Kapitel 14
„Factum infectum fieri non potest.“ - Terenz, Phormio 5, 8, 45
„Ihr seid nun eins, ihr beide, und wir sind mit euch eins. Trinkt auf der Freude Dauer ein Glas des guten Weins. Und bleibt zu allen Zeiten einander zugekehrt, durch Streit und Zwietracht werde nie euer Bund gestört.“ - Johann Wolfgang von Goethe
Die ersten Takte der Eingangsmusik ertönten und alle erhoben sich. Alice und Rose schritten über den Weg zum Pavillon und ich freute mich schon darauf Bella zu sehen. Meine Mutter und mein Vater lächelten mir stolz zu, bevor sie sich nach ihr umdrehten. Ein leises Raunen ging durch die Reihen, als sie mit Charlie aus dem Haus kam. Sie war wunderschön, jedoch bedeckte der fast blickdichte Schleier ihr Gesicht. Ich wusste nicht weshalb, aber ich wurde nervös und das merkte Emmett ebenfalls. Lächelnd klopfte er mir zur Beruhigung auf die Schulter und in dem Moment hob Bella ihren Kopf und sah mich an. Ich konnte nicht anders als sie anstrahlen, denn so ein bezauberndes Wesen hatte ich noch nie gesehen. Selbst wenn sich mein Unterbewusstsein dagegen sträubte, gestand ich mir diesen einen Gedanken ein. Das Kleid war, wie es sich gehörte: weiß, hochgeschlossen und züchtig. Sie sah aus wie eine wahre Lady. Vielleicht war es doch keine so schlechte Entscheidung gewesen sie heiraten zu wollen, denn sie war schön anzusehen. Ich konnte nur noch hoffen, dass sie mir nicht so viele Sorgen wie anfangs bereiten würde…
Doch plötzlich – zu meinem vollkommenen Überraschen – blieb sie stehen und schien eine ganz kurze Konversation mit Charlie zu führen. An seinem Ausdruck konnte ich erkennen, dass er überhaupt nicht erfreut darüber war. Sie entzog sich seinem Griff, drehte sich um und rannte zurück in das Haus. Vollkommen verwirrt, weshalb sie das tat, sah ich Alice, Rose, Tanya, Renée, meine Eltern und Charlie nacheinander an. Der Letztgenannte blickte ihr kurz verdattert hinterher, bevor er sich zu den Gästen drehte und verkündete: „Sie hat etwas Muffensausen, sie wird sich gleich beruhigt haben. So eine Hochzeit ist doch sehr nervenaufreibend." Ich räusperte mich leise, als ein kollektives Kichern erklang. Meine Mutter musste sich ihr Lachen verkneifen, so wie mein Vater. Alice, Rose und Tanya sahen sich an, als ob sie etwas darüber wissen würden. Charlie kam auf uns zu und sah mich verwirrt an.
„Weißt du was gerade los war?“, fragte ich ihn.
„Sie meinte, dass sie das nicht könne. Mehr hat sie nicht gesagt. Wie wäre es, wenn die drei Damen nach der Braut sehen?“ Nach Charlies Stimme zu urteilen, war er sehr wütend und ich nickte ihnen zu. Sofort begaben sie sich ins Haus und steckten dabei ihre Köpfe zusammen. Irgendetwas lief hier ab, nur wusste ich nicht was.
Wir warteten gute zehn Minuten und ich war wirklich kurz davor in das Haus zu marschieren und Bella an den Haaren rauszuziehen, als Tanya zurückkam.
„Sie möchte ohne dich zum Altar gehen, Charlie“, sagte meine Schwester, als Bellas Vater sich auf den Weg machen wollte. Verwirrt sah er sie an, und ich wusste, dass da etwas im Busch sein würde. Mir war nur zu klar, dass Isabella nicht ohne eine Protestaktion diese Zeremonie über sich ergehen lassen würde. Und den Grund für das Ganze erfuhr ich auch gleich, als abermals die Musik ertönte. Alice und Rosalie schritten beide wieder den Weg entlang, dieses Mal jedoch mit einem strahlenden Grinsen im Gesicht. Isabella kam alleine und in einem anderen Kleid, das ich von dieser Weite schon als sehr freizügig identifizieren konnte. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, als die ersten, dezent erschrockenen Laute von den Gästen ertönten. Ich sah, wie Charlies Kopf rot anlief und ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass er hier aufgrund eines Herzinfarktes umkippen würde.
Meine Eltern lächelten meine Verlobte an und fanden das Kleid anscheinend nicht als unpassend. Ich hörte sogar Mum zu Dad flüstern: „Gewagt, aber es passt zu ihr. Sie ist eine kleine Rebellin.“ Beide kicherten. Mein Blick wanderte zu meiner Schwester und den Brautjungfern. Jede hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als sie ihr dabei zusahen, wie sie auf mich zuschritt. Isabella blieb vor ihrem Vater stehen, der ihr den Schleier zurückschlug, sie auf die Stirn küsste und mir dann ihre Hand übergab und somit seinen Segen erteilte.
Als sie nun vor mir stand und ich einen besseren Blick auf das Kleid erhaschen konnte, fiel ich aus allen Wolken. Der hauchdünne Stoff am Oberkörper war bis zur Hälfte ihrer Brüste mit feinen Blumen bestickt, sodass ihre Nippel nicht zu sehen waren und bis zu den Schlüsselbeinen waren einzelne Blumen und auch Blätter gestreut.
Ich war nur in dem Moment froh, dass es ab der Hüfte nicht anliegend war, sondern wie einen Ball aus Seide zu Boden floss. Isabella lächelte mich provokant an und ich spürte, wie sich mein Blut in die unteren Gefilde verzog. Bevor jedoch die Zeremonie beginnen konnte, drehte sich Isabella zu den Gästen um.
„Es tut mir außerordentlich leid, dass ich euch so lange habe warten lassen, aber in dem anderen Kleid fühlte ich mich unwohl. Ich hoffe, dass ihr mir verzeihen könnt.“ Danach wandten wir uns dem Priester zu, welcher sofort mit der Zeremonie begann.
Ich war froh, als wir unsere Ehegelübde – wir heuchelten allen glaubhaft unsere unsagbar tiefe und ewige Liebe vor – beendet und die Ringe ausgetauscht hatten. Seitdem ich sie sah, freute ich mich auf die Worte: „Nun dürfen Sie die Braut küssen.“ Und das tat ich auch. Ich legte meine Hand auf ihre Wange, zog sie etwas zu mir und küsste sie dann so, dass es noch angemessen war, aber nicht mehr der gesellschaftlichen Norm entsprach. Ihre Lippen waren derart voll und sanft. Sie roch so süß, wie frischen Erdbeeren, die noch warm von den letzten Strahlen der Sonne waren, so unschuldig, wie Jasmin, die gerade in voller Blüte stand und von der letzten Träne des Morgentaues erst vor kurzem befreit worden war, um sich nun seiner Schönheit zu vergewissern und zum Schluss geradezu exotisch, wie die leichte Brise aus dem Süden, wenn man in Florida am Strand stand, die nach allen möglichen Früchten roch und sich zu einer exquisiten und gedankenvernebelnden Mischung verband, bevor ein Hurrikan über das Land zog. Genau das hatte ich ihr damals bei unserer Diskussion, als ihre Freunde bei uns zum gemeinschaftlichen Lernen waren, ins Gesicht gesagt und sie roch in Wirklichkeit genauso.
Ein kleines Räuspern von Charlie riss uns aus unserem Kuss und Applaus so wie Gekicher folgte. Nun waren wir offiziell Mann und Frau. Der Ehevertrag war unterschrieben, unsere Anwälte hatten sich auf einen für beide Seiten guten Vertrag geeinigt, der weder die eine noch die andere Seite bevorzugte. Alle gratulierten uns, begonnen bei Isabellas Eltern und dann meinen, danach kamen unsere Familien und Freunde. Eine der letzten war Ellen, als erstes beglückwünschte sie meine Ehefrau – wie sich das anhörte – und schließlich mich.
