respektvoll mit ihr umgehen, sie machen lassen, denn dann öffnete sie sich. An den Diskussionen mit ihr hatte ich in der Zwischenzeit Gefallen gefunden, denn ihre rhetorischen Fähigkeiten hatten sich gebessert. Flüchtig ließ ich meinen Blick über das dezent erleuchtete Anwesen schweifen, bis ich an der Glasfront zu Bellas Zimmer hängen blieb. Es war kein Licht eingeschaltet, was vermutlich bedeutete, dass sie schlief. Lächelnd stand ich auf, streckte mich ausgiebig und beschloss dann eine Runde schwimmen zu gehen und meine Muskulatur etwas zu entspannen.
Ich schlug meine Augen auf, da ich einfach nicht mehr schlafen konnte. Das Rauschen des Meeres würde die nächsten Nächte mein großer Feind sein, so wie die Träume, die Bella beinhalteten. Schnell sprang ich unter die Dusche und zog mir danach kurze Shorts und ein T-Shirt an. Gähnend ging ich hinunter in die Küche und machte mir zuerst einen Kaffee. Ich wusste, dass es hier Personal gab, doch wollte ich einfach nicht, dass jemand für mich in diesen zwei Wochen kochte. Nicht, dass ich den Leuten misstraute hätte, das war mit Sicherheit nicht der Fall, aber ich hatte so lange nicht mehr den Kochlöffel geschwungen. Deshalb hatte ich gleich am Anfang zu Christian gesagt, dass ich das nicht wollte und das hatte er zur Kenntnis genommen. Der Kühlschrank war mit verschiedensten Sachen gut gefüllt und ich nahm ein paar Eier und Schinken heraus.
Ich war gerade dabei mir eine Tasse Kaffee einzuschenken, als ich leise Schritte hinter mir wahrnahm.
„Du bist schon auf?“, fragte Bella verblüfft und ich drehte mich zu ihr um. Bevor ich sprechen konnte, musste ich mich kurz räuspern, da diese kurzen Short und das enganliegende weiße Top unwiderstehlich an ihr aussahen.
„Ja, willst du gleich mit frühstücken, denn dann mach ich dir etwas mit?“ Sie lächelte mir zu und setzte sich anschließend auf einen der Barhocker, der neben der Theke stand.
„Gerne. Kannst du überhaupt kochen?“ Sie hob ihr Augenbraue an und taxierte mich mit einem amüsierten Blick.
„Sehe ich etwa aus als könnte ich es nicht?“ Meine Stimme war barsch und ich bereute es sofort.
„Ähm… das war nicht als Beleidigung gemeint, aber ich glaube, dass das Ei in der Pfanne gerade anbrennt“, kicherte sie, als sie auf mich zu kam und mir den Pfannenwender aus der Hand nahm.
„Das hier kannst du jetzt wegwerfen, schade darum. Wie wäre es damit, wenn du schon einmal den Tisch denken würdest und das Brot schneidest, währenddessen ich uns die Eier zubereite. Apropos, wie möchtest du deine haben?“ Sie stand vor mir und kratzte gerade das Angebrannte heraus.
„Ich esse, was du mir vorsetzen wirst“, antwortete ich und zwinkerte ihr zu, bevor ich mich daran machte den Tisch zu decken. Der Seufzer entging mir nicht.
Nachdem ich grinsend mit allem fertig war, selbst das Glas mit Preiselbeersaft stand schon bereit, kehrte ich wieder in die Küche zurück, in der es wunderbar duftete.
„Fertig“, verkündete Bella stolz und hielt mir zwei Teller hin. Sie selbst nahm auch zwei mit. Wir gingen schweigen aus der Küche.
„Du solltest den Tisch decken“, rügte sie mich sogleich, als wir an dem großen Esszimmertisch vorbeikamen. Wenn sie wüsste…
„Hab ich doch, aber nicht hier drinnen. Ich dachte, dass es viel schöner wäre draußen zu essen.“ Ich bemerkte, wie ein Lächeln in ihr Gesicht trat und sie mir mit dem Kopf deutete weiterzugehen. Vor dem gedeckten Tisch blieb ich stehen und ließ ihr die freie Platzwahl. Nachdem sie sich gesetzt hatte, nahm ich den Platz vis-à-vis. Die ersten paar Sekunden aßen wir schweigen und genossen einfach nur den herrlichen Ausblick.
„Was…“
„Hast…“ Wir beide begannen gleichzeitig zu reden und sahen uns verwirrt an.
„Du zuerst“, meinte ich, denn schließlich hieß es ja „Ladies first“.
„Was hast du für heute geplant? Ich meine, sieh dich doch um, diese Insel ist ein Traum.“ Um ihrer Aussage mehr Deutlichkeit zu verleihen, machte sie eine Handbewegung und deutete damit um uns herum. Es stimmte, dass diese Insel, von dem was ich bis jetzt gesehen hatte, wunderschön war. Christian hatte damals auch erwähnt, dass er und Stefanie es liebten hier Urlaub zu machen, kein Wunder. Sie besaßen ein kleines Paradies auf Erden.
„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin nur froh, dass wir hier sind und etwas Ruhe haben. Die letzten Tage, überhaupt gestern, waren nervenaufreibend genug. Und du?“ Sie nickte mir zu und schluckte ihren Bissen hinunter, bevor sie mir antworten konnte.
„Vielleicht etwas die Insel erkunden, aber das könnten wir… ähm… gemeinsam machen?“ Es klang sehr nach einer Frage. Anscheinenden hatte sie meinen Gesichtsausdruck falsch gedeutet, denn sie setzte schnell ein „Nur wenn du möchtest“ hinterher. Ich merkte, dass wir beide uns still und heimlich vorgenommen hatten, dass wir uns anstrengten, uns nicht gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und das Beste aus dieser Situation zu machen.
„Klar… ich würde sehr das sehr gerne tun. Weißt du, Bella…“ es war das erste Mal seit langem, dass ich sie so nannte, wenn sie in meiner Nähe war „…ich möchte in diesen zwei Wochen versuchen einmal nicht mit dir zu streiten, diese Zeit zu genießen und dich wirklich kennen zu lernen. Gestern – so denke ich jedenfalls – haben wir den ersten Schritt in diese Richtung gemacht. Mir ist klar, dass das nicht immer gut gehen kann, dafür sind wir zwei einfach zu große Dickköpfe, aber wir können es wenigstens probieren.“
Als sie mir zunickte und keine Widerrede gab, fuhr ich fort, „Geh jetzt bitte nicht an die Decke, aber Emmett hat trotzdem noch Fotos von dir gemacht, nachdem du ihm gesagt hast, dass er damit aufhören solle…“ leicht panisch, diesen friedvollen Moment nicht zu versauen, sah ich sie an. Bella hatte kurz die Lider geschlossen, dann geseufzt und schließlich die Augen verdreht. Sie murmelte kurz etwas wie „Emmett, wenn ich dich zwischen die Finger bekommen, dann hetze ich Eddie auf dich!“ und blickte mich dann interessiert an.
„Was hat er dir geschickt?“ Ich beschrieb ihr jedes einzelne Bild und ich bemerkte, dass ihr das zwar gegen ihr Gemüt ging, sie sich jedoch damit abfand. Danach herrschte reges Schweigen.
„Also… was wollen wir machen? Beziehungsweise, was kann man hier eigentlich unternehmen?“, fragte sie plötzlich und nahm meinen Teller, um ihn auf ihren eigenen zu stellen.
„Darüber habe ich mit Christian gesprochen. Begonnen im Indoor Bereich von Schach, Billard, Golf – da gibt es anscheinend irgendeinen technischen Schnickschnack, der das möglich macht – Mensch ärgere dich nicht, Poker und Gesellschaftsspiele. Hier außen gibt es mehr Möglichkeiten. Christian meinte, dass es auf der Insel eine kleine Lagune gibt – irgendwo in dem kleinen Wald neben uns. Dann im Pool oder im Meer baden, das Jacuzzi, in der Sonne liegen, durch den Wald wandern, dabei die Flora und Fauna beobachten, dann sollte es hier eine natürliche Kletterwand geben, tauchen, schnorcheln, am Strand spazieren gehen oder auch Jetski fahren, Wellenreiten, windsurfen – für die diese Sachen könnten wir uns Lehrer kommen lassen. Wir können auch einmal mit Esme eine kleine Tour machen.“
„Okay… das war viel…“, begann Bella und schien kurz zu überlegen, bevor sie fort fuhr: „…wie wäre es, wenn wir die Aktivitäten, die wir machen wollen, auf Zettel schreiben und in eine kleine Schüssel werfen. An jedem Morgen beim Frühstück wird dann gezogen was wir machen, denn ich denke nicht, dass wir beide uns – auch wenn es gerade danach aussieht, als könnten wir miteinander normal reden – auf etwas einigen könnten. Und es wird abwechselnd gezogen. Was hältst du davon?“ An sich war der Vorschlag für mich in Ordnung, deshalb stimmte ich ihr zu.
„Nun gut, dann sollten wir beginnen. Würdest du so nett sein und die Zettel vorbereiten, währenddessen räume ich den Tisch ab“, schlug ich vor und nahm schon die Teller, die sie vor sich gestapelt hatte in die Hand.
„Ha, gewonnen“, sagte Bella mit einem triumphalen Grinsen. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie nun einen kleinen Freudentanz aufgeführt hätte, da sie bei „Schere – Stein – Papier“ gewonnen hatte. Also war sie heute dran aus dem „Was machen wir“ Glas zu ziehen. Sie steckte ihre Hand hinein und förderte ein weißes Blatt Papier zu Tage. Langsam entfaltete Bella den Zettel und las dann laut vor: „Strand – Schwimmen – schnorcheln – entspannen“. Gut, damit konnte ich leben.
