Kapitel 15
“Go to a place where you're not going to be stressed, because a honeymoon itself can be a stressful thing.” – Diane von Furstenberg
„Bella“, hörte ich leise und ein Kichern ertönte. Ich presste meine Augenlider zusammen, denn ich wollte noch nicht aufwachen. In den letzten vergangenen Tagen hatte ich nicht wirklich gut geschlafen und jetzt wurde ich unnachgiebig aufgeweckt. Nie hätte ich gedacht, dass eine Hochzeit so anstrengend und auslaugend sein kann. Mich in mein Polster kuschelnd merkte ich, dass sich dieses hob und senkte. Langsam schlug ich meine Augen auf und sah in Edwards strahlend grüne Augen.
„Wir sind gleich am Flughafen, von dort noch mit dem Boot knapp zehn Minuten und dann sind wir an unserem Ziel angekommen. Dort kannst du dann weiterschlafen, aber bis dahin würde ich dich bitten wach zu bleiben, außer du möchtest, dass ich dich trage.“
Verschlafen richtete ich mich auf und sah mich um. Ich befand mich in einem Privatjet, wie sollte es anders sein. Wohin wir genau geflogen waren, hatte mir Edward nicht verraten wollen, ich durfte nicht einmal meinen Koffer – ich konnte nur hoffen, dass es sich um ein Gepäckstück handelte, denn ich wusste, dass Tanya, Alice und Rose für mich gepackt hatten – einräumen dürfen. Seufzend streckte ich mich und sah aus dem Fenster. Unter uns war es komplett schwarz.
„Langsam kannst du mir verraten, wo wir die nächsten zwei Wochen verbringen!“ Edward seufzte und schien zu überlegen. Er fuhr sich mit der linken Hand, welche nun mit dem Ehering geziert war, über sein Kinn und rieb es sich leicht. Weshalb sah diese Geste so verdammt sexy aus? Ich musste mich zusammenreißen, denn solche Gedanken sollte ich schließlich wegen unserer Konstellation gar nicht aufkommen lassen.
„Christian hat uns seine Insel als Hochzeitsgeschenk zur Verfügung gestellt“, erklärte er mir und fuhr danach durch mein Haar. Dass er eine Insel besaß wusste ich nicht. Ich nickte nur kurz und setzte mich dann aufrecht in meinem Sitz hin. Was hätte ich großartiges erwidern sollen? Mir war es zu dumm geworden mit ihm zu streiten, ich wollte die Tage, die vor mir lagen, genießen. Nicht mehr und nicht weniger. Einen Versuch die zwei Wochen ohne Streit zu überstehen, schien mir ein Experiment wert zu sein, denn wie er sich um mich gekümmert hatte, als Charlie wutschnaubend in das Zimmer kam, als ich mir das Kleid für den Empfang anzog.
Ich war kaum ein paar Minuten in dem Schlafzimmer, in dem ich mein Brautkleid für den Empfang wechseln wollte, als ein wütender Charlie ins Zimmer gestürzt kam. Er schickte Alice und Rose, die mir dabei halfen aus dem Kleid zu kommen, aus dem Raum. Dass ich nur in Unterwäsche vor ihm stand, interessierte ihn keineswegs.
„Isabella, was sollte das?“ Ich sah ihm an, dass er versuchte seine Wut in Zaum zu halten, ganz gelang es ihm aber nicht.
„Was sollte was?“, schnappte ich zurück und verschränkte meine Arme vor der Brust. Ab heute war es mir egal, was er zu mir sagte, ich war nicht mehr ein Kind, sondern eine Frau, die bald First Lady werden würde.
„Dieses Kleid. Eine Schande für unsere Familie! Das wird Edwards Ruin sein!“ Ich hob provokant eine Augenbraue und schnaufte verächtlich.
„Sein Ruin wäre es gewesen, wenn ich ihn nicht geheiratet hätte. Dieses Kleid war nichts dagegen. Zumal es gut ankam!“ Er wusste nichts, rein gar nichts!
„Du wirst so etwas nicht mehr tragen!“
„Verbietest du mir das? Vergiss es, Charlie. Ich bin nicht mehr unter deinen Fittichen und bin froh darüber endlich von dir wegzukommen. Du machst einen mit deiner Art krank. Du zerstört jedes Eigenleben. Du hast Renée zu einer Puppe gemacht, die nur deinem Wort folgt!“
„Entschuldige? Ich bin immer noch dein Vater! Und deine Mutter verhält sich genauso, wie sich eine Frau ihres Standes verhalten sollte. Aber wie ich heute feststelle, bist du immer noch das kleine Kind, das man in seine Schranken weisen muss.“
„Ich bin weder ein Kind, noch muss mir erklärt werden, wo meine Grenzen liegen! Du hast nicht die Macht über mich zu bestimmen. Außerdem hast du ein völlig verzerrtes Weltbild. Frauen sind für dich einen Dreck wert, für nichts anderes da als schön auszusehen, den Haushalt zu schmeißen und so viele Kinder wie möglich zu bekommen, wobei ihr beide ja nur mich habt. Woran das bloß liegt? Wurde dir Mutter zu langweilig? Hast du dich lieber mit einer anderen Frau vergnügt, die es wahrscheinlich nicht wollte, weil du sie dazu gezwungen hast?“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten und spie es ihm regelrecht ins Gesicht. Seine Gesichtsfarbe wurde zunehmend roter.
„Isabella, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich so nicht zu benehmen hast. Widersprich mir gefälligst nicht!“ Und schon war er explodiert. Leicht zuckte ich zusammen, da ich mit dem Ausbruch so früh noch nicht gerechnet hatte. Doch ich würde nicht nachgeben. Wenn ich das jetzt täte, so würde ich ihm eingestehen, dass er mich lenken kann. Und das wollte ich keinesfalls. Denn dann hätte ich umsonst so hart gekämpft.
„Nur weil alles nicht nach deiner Nase geht und ich meinen eigenen Willen habe, benehme ich mich nicht anständig?“
„Sei leise! Sonst-“ Er wollte mir drohen? Das würde in die Hose gehen, denn ich hatte meine Angst seit langem vor ihm verloren. Und mit dem heutigen Tag war es endgültig vorbei. Ich musste ihm gegenüber nicht mehr den Mund halten. Der Ehevertrag sicherte mir eine angenehme Zukunft mit jedem Luxus, den ich haben wollte. Dazu brauchte ich Charlie nicht mehr. Er hatte mich abhängig von ihm gemacht, aber das war ich nun nicht mehr!
„Sonst was? Schlägst du mich, oder vergewaltigst mich, wie Mutter vor ein paar Stunden? Ich bitte dich! Deine Tochter, die dir den Posten des Außenministers sichert, weil du nicht deinen Arsch aufrappeln kannst und den Mumm hast selber zu kandidieren.“
In der Zwischenzeit war er immer näher an mich herangetreten und plötzlich spürte ich einen brennenden Schmerz im Gesicht. Der Knall, der entstand, als seine Hand auf meine Wange schlug, traf mein Gehör und sagte mir, was gerade passiert war. Er hatte mich geschlagen. Vor Schmerz schossen mir Tränen in die Augen und ich musste mich zurückhalten, dass ich nicht meine geschundene Haut zu massieren begann.
„Hör mir jetzt zu: Erwähnst du diese Konversation nur im Geringsten in einem Gespräch mit Edward, so wird er dir keinen Glauben schenken. Weshalb auch, du bist ja nur eine Frau. Also hör auf, ein auf unschuldiges Lamm zu machen, ich weiß nur zu gut, dass du das nicht bist. Selbst von dem Tattoo wusste ich keine zehn Minuten später, als du es unter deiner Haut hattest.“
„Ich werde viel mehr zu sagen haben als du jemals, Vater“, spie ich und war kurz davor ihm ins Gesicht zu spucken, doch ein zweiter Schlag hielt mich davon ab. Dieser war schmerzhafter und stärker gewesen. Ich sank in die Knie und sah geschockt zur Tür, die gerade aufgerissen wurde.