„Also, ich muss dir wirklich gestehen, dass dieses Kleid bezaubernd ist. Falls jemand etwas dagegen sagen sollte, ich bin auf deiner Seite. Denn ich mag selbstbewusste Frauen und nicht jede kann so ein Kleid tragen und wenn, dann trauen es sich viele nicht. Ich bin froh, dass du diesen Schritt gewagt hast, denn der Stil ist cool und ich finde, dass wir neuen Schwung in diesem Land brauchen und da kommst du genau richtig“, meinte sie an Isabella gewandt und die beiden umarmten sich nochmals. Ellen war nett, jedoch nicht unbedingt mein Lieblingsgast.
„Wir sehen uns dann beim Interview.“ Ich hatte vollkommen vergessen, dass wir ja gefilmt wurden. Oh mein Gott, hoffentlich hatte ich mir keinen Fehltritt erlaubt. Schnell ging ich alles in meinem Kopf durch und atmete erleichtert auf. Wir nahmen noch die Glückwünsche des letzten Paares, welche sich als mein kommender Vize Christian Coleman und dessen Frau Stefanie herausstellte.
„Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit, zum Geburtstag und zum Sieg der Primaries und Caucuses. Ich bin stolz auf dich und ebenfalls auf dich, Bella. Als ich dich das erste Mal sah, wusste ich, dass aus dir einmal eine wunderschöne wohlerzogene junge Dame werden würde und siehe da, das bist du geworden. Wir wollen euch jetzt aber nicht länger aufhalten, denn es rufen gleich die Fotos und dann die Eröffnung. Ich hoffe, dass ihr mehr geübt habt, als Stefanie und ich bei unserer Hochzeit damals.“ Christian lachte und begab sich dann langsam in Richtung der Gesellschaft.
Am liebsten hätte ich dem Köter einen Freifahrtschein zum Mond besorgt, denn dieses Tier war der reinste Horror. Von der Welt geliebt und von mir gehasst, diese Ratte hatte nichts mit mir gemeinsam, auch wenn das Bella die letzten Tage immer wieder betont hatte. Dass ich nicht lachte.
„Isabella wird das alles zurückbekommen und die Töle fliegt nicht in die Flitterwochen mit!“ Dieses Mantra sagte ich immer wieder auf und hoffte einfach nur, dass sie dieses Vieh nicht mitnehmen würde. Denn Eddie, wie sie ihn stets liebevoll rief, hatte nur meinen Anzug versaut und auf meinen Schuhen sein Geschäft verrichtet, nein, während des Shootings musste er noch die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich hasste diesen Köter! Und nun roch ich nach nassem Hund, da dieses Drecksvieh unbedingt in dem Biotop beim Rosengarten, in dem wir unsere Hochzeitsfotos gemacht hatten, eine Runde schwimmen musste. Kaum hatte ihn Isabella gerufen, kam er angedackelt und schüttelte sich genau zu meinen Füßen trocken. Das Wasser flog nur so in der Luft herum und nun stank ich gottserbärmlich. Isabella hatte nur die Nase gerümpft und weiter lächelnd die Fotos gemacht. Meine Mutter schaffte es nicht ihr Lachen zu verbergen, selbst Renée, die mit Charlie zu uns gestoßen war, um die Gruppenfotos mit der Familie zu machen, entfleuchte ein Kichern. Ich war nur froh gewesen, dass wir sämtliche Fotos gemacht hatten, nur noch das Bild mit allen Gästen hatte gefehlt und ich dachte mir, dass es nicht schlimmer hätte werden können. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Dieser Satansbraten verrichtete einfach sein Geschäft ohne jegliche Scheu genau auf meine Schuhe. Ich wäre beinahe explodiert, als ich das sah. Jedoch hatte ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und dem Terrier den Kopf gestreichelt.
Ich erinnerte mich an die Szene zurück, als ich Seth meiner Frau vorgestellt hatte.
„Seth, es ist schön dich wieder zu sehen. Ich bin froh, dass du es einrichten konntest. Bella, das ist Seth, er macht normalerweise immer die Fotos von mir für die Werbekampagnen. In letzter Zeit hat er sich mehr der Fotografie in der Natur gewidmet. Die meisten Bilder in jedem unserer Anwesen ist von ihm“, erklärte ich meiner Frau, welche von Seth gemustert wurde. Ich kannte diesen Blick nur zu gut, denn der Fotograf war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich. Denn eine Frau in einer Beziehung oder Ehe störte uns keineswegs, es war sogar aufregender zu wissen, dass sie vergeben war, aber man sie trotzdem dazu bewegen konnte mit einem zu schlafen. Da kam der Jagdinstinkt zum Vorschein.
Doch, ich wollte nicht, dass ein anderer Mann Isabella so ansah. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich sie mochte – was ich eigentlich nicht tat, denn sie reizte mich immer wieder aufs Neue – sondern damit, dass sie die First Lady werden würde und das schickte sich einfach nicht. Aus diesem Grund hielt ich Seth' Blick, bis Bella plötzlich die aufkeimende Rivalität durchbrach.
„Oh und ich habe mich schon gewundert, wie Edward zu solch wunderbaren Bildern kommt. Ich hoffe, dass unsere Fotos nur einen Bruchteil so gut wären und dann wären sie immer noch perfekt. Vielleicht können wir diese dann auch im Haus aufhängen, was meinst du, Schatz?“
„Klar können wir das machen und ich bin mir sicher, dass Bilder, auf denen du bist, nur schön sein können, mein Engel“, sagte ich und küsste ihre Schläfe, dabei sah ich Seth an und zeigte ihm somit, dass er hier auf verlorenem Posten stand. Mir war klar, dass das Revier markieren war und er sollte gefälligst von meiner Frau wegbleiben. Sie war nun mein, und mein Eigentum fasste man nicht ungestraft an.
„Eine Frage habe ich: Wäre es später möglich, unseren Hund Eddie miteinzubeziehen. Er ist in den letzten Tagen ein Teil dieser Familie geworden. Ich weiß zwar nicht, wie er sich mit Edward verstehen wird, aber ich möchte ein paar Bilder mit ihm haben, und wenn ich nur alleine mit ihm drauf bin.“ Das war jetzt nicht ihr Ernst, oder? Ich wollte mit Sicherheit nicht diesen Hund auf unseren Bildern haben.
„Sicher können wir das machen. Eddie und ich müssen gut miteinander klar kommen, wir sind schließlich Namensvettern“, lachte ich und Bella kicherte kurz.
Wenn ich nur damals gewusst hätte, was dieser Köter aufführen würde… Kopfschüttelnd entledigte ich mich des stinkenden Anzuges und schmiss diesen unachtsam in eine Ecke des Raumes. Eigentlich war es nur geplant gewesen, dass Isabella sich umzieht, was auch ehrlich gestanden gut so war, denn dieses Kleid trieb mich einfach nur in den Wahnsinn, da es kaum die Körperpartien verdeckte, die bedeckt bleiben sollten. Tanya hatte mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich solche Kleidungsstücke in der näheren Zukunft Zuhair Murad zu verdanken hatte, da dieser Modeschöpfer nicht nur für die beiden Brautkleider beauftragt wurde, sondern auch für alle möglichen Anlässe extra für Isabella Kleidung zu designen. Seufzend richtete ich meine Fliege im Spiegel und ging dann hinunter in den ersten Stock, wo sich meine Frau in unserem zukünftigen Schlafzimmer aufhielt. Ich blieb am Treppenende stehen, als ich plötzlich Charlies Stimme hörte.
„Isabella, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich so nicht zu benehmen hast. Widersprich mir gefälligst nicht!“ Er klang gereizt und wütend. Dass er dabei schnaufte, nahm ich sogar durch die geschlossene Tür wahr. Was machte er überhaupt in dem Raum. Sollte er nicht Tanya helfen? Diese kam gerade die Stufen herauf und sah mich fragend an. Bevor sie jedoch sprechen konnte, meldete sich Isabella zu Wort. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sie sich so etwas nicht mehr bieten lassen würde. Und in diesem Fall war ich sogar dafür.