„Ich denke, dass das ein guter Start ist. So können wir uns noch etwas von gestern erholen und Kraft für die nächsten Tage tanken“, verkündete sie lächelnd und ging sogleich zu der Treppe. Ich starrte ihr kurz hinterher, bis ich mich zusammenriss und selbst in das Zimmer ging, das ich bezogen hatte, um mich umzuziehen.
Keine fünf Minuten später kehrte ich wieder in die Küche zurück und entnahm dem Kühlschrank ein paar Wasserflaschen. Diese würden wir bestimmt am Strand brauchen.
„Fertig!“ Diese Aussage ließ mich leicht zusammenzucken, da ich nicht darauf gefasst war, dass Bella schon umgezogen wäre. Frauen brauchten da bekanntlich eine gewisse Zeit… Ich drehte mich zu ihr um und folgte dem Anblick, angefangen bei den zierlichen Füßen, die in weißen Flip Flops steckten, über die endlos langen und wohlgeformten Beine, über ihre Hüfte, den Bauch, die großen Brüste, bis hin zum Kopf, der mit einem großen Hut bedeckt war. Ihr Körper steckte in einem buntgestreiften Bikini, der wirklich knapp war und ihre Kurven optimal zur Geltung brachte und darüber ein weißes transparentes Strandkleid. Ich spürte, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten.
„Gehen wir?“, fragte ich sie gepresst und überreichte ihr eine der beiden Flaschen, welche sie in ihrer Tasche verstaute. Weshalb musste sie auch noch so gut riechen? Ohne mir eine Antwort zu geben, marschierte sie schon zur Terrasse. Von dort aus führte eine Treppe hinunter in einen kleinen Garten, der die direkte Verbindung zwischen Haus und Strand war.
Dort angekommen schlenderten wir zu dem kleinen Pavillon, der nicht nur als Schattenspender diente, sondern auch ein paar Liegen beherbergte. Davor war eine kleine, nicht überdachte Plattform, vermutlich um in der direkten Sonne zu liegen. In einem dekorativen Korb entdeckte ich schließlich die Badetücher für die Liegestühle. Ich griff uns zwei heraus und reichte eines Bella entgegen.
„Ähm, danke…“ Danach herrschte Schweigen zwischen uns. Da ich das nicht aushalten konnte, ging ich einfach ins Meer. Denn es war mir zu dumm eine Konversation zu erzwingen.
Kaum war ich die ersten Meter im Wasser, hörte ich schon, dass sich Bella ebenfalls erfrischen wollte.
„Edward, warte!“, rief sie mir zu und ich wandte mich um. Sie hatte sich des Kleides entledigt und nun hatte ich einen besseren Blick auf all ihre Proportionen. Als sie vor mir zum Stehen kam, wäre sie beinahe ausgerutscht, doch ich fing sie auf. Automatisch zog ich sie an meine Brust und legte beide Arme um ihre Taille.
„Was bekomm ich dafür, wenn ich dich loslasse?“, hauchte ich ihr zu. Geschockt sah sie mich an.
„Ähm…“
„Das ist aber kein gutes Angebot.“ Sie schien zu überlegen, doch ich hatte plötzlich einen Einfall. Ich ließ sie los und begann sie zu kitzeln. Wie gut, dass Tanya es unabsichtlich entschlüpft war, dass sie extrem kitzlig war.
„Edward… hör… auf! Bitte!“, keuchte sie und ich erbarmte mich. Böse sah sie mich an und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Das bedeutete Krieg!
Schon lange waren wir beide von unten bis oben nass, doch niemand wollte aufgeben. Auf einmal änderte sie ihre Taktik, kam auf mich zu und blieb wenige Zentimeter vor mir stehen. Bella streckte ihre Hand aus, fuhr mit ihren Fingerspitzen über meine Bauchmuskeln und plötzlich und ohne es vorhergesehen zu haben, purzelte ich ins Meer. Das wirst du mir büßen!, schwor ich mir und packte sie sogleich an der Hüfte und zog sie zu mir hinunter. Unbeabsichtigt landete sie auf mir. Bellas Hände lagen auf meinen Schultern und ihre Füße waren mit meinen verschlungen. Ich drehte uns um, sodass ich auf ihr lag, wohl bedacht, dass mein Gewicht sie nicht niederdrückte.
„Nun, gibst du auf?“
„Niemals, Cullen!“, sagte sie gespielt giftig und ich verlagerte mein Gewicht mehr, sodass sie es spüren konnte.
„Du bist jetzt auch eine Cullen und zwar Misses Edward Cullen“, erwiderte ich sanft. An den Klang dieses Namens könnte ich mich gewöhnen. Ihre Augen weiteten sich wieder, bevor sie stocksteif wurde. Irgendetwas stimmte hier nicht.
„Bella, was ist los?“ Ich löste mich von ihr und legte mich neben sie ins Wasser.
„Du meintest einmal wir können ehrlich sein, dass wir das sein müssten. Meine Mutter hatte vor zwei Tagen eine Unterhaltung mit mir, was ich zu erwarten habe, was ich geben muss und was von mir erwartet wird von deiner Seite sexuell gesehen. Ich kann das nicht, und jetzt gerade, dieser Moment eben, das war für mich zu viel. Dich so nah zu wissen und den Hintergedanken im Kopf zu haben, dass jeder etwas von mir – uns – erwartet, das ertrag ich nicht. Ich habe mich immer schon gewehrt und jetzt auch. Ja, jetzt bin ich hier mit dir, deine Ehefrau, von der du verlangst Kinder zu bekommen, welche nicht aus Liebe entstehen würden, sondern aus Pflicht. Edward, das ist niemals mein Lebensziel. Es ist so unwirklich. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass mich mein Vater mehr oder minder an jemand verkauft, was er tatsächlich getan hat. Nur um diesen verdammten Posten des Außenministers zu bekommen, falls du gewinnst, und ich bin mir sicher, dass du das tun wirst. Ich wusste, dass meine Eltern selbst eine arrangierte Ehe hatten, das ist schließlich nichts Außergewöhnliches damals gewesen, aber heute? Sie wussten, dass ich ein Freigeist bin, dass ich meinen Platz brauche um mich wohlzufühlen.“ Ich konnte sie verstehen.
„Du weißt, mein Versprechen-“, begann ich, wurde jedoch jäh von ihr unterbrochen: „Ja, das ist mir nicht entfallen. Nur… nur können wir uns nicht vorher kennenlernen – ich meine richtig kennenlernen – ohne Masken, ohne Manipulation, ohne das was da draußen ist. Dass wir, einfach nur Edward und Bella sind und nicht ein Präsidentschaftskandidat und dessen Ehefrau? Ich denke, dass ich das brauche, damit das zwischen uns funktioniert.“
„Das möchte ich auch. Es ist wichtig, dass wir uns verstehen und dann jemanden haben, den wir um Rat fragen können. Wie ich heute schon beim Frühstück erwähnt habe: ich will dich kennenlernen. Eben jene Frau aus den letzten Tagen in den Hamptons, oder bei dem Interview bei Today Show.“
„Danke“, sagte sie, stand auf und verschwand schnell zurück an den Strand. Verwirrt sah ich ihr hinterher. Kopfschüttelnd tauchte ich in das klare Meer ein.
Als ich wieder an die Wasseroberfläche kam, drehte ich mich auf den Rücken und überlegte, ließ meine Gedanken schweifen, bis ich mich wieder an das Interview erinnerte.
Isabella wurde von den beiden Moderatorinnen angekündigt und tobender Applaus begann. Sie trat auf die Bühne und sah sich lächelnd in dem Studio um. Die Gäste blickten alle in ihre Richtung und als die Kamera geschwenkt wurde, konnte man sehen, dass einige Frauen Tränen in den Augen hatten, beziehungsweise diese ihnen über die Wangen liefen. Meine Verlobte drehte ihren Kopf kurz und schien auf ein Zeichen von vermutlich Emmett zu warten, bevor sie sich die drei Stufen von der Bühne herunterschritt und auf das Publikum zuschritt. Sie ging zu den einzelnen Frauen, umarmte diese und bekam einige Geschenke. Ich hätte mir nie gedacht, dass sie so liebevoll und mit offenen Armen von der Bevölkerung aufgenommen werden würde. Dies jagte mir den einen oder anderen Schauer über den Rücken, obwohl ich wusste, dass Emmett sie niemals irgendeiner Gefahr aussetzen würde. Jener blieb stets in ihrer Nähe und würde sie beschützen, das hatte er mir versprochen. Die Frauen, bei denen sie vorbei kam, als sie zurück zur Bühne ging, umarmten sie entweder stürmisch, betatschten sie, oder schüttelten ihr die Hand. Immer zierte ein fröhliches Lachen ihr Gesicht, auch wenn sie anfangs kurz überrumpelt ausgesehen hatte. Erst jetzt bemerkte ich ihr pinkfarbenes Kleid, welches die richtigen Stellen zur Geltung brachte und trotzdem noch züchtig wirkte, genau wie man sich eine First Lady vorstellt. Schließlich kam sie wieder bei ihrem Sitzplatz auf der kleinen Bühne an und winkte allen fröhlich zu, da das Publikum nicht mehr aufhören wollte zu klatschen.
„Es freut uns, dass Sie heute unser Gast sind, Isabella“, begann die erste der beiden Damen, als es halbwegs still war.