Die nächsten Sekunden flogen nur an mir vorbei. Ich wusste nicht, was um mich herum geschah. Ein paar Wortfetzen nahm ich wahr.
„….meine Frau geschlagen, meine Frau, … hören … eigene Frau vergewaltigt … abartig und machtbesessen …. Werte von Loyalität und Zusammenhalt … Hand gegen jemanden erhebst… Anstand sprichst ... Man schlägt keine Frauen.“ Der letzte Satz riss mich aus meinem Wachkomma. Ich stand auf und merkte, dass Edward Charlie gegen die Wand gedrückt hatte und dieser um Atem rang.
„Es reicht. Er bekommt gleich keine Luft mehr, wenn du ihn noch weiter an die Wand drückst. Ich glaube, dass Charlie etwas aus dieser Situation gelernt hat.“ Ich hatte meine Hand auf seinen Oberarm gelegt. Charlie war zwar abgrundtief böse, aber er war noch mein Vater. Und eine Schlägerei oder gar einen Todesfall wollte ich an meinem Hochzeitstag nicht haben, zumal Ellen immer noch anwesend war.
„Sollte mir nur einmal zu Ohren kommen, dass du ein weiteres Mal meine Frau schlägst, oder in irgendeiner Weise etwas gegen sie unternimmst, dann, Charlie, Gnade dir Gott! Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege.“ Ich konnte nicht mehr. Das war zu viel. Dieses Hin und Her zwischen Freundlichkeit und Ignoranz, Boshaftigkeit und liebevolle Art. Meine Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten. Sie wollten einfach raus. Als Edward sich zu mir umwandte, da er Charlie nachgesehen hatte, bedankte ich mich bei ihm. Liebevoll nahm er mich in den Arm. Eigentlich wollte ich das gar nicht, doch ich war zu erschöpft und schmiegte mich einfach an seine warme Brust.
„Ich konnte das nicht mehr. Überhaupt nachdem ich mitanhören musste, wie er Ren- meine Mutter...“, brach plötzlich der Schwall aus meinem Mund, doch meine Stimme versagte. Rein der Gedanke an diese Tat jagte einen Schauer nach dem nächsten über meinen Rücken. Ich versuchte mich irgendwie zu beruhigen, dass ich hier keinen Nervenzusammenbruch hatte. Denn ich stand kurz davor.
„Ist schon gut, ich bin da.“ Er zog mich näher an sich heran und massierte mir den Nacken. Ich konnte spüren, wie sich meine verkrampften Muskeln langsam lösten. Es tat wirklich gut. Seine nächsten Worte waren für mich verwirrend, aber sie bedeuteten eine Menge für mich. Denn ich hatte mir dieses Versprechen nicht eingebildet gehabt. Er hatte es mir wirklich gegeben und darüber war ich froh.
Als er mir sagte, dass er heute keinen Streit wollte, so gestand ich mir ein, dass es einfach und nicht so nervenaufreibend wäre, einmal den Mund zu halten und den Moment zu genießen. Denn auf diese Art und Weise hatte ich ihn noch nie erlebt. Nicht derart fürsorglich, zärtlich, liebevoll und nett. Diesen Edward würde ich gerne näher kennenlernen wollen und nicht den arroganten Kerl, der er immer vorgab zu sein. Wir müssten uns beide ändern. Nicht von heute auf morgen, aber langsam. Das war mein Ziel in den Flitterwochen.
Ein paar Minuten später landeten wir ohne ein weiteres Wort gewechselt zu haben. Nachdem wir das Zeichen bekommen hatten, dass wir aussteigen konnten, half mir Edward aus dem Jet. Eine warme Brise umspielte den Saum meines Kleides, welches sich durch den Windstoß leicht bewegte. Zuerst war ich verwundert gewesen, weshalb mir Tanya das pfirsichfarbene luftige Kleid entgegen gestreckt hatte, doch jetzt war ich froh darüber. Forschend sah ich mich um, als ich die paar Stiegen, die den Innenbereich des Jets und den Boden des Flughafens verbanden, hinunterging. Ich konnte kaum etwas erkennen, denn ich wurde schon gleich in Richtung des wartenden Autos bugsiert. Kaum saßen wir, setzte sich das Gefährt in Bewegung. Durch die sehr dunkel getönten Scheiben konnte ich nicht wirklich etwas ausmachen, so ließ ich es bleiben und lehnte mich in den weichen Sitz zurück. Ich sah weiter aus dem Fenster hinaus, bis Edward plötzlich meine rechte Hand nahm und die Innenseite küsste. Verwirrt sah ich ihn an, doch er lächelte mir nur freundlich zu, bevor er meine Finger mit seinen verschränkte. Es fühlte sich gut an und deshalb versuchte ich nicht den Kontakt zu trennen.
Ich musste wohl eingenickt sein, denn ich spürte, wie ein lauer Windhauch um meinen Körper wehte und ich angehoben wurde. Blinzelnd öffnete ich meine Augen und sah mich genau wie vorhin im Jet um. Alles war hell beleuchtet und laute Musik, die mich am liebsten sofort tanzen lassen wollte, drang in meine Ohren.
„Da du jetzt wach bist, muss ich dich doch nicht tragen“, flüsterte Edward und ich schauderte leicht. Meine Füße wurden auf den Boden abgestellt, jedoch wich er keinen Zentimeter von mir.
„Ist dir kalt? Willst du meinen Blazer haben?“, kam prompt die Frage. Ich schüttelte nur den Kopf und sah dem bunten Treiben vor uns zu. Ein Paar engumschlungen, tanzte zu den schnellen Rhythmen der Musik. Ich wollte schon immer gerne lateinamerikanische Tänze lernen, doch für Charlie waren diese unangemessen und deshalb durfte ich sie mir auch nicht aneignen. Für ihn verkörperte es puren Sex.
„Was tanzen die beiden da?“, fragte ich Edward und er folgte meinem Blick.
„Für Salsa tanzen sie zu eng und für Bachata gibt es zu viele Drehungen. Ich denke, dass sie einen Mix daraus gemacht haben. Ihren eigenen Stil. Kannst du so etwas tanzen?“
„Nein, leider. Ich würde es gerne können. Es sieht… nun ja... sexy aus. Den einzigen Tanz mit viel Körperkontakt, den ich kann, ist Tango, aber auch nur, da er zu den Standardtänzen zählt.“ Ich blickte Edward über meine Schulter an, da ich bis dahin immer noch gebannt dem Paar zugesehen hatte.
„Charlie“, sagte wir beide unisono. Edward belustigt und ich gelangweilt.
„Ich bin froh, dass er es dich hat nicht lernen lassen. So kann ich dir etwas in den nächsten Tagen beibringen.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, kam der Chauffeur, der anscheinend den letzten Koffer verfrachtet hatte, grinsend zu uns zurückgeschlendert.
„Mister Cullen, Sie haben eine bezaubernde Frau, wenn ich das äußern darf.“ Er sah mich nicht mit dem gierigen Blick an, den normalerweise die Männer bei Galadinners oder anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen hatten, sondern mit Freude, Warmherzigkeit und Freundlichkeit. Ich kam mir nicht entblößt vor.
„Vielen Dank. Ja, meine Frau – ich muss mich erst daran gewöhnen sie so zu nennen – ist etwas ganz Besonderes.“ Edward küsste meine Schläfe und drückte meine Hand mit dem Ehering.
„Darf ich Sie fragen, was die Leute dort feiern?“, fragte ich, bevor ich zwanghaft versuchte ein Gähnen zurückzuhalten.
„Die Bewohner feiern die Abschaffung der Sklaverei 1848 durch die Dänen. Die Feier beginnt am 6. Juni und dauert 30 Tage bis zum 3. Juli, der Emancipation Day. Währenddessen findet ein Carneval statt und vor 3 Tagen, am dritten Montag des Monats Juni, wurde der Organic Act Day gefeiert. Das heißt, die nächsten Tage werden auf dieser Insel Feuerwerke, Feste, Rennen und sonstiges stattfinden.“ Ich sah Edward beeindruckt an, welcher aber schon zu wissen schien, was gegenwärtig vor sich ging.