„Nur weil alles nicht nach deiner Nase geht und ich meinen eigenen Willen habe, benehme ich mich nicht anständig?“
„Sei leise! Sonst-“, begann er wütend, doch Isabella unterbrach ihn abrupt, „Sonst was? Schlägst du mich, oder vergewaltigst mich, wie Renée vor ein paar Stunden? Ich bitte dich! Deine Tochter, die dir den Posten des Außenministers holt, weil du nicht deinen Arsch aufrappeln kannst und den Mumm hast selber zu kandidieren.“ Charlie hatte seine eigene Frau – ich konnte meinen Gedanken gar nicht fortsetzen, da das Geräusch einer schallenden Ohrfeige durch die Luft schwang. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, da er gerade seine eigene Tochter und meine Ehefrau geschlagen hatte.
„Hör mir jetzt zu: Erwähnst du diese Konversation nur im Geringsten in einem Gespräch mit Edward, so wird er dir keinen Glauben schenken. Weshalb auch, du bist eine Frau. Also hör auf, ein auf unschuldiges Lamm zu machen, ich weiß nur zu gut, dass du das nicht bist. Selbst von dem Tattoo wusste ich keine zehn Minuten später, als du es unter deiner Haut hattest.“
„Ich werde mehr zu sagen haben als du, Vater“, giftete sie ihn an, und spuckte regelrecht das Vater. Ein weiterer Schlag ertönte und bei mir kochte es über. Die erste Ohrfeige war nicht gerechtfertigt gewesen, doch die zweite holte mich aus der Benommenheit, in die ich eingetaucht war. Dieser zweite Knall war wie kaltes Wasser, das jede Zelle meines Körpers erwachen ließ und vor allem den Zorn auf Bellas Vater. Ich wandte flüchtig meinen Blick zu Tanya, welche einfach nur geschockt auf die geschlossene Tür starrte.
Schnellen Schrittes ging ich auf jene zu und riss sie einfach auf. Charlie stand wenige Zentimeter vor Bella, die Tränen in den Augen hatte und am Boden hockte. Ihre Wange war rot von den beiden Ohrfeigen. Mein Schwiegervater sah mich panisch an und bemühte sich sofort zu erklären, doch ich würgte ihn einfach ab.
„Versucht gerade, das was du getan hast zu beschönigen?“ Er öffnete seine Augenlider weiter und suchte nach einer Ausrede. Doch mir riss der Geduldsfaden. Ich stürmte auf ihn zu und fixierte seinen Brustkorb mit meinem Unterarm an der Wand. Mein Gesicht war wenige Zentimeter von seinem entfernt und ich starrte ihm in die Augen. Vermutlich war ich vor Zorn und Wut rot angelaufen.
„Jetzt hör mir mal gut zu. Ich bin die letzten paar Minuten vor dieser Tür gestanden und habe alles mit angehört. Du hast zwei Mal meine Frau geschlagen, meine Frau, Charlie und deine Tochter. Und ich musste aus Bellas Mund hören, dass du deine eigene Frau vergewaltigt hast. Versuch ja nicht das Wort zu erheben! Wenn du das nachher überhaupt noch kannst! Wie abartig und machtbesessen kann man nur sein, dass man das seiner eigenen Familie antut. Überhaupt du, der, der auf die Werte von Loyalität und Zusammenhalt baut und immer wieder dafür plädiert. Dass du deine Hand gegen jemanden erhebst, hätte ich dir niemals zugetraut, denn wenn du schon von Anstand sprichst und was sich schickt und was nicht, so hast du gerade das beste Beispiel geliefert. Man schlägt keine Frauen.“ Ich hatte mich so in Rage geredet, dass ich erst die Hand auf meiner Schulter und die verweinte Stimme Bellas wahrnahm, als ich stark gerüttelt wurde.
„Es reicht. Er bekommt gleich keine Luft mehr, wenn du ihn noch weiter an die Wand drückst. Ich glaube, dass Charlie etwas aus dieser Situation gelernt hat.“ Bella stand neben mir und nickte mir zu. Doch bevor ich ihn gehen ließ, warnte ich ihn noch.
„Sollte mir nur einmal zu Ohren kommen, dass du ein weiteres Mal meine Frau schlägst, oder in irgendeiner Weise etwas gegen sie unternimmst, dann, Charlie, Gnade dir Gott! Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege.“ Ich ließ ihn los, und hörte, wie er nach Luft rang. Wankend ging er aus dem Raum. Tanya stand immer noch im Flur und lächelte mir besorgt zu. Bevor sie sich umdrehte und hinter meinem Schwiegervater her ging, nickte sie mir zu.
Als ich das leise Schluchzen vernahm, wandte ich mich zu Bella, die komplett aufgelöst vor mir stand.
„Danke“, flüsterte sie und mir kam es so vor, als hätte sie gegen Ende des Wortes ihre Stimme verloren. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, deshalb folgte ich meinem Bauchgefühl und nahm sie in den Arm. Zuerst wehrte sie sich, wollte sich von mir wegdrücken, doch irgendetwas schien in ihr ihre Meinung zu ändern, denn plötzlich schmiegte sich Bella an mich. Herzzerreißende Schluchzer ertönten und ich versuchte ihr beruhigend über den Rücken zu streichen.
„Ich konnte das nicht mehr. Überhaupt nachdem ich mitanhören musste, wie er Ren- meine Mutter...“ Ihre Stimme brach komplett weg und ich drückte sie näher an mich. Ich spürte, wie sie ihr Gesicht an meine Brust drückte und tief ein- und ausatmete.
„Ist schon gut, ich bin da“, sagte ich und massierte ihr den Nacken. Plötzlich fiel mir mein Versprechen ein. Bis jetzt wusste ich nicht, ob sie damals meine Worte überhaupt registriert hatte, oder ob nicht mehr zwischen Surrealem und Realität entscheiden konnte, zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich musste es ihr einfach noch einmal sagen. Ich wollte, dass sie es begriff, dass ich niemals so sein könnte.
„Kannst du dich noch an den Abend erinnern, als ich wütend in das Haus von Rose gestapft bin, und du mich von oben bis unten angekotzt hast? Da habe ich dir versprochen, dass ich dich nie zum Sex zwingen würde, niemals. Und das muss dir bewusst sein. Ich bin kaltherzig, egoistisch und ein klein wenig machtbesessen, würde ich das nicht sein, so wäre ich nicht der erfolgreiche Politiker, aber – und dessen musst du dir vollkommen bewusst sein – ich bin nicht wie Charlie. Meine Mutter hat mich gelehrt, wie ich eine Frau zu behandeln habe, auch wenn ich das nicht oft zeige. Mir ist nur allzu bewusst, dass mehr als mir lieb ist, bei uns schiefgelaufen ist. Das kann ich leider nicht mehr ändern. Doch ich werde versuchen dich so zu behandeln, wie mich meine Mutter dazu erzogen hat. Das bin ich dir für das alles schuldig. Ebenfalls verspreche ich dir, dass wir nicht so eine Ehe führen wie deine Eltern, die aus Hass und Zwang besteht. Ich möchte, dass du um mich herum, die schöne junge gebildete Frau bist, die ich in dir sehe und nicht dieses kratzbürstige Mädchen, was du mir immer vorspielst. So gerne würde ich die echte Bella, die in dir steckt kennenlernen. Vielleicht schaffen wir das irgendwann einmal. Wir haben ja noch Zeit.“
Ich sah zu ihr hinab, da ich merkte, dass ihr Schluchzen verebbt waren. Bella sah mich mit großen Augen an. Zärtlich, als könnte ich sie mit der Bewegung zerbrechen, wischte ich ihr die Tränen, die sich den Weg über ihre Wangen gebahnt hatte, weg.
„Ich“, begann sie, doch ich unterbrach sie sofort, „Tu mir einmal den Gefallen und sag nichts darauf, ich will diesen Moment, diesen einen Moment, in dem wir uns noch nicht gestritten haben, oder eine Diskussion zu Stande gekommen ist, nicht ruinieren. Ich will diesen Tag weitgehend als einen schönen Tag ansehen können, der nicht voll von Streit, Hass und Zorn ist. Es soll der Tag sein, an dem ich dich geheiratet habe, in einem Kleid, das sicher Furore machen wird, aber das ist mir heute egal. Ich möchte dich glücklich und lachend sehen und nicht weinend oder wütend…“ Sie nickte mir flüchtig zu, und ich fuhr fort, „… da wir das nun besprochen haben, denke ich, dass es an der Zeit wäre zurück zu den anderen zu kehren, nicht dass die sich noch etwas denken.“
Den Schluss sagte ich schon mit mehr Elan. Erst jetzt, als ich an ihr hinab sah, merkte ich, dass sie nur Unterwäsche, besser gesagt, verdammte weiße Dessous trug, die sie so unschuldig und zerbrechlich wirken ließ, dass ich sie einfach wieder in den Arm nehmen wollte und Bella niemals wieder gehen lassen würde. Doch das ging leider nicht.