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite und ich fühle mich geehrt einmal hier sein zu dürfen.“
„Als wir das letzte Mal darüber sprachen…“ dabei deutete sie auf ihre Kollegin „… fanden wir heraus, dass die erste Debatte um das Amt des Präsidenten an Ihrem Geburtstag stattfinden würde. Und natürlich fragten wir uns gleich, weiß er das Datum?“ Das Publikum lachte und Isabella presste kurz die Lippen zusammen, bevor sie zu grinsen begann.
„Und ich fragte mich sogleich, gibt es da überhaupt die Möglichkeit, Ihren Ehrentag zu feiern? Oder halst er sich Ihren Groll auf, wenn er sich in die Vorbereitungen für dieses wichtige Duell stürzt. Wobei wir die letzten Tage mitansehen konnte, wie wenig sein Gegner ihm bis jetzt entgegensetzen konnte.“ Isabella faltete ihre Hände und spielte kurz mit ihrem Verlobungsring, bevor sie eine Antwort gab.
„Nun ja… wir haben noch nicht wirklich darüber gesprochen. Zwar wäre es angenehm mit ihm den Tag zu verbringen, denn schließlich wird er bald mein Ehemann sein und da möchte ich so viel Zeit mit ihm verbringen wie möglich. Vor allem, falls wir ins Weiße Haus einziehen, dann würde ich ihn noch weniger sehen. Jedoch bin ich mir sicher, dass wir nach den Debatten, vielleicht auch kurz davor nutzen um meinen Geburtstag zu feiern. Jedenfalls freue ich mich schon auf einen Abend zu zweit bei einem guten Glas Wein und meinem Lieblingsessen.“
„Aber… wie soll ich es am besten ausdrücken… sind Sie nicht enttäuscht, dass er dadurch nichts Größeres als ein Abendessen planen kann.“ Isabella musste schmunzeln und stützte ihre Ellbogen auf den Lehnen des Stuhls ab.
„Sicherlich würde ich mir mehr Zeit mit ihm wünschen, aber er oder besser gesagt wir haben uns diesen Weg ausgesucht und ich stehe hinter meinem Verlobten in allen Belangen. Wir haben das lange und ausführlich diskutiert, ob wir, unsere Beziehung, Ehe und Freundschaft, sowie unsere Persönlichkeiten alles aushalten, was auf uns in den nächsten Wochen und Monaten, auch Jahren zukommen wird. Wäre es negativ ausgefallen, so würde ich nun nicht hiersitzen, aber er lange Zeit mir das alles wieder zurückzuzahlen mit vielen Abenden, schönen angenehmen und wohltuenden zu Zweit. Und wenn er das nicht macht, wird es einfach eine Liste oder einen Beschwerdebrief von mir geben und wenn ich dazu gezwungen bin, werde ich ihn einfach mit Handschellen an mich binden, dann muss er alles mit mir machen.“ Dies verdeutlichte sie mit imaginären Handschellen, in dem sie die beiden Hände nach vorne streckte und sie Handgelenke aneinanderlegte. Die beiden Moderatorinnen machte dies sofort lachend nach.
„Ich habe das Gefühl, dass er das schaffen wird“, kicherte die Brünette.
„Definitiv. Für die USA, kann ich dazu nur sagen“, sagte Bella, brachte dadurch meinen Wahlslogan mit ein und das Publikum und die beiden Moderatorinnen zum Lachen.
„Hm… ich weiß nicht, aber irgendwoher kommt mir dieser Spruch bekannt vor“, sinnierte die blonde Moderatorin und spielte, als würde sie nachdenken.
„So, nun zu einem anderen Thema. Ihr Haushalt hat Zuwachs bekommen, wie man unschwer auf einigen Bildern sehen konnte.“ Eddie wurde eingeblendet. In den letzten Tagen waren immer wieder Bilder von ihr und dem Hund gezeigt worden und die USA schien dem Charme des kleinen Hundes zu unterliegen.
„Oh ja. Wir, beziehungsweise mehr ich, habe mit einen Jack Russell Terrier zugelegt mit dem Namen Eddie…“ Ein Bild wurde von dem Haustier eingeblendet „… ja, das ist mein kleiner Junge.“
„Und, ist er immer in diesem Pool mit den Bällen?“
„Oh nein, aber das liebt er. Jeden Morgen gehe ich mit ihm eine Runde spazieren, ab und zu nimmt ihn auch Emmett, einer meiner Bodyguards mit, wenn er laufen geht, sodass er ausreichend Auslauf bekommt.“
„Und dieser Pool, wessen Idee war es?“, hakte nun die Brünette nach.
„Oh, das war eine Idee von Emmett. Er liebt Eddie genau wie ich und verwöhnt ihn gerne. Vor gut einer Woche ist er dann mit dem Ding aufgetaucht und mein Hund nahm es sofort in Beschlag.“
„Abgesehen davon wird sich sicher Ihr Verlobter über den Zuwachs gefreut haben. Schließlich ist dieser auch sportlich aktiv. Ausgenommen von den Marathons, die er früher mitgelaufen ist, ist er auch ein leidenschaftlicher Football Spieler.“
„Ja, das stimmt und jedes Mal wundere ich mich, beziehungsweise habe ich Angst, dass er sich verletzen könnte, was er dann aber nicht tut. Entweder sind die Männer mit ihm extra vorsichtig, oder er ist einfach so gut.“ In der Zwischenzeit wurden von mir zwei Bilder gezeigt, das eine, als ich bei einem Marathon mitgelaufen war und das andere, als ich gerade mit vollem Körpereinsatz einen Football über den Rasen warf.
„Ich denke, dass er einfach so gut ist. Wir haben vorhin über Debatten gesprochen. Es muss irrsinnig schwer sein, als zukünftige Ehefrau in einer dieser Debatten zu sitzen und das stillschweigend. Ich denke, dass Sie doch oft am liebsten aufstehen und vieles laut hinausschreien würden.“
„Nun ja… bis jetzt war es mir nicht möglich an einer teilzunehmen, was nicht heißt, dass ich es nicht möchte, sondern, dass mir schlichtweg die Zeit dafür gefehlt hat. Aber, ich verfolge diese dann über einen Stream, oder über den Fernseher, wenn ich unterwegs bin und ja, da fällt es mir schwer. Jedoch kann ich dort sprechen und meine Meinung kundtun, was mir – wenn ich persönlich anwesend wäre – sehr schwer fallen würde. Denn die Kamera würde immer wieder auf mich geschwenkt werden und wenn ich herumzappeln würde und meinem Nachbarn zuflüstern würde: „Das ist mein Mann!“, würde das vermutlich nicht so gut ankommen.“ Sie verdeutlichte dies mit einigen Gesten, die mich zum Schmunzeln brachten.
„Aber nehmen wir die letzten beiden TV-Auftritte, das Duell mit dem Spitzenkandidaten der Republikaner, Jacob Black, und das Interview vor ein paar Tagen. Für das erste wurde er gelobt, da er Black ziemlich in die Ecke drängt und Stärke bewies. Aber während des Interviews war er sichtlich verwirrt und schien nicht richtig dabei zu sein. Es schien sogar, dass er etwas gesundheitlich angeschlagen war, was ihm viel Kritik einbrachte.“ Die Gedanken an beide Situationen ließ mich einfach nur die Augen rollen. Ich war nicht krank gewesen, nur etwas abgelenkt…
„Im Allgemeinen bin ich jederzeit auf meinen Verlobten stolz und halte zu ihm. Das ist wichtig in unserer Partnerschaft. Und er gibt sich auch durchwegs menschlich, ehrlich und bodenständig. Also bin ich immer stolz auf ihn, ob er einen guten Tag hat, oder einen schlechten, schließlich ist er auch nur ein Mensch und kann nicht wie eine Maschine funktionieren. Schließlich hat er einen harten Job, er ist Senator und gleichzeitig kandidiert er für das Amt, da kann auch er schon mal ins Trudeln kommen.“
„Das stimmt, aber was sagen Sie zu Leuten, die denken, dass deren Stimme nicht zählt?“
„Jede Stimme zählt. Das sage ich immer, denn unsere Vorfahren haben sich das hart für unsere Generationen und die nachfolgenden erkämpft, dass wir das Wählen einer Demokratie nicht vergessen oder zur Seite schieben sollten, denn sonst hätten unsere Ahnen ihr Leben und ihren Intellekt für sehr wenig gelassen, was wirklich schade wäre. Ich rede und diskutiere gerne mit jungen Wählern, da sie zeitweise unentschlossen sind und nicht wissen, ob sie das wählen sollen, was ihr Umkreis wählt, oder auf ihre eigene Stimme hören sollen. Man wird in der Kindheit geprägt und bekommt von den Freunden und Verwandten deren politische Einstellung vermittelt und dadurch entsteht dann ein gewisser Druck auf die jungen Wähler ja nichts falsch zu machen. Es ist egal ob man für die Partei A oder die Partei B ist, solange man zu seiner Meinung steht und wählen geht. Man zeigt politisches Interesse, was sehr wichtig ist, selbst wenn man „weiß“ oder ungültig wählt. Das zeigt den Politikern, dass man wählt, jedoch mit der derzeitigen Konstellation nicht zufrieden ist, zumal es sich immer um die Zukunft, die der jungen Leute dreht, deshalb appelliere ich auch immer, dass diese, welche kaum jünger sind als ich, in ihr Wahllokal gehen und ihre Stimme abgeben, oder es per Briefwahl machen, denn jede Stimme zählt.“ Da hatte sie sehr weise gesprochen, das musste ich ihr lassen. Man konnte erkennen, dass sie Politikwissenschaften studiert und schon etwas Erfahrung mit den Medien hatte.