„Wenn du möchtest, können wir einmal hier her kommen, aber nicht heute, denn du bist müde und brauchst deinen Schlaf.“
Nachdem Edward dem Mann gedankt hatte, gingen wir zum Hafen. Überall standen kleine Boote und ich überlegte fieberhaft, ob wir mit so einem, gelinde gesagt instabilen Ding, zu der Insel fahren würden. Doch am Ende des Stegs wurde ich überrascht. Das Boot, das vor unseren Füßen ankerte, sah luxuriös aus. Der Name „Esme“ prangte am Heck, auf welches mir Edward half. Das stellte sich in meinen Stöckelschuhen als schwer heraus, welche ich auf kaum auf dem Boot auszog und in die Hand nahm. Wir stehen Treppen empor, Edward hinter mir und ich konnte fühlen, wie sein Blick sich auf meinen Po heftete. Ich konnte nur meine Augen verdrehen, denn das war typisch Mann. Oben angekommen erwartete mich ein Art Balkon, auf welchem eine Couch, ein Tisch und einige Stühle platziert waren und durch eine Glasfront zum Innenbereich getrennt war. Sobald ich die Glastür aufmachte, schalteten sich die Lichter im Innenbereich ein. Ich drehte mich einmal im Kreis und ließ den ganzen Luxus auf mich wirken. Der Besitzer musste eine wirklich verdammt gute Versicherung für diese Yacht abgeschlossen haben.
„Carlisle hat sie für Esme gekauft, so wie eine Insel an der Küste von Brasilien. Eigentlich wollte ich dort die Flitterwochen verbringen, jedoch wäre das aus Sicherheitstechnischen Gründen schwer gewesen. Deshalb hat Christian mir seine Insel angeboten. Wenn du möchtest, kannst du hier unten bleiben, ich werde dem Kapitän mitteilen, dass wir ablegen können.“
„Okay, ich werde mich draußen hinsetzen“, antwortete ich ihm lächelnd und drehte mich um. Draußen ließ ich mich auf der Couch nieder und legte die Beine hoch. Ein kleiner Ruckler war zu spüren, als sich die Yacht in Bewegung setzte. Mich würde es nicht wundern, wenn dieses Monstrum auch einen Helikopterlandeplatz besaß. Genüsslich lehnte ich mich zurück und sah zu, wie sich die Lichter der Stadt langsam entfernten.
Ich konnte einfach nur diese unbeschwerte Atmosphäre genießen. Weit weg von jedem Großstadtlärm, von Luftverschmutzung und Gedränge. Hier war alles weit, offen und wunderbar. Was ich bis jetzt sehen konnte. Zwar war ich mir bewusst, dass es hier ebenfalls Menschen gab, die auf der Straße lebten, oder um Hungerlöhne arbeiten mussten, nur wollte ich nicht daran denken. Vielleicht war es egoistisch von mir das wegzuschieben, doch heute würde ich nichts daran ändern.
Jedoch hatte ich mir vorgenommen, egal wo unsere Flitterwochen hingegangen wären, soziale Einrichtungen zu besuchen. Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser. Und mich nicht irgendwo verstecken und zwei Wochen voller Luxus genießen. Das wäre ich einfach nicht, aber heute über solch ein Thema nachzudenken, fehlte mir einfach die geistige Kraft. Immer wieder musste ich mich aufrappeln um nicht einzuschlafen. Das Meeresrauschen hatte eine einschläfernde und entspannende Wirkung auf mich, so wie das leichte Schaukeln der Yacht. Wo Edward nur war und was er machte? Ich schüttelte kurz den Kopf. Da es doch etwas frisch war, nahm ich die Decke, die auf der Couch drapiert war, und legte mir diese über die Füße. Mich in den weichen Stoff kuschelnd, musste ich sofort an unseren Hochzeitstanz denken.
Wir standen mitten auf der Tanzfläche. Alle Augenpaare waren auf uns gerichtet und ich spürte diese wissenden Blicke auf mir, was wir in der Nacht machen würden.
„Ich lass dich schon nicht fallen“, flüsterte mir Edward liebevoll zu. Für diesen Satz war ich ihm zwar dankbar, doch vor der Minute mit Charlie hatte ich Angst. Vor allem nach dem, was ein paar Minuten zuvor in dem Schlafzimmer passiert war.
„Davor habe ich nicht wirklich Angst, denn ich kann tanzen. Nur der Tanz mit meinem Vater, wird der blanke Horror.“ Er setzte an etwas zu sagen, doch unser Hochzeitslied, wie sollte es anders sein, ein Klassiker der Walzer, ertönte. Ich rang mir ein Lächeln ab, denn mir grauste es davor in der Nähe meines Vaters zu sein. Die Hände, die mich geschlagen haben, auf meinem Körper zu wissen und so zu tun als wäre nichts passiert. Es wäre das letzte Mal, dass ich mich in die Reichweite meines Erzeugers begab, danach würde ich ihn ignorieren und aus dem Weg gehen. Sollten sich jemals unsere Wege kreuzen, so würde ich ihn mit verächtlichem Blick begegnen. Ich musste gestehen, dass Edward ein wirklich guter Tänzer war. Es war so leicht und schwerelos, sodass die zwei Minuten wie im Flug vergingen, war wirklich schade war.
Doch leider musste ich jetzt wohl oder übel Charlie auffordern. Dieser hatte sein überaus falsches Lächeln aufgelegt und zerquetschte schon regelrecht meine Hand.
„Bist du nun froh?“, fragte er, doch ich ignorierte ihn und verzog etwas das Gesicht. Meine Finger schienen vor Schmerz zu pochen
„Was willst du“, zischte ich, als er den Druck um meine Hand verstärkte und ich versuchte nicht laut loszuschreien.
„Ich habe dir eine Frage gestellt, Isabella.“
„Ja, ich bin froh. Denn endlich kann ich ich selbst sein. Muss mir deine Kommentare und Befehle nicht mehr anhören. Um die Einzige, die es mir hier leid tut, ist Renée, so jemanden wie dich hat sie nicht verdient. Ich weiß, dass sie nie die perfekte Mutter war und von diesem alten Schlag ist, dessen Bild die Frau als minderwertig ansieht, aber trotzdem hat sie die Hölle, die sie bei dir erlebt, nicht verdient. Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde und jeden Moment werde ich ab nun genießen können, denn nichts auf der Welt ist so schlimm, als dich in meiner Nähe zu wissen, einen so manipulativen, bösartigen und egoistischen Menschen, der es nur darauf absieht andere zu zerstören und zu unterwerfen.“
Meine Stimme wurde immer schneidiger und ich war einfach nur froh, dass er so perplex war, dass ich mich aus seinem Griff winden konnte und in Carlisles Arme flüchtete. Mir war Edwards besorgter Blick nicht entgangen, während er mit meiner Schwiegermutter getanzt hatte. Esme und Carlisle waren trotz der kurzen Zeit, die ich sie kannte, meine Eltern, die Familie, nach der ich mich gesehnt hatte. Beide waren so gütig und liebevoll, warmherzig und bescheiden, ganz im Gegensatz zu meinen Eltern.
Mein Schwiegervater empfing mich in offenen Armen und sah mich besorgt an.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte er gleich in dieser Arzt-Stimme, die ich noch von damals aus der kleinen Eskapade in der Dusche kannte.
„Ja, nein, ach egal.“ Ich wusste nur zu gut, dass ich unsicher klang.
„Egal was es ist, Bella, du gehörst nun zur Familie und um die kümmern wir uns.“
„Es ist…“ begann ich, atmete tief ein und fuhr fort, „…wegen Charlie. Ich sollte froh sein ihn nicht mehr um mich zu haben, aber ich weiß, dass er nun seinen Ärger, die Wut und den Zorn an Renée auslassen wird. Weißt du, Carlisle, du und Esme seid ab jetzt meine Eltern, wenn euch das recht ist. Ihr werdet die Personen sein, zu denen ich gehen werde, wenn ich einen Rat, Trost oder einfach eine liebevolle Umarmung möchte. Das alles habe ich nie bekommen. Ich weiß nicht, was er damit zu tun hat, aber laut Charlie bin ich an seinem Tod schuld.“ Ich sah zu ihm auf und merkte, dass er seine Lippen aufeinander gepresst hatte.