„Soll ich dir jemanden schicken, oder schaffst du es alleine?“, fragte ich sie. Ihre Brust hob sich und ich versuchte meine Gedanken nicht abdriften zu lassen. Ihre Antwort verwunderte mich sehr.
„Wenn du so freundlich wärst, könntest du mir doch helfen.“ Ich musste mich kurz räuspern, bevor ich ihr zusagte.
Schnell schlüpfte sie in ein nicht mehr so freizügiges Kleid, wofür ich ihr sehr dankbar war, welches abermals weiß war, und viel schlichter als das vorherige. Weshalb sich die Braut ein zweites, in diesem Fall drittes Brautkleid zulegen musste, hatte ich noch nie verstanden, aber da es jeder in diesen Kreisen so handhabte, widersprach ich nicht. Nachdem ich ihr den Reißverschluss, der am Rücken angebracht war, geschlossen hatte, gingen wir zusammen, wobei ich ihr den Vortritt ließ, aus dem Zimmer und hinunter zu den Gästen. Diese schienen uns schon sehnsüchtigst zu erwarten.
„Zum ersten Mal darf ich Ihnen, Mister und Misses Cullen vorstellen!“, sagte der Sänger unserer Big Band und alle begannen zu klatschen. Ich drückte ihre Hand und führte Bella zu unserem Tisch. Nachdem wir uns gesetzt hatten, begann die Cateringfirma mit dem Servieren der verschiedenen Gänge unseres exquisiten Hochzeitsmenüs. Danach bedankte ich mich bei allen Gästen für ihr Erscheinen und ihren Geschenken. Meine wirkliche Rede würde ich mir für später aufheben. Nach mir kam die Ansprache des Brautvaters. Charlie hielt seine Rede knapp und gebunden, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, welcher lang und breit über meine Irrfahrten redete und sich wirklich freute, dass ich eine Frau gefunden hatte. In seinem und in dem von Mum, wünscht er uns nur das Beste und ganz viele Enkelkinder. Nun waren Tanya und Emmett dran, beide Reden waren witzig gehalten und brachten Bella immer wieder zum Kichern. Ich mochte es, wenn sie lächelte, kicherte oder lachte. Sie wirkte so frei und locker. Als alle ihre Reden gehalten hatten, begaben sich Bella und ich auf die Tanzfläche. Wir blieben in der Mitte der Tanzfläche stehen, und ich spürte, dass Bella nervös war.
„Ich lass dich schon nicht fallen“, flüsterte ich ihr zu und merkte, dass sich ihre Mundwinkel erkennbar hoben.
„Davor habe ich nicht wirklich Angst, denn ich kann tanzen. Nur der Tanz mit meinem Vater, wird der blanke Horror.“ Ich wollte ihr noch gut zu sprechen, doch es ertönten schon die ersten Töne des „Kaiserwalzers“, welchen mir meine Mutter empfohlen hatte. Die ersten zwei Minuten waren rasch vorbei, denn kaum hatten wir begonnen und ich mich voll und ganz auf Bella konzentriert, schien die Zeit nur noch so zu verfliegen. Ich führte uns über die ganze Tanzfläche und bei keinem der Schritte standen wir uns im Weg, ich konnte sogar ohne ein weiteres Problem mit ihr verschiedene Tanzfiguren machen. Wir harmonierten hierbei, wenn es nur abseits des Parketts so wäre… Da nun das Ende meiner „Tanzzeit“ mit ihr war, fand ein fliegender Wechsel statt. Ich forderte meine Mutter zum Tanz auf, die die ganze Zeit an der Seite meines Vaters Bella und mich angeschmachtet hatte. Meine Frau forderte selbst ihren Vater auf.
„Ihr beide seht so bezaubernd zusammen aus, und ich hoffe, du weißt, wie du diese wunderbare Frau zu behandeln hast?“, fragte sie mich mit ernster Stimme.
„Mum.“ Meine Antwort und das Augenverdrehen schienen ihr nicht zuzusagen, deshalb trat sie unabsichtlich die nächsten paar Schritte auf meine Füße. Doch es kümmerte mich nicht, ich hatte nur Augen für meine Braut.
„Stimmt etwas nicht?“
Meine Mutter klang besorgt und folgte meinem Blick. Bella schien es nicht gerade sehr zu gefallen, dass sie mit Charlie tanzen musste. Wem konnte man das verübeln? Ich war nur froh, dass diese Minute ebenfalls schnell um war, damit ich Renée auffordern konnte.
„Ich weiß, dass sie es bei dir besser haben wird, als ich es bei Charlie“, sagte meine Schwiegermutter nach ein paar Sekunden, was mich kurz zum Stocken brachte. Durch ein kurzes Hüsteln ihrerseits, fasste ich mich schnell und drehte uns weiterhin über die Tanzfläche. Jedenfalls wusste ich jetzt woher Bella ihren Liebreiz hatte und diese offene Art, auch wenn man es Renée nicht auf den ersten Blick ansah. Denn durch Charlie und das antiquierte Bild, dass Frauen nichts wert seien, war sie geprägt worden. Ich wünschte nur, dass ich etwas für sie tun konnte, doch das lag nicht in meiner Macht.
„Wir sollten langsam den Tanz für alle freigeben“, meinte Renée plötzlich. Ich suchte den Blickkontakt mit meinem Vater und nickte jenem zu. Wir führten die Damen in die Mitte, wechselten, damit Bella und ich die Tanzfläche frei geben konnten, was wir auch taten. Viele Paare begann sich zu den Klängen von Johann Strauß zu bewegen.
Nach etlichen Minuten des Tanzes, waren wir beide mehr als nur erschöpft und kehrten zu unseren Plätzen zurück. Innerhalb der nächsten Stunde kamen ständig Gäste und unterhielten sich kurz mit uns. Jedenfalls bis es Zeit war die überdimensionale Torte mit acht Ebenen, einer cremefarbenen Fondanthülle, Zuckerglasur und jeder Menge Rosen, Blüten und anderer Dekoration, anzuschneiden. Doch bevor wir das machten, würde ich meine Rede halten.
Alle standen wartend um uns herum, selbst Bella wusste nicht, was ich nun geplant hatte.
„Bevor wir jetzt unsere Hochzeitstorte anschneiden werden, möchte ich meine Hochzeitsrede nachholen. Sicherlich bin ich mir darüber im Klaren, dass sie eigentlich als erste hätte gesprochen werden sollen, doch da heute nicht wirklich alles dem Plan entspricht, habe ich mich für den jetzigen Zeitpunkt entschieden. Ich möchte keine lange Rede halten, denn das Wichtigste ist doch, dass du bei mir bist, dass du nun endlich meine Frau bist, die ich liebe, vergöttere und anbete. Diese kleine Rede möchte ich mit den Worten von Heinrich von Kleist abschließen, denn diese bedeuten sehr viel für mich. ‚Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann; denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Wert und ohne Vertrauen keine Freude‘.“ Ich hörte ein paar Freudenseufzer, bevor ich Isabella küsste und danach das Messer in die Hand nahm. Sie legte ihre über meine, damit wir gemeinsam das Monstrum anschneiden konnten. Meine Mutter musste ihr lautes Lachen unter vorgetäuschtem Husten verstecken. Verwirrt sah ich sie an.
„Vielen Dank, dass du mir in unserer Ehe die Oberhand überlässt“, flüsterte Bella und küsste mich sanft. Ich wollte einfach nicht daran denken, was das wieder für Auswirkungen hätte. Ich wollte heute an gar nichts mehr denken, und einfach nur einen schönen Tag haben.