„Da können wir Ihnen nur zustimmen. Doch jetzt würden wir Sie gerne zu einem kleinen Spiel einladen.“
„Ich wäre dabei!“, lachte sie und wollte sofort vor Tatendrang aufstehen.
„Oh, das machen wir im Sitzen.“ Und die beiden Moderatorinnen zogen zwei Blätter Papier hervor. Im Hintergrund wurde eine kleine Grafik eingeblendet.
„Erste Frage: Was ist Ihr Lieblingsdessert?“
„Ähm… eindeutig Tiramisu!“
„Was war Ihr erster Berufswunsch?“
„Prinzessin… soweit man das als Berufswunsch klassifizieren kann“ Ihre Wangen wurden eine Spur rötlicher.
„Was ist das Letzte, was Sie machen, bevor sie schlafen gehen?“
„Beten und meinem Verlobten eine gute Nacht wünschen.“
„Welches würde Ihr Lieblingsraum im Weißen Haus werden?“
„Oh… gar kein Zimmer, denn es wäre der Garten.“
„Langschläfer, oder Frühaufsteher?“
„Keines von beidem oder beides zusammen, je nach dem.“
„Tut mir leid, wenn ich jetzt diese Frage stelle, die bekomme ich immer: Aber bevorzugen Sie bei Ihrem Verlobten Boxershorts oder Slips?“
„Ähm…“, sie überlegte hin und her, bevor sie schüchtern sagte: „keines von beidem.“ Das ganze Publikum begann zu toben und Bellas Wangen färbten sich rötlich.
„Gut, was war das beste Geschenk, das Sie bis jetzt von ihm erhalten haben?“
„Oh Gott… da gibt es so viele… mein Verlobungsring!“
„Welche Augenfarbe hat Ihr Verlobter?“ Bella riss die Augenlider auf und überlegte fieberhaft
„Ähm… grün.“
„Was ist Ihr Lieblingssong?“
„Kein Song, sondern ein Klavierstück von Yiruma: River flows in you.“
„Wer ist Ihr Celebrity-Schwarm?“
„Ähm… George Clooney … Robert Pattinson… Will Smith… ich könnte da noch Stunden weitermachen.”
„Haben Sie einen Spitznamen für Ihren Verlobten?“
„Honey… ähm und ich denke, die anderen kann ich nicht laut aussprechen, außer Eddie, wobei er das nicht allzu sehr mag.“
„Hat Ihr Verlobter auch einen Spitznamen für Sie?“
„Sweet, Bella, Bells.“
„Was ist Ihre größte Versuchung beim Essen?“
„Schokolade! Alles mit Schokolade, selbst wenn man mir Gemüse mit Schokoüberzug hinhalten würde, würde ich es essen.“
„Was würde uns überraschen, wenn wir in Ihre Tasche hineinsehen würden?“
„Mein Face Shield*“
„Was für eine Superkraft hätten Sie gerne?“
„Ich würde gerne alle mentalen Sachen abwehren können, falls es andere Helden gibt, die das beherrschen.“
„Sie werden jetzt traurig sein, aber das ist schon die letzte Frage.“
„Oh, können wir nicht mehr machen, das ist so lustig.“
„Was ist Ihre Lieblingsshow?“
„Lassen Sie mich kurz überlegen. Ich denke, ‚Desperate Housewives‘.“
„Vielen Dank, Miss Swan, es war uns eine Ehre Sie hier bei uns begrüßen zu dürfen.“ Damit war das Interview beendet gewesen und ich war fast gar nicht bei den Fragen hinterher gekommen, da es Schlag auf Schlag gegangen war.
Seit dem Interview wusste ich, dass ich das mit Bella nicht verderben durfte, denn im Worst Case Szenario, in dem wir uns im Streit trennen würden, stünde die Presse hinter ihr und ich konnte mir alles abschminken. Ich musste mir auch eingestehen, dass sie gut mit den Medien umgehen konnte, sie es beherrschte und ich mir keine Sorgen machen musste, dass etwas, das nicht in die Öffentlichkeit gehörte, den Weg dorthin fand. Sie könnte alleine reisen, sich um ihre Projekte kümmern, ohne dass ich Angst haben musste, dass sie alles kaputt machen würde. Das waren ein paar der Gründe, weshalb ich mich verändern musste.
Seufzend drehte ich mich wieder um und schwamm zum Strand zurück. Leise schlich ich mich an, da ich sah, dass Bella in ihr Buch vertieft war. Ich stellte mich hinter sie und begann willkürlich eine Zeile zu lesen.
„ »So«, stößt er hervor, schlingt einen Arm um meine Hüften, hebt mich hoch und schiebt sich unter mich.“[1] In meinem Kopf begann sich ein kleiner Film zu entwickeln, der diese Szene und Bella sowie mich beinhaltete. Plötzlich wurde das Buch zu geklappt und Bella sah mich geschockt an.
„Seit wann stehst du da?“, fragte sie nervös und ihre Wangen färbten sich rötlich.
„Ich bin gerade erst gekommen. Und keine Sorge, was in diesem Buch – wie heißt es? – steht, interessiert mich wohl kaum. Vermutlich so ein kitschiger Roman, in dessen der Held ein Vampir ist und einen Menschen kennenlernt, den er nicht verwandeln möchte, weil er in Selbstmitleid suhlt und sich der Frage stellt, ob er es überhaupt schaffen würde seiner Angebeteten die Seele zu rauben. Nein danke, das brauche ich nicht“, gab ich zurück. Bella verdrehte ihre Augen und wandte sich ihrem Buch zu. Ich legte mich auf die Liege neben sie und erhaschte einen Blick auf das Cover. Fifty Shades of Grey. Sofort speicherte ich mir den Namen in meinem Gedächtnis ab und würde Tanya bitten, mir das Buch per Eilkurier hierher zu schicken und wenn sie dafür jemand in einen Flieger setzen musste, so war mir das egal. Ich wollte unbedingt wissen, was sie da las.
*Face Shield = Beatmungsfolie, wird bei der Mund-zu-Mund oder der Mund-zu-Nase Beatmung (Erste Hilfe) eingesetzt
[1] Quelle: James, E. L.: Shades of Grey – Geheimes Verlangen. München: Wilhelm Goldmann Verlag 2012. S. 304
Ich war enttäuscht gewesen, als Bella meinen Vorschlag sie ins Haus zu tragen ablehnte. Zwar konnte ich sie verstehen, doch ich ärgerte mich schon etwas darüber. Denn mein Versuch nett zu sein, wurde gleich ausgeschlagen. Nicht einmal ein klein wenig gewürdigt. Dachte ich nur so, weil ich in meinem Stolz gekränkt war? Seufzend setzte ich mich auf die Couch, die auf der Terrasse stand und sah hinauf in den sternenklaren Himmel. Für die nächsten zwei Wochen hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich kein Streit vom Zaun reißen wollte, ein zuvorkommender und netter Ehemann zu sein und Bella den Freiraum zu lassen, den sie brauchte. Ich ließ kurz die Hochzeit Revue passieren und als das Brautkleid vor meinem geistigen Auge erschien, wurde mir anders. Dies erinnerte mich auch an das Gespräch mit meinem Vater kurz vor der Abreise.
***
„Sohn, ich habe dich schon gesucht“, sagte er und trat in den Salon ein, in dem ich auf Bella wartete. Leicht nervös wanderte ich von einer Ecke des Raumes zur nächsten.
„Es sieht aus, als könntest du einen Drink gebrauchen. Und keine Sorge, bei mir war es damals nicht anders als ich auf Esme wartete, dass wir in die Flitterwochen aufbrechen konnten…“, Carlisle reichte mir ein Glas Whiskey, bevor er fortfuhr: „… vielleicht sollte ich dir ein paar Tipps geben?“ Augenverdrehend nahm ich einen Schluck, da ich meinen Vater schon so gut kannte, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt hatte und ich ihn nicht mehr stoppen konnte.
„Aber bevor ich beginne, wollte ich dir nur sagen, dass Bella irgendetwas über ihren Bruder mitbekommen hat. Falls sie fragen sollte, dann-“, begann er und ich unterbrach ihn: „Dann erzähl ich ihr davon.“
Kopfschüttelnd sah er mich an.
„Nein, dann tu bitte so, als würdest du von nichts wissen. Vermutlich wird sie dich nicht fragen, aber wenn, dann sag nichts. Ich werde ihr alles erzählen, sobald ihr wieder zurück seid.“ Ich nickte ihm zu und fuhr mir danach durch mein wirres Haar. Seufzend setzte ich mich auf einen Zweisitzer und wartete darauf, dass er begann.
„Also, da wir das nun geklärt haben, kann ich nun zu den Tipps kommen. Die Flitterwochen sind etwas ganz Besonderes am Anfang einer Ehe. Man ist mit Glückshormonen vollgepumpt und könnte die ganze Welt besiegen, wobei das bei deiner Mutter und mir immer noch so ist. Auf den Anblick von viel freier Haut musst du dich jetzt schon einmal einstellen, denn ich kann mich noch genau an die Tage nach der Hochzeit auf Esme Island erinnern. Deine Mutter in einem türkisfarbenen Bikini auf einer Liege am Pool. Ein großer Sonnenhut am Kopf und ein Buch in der Hand. Ich sag dir eines, mein Sohn, so bekommt sie mich immer noch. Nun ja, ab da hatte sie mich soweit, die nächsten Tage verbrachten wir nur noch im Bett, außer wir mussten unseren menschlichen Bedürfnissen nachgehen. Und diese Tage waren heiß, doch deine Mutter und ich waren-“ Seine Worte projizierten ein Bild in mein Unterbewusstsein und genau das wollte ich auf gar keinen Fall. Außerdem war es ekelhaft, wenn man Vater über Sex mit Mom redete. Das fiel nicht unter die Kategorie, was ich über meine Eltern jemals wissen wollte.