„Gerne würde ich dir das erzählen, aber es ist weder der richtige Zeitpunkt, noch der richtige Ort dafür. Wenn ihr zurück seid, komm einfach zu uns und wir werden darüber reden. Auf jede Frage, die gerade in deinem hübschen Kopf herumschwirrt, werde ich womöglich eine Antwort haben.“ Ich dankte ihm, bevor er mich wieder an Edward übergab und meine Wange flüchtig küsste.
„Vergiss nicht, du bist nun in unserer Familie“, flüsterte er noch und ich wusste nicht, ob mein Mann das mitbekommen hatte.
Ich wurde aus meiner Gedankenwelt zurückgeholt, als ich merkte, wie das Boot immer langsamer wurde. Plötzlich stand Edward vor mir und ich erschreckte mich. Meine Hand legte ich auf meine Brust, in der mein Herz raste.
„Ist alles okay? Habe ich dich erschreckt?“, fragte er sogleich besorgt und verlagerte sein Gewicht. So hatte ich ihn nicht erlebt. Doch es war schön ihn auch einmal so zu erleben. Zeigte, dass er doch Gefühle und Emotionen beherbergte und keine eiskalte Maschine war. Er streckte mir die linke Hand mit dem Ehering entgegen und ich nahm sie dankend an. Nicht wirklich graziös stand ich auf und wollte meine Schuhe anziehen, bis er mir diese aus der Hand nahm.
„Wegen mir brauchst du die nicht anziehen. Die paar Meter zum Haus würde ich dich sogar tragen.“ Versuchte er ernsthaft nett zu mir zu sein?
„Das ist lieb von dir, aber ich würde gerne alleine laufen. Meine Füße schmerzen von dem Flug und der Fahrt…“, begann ich, sah aber, wie er mich enttäuscht ansah. Diese neu aufgekeimte Friedenszone wollte ich nicht zerstören, deshalb fuhr ich fort: „Aber das nächste Mal nehme ich dein Angebot liebend gerne an.“ Er nickte mir zu und entfernte sich dann. Ich wusste nicht, ob ich es mir eingebildet hatte, aber es sah ganz danach aus, als wäre er trotzdem noch enttäuscht gewesen. Seufzend streckte ich mich ausgiebig, bevor ich den Weg von diesem Ungetüm suchte. Welcher trotz meiner miserablen geographischen Kenntnisse leicht zu finden war. Ein Crewmitglied half mir beim Herabsteigen der Stufen zu dem Steg und ich bedankte mich. Kaum war ich ein paar Meter gegangen, gähnte ich herzhaft. Erst da nahm ich wahr, dass ich vor einer Meterhohen Felswand stand. Suchend sah ich mich um und als ich meinen Kopf in den Nacken legte, konnte ich die beleuchteten Umrisse des Hauses ausmachen. Es musste am höchsten Punkt dieses Felsens gebaut worden sein. Existierte in dieser Welt nicht einmal etwas, das schlicht war? Musste alles zehn Stockwerke haben und aus den feinsten Materialien gemacht sein? Ein Lift und eine Treppe führten am Ende des Stegs hinauf zu dem Gebäude. Da ich jedoch nicht die nötige Kraft hatte um hinaufzugehen, wählte ich die bequeme Variante und stieg in den Aufzug ein.
Kaum hielt jener an, empfing mich ein leichter Luftzug, der nach reifen Früchten und tropischen Regen roch. Ein Lächeln zierte nun mein Gesicht, denn das erinnerte mich an den Satz, den Edward einmal zu mir gesagt hatte. Der, in dem er mich mit Erdbeeren, Jasmin und der tropischen Brise verglich. Die paar Schritte zur Haustür brachte ich schnell hinter mich, obwohl ich fast gestolpert wäre, da sich auf dem Weg eine kleine, kaum sichtbare Stufe befand. Ich fragte mich immer noch wozu man all das brauchte. Kopfschüttelnd ging ich das Gebäude. Kühle Luft empfing mich. Anscheinend gab es eine Klimaanlage. Meine Schuhe, die ich noch immer in der Hand hielt, stellte ich ab und machte mich auf, um das Haus zu besichtigen, in dem ich die nächsten paar Tage nächtigen würde. Sanftes Licht schimmerte aus allen Ecken und tauchten die Villa in idyllischen Glanz, ich fühlte mich hier gleich wohl.
Als erstes kam ich in ein großes offenes Wohnzimmer. Es war freundlich und hell eingerichtet und ich merkte, dass jedes Kissen, jedes Bild, jede Vase mit Liebe zum Detail platziert worden war. Es war nicht der übliche Protz, es war schlicht, aber zugleich schön und es fühlte sich heimisch an. Auf der anderen Seite des Raumes standen ein Billardtisch und ein großes Bücherregal. Mit letzterem hätte ich schon einmal Lesestoff fürs Sonnenbaden. Dadurch, dass bis auf eine Wand so halbwegs der Rest der Außenmauern aus Glas war, konnte ich die Spiegelung des Mondes am Meereswasser ausmachen. Ich riss mich von dem wunderschönen Ausblick weg und ging die Treppe hinunter. Dieses Stockwerk war größer, viel größer. Nach dem fünften Schlafzimmer hatte ich aufgehört mitzuzählen. Jedoch schien es, als wäre dieses Haus in den Felsen gebaut worden zu sein.
Mein Gähnen hatte sich in der Zwischenzeit vermehrt und ich merkte, wie meine Augen immer schwerer wurden. Vielleicht sollte ich mir ein Zimmer suchen. Das nächste Schlafzimmer in das ich gehen würde, würde ich einfach in Beschlag nehmen, ob Edward wollte oder nicht. Ich öffnete eine cremefarbene Tür und verliebte mich sofort in den Raum. Wie der Rest des Hauses, war dieser hell offen und freundlich gestaltet. Doch was mein Herz höher schlagen ließ, war das große weiße Bett in der Mitte des Raumes. Bestimmt konnte man vom Bett aufs Meer hinausschauen, aber ich konnte es wegen der Dunkelheit draußen nur vermuten. Wenn es hell gewesen wäre, hätte ich vermutlich auch den Sandstrand sehen können. Ich ging zu der Glasfront und schob eine Schiebetür zur Seite. Danach trat ich hinaus auf den Balkon und lauschte den Wellen des Meeres. Meine Unterarme lehnte ich auf das Geländer und schloss genüsslich meine Augen. So schön, so ruhig und idyllisch.
„Hier bist du!“, riss mich plötzlich Edwards Stimme aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah, dass er am Türrahmen lehnte. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt und ein Grinsen lag in seinem Gesicht. Langsam kam er auf mich zu. Ein paar Zentimeter vor mir blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Mit jener strich er eine verirrte Haarsträhne aus meinem Gesicht. Leicht beugte er sich zu mir hinunter und küsste meine Stirn. Meine Stirn?
„Gute Nacht und schlaf schön. Du kannst morgen ausschlafen, eigentlich die ganzen zwei Wochen.“ Edward drehte sich um und ging einfach aus dem Raum. Verdattert sah ich ihm hinterher. Was war das gerade gewesen? Ich hatte eher vermutet, dass er Annäherungsversuche machen würde. Zwar war mir bewusst, dass er mir ein Versprechen gegeben hatte, doch war ich fest der Meinung gewesen, dass er es versuchen würde. Aber das tat er nicht. War ich ihm zu hässlich? Nicht erfahren genug? Ich wusste selbst nicht, warum ein Teil in mir froh darüber war, dass er es nicht tat und warum ein anderer Teil sich enttäuscht, zurückgestoßen und ungeliebt fühlte. Ich verstand mich selbst nicht mehr.
„Bella“, hörte ich leise und ein Kichern ertönte. Ich presste meine Augenlider zusammen, denn ich wollte noch nicht aufwachen. In den letzten vergangenen Tagen hatte ich nicht wirklich gut geschlafen und jetzt wurde ich unnachgiebig aufgeweckt. Nie hätte ich gedacht, dass eine Hochzeit so anstrengend und auslaugend sein kann. Mich in mein Polster kuschelnd merkte ich, dass sich dieses hob und senkte. Langsam schlug ich meine Augen auf und sah in Edwards strahlend grüne Augen.