Übersetzung des Zitates:
„Factum infectum fieri non potest.“ = Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden.
„Ihr seid nun eins, ihr beide, und wir sind mit euch eins. Trinkt auf der Freude Dauer ein Glas des guten Weins. Und bleibt zu allen Zeiten einander zugekehrt, durch Streit und Zwietracht werde nie euer Bund gestört.“ - Johann Wolfgang von Goethe
Die ersten Takte der Eingangsmusik ertönten und alle erhoben sich. Alice und Rose schritten über den Weg zum Pavillon und ich freute mich schon darauf Bella zu sehen. Meine Mutter und mein Vater lächelten mir stolz zu, bevor sie sich nach ihr umdrehten. Ein leises Raunen ging durch die Reihen, als sie mit Charlie aus dem Haus kam. Sie war wunderschön, jedoch bedeckte der fast blickdichte Schleier ihr Gesicht. Ich wusste nicht weshalb, aber ich wurde nervös und das merkte Emmett ebenfalls. Lächelnd klopfte er mir zur Beruhigung auf die Schulter und in dem Moment hob Bella ihren Kopf und sah mich an. Ich konnte nicht anders als sie anstrahlen, denn so ein bezauberndes Wesen hatte ich noch nie gesehen. Selbst wenn sich mein Unterbewusstsein dagegen sträubte, gestand ich mir diesen einen Gedanken ein. Das Kleid war, wie es sich gehörte: weiß, hochgeschlossen und züchtig. Sie sah aus wie eine wahre Lady. Vielleicht war es doch keine so schlechte Entscheidung gewesen sie heiraten zu wollen, denn sie war schön anzusehen. Ich konnte nur noch hoffen, dass sie mir nicht so viele Sorgen wie anfangs bereiten würde…
Doch plötzlich – zu meinem vollkommenen Überraschen – blieb sie stehen und schien eine ganz kurze Konversation mit Charlie zu führen. An seinem Ausdruck konnte ich erkennen, dass er überhaupt nicht erfreut darüber war. Sie entzog sich seinem Griff, drehte sich um und rannte zurück in das Haus. Vollkommen verwirrt, weshalb sie das tat, sah ich Alice, Rose, Tanya, Renée, meine Eltern und Charlie nacheinander an. Der Letztgenannte blickte ihr kurz verdattert hinterher, bevor er sich zu den Gästen drehte und verkündete: „Sie hat etwas Muffensausen, sie wird sich gleich beruhigt haben. So eine Hochzeit ist doch sehr nervenaufreibend." Ich räusperte mich leise, als ein kollektives Kichern erklang. Meine Mutter musste sich ihr Lachen verkneifen, so wie mein Vater. Alice, Rose und Tanya sahen sich an, als ob sie etwas darüber wissen würden. Charlie kam auf uns zu und sah mich verwirrt an.
„Weißt du was gerade los war?“, fragte ich ihn.
„Sie meinte, dass sie das nicht könne. Mehr hat sie nicht gesagt. Wie wäre es, wenn die drei Damen nach der Braut sehen?“ Nach Charlies Stimme zu urteilen, war er sehr wütend und ich nickte ihnen zu. Sofort begaben sie sich ins Haus und steckten dabei ihre Köpfe zusammen. Irgendetwas lief hier ab, nur wusste ich nicht was.
Wir warteten gute zehn Minuten und ich war wirklich kurz davor in das Haus zu marschieren und Bella an den Haaren rauszuziehen, als Tanya zurückkam.
„Sie möchte ohne dich zum Altar gehen, Charlie“, sagte meine Schwester, als Bellas Vater sich auf den Weg machen wollte. Verwirrt sah er sie an, und ich wusste, dass da etwas im Busch sein würde. Mir war nur zu klar, dass Isabella nicht ohne eine Protestaktion diese Zeremonie über sich ergehen lassen würde. Und den Grund für das Ganze erfuhr ich auch gleich, als abermals die Musik ertönte. Alice und Rosalie schritten beide wieder den Weg entlang, dieses Mal jedoch mit einem strahlenden Grinsen im Gesicht. Isabella kam alleine und in einem anderen Kleid, das ich von dieser Weite schon als sehr freizügig identifizieren konnte. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, als die ersten, dezent erschrockenen Laute von den Gästen ertönten. Ich sah, wie Charlies Kopf rot anlief und ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass er hier aufgrund eines Herzinfarktes umkippen würde.
Meine Eltern lächelten meine Verlobte an und fanden das Kleid anscheinend nicht als unpassend. Ich hörte sogar Mum zu Dad flüstern: „Gewagt, aber es passt zu ihr. Sie ist eine kleine Rebellin.“ Beide kicherten. Mein Blick wanderte zu meiner Schwester und den Brautjungfern. Jede hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als sie ihr dabei zusahen, wie sie auf mich zuschritt. Isabella blieb vor ihrem Vater stehen, der ihr den Schleier zurückschlug, sie auf die Stirn küsste und mir dann ihre Hand übergab und somit seinen Segen erteilte.
Als sie nun vor mir stand und ich einen besseren Blick auf das Kleid erhaschen konnte, fiel ich aus allen Wolken. Der hauchdünne Stoff am Oberkörper war bis zur Hälfte ihrer Brüste mit feinen Blumen bestickt, sodass ihre Nippel nicht zu sehen waren und bis zu den Schlüsselbeinen waren einzelne Blumen und auch Blätter gestreut.
Ich war nur in dem Moment froh, dass es ab der Hüfte nicht anliegend war, sondern wie einen Ball aus Seide zu Boden floss. Isabella lächelte mich provokant an und ich spürte, wie sich mein Blut in die unteren Gefilde verzog. Bevor jedoch die Zeremonie beginnen konnte, drehte sich Isabella zu den Gästen um.
„Es tut mir außerordentlich leid, dass ich euch so lange habe warten lassen, aber in dem anderen Kleid fühlte ich mich unwohl. Ich hoffe, dass ihr mir verzeihen könnt.“ Danach wandten wir uns dem Priester zu, welcher sofort mit der Zeremonie begann.
Ich war froh, als wir unsere Ehegelübde – wir heuchelten allen glaubhaft unsere unsagbar tiefe und ewige Liebe vor – beendet und die Ringe ausgetauscht hatten. Seitdem ich sie sah, freute ich mich auf die Worte: „Nun dürfen Sie die Braut küssen.“ Und das tat ich auch. Ich legte meine Hand auf ihre Wange, zog sie etwas zu mir und küsste sie dann so, dass es noch angemessen war, aber nicht mehr der gesellschaftlichen Norm entsprach. Ihre Lippen waren derart voll und sanft. Sie roch so süß, wie frischen Erdbeeren, die noch warm von den letzten Strahlen der Sonne waren, so unschuldig, wie Jasmin, die gerade in voller Blüte stand und von der letzten Träne des Morgentaues erst vor kurzem befreit worden war, um sich nun seiner Schönheit zu vergewissern und zum Schluss geradezu exotisch, wie die leichte Brise aus dem Süden, wenn man in Florida am Strand stand, die nach allen möglichen Früchten roch und sich zu einer exquisiten und gedankenvernebelnden Mischung verband, bevor ein Hurrikan über das Land zog. Genau das hatte ich ihr damals bei unserer Diskussion, als ihre Freunde bei uns zum gemeinschaftlichen Lernen waren, ins Gesicht gesagt und sie roch in Wirklichkeit genauso.
Ein kleines Räuspern von Charlie riss uns aus unserem Kuss und Applaus so wie Gekicher folgte. Nun waren wir offiziell Mann und Frau. Der Ehevertrag war unterschrieben, unsere Anwälte hatten sich auf einen für beide Seiten guten Vertrag geeinigt, der weder die eine noch die andere Seite bevorzugte. Alle gratulierten uns, begonnen bei Isabellas Eltern und dann meinen, danach kamen unsere Familien und Freunde. Eine der letzten war Ellen, als erstes beglückwünschte sie meine Ehefrau – wie sich das anhörte – und schließlich mich.