„Dad, das will ich nicht hören. Wirklich, mir reicht es, dass ich weiß, dass ihr beide mindestens zwei Mal Sex hattet, um Tanya und mich zu zeugen. Es setzt sich gerade ein grausames Bild in meinem Kopf fest, welches ich dort eindeutig nicht haben möchte!“
„Darüber bin ich mir im Klaren, eigentlich wollte ich nur noch sagen, dass wir es etwas übertrieben haben und ihr lieber aufpassen solltet, bevor Bella eine Honeymoon-Zystitis oder allgemein bekannt als Flitterwochenkrankheit bekommt und ihr dann mehrere Tage nicht…“, geschockt blickte ich ihn an, was dachte mein Vater über mich? „Was?“, fragte er mich verschmitzt lächelnd, als er meinen Gesichtsausdruck sah.
„Will ich wissen, was du denkst, dass wir das in unseren Flitterwochen machen werden? Was ist überhaupt diese Flitterwochenkrankheit. Davon habe ich noch nie gehört…“
„Ich bin dein Vater, ein Mann und noch Arzt nebenbei, vergiss das nicht! Nun ja, für die Frau fühlt es sich wie eine Blasenentzündung an, was es genaugenommen auch ist, denn durch den vielen Geschlechtsverkehr, können Bakterien...“
„Okay, mehr will ich auch nicht wissen. Falls das passieren sollte, machen wir was?“, fragte ich nun genervt, denn so etwas wollte ich auch nicht von meinem Vater hören.
„In jedem Fall sollte Bella viel trinken, vor allem Preiselbeersaft hat eine bakteriostatische Wirkung. Jedoch sollte sie dann mindestens eineinhalb Liter davon trinken, damit das zu wirken beginnt. Vorbeugend kann sie ja jeden Morgen einhundert Milliliter zu sich nehmen, damit genau das nicht passiert.“
„Deshalb steht immer ein Glas mit dem Saft für Mum auf dem Frühstückstisch und auch deswegen habt ihr immer diese Blicke gewechselt, wenn ich danach gefragt habe.“ Mein Vater nickte mir ertappt zu.
„Einmal und nie wieder. Das war die Hölle. Und trotzdem ist sie noch in den Bikinis herumgelaufen…“, anscheinend hatte er meinen Gesichtsausdruck bemerkt und lenkte vom Thema ab.
***
Vielleicht sollte ich ihr jeden Tag ein Glas hinstellen. Mir war klar, dass wir in den nächsten Tagen keinen Sex haben würden, denn das hatte ich ihr schließlich versprochen, und hielt es immer. Jedoch würde ich ein paar Annäherungsversuche wagen. Leider wäre die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ich hier überhaupt zum Zug kommen würde. Ich hatte Bella zu viel zugemutet, war zu egoistisch und kaltherzig ihr gegenüber gewesen. Doch ich versuchte mich zu ändern, nur damit es klappen würde. Meine anfänglichen Prinzipien, dass ich sie nur heiraten würde, damit ich Präsident wäre, dass sie meine loyale Ehefrau sein sollte, die nur an meiner Seite sein sollte, hatte ich längst über Bord geworfen. Mir war klar geworden, dass ich mit dieser Einstellung nicht bei Bella weiterkam. Man musste liebevoll, freundschaftlich und respektvoll mit ihr umgehen, sie machen lassen, denn dann öffnete sie sich. An den Diskussionen mit ihr hatte ich in der Zwischenzeit Gefallen gefunden, denn ihre rhetorischen Fähigkeiten hatten sich gebessert. Flüchtig ließ ich meinen Blick über das dezent erleuchtete Anwesen schweifen, bis ich an der Glasfront zu Bellas Zimmer hängen blieb. Es war kein Licht eingeschaltet, was vermutlich bedeutete, dass sie schlief. Lächelnd stand ich auf, streckte mich ausgiebig und beschloss dann eine Runde schwimmen zu gehen und meine Muskulatur etwas zu entspannen.
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Ich schlug meine Augen auf, da ich einfach nicht mehr schlafen konnte. Das Rauschen des Meeres würde die nächsten Nächte mein großer Feind sein, so wie die Träume, die Bella beinhalteten. Schnell sprang ich unter die Dusche und zog mir danach kurze Shorts und ein T-Shirt an. Gähnend ging ich hinunter in die Küche und machte mir zuerst einen Kaffee. Ich wusste, dass es hier Personal gab, doch wollte ich einfach nicht, dass jemand für mich in diesen zwei Wochen kochte. Nicht, dass ich den Leuten misstraute hätte, das war mit Sicherheit nicht der Fall, aber ich hatte so lange nicht mehr den Kochlöffel geschwungen. Deshalb hatte ich gleich am Anfang zu Christian gesagt, dass ich das nicht wollte und das hatte er zur Kenntnis genommen. Der Kühlschrank war mit verschiedensten Sachen gut gefüllt und ich nahm ein paar Eier und Schinken heraus.
Ich war gerade dabei mir eine Tasse Kaffee einzuschenken, als ich leise Schritte hinter mir wahrnahm.
„Du bist schon auf?“, fragte Bella verblüfft und ich drehte mich zu ihr um. Bevor ich sprechen konnte, musste ich mich kurz räuspern, da diese kurzen Short und das enganliegende weiße Top unwiderstehlich an ihr aussahen.
„Ja, willst du gleich mit frühstücken, denn dann mach ich dir etwas mit?“ Sie lächelte mir zu und setzte sich anschließend auf einen der Barhocker, der neben der Theke stand.
„Gerne. Kannst du überhaupt kochen?“ Sie hob ihr Augenbraue an und taxierte mich mit einem amüsierten Blick.
„Sehe ich etwa aus als könnte ich es nicht?“ Meine Stimme war barsch und ich bereute es sofort.
„Ähm… das war nicht als Beleidigung gemeint, aber ich glaube, dass das Ei in der Pfanne gerade anbrennt“, kicherte sie, als sie auf mich zu kam und mir den Pfannenwender aus der Hand nahm.
„Das hier kannst du jetzt wegwerfen, schade darum. Wie wäre es damit, wenn du schon einmal den Tisch denken würdest und das Brot schneidest, währenddessen ich uns die Eier zubereite. Apropos, wie möchtest du deine haben?“ Sie stand vor mir und kratzte gerade das Angebrannte heraus.
„Ich esse, was du mir vorsetzen wirst“, antwortete ich und zwinkerte ihr zu, bevor ich mich daran machte den Tisch zu decken. Der Seufzer entging mir nicht.
Nachdem ich grinsend mit allem fertig war, selbst das Glas mit Preiselbeersaft stand schon bereit, kehrte ich wieder in die Küche zurück, in der es wunderbar duftete.
„Fertig“, verkündete Bella stolz und hielt mir zwei Teller hin. Sie selbst nahm auch zwei mit. Wir gingen schweigen aus der Küche.
„Du solltest den Tisch decken“, rügte sie mich sogleich, als wir an dem großen Esszimmertisch vorbeikamen. Wenn sie wüsste…
„Hab ich doch, aber nicht hier drinnen. Ich dachte, dass es viel schöner wäre draußen zu essen.“ Ich bemerkte, wie ein Lächeln in ihr Gesicht trat und sie mir mit dem Kopf deutete weiterzugehen. Vor dem gedeckten Tisch blieb ich stehen und ließ ihr die freie Platzwahl. Nachdem sie sich gesetzt hatte, nahm ich den Platz vis-à-vis. Die ersten paar Sekunden aßen wir schweigen und genossen einfach nur den herrlichen Ausblick.
„Was…“
„Hast…“ Wir beide begannen gleichzeitig zu reden und sahen uns verwirrt an.
„Du zuerst“, meinte ich, denn schließlich hieß es ja „Ladies first“.
„Was hast du für heute geplant? Ich meine, sieh dich doch um, diese Insel ist ein Traum.“ Um ihrer Aussage mehr Deutlichkeit zu verleihen, machte sie eine Handbewegung und deutete damit um uns herum. Es stimmte, dass diese Insel, von dem was ich bis jetzt gesehen hatte, wunderschön war. Christian hatte damals auch erwähnt, dass er und Stefanie es liebten hier Urlaub zu machen, kein Wunder. Sie besaßen ein kleines Paradies auf Erden.
„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin nur froh, dass wir hier sind und etwas Ruhe haben. Die letzten Tage, überhaupt gestern, waren nervenaufreibend genug. Und du?“ Sie nickte mir zu und schluckte ihren Bissen hinunter, bevor sie mir antworten konnte.
„Vielleicht etwas die Insel erkunden, aber das könnten wir… ähm… gemeinsam machen?“ Es klang sehr nach einer Frage. Anscheinenden hatte sie meinen Gesichtsausdruck falsch gedeutet, denn sie setzte schnell ein „Nur wenn du möchtest“ hinterher. Ich merkte, dass wir beide uns still und heimlich vorgenommen hatten, dass wir uns anstrengten, uns nicht gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und das Beste aus dieser Situation zu machen.