„Wir sind gleich am Flughafen, von dort noch mit dem Boot knapp zehn Minuten und dann sind wir an unserem Ziel angekommen. Dort kannst du dann weiterschlafen, aber bis dahin würde ich dich bitten wach zu bleiben, außer du möchtest, dass ich dich trage.“
Verschlafen richtete ich mich auf und sah mich um. Ich befand mich in einem Privatjet, wie sollte es anders sein. Wohin wir genau geflogen waren, hatte mir Edward nicht verraten wollen, ich durfte nicht einmal meinen Koffer – ich konnte nur hoffen, dass es sich um ein Gepäckstück handelte, denn ich wusste, dass Tanya, Alice und Rose für mich gepackt hatten – einräumen dürfen. Seufzend streckte ich mich und sah aus dem Fenster. Unter uns war es komplett schwarz.
„Langsam kannst du mir verraten, wo wir die nächsten zwei Wochen verbringen!“ Edward seufzte und schien zu überlegen. Er fuhr sich mit der linken Hand, welche nun mit dem Ehering geziert war, über sein Kinn und rieb es sich leicht. Weshalb sah diese Geste so verdammt sexy aus? Ich musste mich zusammenreißen, denn solche Gedanken sollte ich schließlich wegen unserer Konstellation gar nicht aufkommen lassen.
„Christian hat uns seine Insel als Hochzeitsgeschenk zur Verfügung gestellt“, erklärte er mir und fuhr danach durch mein Haar. Dass er eine Insel besaß wusste ich nicht. Ich nickte nur kurz und setzte mich dann aufrecht in meinem Sitz hin. Was hätte ich großartiges erwidern sollen? Mir war es zu dumm geworden mit ihm zu streiten, ich wollte die Tage, die vor mir lagen, genießen. Nicht mehr und nicht weniger. Einen Versuch die zwei Wochen ohne Streit zu überstehen, schien mir ein Experiment wert zu sein, denn wie er sich um mich gekümmert hatte, als Charlie wutschnaubend in das Zimmer kam, als ich mir das Kleid für den Empfang anzog.
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Ich war kaum ein paar Minuten in dem Schlafzimmer, in dem ich mein Brautkleid für den Empfang wechseln wollte, als ein wütender Charlie ins Zimmer gestürzt kam. Er schickte Alice und Rose, die mir dabei halfen aus dem Kleid zu kommen, aus dem Raum. Dass ich nur in Unterwäsche vor ihm stand, interessierte ihn keineswegs.
„Isabella, was sollte das?“ Ich sah ihm an, dass er versuchte seine Wut in Zaum zu halten, ganz gelang es ihm aber nicht.
„Was sollte was?“, schnappte ich zurück und verschränkte meine Arme vor der Brust. Ab heute war es mir egal, was er zu mir sagte, ich war nicht mehr ein Kind, sondern eine Frau, die bald First Lady werden würde.
„Dieses Kleid. Eine Schande für unsere Familie! Das wird Edwards Ruin sein!“ Ich hob provokant eine Augenbraue und schnaufte verächtlich.
„Sein Ruin wäre es gewesen, wenn ich ihn nicht geheiratet hätte. Dieses Kleid war nichts dagegen. Zumal es gut ankam!“ Er wusste nichts, rein gar nichts!
„Du wirst so etwas nicht mehr tragen!“
„Verbietest du mir das? Vergiss es, Charlie. Ich bin nicht mehr unter deinen Fittichen und bin froh darüber endlich von dir wegzukommen. Du machst einen mit deiner Art krank. Du zerstört jedes Eigenleben. Du hast Renée zu einer Puppe gemacht, die nur deinem Wort folgt!“
„Entschuldige? Ich bin immer noch dein Vater! Und deine Mutter verhält sich genauso, wie sich eine Frau ihres Standes verhalten sollte. Aber wie ich heute feststelle, bist du immer noch das kleine Kind, das man in seine Schranken weisen muss.“
„Ich bin weder ein Kind, noch muss mir erklärt werden, wo meine Grenzen liegen! Du hast nicht die Macht über mich zu bestimmen. Außerdem hast du ein völlig verzerrtes Weltbild. Frauen sind für dich einen Dreck wert, für nichts anderes da als schön auszusehen, den Haushalt zu schmeißen und so viele Kinder wie möglich zu bekommen, wobei ihr beide ja nur mich habt. Woran das bloß liegt? Wurde dir Mutter zu langweilig? Hast du dich lieber mit einer anderen Frau vergnügt, die es wahrscheinlich nicht wollte, weil du sie dazu gezwungen hast?“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten und spie es ihm regelrecht ins Gesicht. Seine Gesichtsfarbe wurde zunehmend roter.
„Isabella, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich so nicht zu benehmen hast. Widersprich mir gefälligst nicht!“ Und schon war er explodiert. Leicht zuckte ich zusammen, da ich mit dem Ausbruch so früh noch nicht gerechnet hatte. Doch ich würde nicht nachgeben. Wenn ich das jetzt täte, so würde ich ihm eingestehen, dass er mich lenken kann. Und das wollte ich keinesfalls. Denn dann hätte ich umsonst so hart gekämpft.
„Nur weil alles nicht nach deiner Nase geht und ich meinen eigenen Willen habe, benehme ich mich nicht anständig?“
„Sei leise! Sonst-“ Er wollte mir drohen? Das würde in die Hose gehen, denn ich hatte meine Angst seit langem vor ihm verloren. Und mit dem heutigen Tag war es endgültig vorbei. Ich musste ihm gegenüber nicht mehr den Mund halten. Der Ehevertrag sicherte mir eine angenehme Zukunft mit jedem Luxus, den ich haben wollte. Dazu brauchte ich Charlie nicht mehr. Er hatte mich abhängig von ihm gemacht, aber das war ich nun nicht mehr!
„Sonst was? Schlägst du mich, oder vergewaltigst mich, wie Mutter vor ein paar Stunden? Ich bitte dich! Deine Tochter, die dir den Posten des Außenministers sichert, weil du nicht deinen Arsch aufrappeln kannst und den Mumm hast selber zu kandidieren.“
In der Zwischenzeit war er immer näher an mich herangetreten und plötzlich spürte ich einen brennenden Schmerz im Gesicht. Der Knall, der entstand, als seine Hand auf meine Wange schlug, traf mein Gehör und sagte mir, was gerade passiert war. Er hatte mich geschlagen. Vor Schmerz schossen mir Tränen in die Augen und ich musste mich zurückhalten, dass ich nicht meine geschundene Haut zu massieren begann.
„Hör mir jetzt zu: Erwähnst du diese Konversation nur im Geringsten in einem Gespräch mit Edward, so wird er dir keinen Glauben schenken. Weshalb auch, du bist ja nur eine Frau. Also hör auf, ein auf unschuldiges Lamm zu machen, ich weiß nur zu gut, dass du das nicht bist. Selbst von dem Tattoo wusste ich keine zehn Minuten später, als du es unter deiner Haut hattest.“
„Ich werde viel mehr zu sagen haben als du jemals, Vater“, spie ich und war kurz davor ihm ins Gesicht zu spucken, doch ein zweiter Schlag hielt mich davon ab. Dieser war schmerzhafter und stärker gewesen. Ich sank in die Knie und sah geschockt zur Tür, die gerade aufgerissen wurde.
Die nächsten Sekunden flogen nur an mir vorbei. Ich wusste nicht, was um mich herum geschah. Ein paar Wortfetzen nahm ich wahr.
„….meine Frau geschlagen, meine Frau, … hören … eigene Frau vergewaltigt … abartig und machtbesessen …. Werte von Loyalität und Zusammenhalt … Hand gegen jemanden erhebst… Anstand sprichst ... Man schlägt keine Frauen.“ Der letzte Satz riss mich aus meinem Wachkomma. Ich stand auf und merkte, dass Edward Charlie gegen die Wand gedrückt hatte und dieser um Atem rang.