„Also, ich muss dir wirklich gestehen, dass dieses Kleid bezaubernd ist. Falls jemand etwas dagegen sagen sollte, ich bin auf deiner Seite. Denn ich mag selbstbewusste Frauen und nicht jede kann so ein Kleid tragen und wenn, dann trauen es sich viele nicht. Ich bin froh, dass du diesen Schritt gewagt hast, denn der Stil ist cool und ich finde, dass wir neuen Schwung in diesem Land brauchen und da kommst du genau richtig“, meinte sie an Isabella gewandt und die beiden umarmten sich nochmals. Ellen war nett, jedoch nicht unbedingt mein Lieblingsgast.
„Wir sehen uns dann beim Interview.“ Ich hatte vollkommen vergessen, dass wir ja gefilmt wurden. Oh mein Gott, hoffentlich hatte ich mir keinen Fehltritt erlaubt. Schnell ging ich alles in meinem Kopf durch und atmete erleichtert auf. Wir nahmen noch die Glückwünsche des letzten Paares, welche sich als mein kommender Vize Christian Coleman und dessen Frau Stefanie herausstellte.
„Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit, zum Geburtstag und zum Sieg der Primaries und Caucuses. Ich bin stolz auf dich und ebenfalls auf dich, Bella. Als ich dich das erste Mal sah, wusste ich, dass aus dir einmal eine wunderschöne wohlerzogene junge Dame werden würde und siehe da, das bist du geworden. Wir wollen euch jetzt aber nicht länger aufhalten, denn es rufen gleich die Fotos und dann die Eröffnung. Ich hoffe, dass ihr mehr geübt habt, als Stefanie und ich bei unserer Hochzeit damals.“ Christian lachte und begab sich dann langsam in Richtung der Gesellschaft.
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Am liebsten hätte ich dem Köter einen Freifahrtschein zum Mond besorgt, denn dieses Tier war der reinste Horror. Von der Welt geliebt und von mir gehasst, diese Ratte hatte nichts mit mir gemeinsam, auch wenn das Bella die letzten Tage immer wieder betont hatte. Dass ich nicht lachte.
„Isabella wird das alles zurückbekommen und die Töle fliegt nicht in die Flitterwochen mit!“ Dieses Mantra sagte ich immer wieder auf und hoffte einfach nur, dass sie dieses Vieh nicht mitnehmen würde. Denn Eddie, wie sie ihn stets liebevoll rief, hatte nur meinen Anzug versaut und auf meinen Schuhen sein Geschäft verrichtet, nein, während des Shootings musste er noch die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich hasste diesen Köter! Und nun roch ich nach nassem Hund, da dieses Drecksvieh unbedingt in dem Biotop beim Rosengarten, in dem wir unsere Hochzeitsfotos gemacht hatten, eine Runde schwimmen musste. Kaum hatte ihn Isabella gerufen, kam er angedackelt und schüttelte sich genau zu meinen Füßen trocken. Das Wasser flog nur so in der Luft herum und nun stank ich gottserbärmlich. Isabella hatte nur die Nase gerümpft und weiter lächelnd die Fotos gemacht. Meine Mutter schaffte es nicht ihr Lachen zu verbergen, selbst Renée, die mit Charlie zu uns gestoßen war, um die Gruppenfotos mit der Familie zu machen, entfleuchte ein Kichern. Ich war nur froh gewesen, dass wir sämtliche Fotos gemacht hatten, nur noch das Bild mit allen Gästen hatte gefehlt und ich dachte mir, dass es nicht schlimmer hätte werden können. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Dieser Satansbraten verrichtete einfach sein Geschäft ohne jegliche Scheu genau auf meine Schuhe. Ich wäre beinahe explodiert, als ich das sah. Jedoch hatte ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und dem Terrier den Kopf gestreichelt.
Ich erinnerte mich an die Szene zurück, als ich Seth meiner Frau vorgestellt hatte.
***
„Seth, es ist schön dich wieder zu sehen. Ich bin froh, dass du es einrichten konntest. Bella, das ist Seth, er macht normalerweise immer die Fotos von mir für die Werbekampagnen. In letzter Zeit hat er sich mehr der Fotografie in der Natur gewidmet. Die meisten Bilder in jedem unserer Anwesen ist von ihm“, erklärte ich meiner Frau, welche von Seth gemustert wurde. Ich kannte diesen Blick nur zu gut, denn der Fotograf war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich. Denn eine Frau in einer Beziehung oder Ehe störte uns keineswegs, es war sogar aufregender zu wissen, dass sie vergeben war, aber man sie trotzdem dazu bewegen konnte mit einem zu schlafen. Da kam der Jagdinstinkt zum Vorschein.
Doch, ich wollte nicht, dass ein anderer Mann Isabella so ansah. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich sie mochte – was ich eigentlich nicht tat, denn sie reizte mich immer wieder aufs Neue – sondern damit, dass sie die First Lady werden würde und das schickte sich einfach nicht. Aus diesem Grund hielt ich Seth' Blick, bis Bella plötzlich die aufkeimende Rivalität durchbrach.
„Oh und ich habe mich schon gewundert, wie Edward zu solch wunderbaren Bildern kommt. Ich hoffe, dass unsere Fotos nur einen Bruchteil so gut wären und dann wären sie immer noch perfekt. Vielleicht können wir diese dann auch im Haus aufhängen, was meinst du, Schatz?“
„Klar können wir das machen und ich bin mir sicher, dass Bilder, auf denen du bist, nur schön sein können, mein Engel“, sagte ich und küsste ihre Schläfe, dabei sah ich Seth an und zeigte ihm somit, dass er hier auf verlorenem Posten stand. Mir war klar, dass das Revier markieren war und er sollte gefälligst von meiner Frau wegbleiben. Sie war nun mein, und mein Eigentum fasste man nicht ungestraft an.
„Eine Frage habe ich: Wäre es später möglich, unseren Hund Eddie miteinzubeziehen. Er ist in den letzten Tagen ein Teil dieser Familie geworden. Ich weiß zwar nicht, wie er sich mit Edward verstehen wird, aber ich möchte ein paar Bilder mit ihm haben, und wenn ich nur alleine mit ihm drauf bin.“ Das war jetzt nicht ihr Ernst, oder? Ich wollte mit Sicherheit nicht diesen Hund auf unseren Bildern haben.
„Sicher können wir das machen. Eddie und ich müssen gut miteinander klar kommen, wir sind schließlich Namensvettern“, lachte ich und Bella kicherte kurz.
***
Wenn ich nur damals gewusst hätte, was dieser Köter aufführen würde… Kopfschüttelnd entledigte ich mich des stinkenden Anzuges und schmiss diesen unachtsam in eine Ecke des Raumes. Eigentlich war es nur geplant gewesen, dass Isabella sich umzieht, was auch ehrlich gestanden gut so war, denn dieses Kleid trieb mich einfach nur in den Wahnsinn, da es kaum die Körperpartien verdeckte, die bedeckt bleiben sollten. Tanya hatte mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich solche Kleidungsstücke in der näheren Zukunft Zuhair Murad zu verdanken hatte, da dieser Modeschöpfer nicht nur für die beiden Brautkleider beauftragt wurde, sondern auch für alle möglichen Anlässe extra für Isabella Kleidung zu designen. Seufzend richtete ich meine Fliege im Spiegel und ging dann hinunter in den ersten Stock, wo sich meine Frau in unserem zukünftigen Schlafzimmer aufhielt. Ich blieb am Treppenende stehen, als ich plötzlich Charlies Stimme hörte.
„Isabella, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich so nicht zu benehmen hast. Widersprich mir gefälligst nicht!“ Er klang gereizt und wütend. Dass er dabei schnaufte, nahm ich sogar durch die geschlossene Tür wahr. Was machte er überhaupt in dem Raum. Sollte er nicht Tanya helfen? Diese kam gerade die Stufen herauf und sah mich fragend an. Bevor sie jedoch sprechen konnte, meldete sich Isabella zu Wort. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sie sich so etwas nicht mehr bieten lassen würde. Und in diesem Fall war ich sogar dafür.