„Klar… ich würde sehr das sehr gerne tun. Weißt du, Bella…“ es war das erste Mal seit langem, dass ich sie so nannte, wenn sie in meiner Nähe war „…ich möchte in diesen zwei Wochen versuchen einmal nicht mit dir zu streiten, diese Zeit zu genießen und dich wirklich kennen zu lernen. Gestern – so denke ich jedenfalls – haben wir den ersten Schritt in diese Richtung gemacht. Mir ist klar, dass das nicht immer gut gehen kann, dafür sind wir zwei einfach zu große Dickköpfe, aber wir können es wenigstens probieren.“
Als sie mir zunickte und keine Widerrede gab, fuhr ich fort, „Geh jetzt bitte nicht an die Decke, aber Emmett hat trotzdem noch Fotos von dir gemacht, nachdem du ihm gesagt hast, dass er damit aufhören solle…“ leicht panisch, diesen friedvollen Moment nicht zu versauen, sah ich sie an. Bella hatte kurz die Lider geschlossen, dann geseufzt und schließlich die Augen verdreht. Sie murmelte kurz etwas wie „Emmett, wenn ich dich zwischen die Finger bekommen, dann hetze ich Eddie auf dich!“ und blickte mich dann interessiert an.
„Was hat er dir geschickt?“ Ich beschrieb ihr jedes einzelne Bild und ich bemerkte, dass ihr das zwar gegen ihr Gemüt ging, sie sich jedoch damit abfand. Danach herrschte reges Schweigen.
„Also… was wollen wir machen? Beziehungsweise, was kann man hier eigentlich unternehmen?“, fragte sie plötzlich und nahm meinen Teller, um ihn auf ihren eigenen zu stellen.
„Darüber habe ich mit Christian gesprochen. Begonnen im Indoor Bereich von Schach, Billard, Golf – da gibt es anscheinend irgendeinen technischen Schnickschnack, der das möglich macht – Mensch ärgere dich nicht, Poker und Gesellschaftsspiele. Hier außen gibt es mehr Möglichkeiten. Christian meinte, dass es auf der Insel eine kleine Lagune gibt – irgendwo in dem kleinen Wald neben uns. Dann im Pool oder im Meer baden, das Jacuzzi, in der Sonne liegen, durch den Wald wandern, dabei die Flora und Fauna beobachten, dann sollte es hier eine natürliche Kletterwand geben, tauchen, schnorcheln, am Strand spazieren gehen oder auch Jetski fahren, Wellenreiten, windsurfen – für die diese Sachen könnten wir uns Lehrer kommen lassen. Wir können auch einmal mit Esme eine kleine Tour machen.“
„Okay… das war viel…“, begann Bella und schien kurz zu überlegen, bevor sie fort fuhr: „…wie wäre es, wenn wir die Aktivitäten, die wir machen wollen, auf Zettel schreiben und in eine kleine Schüssel werfen. An jedem Morgen beim Frühstück wird dann gezogen was wir machen, denn ich denke nicht, dass wir beide uns – auch wenn es gerade danach aussieht, als könnten wir miteinander normal reden – auf etwas einigen könnten. Und es wird abwechselnd gezogen. Was hältst du davon?“ An sich war der Vorschlag für mich in Ordnung, deshalb stimmte ich ihr zu.
„Nun gut, dann sollten wir beginnen. Würdest du so nett sein und die Zettel vorbereiten, währenddessen räume ich den Tisch ab“, schlug ich vor und nahm schon die Teller, die sie vor sich gestapelt hatte in die Hand.
~~~~~*~~~~~
„Ha, gewonnen“, sagte Bella mit einem triumphalen Grinsen. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie nun einen kleinen Freudentanz aufgeführt hätte, da sie bei „Schere – Stein – Papier“ gewonnen hatte. Also war sie heute dran aus dem „Was machen wir“ Glas zu ziehen. Sie steckte ihre Hand hinein und förderte ein weißes Blatt Papier zu Tage. Langsam entfaltete Bella den Zettel und las dann laut vor: „Strand – Schwimmen – schnorcheln – entspannen“. Gut, damit konnte ich leben.
„Ich denke, dass das ein guter Start ist. So können wir uns noch etwas von gestern erholen und Kraft für die nächsten Tage tanken“, verkündete sie lächelnd und ging sogleich zu der Treppe. Ich starrte ihr kurz hinterher, bis ich mich zusammenriss und selbst in das Zimmer ging, das ich bezogen hatte, um mich umzuziehen.
Keine fünf Minuten später kehrte ich wieder in die Küche zurück und entnahm dem Kühlschrank ein paar Wasserflaschen. Diese würden wir bestimmt am Strand brauchen.
„Fertig!“ Diese Aussage ließ mich leicht zusammenzucken, da ich nicht darauf gefasst war, dass Bella schon umgezogen wäre. Frauen brauchten da bekanntlich eine gewisse Zeit… Ich drehte mich zu ihr um und folgte dem Anblick, angefangen bei den zierlichen Füßen, die in weißen Flip Flops steckten, über die endlos langen und wohlgeformten Beine, über ihre Hüfte, den Bauch, die großen Brüste, bis hin zum Kopf, der mit einem großen Hut bedeckt war. Ihr Körper steckte in einem buntgestreiften Bikini, der wirklich knapp war und ihre Kurven optimal zur Geltung brachte und darüber ein weißes transparentes Strandkleid. Ich spürte, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten.
„Gehen wir?“, fragte ich sie gepresst und überreichte ihr eine der beiden Flaschen, welche sie in ihrer Tasche verstaute. Weshalb musste sie auch noch so gut riechen? Ohne mir eine Antwort zu geben, marschierte sie schon zur Terrasse. Von dort aus führte eine Treppe hinunter in einen kleinen Garten, der die direkte Verbindung zwischen Haus und Strand war.
Dort angekommen schlenderten wir zu dem kleinen Pavillon, der nicht nur als Schattenspender diente, sondern auch ein paar Liegen beherbergte. Davor war eine kleine, nicht überdachte Plattform, vermutlich um in der direkten Sonne zu liegen. In einem dekorativen Korb entdeckte ich schließlich die Badetücher für die Liegestühle. Ich griff uns zwei heraus und reichte eines Bella entgegen.
„Ähm, danke…“ Danach herrschte Schweigen zwischen uns. Da ich das nicht aushalten konnte, ging ich einfach ins Meer. Denn es war mir zu dumm eine Konversation zu erzwingen.
Kaum war ich die ersten Meter im Wasser, hörte ich schon, dass sich Bella ebenfalls erfrischen wollte.
„Edward, warte!“, rief sie mir zu und ich wandte mich um. Sie hatte sich des Kleides entledigt und nun hatte ich einen besseren Blick auf all ihre Proportionen. Als sie vor mir zum Stehen kam, wäre sie beinahe ausgerutscht, doch ich fing sie auf. Automatisch zog ich sie an meine Brust und legte beide Arme um ihre Taille.
„Was bekomm ich dafür, wenn ich dich loslasse?“, hauchte ich ihr zu. Geschockt sah sie mich an.
„Ähm…“
„Das ist aber kein gutes Angebot.“ Sie schien zu überlegen, doch ich hatte plötzlich einen Einfall. Ich ließ sie los und begann sie zu kitzeln. Wie gut, dass Tanya es unabsichtlich entschlüpft war, dass sie extrem kitzlig war.
„Edward… hör… auf! Bitte!“, keuchte sie und ich erbarmte mich. Böse sah sie mich an und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Das bedeutete Krieg!
Schon lange waren wir beide von unten bis oben nass, doch niemand wollte aufgeben. Auf einmal änderte sie ihre Taktik, kam auf mich zu und blieb wenige Zentimeter vor mir stehen. Bella streckte ihre Hand aus, fuhr mit ihren Fingerspitzen über meine Bauchmuskeln und plötzlich und ohne es vorhergesehen zu haben, purzelte ich ins Meer. Das wirst du mir büßen!, schwor ich mir und packte sie sogleich an der Hüfte und zog sie zu mir hinunter. Unbeabsichtigt landete sie auf mir. Bellas Hände lagen auf meinen Schultern und ihre Füße waren mit meinen verschlungen. Ich drehte uns um, sodass ich auf ihr lag, wohl bedacht, dass mein Gewicht sie nicht niederdrückte.
„Nun, gibst du auf?“
„Niemals, Cullen!“, sagte sie gespielt giftig und ich verlagerte mein Gewicht mehr, sodass sie es spüren konnte.
„Du bist jetzt auch eine Cullen und zwar Misses Edward Cullen“, erwiderte ich sanft. An den Klang dieses Namens könnte ich mich gewöhnen. Ihre Augen weiteten sich wieder, bevor sie stocksteif wurde. Irgendetwas stimmte hier nicht.
„Bella, was ist los?“ Ich löste mich von ihr und legte mich neben sie ins Wasser.
„Du meintest einmal wir können ehrlich sein, dass wir das sein müssten. Meine Mutter hatte vor zwei Tagen eine Unterhaltung mit mir, was ich zu erwarten habe, was ich geben muss und was von mir erwartet wird von deiner Seite sexuell gesehen. Ich kann das nicht, und jetzt gerade, dieser Moment eben, das war für mich zu viel. Dich so nah zu wissen und den Hintergedanken im Kopf zu haben, dass jeder etwas von mir – uns – erwartet, das ertrag ich nicht. Ich habe mich immer schon gewehrt und jetzt auch. Ja, jetzt bin ich hier mit dir, deine Ehefrau, von der du verlangst Kinder zu bekommen, welche nicht aus Liebe entstehen würden, sondern aus Pflicht. Edward, das ist niemals mein Lebensziel. Es ist so unwirklich. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass mich mein Vater mehr oder minder an jemand verkauft, was er tatsächlich getan hat. Nur um diesen verdammten Posten des Außenministers zu bekommen, falls du gewinnst, und ich bin mir sicher, dass du das tun wirst. Ich wusste, dass meine Eltern selbst eine arrangierte Ehe hatten, das ist schließlich nichts Außergewöhnliches damals gewesen, aber heute? Sie wussten, dass ich ein Freigeist bin, dass ich meinen Platz brauche um mich wohlzufühlen.“ Ich konnte sie verstehen.