„Es reicht. Er bekommt gleich keine Luft mehr, wenn du ihn noch weiter an die Wand drückst. Ich glaube, dass Charlie etwas aus dieser Situation gelernt hat.“ Ich hatte meine Hand auf seinen Oberarm gelegt. Charlie war zwar abgrundtief böse, aber er war noch mein Vater. Und eine Schlägerei oder gar einen Todesfall wollte ich an meinem Hochzeitstag nicht haben, zumal Ellen immer noch anwesend war.
„Sollte mir nur einmal zu Ohren kommen, dass du ein weiteres Mal meine Frau schlägst, oder in irgendeiner Weise etwas gegen sie unternimmst, dann, Charlie, Gnade dir Gott! Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege.“ Ich konnte nicht mehr. Das war zu viel. Dieses Hin und Her zwischen Freundlichkeit und Ignoranz, Boshaftigkeit und liebevolle Art. Meine Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten. Sie wollten einfach raus. Als Edward sich zu mir umwandte, da er Charlie nachgesehen hatte, bedankte ich mich bei ihm. Liebevoll nahm er mich in den Arm. Eigentlich wollte ich das gar nicht, doch ich war zu erschöpft und schmiegte mich einfach an seine warme Brust.
„Ich konnte das nicht mehr. Überhaupt nachdem ich mitanhören musste, wie er Ren- meine Mutter...“, brach plötzlich der Schwall aus meinem Mund, doch meine Stimme versagte. Rein der Gedanke an diese Tat jagte einen Schauer nach dem nächsten über meinen Rücken. Ich versuchte mich irgendwie zu beruhigen, dass ich hier keinen Nervenzusammenbruch hatte. Denn ich stand kurz davor.
„Ist schon gut, ich bin da.“ Er zog mich näher an sich heran und massierte mir den Nacken. Ich konnte spüren, wie sich meine verkrampften Muskeln langsam lösten. Es tat wirklich gut. Seine nächsten Worte waren für mich verwirrend, aber sie bedeuteten eine Menge für mich. Denn ich hatte mir dieses Versprechen nicht eingebildet gehabt. Er hatte es mir wirklich gegeben und darüber war ich froh.
Als er mir sagte, dass er heute keinen Streit wollte, so gestand ich mir ein, dass es einfach und nicht so nervenaufreibend wäre, einmal den Mund zu halten und den Moment zu genießen. Denn auf diese Art und Weise hatte ich ihn noch nie erlebt. Nicht derart fürsorglich, zärtlich, liebevoll und nett. Diesen Edward würde ich gerne näher kennenlernen wollen und nicht den arroganten Kerl, der er immer vorgab zu sein. Wir müssten uns beide ändern. Nicht von heute auf morgen, aber langsam. Das war mein Ziel in den Flitterwochen.
***
Ein paar Minuten später landeten wir ohne ein weiteres Wort gewechselt zu haben. Nachdem wir das Zeichen bekommen hatten, dass wir aussteigen konnten, half mir Edward aus dem Jet. Eine warme Brise umspielte den Saum meines Kleides, welches sich durch den Windstoß leicht bewegte. Zuerst war ich verwundert gewesen, weshalb mir Tanya das pfirsichfarbene luftige Kleid entgegen gestreckt hatte, doch jetzt war ich froh darüber. Forschend sah ich mich um, als ich die paar Stiegen, die den Innenbereich des Jets und den Boden des Flughafens verbanden, hinunterging. Ich konnte kaum etwas erkennen, denn ich wurde schon gleich in Richtung des wartenden Autos bugsiert. Kaum saßen wir, setzte sich das Gefährt in Bewegung. Durch die sehr dunkel getönten Scheiben konnte ich nicht wirklich etwas ausmachen, so ließ ich es bleiben und lehnte mich in den weichen Sitz zurück. Ich sah weiter aus dem Fenster hinaus, bis Edward plötzlich meine rechte Hand nahm und die Innenseite küsste. Verwirrt sah ich ihn an, doch er lächelte mir nur freundlich zu, bevor er meine Finger mit seinen verschränkte. Es fühlte sich gut an und deshalb versuchte ich nicht den Kontakt zu trennen.
Ich musste wohl eingenickt sein, denn ich spürte, wie ein lauer Windhauch um meinen Körper wehte und ich angehoben wurde. Blinzelnd öffnete ich meine Augen und sah mich genau wie vorhin im Jet um. Alles war hell beleuchtet und laute Musik, die mich am liebsten sofort tanzen lassen wollte, drang in meine Ohren.
„Da du jetzt wach bist, muss ich dich doch nicht tragen“, flüsterte Edward und ich schauderte leicht. Meine Füße wurden auf den Boden abgestellt, jedoch wich er keinen Zentimeter von mir.
„Ist dir kalt? Willst du meinen Blazer haben?“, kam prompt die Frage. Ich schüttelte nur den Kopf und sah dem bunten Treiben vor uns zu. Ein Paar engumschlungen, tanzte zu den schnellen Rhythmen der Musik. Ich wollte schon immer gerne lateinamerikanische Tänze lernen, doch für Charlie waren diese unangemessen und deshalb durfte ich sie mir auch nicht aneignen. Für ihn verkörperte es puren Sex.
„Was tanzen die beiden da?“, fragte ich Edward und er folgte meinem Blick.
„Für Salsa tanzen sie zu eng und für Bachata gibt es zu viele Drehungen. Ich denke, dass sie einen Mix daraus gemacht haben. Ihren eigenen Stil. Kannst du so etwas tanzen?“
„Nein, leider. Ich würde es gerne können. Es sieht… nun ja... sexy aus. Den einzigen Tanz mit viel Körperkontakt, den ich kann, ist Tango, aber auch nur, da er zu den Standardtänzen zählt.“ Ich blickte Edward über meine Schulter an, da ich bis dahin immer noch gebannt dem Paar zugesehen hatte.
„Charlie“, sagte wir beide unisono. Edward belustigt und ich gelangweilt.
„Ich bin froh, dass er es dich hat nicht lernen lassen. So kann ich dir etwas in den nächsten Tagen beibringen.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, kam der Chauffeur, der anscheinend den letzten Koffer verfrachtet hatte, grinsend zu uns zurückgeschlendert.
„Mister Cullen, Sie haben eine bezaubernde Frau, wenn ich das äußern darf.“ Er sah mich nicht mit dem gierigen Blick an, den normalerweise die Männer bei Galadinners oder anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen hatten, sondern mit Freude, Warmherzigkeit und Freundlichkeit. Ich kam mir nicht entblößt vor.
„Vielen Dank. Ja, meine Frau – ich muss mich erst daran gewöhnen sie so zu nennen – ist etwas ganz Besonderes.“ Edward küsste meine Schläfe und drückte meine Hand mit dem Ehering.
„Darf ich Sie fragen, was die Leute dort feiern?“, fragte ich, bevor ich zwanghaft versuchte ein Gähnen zurückzuhalten.
„Die Bewohner feiern die Abschaffung der Sklaverei 1848 durch die Dänen. Die Feier beginnt am 6. Juni und dauert 30 Tage bis zum 3. Juli, der Emancipation Day. Währenddessen findet ein Carneval statt und vor 3 Tagen, am dritten Montag des Monats Juni, wurde der Organic Act Day gefeiert. Das heißt, die nächsten Tage werden auf dieser Insel Feuerwerke, Feste, Rennen und sonstiges stattfinden.“ Ich sah Edward beeindruckt an, welcher aber schon zu wissen schien, was gegenwärtig vor sich ging.