„Nur weil alles nicht nach deiner Nase geht und ich meinen eigenen Willen habe, benehme ich mich nicht anständig?“
„Sei leise! Sonst-“, begann er wütend, doch Isabella unterbrach ihn abrupt, „Sonst was? Schlägst du mich, oder vergewaltigst mich, wie Renée vor ein paar Stunden? Ich bitte dich! Deine Tochter, die dir den Posten des Außenministers holt, weil du nicht deinen Arsch aufrappeln kannst und den Mumm hast selber zu kandidieren.“ Charlie hatte seine eigene Frau – ich konnte meinen Gedanken gar nicht fortsetzen, da das Geräusch einer schallenden Ohrfeige durch die Luft schwang. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, da er gerade seine eigene Tochter und meine Ehefrau geschlagen hatte.
„Hör mir jetzt zu: Erwähnst du diese Konversation nur im Geringsten in einem Gespräch mit Edward, so wird er dir keinen Glauben schenken. Weshalb auch, du bist eine Frau. Also hör auf, ein auf unschuldiges Lamm zu machen, ich weiß nur zu gut, dass du das nicht bist. Selbst von dem Tattoo wusste ich keine zehn Minuten später, als du es unter deiner Haut hattest.“
„Ich werde mehr zu sagen haben als du, Vater“, giftete sie ihn an, und spuckte regelrecht das Vater. Ein weiterer Schlag ertönte und bei mir kochte es über. Die erste Ohrfeige war nicht gerechtfertigt gewesen, doch die zweite holte mich aus der Benommenheit, in die ich eingetaucht war. Dieser zweite Knall war wie kaltes Wasser, das jede Zelle meines Körpers erwachen ließ und vor allem den Zorn auf Bellas Vater. Ich wandte flüchtig meinen Blick zu Tanya, welche einfach nur geschockt auf die geschlossene Tür starrte.
Schnellen Schrittes ging ich auf jene zu und riss sie einfach auf. Charlie stand wenige Zentimeter vor Bella, die Tränen in den Augen hatte und am Boden hockte. Ihre Wange war rot von den beiden Ohrfeigen. Mein Schwiegervater sah mich panisch an und bemühte sich sofort zu erklären, doch ich würgte ihn einfach ab.
„Versucht gerade, das was du getan hast zu beschönigen?“ Er öffnete seine Augenlider weiter und suchte nach einer Ausrede. Doch mir riss der Geduldsfaden. Ich stürmte auf ihn zu und fixierte seinen Brustkorb mit meinem Unterarm an der Wand. Mein Gesicht war wenige Zentimeter von seinem entfernt und ich starrte ihm in die Augen. Vermutlich war ich vor Zorn und Wut rot angelaufen.
„Jetzt hör mir mal gut zu. Ich bin die letzten paar Minuten vor dieser Tür gestanden und habe alles mit angehört. Du hast zwei Mal meine Frau geschlagen, meine Frau, Charlie und deine Tochter. Und ich musste aus Bellas Mund hören, dass du deine eigene Frau vergewaltigt hast. Versuch ja nicht das Wort zu erheben! Wenn du das nachher überhaupt noch kannst! Wie abartig und machtbesessen kann man nur sein, dass man das seiner eigenen Familie antut. Überhaupt du, der, der auf die Werte von Loyalität und Zusammenhalt baut und immer wieder dafür plädiert. Dass du deine Hand gegen jemanden erhebst, hätte ich dir niemals zugetraut, denn wenn du schon von Anstand sprichst und was sich schickt und was nicht, so hast du gerade das beste Beispiel geliefert. Man schlägt keine Frauen.“ Ich hatte mich so in Rage geredet, dass ich erst die Hand auf meiner Schulter und die verweinte Stimme Bellas wahrnahm, als ich stark gerüttelt wurde.
„Es reicht. Er bekommt gleich keine Luft mehr, wenn du ihn noch weiter an die Wand drückst. Ich glaube, dass Charlie etwas aus dieser Situation gelernt hat.“ Bella stand neben mir und nickte mir zu. Doch bevor ich ihn gehen ließ, warnte ich ihn noch.
„Sollte mir nur einmal zu Ohren kommen, dass du ein weiteres Mal meine Frau schlägst, oder in irgendeiner Weise etwas gegen sie unternimmst, dann, Charlie, Gnade dir Gott! Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege.“ Ich ließ ihn los, und hörte, wie er nach Luft rang. Wankend ging er aus dem Raum. Tanya stand immer noch im Flur und lächelte mir besorgt zu. Bevor sie sich umdrehte und hinter meinem Schwiegervater her ging, nickte sie mir zu.
Als ich das leise Schluchzen vernahm, wandte ich mich zu Bella, die komplett aufgelöst vor mir stand.
„Danke“, flüsterte sie und mir kam es so vor, als hätte sie gegen Ende des Wortes ihre Stimme verloren. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, deshalb folgte ich meinem Bauchgefühl und nahm sie in den Arm. Zuerst wehrte sie sich, wollte sich von mir wegdrücken, doch irgendetwas schien in ihr ihre Meinung zu ändern, denn plötzlich schmiegte sich Bella an mich. Herzzerreißende Schluchzer ertönten und ich versuchte ihr beruhigend über den Rücken zu streichen.
„Ich konnte das nicht mehr. Überhaupt nachdem ich mitanhören musste, wie er Ren- meine Mutter...“ Ihre Stimme brach komplett weg und ich drückte sie näher an mich. Ich spürte, wie sie ihr Gesicht an meine Brust drückte und tief ein- und ausatmete.
„Ist schon gut, ich bin da“, sagte ich und massierte ihr den Nacken. Plötzlich fiel mir mein Versprechen ein. Bis jetzt wusste ich nicht, ob sie damals meine Worte überhaupt registriert hatte, oder ob nicht mehr zwischen Surrealem und Realität entscheiden konnte, zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich musste es ihr einfach noch einmal sagen. Ich wollte, dass sie es begriff, dass ich niemals so sein könnte.
„Kannst du dich noch an den Abend erinnern, als ich wütend in das Haus von Rose gestapft bin, und du mich von oben bis unten angekotzt hast? Da habe ich dir versprochen, dass ich dich nie zum Sex zwingen würde, niemals. Und das muss dir bewusst sein. Ich bin kaltherzig, egoistisch und ein klein wenig machtbesessen, würde ich das nicht sein, so wäre ich nicht der erfolgreiche Politiker, aber – und dessen musst du dir vollkommen bewusst sein – ich bin nicht wie Charlie. Meine Mutter hat mich gelehrt, wie ich eine Frau zu behandeln habe, auch wenn ich das nicht oft zeige. Mir ist nur allzu bewusst, dass mehr als mir lieb ist, bei uns schiefgelaufen ist. Das kann ich leider nicht mehr ändern. Doch ich werde versuchen dich so zu behandeln, wie mich meine Mutter dazu erzogen hat. Das bin ich dir für das alles schuldig. Ebenfalls verspreche ich dir, dass wir nicht so eine Ehe führen wie deine Eltern, die aus Hass und Zwang besteht. Ich möchte, dass du um mich herum, die schöne junge gebildete Frau bist, die ich in dir sehe und nicht dieses kratzbürstige Mädchen, was du mir immer vorspielst. So gerne würde ich die echte Bella, die in dir steckt kennenlernen. Vielleicht schaffen wir das irgendwann einmal. Wir haben ja noch Zeit.“
Ich sah zu ihr hinab, da ich merkte, dass ihr Schluchzen verebbt waren. Bella sah mich mit großen Augen an. Zärtlich, als könnte ich sie mit der Bewegung zerbrechen, wischte ich ihr die Tränen, die sich den Weg über ihre Wangen gebahnt hatte, weg.
„Ich“, begann sie, doch ich unterbrach sie sofort, „Tu mir einmal den Gefallen und sag nichts darauf, ich will diesen Moment, diesen einen Moment, in dem wir uns noch nicht gestritten haben, oder eine Diskussion zu Stande gekommen ist, nicht ruinieren. Ich will diesen Tag weitgehend als einen schönen Tag ansehen können, der nicht voll von Streit, Hass und Zorn ist. Es soll der Tag sein, an dem ich dich geheiratet habe, in einem Kleid, das sicher Furore machen wird, aber das ist mir heute egal. Ich möchte dich glücklich und lachend sehen und nicht weinend oder wütend…“ Sie nickte mir flüchtig zu, und ich fuhr fort, „… da wir das nun besprochen haben, denke ich, dass es an der Zeit wäre zurück zu den anderen zu kehren, nicht dass die sich noch etwas denken.“
Den Schluss sagte ich schon mit mehr Elan. Erst jetzt, als ich an ihr hinab sah, merkte ich, dass sie nur Unterwäsche, besser gesagt, verdammte weiße Dessous trug, die sie so unschuldig und zerbrechlich wirken ließ, dass ich sie einfach wieder in den Arm nehmen wollte und Bella niemals wieder gehen lassen würde. Doch das ging leider nicht.