„Du weißt, mein Versprechen-“, begann ich, wurde jedoch jäh von ihr unterbrochen: „Ja, das ist mir nicht entfallen. Nur… nur können wir uns nicht vorher kennenlernen – ich meine richtig kennenlernen – ohne Masken, ohne Manipulation, ohne das was da draußen ist. Dass wir, einfach nur Edward und Bella sind und nicht ein Präsidentschaftskandidat und dessen Ehefrau? Ich denke, dass ich das brauche, damit das zwischen uns funktioniert.“
„Das möchte ich auch. Es ist wichtig, dass wir uns verstehen und dann jemanden haben, den wir um Rat fragen können. Wie ich heute schon beim Frühstück erwähnt habe: ich will dich kennenlernen. Eben jene Frau aus den letzten Tagen in den Hamptons, oder bei dem Interview bei Today Show.“
„Danke“, sagte sie, stand auf und verschwand schnell zurück an den Strand. Verwirrt sah ich ihr hinterher. Kopfschüttelnd tauchte ich in das klare Meer ein.
Als ich wieder an die Wasseroberfläche kam, drehte ich mich auf den Rücken und überlegte, ließ meine Gedanken schweifen, bis ich mich wieder an das Interview erinnerte.
***
Isabella wurde von den beiden Moderatorinnen angekündigt und tobender Applaus begann. Sie trat auf die Bühne und sah sich lächelnd in dem Studio um. Die Gäste blickten alle in ihre Richtung und als die Kamera geschwenkt wurde, konnte man sehen, dass einige Frauen Tränen in den Augen hatten, beziehungsweise diese ihnen über die Wangen liefen. Meine Verlobte drehte ihren Kopf kurz und schien auf ein Zeichen von vermutlich Emmett zu warten, bevor sie sich die drei Stufen von der Bühne herunterschritt und auf das Publikum zuschritt. Sie ging zu den einzelnen Frauen, umarmte diese und bekam einige Geschenke. Ich hätte mir nie gedacht, dass sie so liebevoll und mit offenen Armen von der Bevölkerung aufgenommen werden würde. Dies jagte mir den einen oder anderen Schauer über den Rücken, obwohl ich wusste, dass Emmett sie niemals irgendeiner Gefahr aussetzen würde. Jener blieb stets in ihrer Nähe und würde sie beschützen, das hatte er mir versprochen. Die Frauen, bei denen sie vorbei kam, als sie zurück zur Bühne ging, umarmten sie entweder stürmisch, betatschten sie, oder schüttelten ihr die Hand. Immer zierte ein fröhliches Lachen ihr Gesicht, auch wenn sie anfangs kurz überrumpelt ausgesehen hatte. Erst jetzt bemerkte ich ihr pinkfarbenes Kleid, welches die richtigen Stellen zur Geltung brachte und trotzdem noch züchtig wirkte, genau wie man sich eine First Lady vorstellt. Schließlich kam sie wieder bei ihrem Sitzplatz auf der kleinen Bühne an und winkte allen fröhlich zu, da das Publikum nicht mehr aufhören wollte zu klatschen.
„Es freut uns, dass Sie heute unser Gast sind, Isabella“, begann die erste der beiden Damen, als es halbwegs still war.
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite und ich fühle mich geehrt einmal hier sein zu dürfen.“
„Als wir das letzte Mal darüber sprachen…“ dabei deutete sie auf ihre Kollegin „… fanden wir heraus, dass die erste Debatte um das Amt des Präsidenten an Ihrem Geburtstag stattfinden würde. Und natürlich fragten wir uns gleich, weiß er das Datum?“ Das Publikum lachte und Isabella presste kurz die Lippen zusammen, bevor sie zu grinsen begann.
„Und ich fragte mich sogleich, gibt es da überhaupt die Möglichkeit, Ihren Ehrentag zu feiern? Oder halst er sich Ihren Groll auf, wenn er sich in die Vorbereitungen für dieses wichtige Duell stürzt. Wobei wir die letzten Tage mitansehen konnte, wie wenig sein Gegner ihm bis jetzt entgegensetzen konnte.“ Isabella faltete ihre Hände und spielte kurz mit ihrem Verlobungsring, bevor sie eine Antwort gab.
„Nun ja… wir haben noch nicht wirklich darüber gesprochen. Zwar wäre es angenehm mit ihm den Tag zu verbringen, denn schließlich wird er bald mein Ehemann sein und da möchte ich so viel Zeit mit ihm verbringen wie möglich. Vor allem, falls wir ins Weiße Haus einziehen, dann würde ich ihn noch weniger sehen. Jedoch bin ich mir sicher, dass wir nach den Debatten, vielleicht auch kurz davor nutzen um meinen Geburtstag zu feiern. Jedenfalls freue ich mich schon auf einen Abend zu zweit bei einem guten Glas Wein und meinem Lieblingsessen.“
„Aber… wie soll ich es am besten ausdrücken… sind Sie nicht enttäuscht, dass er dadurch nichts Größeres als ein Abendessen planen kann.“ Isabella musste schmunzeln und stützte ihre Ellbogen auf den Lehnen des Stuhls ab.
„Sicherlich würde ich mir mehr Zeit mit ihm wünschen, aber er oder besser gesagt wir haben uns diesen Weg ausgesucht und ich stehe hinter meinem Verlobten in allen Belangen. Wir haben das lange und ausführlich diskutiert, ob wir, unsere Beziehung, Ehe und Freundschaft, sowie unsere Persönlichkeiten alles aushalten, was auf uns in den nächsten Wochen und Monaten, auch Jahren zukommen wird. Wäre es negativ ausgefallen, so würde ich nun nicht hiersitzen, aber er lange Zeit mir das alles wieder zurückzuzahlen mit vielen Abenden, schönen angenehmen und wohltuenden zu Zweit. Und wenn er das nicht macht, wird es einfach eine Liste oder einen Beschwerdebrief von mir geben und wenn ich dazu gezwungen bin, werde ich ihn einfach mit Handschellen an mich binden, dann muss er alles mit mir machen.“ Dies verdeutlichte sie mit imaginären Handschellen, in dem sie die beiden Hände nach vorne streckte und sie Handgelenke aneinanderlegte. Die beiden Moderatorinnen machte dies sofort lachend nach.
„Ich habe das Gefühl, dass er das schaffen wird“, kicherte die Brünette.
„Definitiv. Für die USA, kann ich dazu nur sagen“, sagte Bella, brachte dadurch meinen Wahlslogan mit ein und das Publikum und die beiden Moderatorinnen zum Lachen.
„Hm… ich weiß nicht, aber irgendwoher kommt mir dieser Spruch bekannt vor“, sinnierte die blonde Moderatorin und spielte, als würde sie nachdenken.
„So, nun zu einem anderen Thema. Ihr Haushalt hat Zuwachs bekommen, wie man unschwer auf einigen Bildern sehen konnte.“ Eddie wurde eingeblendet. In den letzten Tagen waren immer wieder Bilder von ihr und dem Hund gezeigt worden und die USA schien dem Charme des kleinen Hundes zu unterliegen.
„Oh ja. Wir, beziehungsweise mehr ich, habe mit einen Jack Russell Terrier zugelegt mit dem Namen Eddie…“ Ein Bild wurde von dem Haustier eingeblendet „… ja, das ist mein kleiner Junge.“
„Und, ist er immer in diesem Pool mit den Bällen?“
„Oh nein, aber das liebt er. Jeden Morgen gehe ich mit ihm eine Runde spazieren, ab und zu nimmt ihn auch Emmett, einer meiner Bodyguards mit, wenn er laufen geht, sodass er ausreichend Auslauf bekommt.“
„Und dieser Pool, wessen Idee war es?“, hakte nun die Brünette nach.
„Oh, das war eine Idee von Emmett. Er liebt Eddie genau wie ich und verwöhnt ihn gerne. Vor gut einer Woche ist er dann mit dem Ding aufgetaucht und mein Hund nahm es sofort in Beschlag.“
„Abgesehen davon wird sich sicher Ihr Verlobter über den Zuwachs gefreut haben. Schließlich ist dieser auch sportlich aktiv. Ausgenommen von den Marathons, die er früher mitgelaufen ist, ist er auch ein leidenschaftlicher Football Spieler.“
„Ja, das stimmt und jedes Mal wundere ich mich, beziehungsweise habe ich Angst, dass er sich verletzen könnte, was er dann aber nicht tut. Entweder sind die Männer mit ihm extra vorsichtig, oder er ist einfach so gut.“ In der Zwischenzeit wurden von mir zwei Bilder gezeigt, das eine, als ich bei einem Marathon mitgelaufen war und das andere, als ich gerade mit vollem Körpereinsatz einen Football über den Rasen warf.
„Ich denke, dass er einfach so gut ist. Wir haben vorhin über Debatten gesprochen. Es muss irrsinnig schwer sein, als zukünftige Ehefrau in einer dieser Debatten zu sitzen und das stillschweigend. Ich denke, dass Sie doch oft am liebsten aufstehen und vieles laut hinausschreien würden.“
„Nun ja… bis jetzt war es mir nicht möglich an einer teilzunehmen, was nicht heißt, dass ich es nicht möchte, sondern, dass mir schlichtweg die Zeit dafür gefehlt hat. Aber, ich verfolge diese dann über einen Stream, oder über den Fernseher, wenn ich unterwegs bin und ja, da fällt es mir schwer. Jedoch kann ich dort sprechen und meine Meinung kundtun, was mir – wenn ich persönlich anwesend wäre – sehr schwer fallen würde. Denn die Kamera würde immer wieder auf mich geschwenkt werden und wenn ich herumzappeln würde und meinem Nachbarn zuflüstern würde: „Das ist mein Mann!“, würde das vermutlich nicht so gut ankommen.“ Sie verdeutlichte dies mit einigen Gesten, die mich zum Schmunzeln brachten.
„Aber nehmen wir die letzten beiden TV-Auftritte, das Duell mit dem Spitzenkandidaten der Republikaner, Jacob Black, und das Interview vor ein paar Tagen. Für das erste wurde er gelobt, da er Black ziemlich in die Ecke drängt und Stärke bewies. Aber während des Interviews war er sichtlich verwirrt und schien nicht richtig dabei zu sein. Es schien sogar, dass er etwas gesundheitlich angeschlagen war, was ihm viel Kritik einbrachte.“ Die Gedanken an beide Situationen ließ mich einfach nur die Augen rollen. Ich war nicht krank gewesen, nur etwas abgelenkt…
„Im Allgemeinen bin ich jederzeit auf meinen Verlobten stolz und halte zu ihm. Das ist wichtig in unserer Partnerschaft. Und er gibt sich auch durchwegs menschlich, ehrlich und bodenständig. Also bin ich immer stolz auf ihn, ob er einen guten Tag hat, oder einen schlechten, schließlich ist er auch nur ein Mensch und kann nicht wie eine Maschine funktionieren. Schließlich hat er einen harten Job, er ist Senator und gleichzeitig kandidiert er für das Amt, da kann auch er schon mal ins Trudeln kommen.“
„Das stimmt, aber was sagen Sie zu Leuten, die denken, dass deren Stimme nicht zählt?“
„Jede Stimme zählt. Das sage ich immer, denn unsere Vorfahren haben sich das hart für unsere Generationen und die nachfolgenden erkämpft, dass wir das Wählen einer Demokratie nicht vergessen oder zur Seite schieben sollten, denn sonst hätten unsere Ahnen ihr Leben und ihren Intellekt für sehr wenig gelassen, was wirklich schade wäre. Ich rede und diskutiere gerne mit jungen Wählern, da sie zeitweise unentschlossen sind und nicht wissen, ob sie das wählen sollen, was ihr Umkreis wählt, oder auf ihre eigene Stimme hören sollen. Man wird in der Kindheit geprägt und bekommt von den Freunden und Verwandten deren politische Einstellung vermittelt und dadurch entsteht dann ein gewisser Druck auf die jungen Wähler ja nichts falsch zu machen. Es ist egal ob man für die Partei A oder die Partei B ist, solange man zu seiner Meinung steht und wählen geht. Man zeigt politisches Interesse, was sehr wichtig ist, selbst wenn man „weiß“ oder ungültig wählt. Das zeigt den Politikern, dass man wählt, jedoch mit der derzeitigen Konstellation nicht zufrieden ist, zumal es sich immer um die Zukunft, die der jungen Leute dreht, deshalb appelliere ich auch immer, dass diese, welche kaum jünger sind als ich, in ihr Wahllokal gehen und ihre Stimme abgeben, oder es per Briefwahl machen, denn jede Stimme zählt.“ Da hatte sie sehr weise gesprochen, das musste ich ihr lassen. Man konnte erkennen, dass sie Politikwissenschaften studiert und schon etwas Erfahrung mit den Medien hatte.
„Da können wir Ihnen nur zustimmen. Doch jetzt würden wir Sie gerne zu einem kleinen Spiel einladen.“
„Ich wäre dabei!“, lachte sie und wollte sofort vor Tatendrang aufstehen.
„Oh, das machen wir im Sitzen.“ Und die beiden Moderatorinnen zogen zwei Blätter Papier hervor. Im Hintergrund wurde eine kleine Grafik eingeblendet.
„Erste Frage: Was ist Ihr Lieblingsdessert?“
„Ähm… eindeutig Tiramisu!“
„Was war Ihr erster Berufswunsch?“
„Prinzessin… soweit man das als Berufswunsch klassifizieren kann“ Ihre Wangen wurden eine Spur rötlicher.
„Was ist das Letzte, was Sie machen, bevor sie schlafen gehen?“
„Beten und meinem Verlobten eine gute Nacht wünschen.“
„Welches würde Ihr Lieblingsraum im Weißen Haus werden?“
„Oh… gar kein Zimmer, denn es wäre der Garten.“
„Langschläfer, oder Frühaufsteher?“
„Keines von beidem oder beides zusammen, je nach dem.“
„Tut mir leid, wenn ich jetzt diese Frage stelle, die bekomme ich immer: Aber bevorzugen Sie bei Ihrem Verlobten Boxershorts oder Slips?“
„Ähm…“, sie überlegte hin und her, bevor sie schüchtern sagte: „keines von beidem.“ Das ganze Publikum begann zu toben und Bellas Wangen färbten sich rötlich.
„Gut, was war das beste Geschenk, das Sie bis jetzt von ihm erhalten haben?“
„Oh Gott… da gibt es so viele… mein Verlobungsring!“
„Welche Augenfarbe hat Ihr Verlobter?“ Bella riss die Augenlider auf und überlegte fieberhaft
„Ähm… grün.“
„Was ist Ihr Lieblingssong?“
„Kein Song, sondern ein Klavierstück von Yiruma: River flows in you.“
„Wer ist Ihr Celebrity-Schwarm?“
„Ähm… George Clooney … Robert Pattinson… Will Smith… ich könnte da noch Stunden weitermachen.”
„Haben Sie einen Spitznamen für Ihren Verlobten?“
„Honey… ähm und ich denke, die anderen kann ich nicht laut aussprechen, außer Eddie, wobei er das nicht allzu sehr mag.“
„Hat Ihr Verlobter auch einen Spitznamen für Sie?“
„Sweet, Bella, Bells.“
„Was ist Ihre größte Versuchung beim Essen?“
„Schokolade! Alles mit Schokolade, selbst wenn man mir Gemüse mit Schokoüberzug hinhalten würde, würde ich es essen.“
„Was würde uns überraschen, wenn wir in Ihre Tasche hineinsehen würden?“
„Mein Face Shield*“
„Was für eine Superkraft hätten Sie gerne?“
„Ich würde gerne alle mentalen Sachen abwehren können, falls es andere Helden gibt, die das beherrschen.“
„Sie werden jetzt traurig sein, aber das ist schon die letzte Frage.“
„Oh, können wir nicht mehr machen, das ist so lustig.“
„Was ist Ihre Lieblingsshow?“
„Lassen Sie mich kurz überlegen. Ich denke, ‚Desperate Housewives‘.“
„Vielen Dank, Miss Swan, es war uns eine Ehre Sie hier bei uns begrüßen zu dürfen.“ Damit war das Interview beendet gewesen und ich war fast gar nicht bei den Fragen hinterher gekommen, da es Schlag auf Schlag gegangen war.
***
Seit dem Interview wusste ich, dass ich das mit Bella nicht verderben durfte, denn im Worst Case Szenario, in dem wir uns im Streit trennen würden, stünde die Presse hinter ihr und ich konnte mir alles abschminken. Ich musste mir auch eingestehen, dass sie gut mit den Medien umgehen konnte, sie es beherrschte und ich mir keine Sorgen machen musste, dass etwas, das nicht in die Öffentlichkeit gehörte, den Weg dorthin fand. Sie könnte alleine reisen, sich um ihre Projekte kümmern, ohne dass ich Angst haben musste, dass sie alles kaputt machen würde. Das waren ein paar der Gründe, weshalb ich mich verändern musste.
Seufzend drehte ich mich wieder um und schwamm zum Strand zurück. Leise schlich ich mich an, da ich sah, dass Bella in ihr Buch vertieft war. Ich stellte mich hinter sie und begann willkürlich eine Zeile zu lesen.
„ »So«, stößt er hervor, schlingt einen Arm um meine Hüften, hebt mich hoch und schiebt sich unter mich.“[1] In meinem Kopf begann sich ein kleiner Film zu entwickeln, der diese Szene und Bella sowie mich beinhaltete. Plötzlich wurde das Buch zu geklappt und Bella sah mich geschockt an.
„Seit wann stehst du da?“, fragte sie nervös und ihre Wangen färbten sich rötlich.
„Ich bin gerade erst gekommen. Und keine Sorge, was in diesem Buch – wie heißt es? – steht, interessiert mich wohl kaum. Vermutlich so ein kitschiger Roman, in dessen der Held ein Vampir ist und einen Menschen kennenlernt, den er nicht verwandeln möchte, weil er in Selbstmitleid suhlt und sich der Frage stellt, ob er es überhaupt schaffen würde seiner Angebeteten die Seele zu rauben. Nein danke, das brauche ich nicht“, gab ich zurück. Bella verdrehte ihre Augen und wandte sich ihrem Buch zu. Ich legte mich auf die Liege neben sie und erhaschte einen Blick auf das Cover. Fifty Shades of Grey. Sofort speicherte ich mir den Namen in meinem Gedächtnis ab und würde Tanya bitten, mir das Buch per Eilkurier hierher zu schicken und wenn sie dafür jemand in einen Flieger setzen musste, so war mir das egal. Ich wollte unbedingt wissen, was sie da las.
*Face Shield = Beatmungsfolie, wird bei der Mund-zu-Mund oder der Mund-zu-Nase Beatmung (Erste Hilfe) eingesetzt
[1] Quelle: James, E. L.: Shades of Grey – Geheimes Verlangen. München: Wilhelm Goldmann Verlag 2012. S. 304