„Wenn du möchtest, können wir einmal hier her kommen, aber nicht heute, denn du bist müde und brauchst deinen Schlaf.“
Nachdem Edward dem Mann gedankt hatte, gingen wir zum Hafen. Überall standen kleine Boote und ich überlegte fieberhaft, ob wir mit so einem, gelinde gesagt instabilen Ding, zu der Insel fahren würden. Doch am Ende des Stegs wurde ich überrascht. Das Boot, das vor unseren Füßen ankerte, sah luxuriös aus. Der Name „Esme“ prangte am Heck, auf welches mir Edward half. Das stellte sich in meinen Stöckelschuhen als schwer heraus, welche ich auf kaum auf dem Boot auszog und in die Hand nahm. Wir stehen Treppen empor, Edward hinter mir und ich konnte fühlen, wie sein Blick sich auf meinen Po heftete. Ich konnte nur meine Augen verdrehen, denn das war typisch Mann. Oben angekommen erwartete mich ein Art Balkon, auf welchem eine Couch, ein Tisch und einige Stühle platziert waren und durch eine Glasfront zum Innenbereich getrennt war. Sobald ich die Glastür aufmachte, schalteten sich die Lichter im Innenbereich ein. Ich drehte mich einmal im Kreis und ließ den ganzen Luxus auf mich wirken. Der Besitzer musste eine wirklich verdammt gute Versicherung für diese Yacht abgeschlossen haben.
„Carlisle hat sie für Esme gekauft, so wie eine Insel an der Küste von Brasilien. Eigentlich wollte ich dort die Flitterwochen verbringen, jedoch wäre das aus Sicherheitstechnischen Gründen schwer gewesen. Deshalb hat Christian mir seine Insel angeboten. Wenn du möchtest, kannst du hier unten bleiben, ich werde dem Kapitän mitteilen, dass wir ablegen können.“
„Okay, ich werde mich draußen hinsetzen“, antwortete ich ihm lächelnd und drehte mich um. Draußen ließ ich mich auf der Couch nieder und legte die Beine hoch. Ein kleiner Ruckler war zu spüren, als sich die Yacht in Bewegung setzte. Mich würde es nicht wundern, wenn dieses Monstrum auch einen Helikopterlandeplatz besaß. Genüsslich lehnte ich mich zurück und sah zu, wie sich die Lichter der Stadt langsam entfernten.
Ich konnte einfach nur diese unbeschwerte Atmosphäre genießen. Weit weg von jedem Großstadtlärm, von Luftverschmutzung und Gedränge. Hier war alles weit, offen und wunderbar. Was ich bis jetzt sehen konnte. Zwar war ich mir bewusst, dass es hier ebenfalls Menschen gab, die auf der Straße lebten, oder um Hungerlöhne arbeiten mussten, nur wollte ich nicht daran denken. Vielleicht war es egoistisch von mir das wegzuschieben, doch heute würde ich nichts daran ändern.
Jedoch hatte ich mir vorgenommen, egal wo unsere Flitterwochen hingegangen wären, soziale Einrichtungen zu besuchen. Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser. Und mich nicht irgendwo verstecken und zwei Wochen voller Luxus genießen. Das wäre ich einfach nicht, aber heute über solch ein Thema nachzudenken, fehlte mir einfach die geistige Kraft. Immer wieder musste ich mich aufrappeln um nicht einzuschlafen. Das Meeresrauschen hatte eine einschläfernde und entspannende Wirkung auf mich, so wie das leichte Schaukeln der Yacht. Wo Edward nur war und was er machte? Ich schüttelte kurz den Kopf. Da es doch etwas frisch war, nahm ich die Decke, die auf der Couch drapiert war, und legte mir diese über die Füße. Mich in den weichen Stoff kuschelnd, musste ich sofort an unseren Hochzeitstanz denken.
***
Wir standen mitten auf der Tanzfläche. Alle Augenpaare waren auf uns gerichtet und ich spürte diese wissenden Blicke auf mir, was wir in der Nacht machen würden.
„Ich lass dich schon nicht fallen“, flüsterte mir Edward liebevoll zu. Für diesen Satz war ich ihm zwar dankbar, doch vor der Minute mit Charlie hatte ich Angst. Vor allem nach dem, was ein paar Minuten zuvor in dem Schlafzimmer passiert war.
„Davor habe ich nicht wirklich Angst, denn ich kann tanzen. Nur der Tanz mit meinem Vater, wird der blanke Horror.“ Er setzte an etwas zu sagen, doch unser Hochzeitslied, wie sollte es anders sein, ein Klassiker der Walzer, ertönte. Ich rang mir ein Lächeln ab, denn mir grauste es davor in der Nähe meines Vaters zu sein. Die Hände, die mich geschlagen haben, auf meinem Körper zu wissen und so zu tun als wäre nichts passiert. Es wäre das letzte Mal, dass ich mich in die Reichweite meines Erzeugers begab, danach würde ich ihn ignorieren und aus dem Weg gehen. Sollten sich jemals unsere Wege kreuzen, so würde ich ihn mit verächtlichem Blick begegnen. Ich musste gestehen, dass Edward ein wirklich guter Tänzer war. Es war so leicht und schwerelos, sodass die zwei Minuten wie im Flug vergingen, war wirklich schade war.
Doch leider musste ich jetzt wohl oder übel Charlie auffordern. Dieser hatte sein überaus falsches Lächeln aufgelegt und zerquetschte schon regelrecht meine Hand.
„Bist du nun froh?“, fragte er, doch ich ignorierte ihn und verzog etwas das Gesicht. Meine Finger schienen vor Schmerz zu pochen
„Was willst du“, zischte ich, als er den Druck um meine Hand verstärkte und ich versuchte nicht laut loszuschreien.
„Ich habe dir eine Frage gestellt, Isabella.“
„Ja, ich bin froh. Denn endlich kann ich ich selbst sein. Muss mir deine Kommentare und Befehle nicht mehr anhören. Um die Einzige, die es mir hier leid tut, ist Renée, so jemanden wie dich hat sie nicht verdient. Ich weiß, dass sie nie die perfekte Mutter war und von diesem alten Schlag ist, dessen Bild die Frau als minderwertig ansieht, aber trotzdem hat sie die Hölle, die sie bei dir erlebt, nicht verdient. Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde und jeden Moment werde ich ab nun genießen können, denn nichts auf der Welt ist so schlimm, als dich in meiner Nähe zu wissen, einen so manipulativen, bösartigen und egoistischen Menschen, der es nur darauf absieht andere zu zerstören und zu unterwerfen.“
Meine Stimme wurde immer schneidiger und ich war einfach nur froh, dass er so perplex war, dass ich mich aus seinem Griff winden konnte und in Carlisles Arme flüchtete. Mir war Edwards besorgter Blick nicht entgangen, während er mit meiner Schwiegermutter getanzt hatte. Esme und Carlisle waren trotz der kurzen Zeit, die ich sie kannte, meine Eltern, die Familie, nach der ich mich gesehnt hatte. Beide waren so gütig und liebevoll, warmherzig und bescheiden, ganz im Gegensatz zu meinen Eltern.
Mein Schwiegervater empfing mich in offenen Armen und sah mich besorgt an.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte er gleich in dieser Arzt-Stimme, die ich noch von damals aus der kleinen Eskapade in der Dusche kannte.
„Ja, nein, ach egal.“ Ich wusste nur zu gut, dass ich unsicher klang.
„Egal was es ist, Bella, du gehörst nun zur Familie und um die kümmern wir uns.“
„Es ist…“ begann ich, atmete tief ein und fuhr fort, „…wegen Charlie. Ich sollte froh sein ihn nicht mehr um mich zu haben, aber ich weiß, dass er nun seinen Ärger, die Wut und den Zorn an Renée auslassen wird. Weißt du, Carlisle, du und Esme seid ab jetzt meine Eltern, wenn euch das recht ist. Ihr werdet die Personen sein, zu denen ich gehen werde, wenn ich einen Rat, Trost oder einfach eine liebevolle Umarmung möchte. Das alles habe ich nie bekommen. Ich weiß nicht, was er damit zu tun hat, aber laut Charlie bin ich an seinem Tod schuld.“ Ich sah zu ihm auf und merkte, dass er seine Lippen aufeinander gepresst hatte.
„Gerne würde ich dir das erzählen, aber es ist weder der richtige Zeitpunkt, noch der richtige Ort dafür. Wenn ihr zurück seid, komm einfach zu uns und wir werden darüber reden. Auf jede Frage, die gerade in deinem hübschen Kopf herumschwirrt, werde ich womöglich eine Antwort haben.“ Ich dankte ihm, bevor er mich wieder an Edward übergab und meine Wange flüchtig küsste.
„Vergiss nicht, du bist nun in unserer Familie“, flüsterte er noch und ich wusste nicht, ob mein Mann das mitbekommen hatte.
Sobald
ich wieder in Edwards Armen war, fühlte ich beschützt und geborgen, als
könnte mir niemand etwas zu leide tun. Am liebsten hätte ich meinen
Kopf an seine Brust gelehnt, da ich müde war, todmüde. Meine Füße
begannen schon langsam zu schmerzen und ich war nur froh aus dem
Brautkleid raus zu sein, auch wenn es hübsch war, so war das, welches
ich gerade anhatte, einfach bequemer. Ich sah mich kurz nach Carlisle um
und bemerkte, wie Esme Edward und mich verträumt anblickte. Lächelnd
wandte ich mich ab und genoss einfach nur noch die letzten Takte, die
wir tanzten, bevor wir von der Fläche verschwanden.
***
Ich wurde aus meiner Gedankenwelt zurückgeholt, als ich merkte, wie das Boot immer langsamer wurde. Plötzlich stand Edward vor mir und ich erschreckte mich. Meine Hand legte ich auf meine Brust, in der mein Herz raste.
„Ist alles okay? Habe ich dich erschreckt?“, fragte er sogleich besorgt und verlagerte sein Gewicht. So hatte ich ihn nicht erlebt. Doch es war schön ihn auch einmal so zu erleben. Zeigte, dass er doch Gefühle und Emotionen beherbergte und keine eiskalte Maschine war. Er streckte mir die linke Hand mit dem Ehering entgegen und ich nahm sie dankend an. Nicht wirklich graziös stand ich auf und wollte meine Schuhe anziehen, bis er mir diese aus der Hand nahm.
„Wegen mir brauchst du die nicht anziehen. Die paar Meter zum Haus würde ich dich sogar tragen.“ Versuchte er ernsthaft nett zu mir zu sein?
„Das ist lieb von dir, aber ich würde gerne alleine laufen. Meine Füße schmerzen von dem Flug und der Fahrt…“, begann ich, sah aber, wie er mich enttäuscht ansah. Diese neu aufgekeimte Friedenszone wollte ich nicht zerstören, deshalb fuhr ich fort: „Aber das nächste Mal nehme ich dein Angebot liebend gerne an.“ Er nickte mir zu und entfernte sich dann. Ich wusste nicht, ob ich es mir eingebildet hatte, aber es sah ganz danach aus, als wäre er trotzdem noch enttäuscht gewesen. Seufzend streckte ich mich ausgiebig, bevor ich den Weg von diesem Ungetüm suchte. Welcher trotz meiner miserablen geographischen Kenntnisse leicht zu finden war. Ein Crewmitglied half mir beim Herabsteigen der Stufen zu dem Steg und ich bedankte mich. Kaum war ich ein paar Meter gegangen, gähnte ich herzhaft. Erst da nahm ich wahr, dass ich vor einer Meterhohen Felswand stand. Suchend sah ich mich um und als ich meinen Kopf in den Nacken legte, konnte ich die beleuchteten Umrisse des Hauses ausmachen. Es musste am höchsten Punkt dieses Felsens gebaut worden sein. Existierte in dieser Welt nicht einmal etwas, das schlicht war? Musste alles zehn Stockwerke haben und aus den feinsten Materialien gemacht sein? Ein Lift und eine Treppe führten am Ende des Stegs hinauf zu dem Gebäude. Da ich jedoch nicht die nötige Kraft hatte um hinaufzugehen, wählte ich die bequeme Variante und stieg in den Aufzug ein.
Kaum hielt jener an, empfing mich ein leichter Luftzug, der nach reifen Früchten und tropischen Regen roch. Ein Lächeln zierte nun mein Gesicht, denn das erinnerte mich an den Satz, den Edward einmal zu mir gesagt hatte. Der, in dem er mich mit Erdbeeren, Jasmin und der tropischen Brise verglich. Die paar Schritte zur Haustür brachte ich schnell hinter mich, obwohl ich fast gestolpert wäre, da sich auf dem Weg eine kleine, kaum sichtbare Stufe befand. Ich fragte mich immer noch wozu man all das brauchte. Kopfschüttelnd ging ich das Gebäude. Kühle Luft empfing mich. Anscheinend gab es eine Klimaanlage. Meine Schuhe, die ich noch immer in der Hand hielt, stellte ich ab und machte mich auf, um das Haus zu besichtigen, in dem ich die nächsten paar Tage nächtigen würde. Sanftes Licht schimmerte aus allen Ecken und tauchten die Villa in idyllischen Glanz, ich fühlte mich hier gleich wohl.
Als erstes kam ich in ein großes offenes Wohnzimmer. Es war freundlich und hell eingerichtet und ich merkte, dass jedes Kissen, jedes Bild, jede Vase mit Liebe zum Detail platziert worden war. Es war nicht der übliche Protz, es war schlicht, aber zugleich schön und es fühlte sich heimisch an. Auf der anderen Seite des Raumes standen ein Billardtisch und ein großes Bücherregal. Mit letzterem hätte ich schon einmal Lesestoff fürs Sonnenbaden. Dadurch, dass bis auf eine Wand so halbwegs der Rest der Außenmauern aus Glas war, konnte ich die Spiegelung des Mondes am Meereswasser ausmachen. Ich riss mich von dem wunderschönen Ausblick weg und ging die Treppe hinunter. Dieses Stockwerk war größer, viel größer. Nach dem fünften Schlafzimmer hatte ich aufgehört mitzuzählen. Jedoch schien es, als wäre dieses Haus in den Felsen gebaut worden zu sein.
Mein Gähnen hatte sich in der Zwischenzeit vermehrt und ich merkte, wie meine Augen immer schwerer wurden. Vielleicht sollte ich mir ein Zimmer suchen. Das nächste Schlafzimmer in das ich gehen würde, würde ich einfach in Beschlag nehmen, ob Edward wollte oder nicht. Ich öffnete eine cremefarbene Tür und verliebte mich sofort in den Raum. Wie der Rest des Hauses, war dieser hell offen und freundlich gestaltet. Doch was mein Herz höher schlagen ließ, war das große weiße Bett in der Mitte des Raumes. Bestimmt konnte man vom Bett aufs Meer hinausschauen, aber ich konnte es wegen der Dunkelheit draußen nur vermuten. Wenn es hell gewesen wäre, hätte ich vermutlich auch den Sandstrand sehen können. Ich ging zu der Glasfront und schob eine Schiebetür zur Seite. Danach trat ich hinaus auf den Balkon und lauschte den Wellen des Meeres. Meine Unterarme lehnte ich auf das Geländer und schloss genüsslich meine Augen. So schön, so ruhig und idyllisch.
„Hier bist du!“, riss mich plötzlich Edwards Stimme aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah, dass er am Türrahmen lehnte. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt und ein Grinsen lag in seinem Gesicht. Langsam kam er auf mich zu. Ein paar Zentimeter vor mir blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Mit jener strich er eine verirrte Haarsträhne aus meinem Gesicht. Leicht beugte er sich zu mir hinunter und küsste meine Stirn. Meine Stirn?
„Gute Nacht und schlaf schön. Du kannst morgen ausschlafen, eigentlich die ganzen zwei Wochen.“ Edward drehte sich um und ging einfach aus dem Raum. Verdattert sah ich ihm hinterher. Was war das gerade gewesen? Ich hatte eher vermutet, dass er Annäherungsversuche machen würde. Zwar war mir bewusst, dass er mir ein Versprechen gegeben hatte, doch war ich fest der Meinung gewesen, dass er es versuchen würde. Aber das tat er nicht. War ich ihm zu hässlich? Nicht erfahren genug? Ich wusste selbst nicht, warum ein Teil in mir froh darüber war, dass er es nicht tat und warum ein anderer Teil sich enttäuscht, zurückgestoßen und ungeliebt fühlte. Ich verstand mich selbst nicht mehr.