„Soll ich dir jemanden schicken, oder schaffst du es alleine?“, fragte ich sie. Ihre Brust hob sich und ich versuchte meine Gedanken nicht abdriften zu lassen. Ihre Antwort verwunderte mich sehr.
„Wenn du so freundlich wärst, könntest du mir doch helfen.“ Ich musste mich kurz räuspern, bevor ich ihr zusagte.
Schnell schlüpfte sie in ein nicht mehr so freizügiges Kleid, wofür ich ihr sehr dankbar war, welches abermals weiß war, und viel schlichter als das vorherige. Weshalb sich die Braut ein zweites, in diesem Fall drittes Brautkleid zulegen musste, hatte ich noch nie verstanden, aber da es jeder in diesen Kreisen so handhabte, widersprach ich nicht. Nachdem ich ihr den Reißverschluss, der am Rücken angebracht war, geschlossen hatte, gingen wir zusammen, wobei ich ihr den Vortritt ließ, aus dem Zimmer und hinunter zu den Gästen. Diese schienen uns schon sehnsüchtigst zu erwarten.
„Zum ersten Mal darf ich Ihnen, Mister und Misses Cullen vorstellen!“, sagte der Sänger unserer Big Band und alle begannen zu klatschen. Ich drückte ihre Hand und führte Bella zu unserem Tisch. Nachdem wir uns gesetzt hatten, begann die Cateringfirma mit dem Servieren der verschiedenen Gänge unseres exquisiten Hochzeitsmenüs. Danach bedankte ich mich bei allen Gästen für ihr Erscheinen und ihren Geschenken. Meine wirkliche Rede würde ich mir für später aufheben. Nach mir kam die Ansprache des Brautvaters. Charlie hielt seine Rede knapp und gebunden, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, welcher lang und breit über meine Irrfahrten redete und sich wirklich freute, dass ich eine Frau gefunden hatte. In seinem und in dem von Mum, wünscht er uns nur das Beste und ganz viele Enkelkinder. Nun waren Tanya und Emmett dran, beide Reden waren witzig gehalten und brachten Bella immer wieder zum Kichern. Ich mochte es, wenn sie lächelte, kicherte oder lachte. Sie wirkte so frei und locker. Als alle ihre Reden gehalten hatten, begaben sich Bella und ich auf die Tanzfläche. Wir blieben in der Mitte der Tanzfläche stehen, und ich spürte, dass Bella nervös war.
„Ich lass dich schon nicht fallen“, flüsterte ich ihr zu und merkte, dass sich ihre Mundwinkel erkennbar hoben.
„Davor habe ich nicht wirklich Angst, denn ich kann tanzen. Nur der Tanz mit meinem Vater, wird der blanke Horror.“ Ich wollte ihr noch gut zu sprechen, doch es ertönten schon die ersten Töne des „Kaiserwalzers“, welchen mir meine Mutter empfohlen hatte. Die ersten zwei Minuten waren rasch vorbei, denn kaum hatten wir begonnen und ich mich voll und ganz auf Bella konzentriert, schien die Zeit nur noch so zu verfliegen. Ich führte uns über die ganze Tanzfläche und bei keinem der Schritte standen wir uns im Weg, ich konnte sogar ohne ein weiteres Problem mit ihr verschiedene Tanzfiguren machen. Wir harmonierten hierbei, wenn es nur abseits des Parketts so wäre… Da nun das Ende meiner „Tanzzeit“ mit ihr war, fand ein fliegender Wechsel statt. Ich forderte meine Mutter zum Tanz auf, die die ganze Zeit an der Seite meines Vaters Bella und mich angeschmachtet hatte. Meine Frau forderte selbst ihren Vater auf.
„Ihr beide seht so bezaubernd zusammen aus, und ich hoffe, du weißt, wie du diese wunderbare Frau zu behandeln hast?“, fragte sie mich mit ernster Stimme.
„Mum.“ Meine Antwort und das Augenverdrehen schienen ihr nicht zuzusagen, deshalb trat sie unabsichtlich die nächsten paar Schritte auf meine Füße. Doch es kümmerte mich nicht, ich hatte nur Augen für meine Braut.
„Stimmt etwas nicht?“
Meine Mutter klang besorgt und folgte meinem Blick. Bella schien es nicht gerade sehr zu gefallen, dass sie mit Charlie tanzen musste. Wem konnte man das verübeln? Ich war nur froh, dass diese Minute ebenfalls schnell um war, damit ich Renée auffordern konnte.
„Ich weiß, dass sie es bei dir besser haben wird, als ich es bei Charlie“, sagte meine Schwiegermutter nach ein paar Sekunden, was mich kurz zum Stocken brachte. Durch ein kurzes Hüsteln ihrerseits, fasste ich mich schnell und drehte uns weiterhin über die Tanzfläche. Jedenfalls wusste ich jetzt woher Bella ihren Liebreiz hatte und diese offene Art, auch wenn man es Renée nicht auf den ersten Blick ansah. Denn durch Charlie und das antiquierte Bild, dass Frauen nichts wert seien, war sie geprägt worden. Ich wünschte nur, dass ich etwas für sie tun konnte, doch das lag nicht in meiner Macht.
„Wir sollten langsam den Tanz für alle freigeben“, meinte Renée plötzlich. Ich suchte den Blickkontakt mit meinem Vater und nickte jenem zu. Wir führten die Damen in die Mitte, wechselten, damit Bella und ich die Tanzfläche frei geben konnten, was wir auch taten. Viele Paare begann sich zu den Klängen von Johann Strauß zu bewegen.
Nach etlichen Minuten des Tanzes, waren wir beide mehr als nur erschöpft und kehrten zu unseren Plätzen zurück. Innerhalb der nächsten Stunde kamen ständig Gäste und unterhielten sich kurz mit uns. Jedenfalls bis es Zeit war die überdimensionale Torte mit acht Ebenen, einer cremefarbenen Fondanthülle, Zuckerglasur und jeder Menge Rosen, Blüten und anderer Dekoration, anzuschneiden. Doch bevor wir das machten, würde ich meine Rede halten.
Alle standen wartend um uns herum, selbst Bella wusste nicht, was ich nun geplant hatte.
„Bevor wir jetzt unsere Hochzeitstorte anschneiden werden, möchte ich meine Hochzeitsrede nachholen. Sicherlich bin ich mir darüber im Klaren, dass sie eigentlich als erste hätte gesprochen werden sollen, doch da heute nicht wirklich alles dem Plan entspricht, habe ich mich für den jetzigen Zeitpunkt entschieden. Ich möchte keine lange Rede halten, denn das Wichtigste ist doch, dass du bei mir bist, dass du nun endlich meine Frau bist, die ich liebe, vergöttere und anbete. Diese kleine Rede möchte ich mit den Worten von Heinrich von Kleist abschließen, denn diese bedeuten sehr viel für mich. ‚Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann; denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Wert und ohne Vertrauen keine Freude‘.“ Ich hörte ein paar Freudenseufzer, bevor ich Isabella küsste und danach das Messer in die Hand nahm. Sie legte ihre über meine, damit wir gemeinsam das Monstrum anschneiden konnten. Meine Mutter musste ihr lautes Lachen unter vorgetäuschtem Husten verstecken. Verwirrt sah ich sie an.
„Vielen Dank, dass du mir in unserer Ehe die Oberhand überlässt“, flüsterte Bella und küsste mich sanft. Ich wollte einfach nicht daran denken, was das wieder für Auswirkungen hätte. Ich wollte heute an gar nichts mehr denken, und einfach nur einen schönen Tag haben.
Übersetzung des Zitates:
„Factum infectum fieri non potest.“ = Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden.