Kapitel 13

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Die Liebe kommt nach der Hochzeit.“ – aus Lappland




„…Du willst etwas von mir, Edward, so wirst du damit leben müssen. Und glaube ja nicht, dass das schon alles ist“, schmetterte ich ihm entgegen und verließ unverzüglich den Raum. Eine Antwort von ihm, in dem er wieder alles auf seine Seite zog, hätte ich nicht aushalten können. Nachdem ich aus der Tür und zu Emmett marschiert war, brach ich halb zusammen. Das alles kostete mir viel Energie und ich hoffte nur, dass er mir nicht angesehen hatte, wie unsicher ich war. Ich setzte mich in einen Sessel und sah Tanya und Emmett an. Beide lächelten mir besorgt zu.

„Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen dich das machen zu lassen…“, sagte meine Schwägerin in Spe plötzlich und strich mir über den Oberarm. Mir schien es ins Gesicht geschrieben zu stehen, wie erschöpft und müde ich war „… aber daran könnten wir jetzt auch nichts mehr ändern. In den nächsten Tagen werden wir dich aufpäppeln und Edward weiter in die Schranken verweisen. Mein Bruder braucht das, damit er nicht länger auf seinem hohen Ross sitzen bleibt. Ich hab da auch schon eine Idee, wie wir das machen können, ihn bis an seine Grenzen zu reizen, dass er denkt, er müsse gleich vor Zorn und Leidenschaft zerspringen. Da kenne ich ihn einfach viel zu gut.“ Sie begann zu lachen, doch ich konnte einfach noch nicht über etwas so absurdes lächeln.

Alice und Rose Worte hatten mich bestärkt den Kampf wieder aufzunehmen und das war die letzte Chance gewesen, um ihm zu zeigen, dass er nicht alles mit mir machen konnte, was er wollte. Die beiden hatten mir die ganze Nacht beigestanden, mich versorgt und hatten dann mit mir in einem Bett geschlafen, sodass ich mich nicht alleine fühlte. Jedoch das, was ich ihm vor ein paar Minuten angekündigt hatte, war noch nicht real für mich, erst wenn ich den ersten Schritt auf das Anwesen in den Hamptons setzen würden, wüsste ich, dass ich abertausende Kilometer von ihm weg wäre und könnte mich erst richtig entspannen. Bis dorthin wäre ich noch nervös und unsicher.
Als ich plötzlich durch die Wand das Zersplittern von Keramik oder Glas hören konnte, zuckte ich zusammen und wusste sofort, dass das Edward war. Er musste stinksauer sein, kein Wunder bei dem, was ich ihm gesagt hatte. Den Trumpf, dass in dem Vertrag stand, dass er mir für jedes Ehejahr eine Million und für jedes Kind zwei Millionen – unabhängig ob Junge oder Mädchen – zahlen musste, hatte ich noch nicht ausgespielt. Sein Gesicht, als ich ihm gesagt hatte, dass bei Vertragsbruch durch eine Affäre, sein ganzes Kapital an mich gehen würde, war einfach nur wunderbar anzusehen. Sicher wusste ich, dass ich das nicht durchbringen konnte, doch nur den Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen, war es wert.

Zwei Wochen, ganze zwei Wochen war ich nun Edward los gewesen und es hatte sich so gut angefühlt, endlich mal das zu machen, was ich wollte. Tanya hatte für mich Termine organisiert, zu denen ich wirklich wollte und nicht die Verpflichtung hatte dort hinzugehen. Es war tatsächlich schön gewesen, ich hatte entspannen können und Zeit für mich gehabt, aber in diesem Moment wurde mir wieder klar, dass heute der Tag war, an dem ich in meine persönliche Hölle marschieren würde. Vielleicht wäre Charlies Käfig wohl doch die bessere Alternative. In den Tagen war auch viel passiert. Ich erinnere mich noch genau zurück, wie ich den letzten Satz meiner perfekt vorbereiteten Rede beendet hatte.
Das kleine Knäuel neben mir forderte seine Aufmerksamkeit. Eddie, mein überaus süßer Jack Russell Terrier war mein treuer Begleiter geworden. In dem Moment als ich
das Tierheim in den Hamptons betrat, kam er mir entgegen, setzte sich artig vor mich hin und sah mich unschuldig mit seinen Glupschaugen an. Ich hatte nicht anders können, als den kleinen Kerl zu adoptieren. Tanya hatte sofort die Idee ihn Eddie zu nennen, denn sie wusste, dass Edward die Verniedlichung seines Namens hasste. So hatte ich eine Ausrede jederzeit den Namen zu nennen, ohne wirklichen Groll auf mich zu ziehen.
Meine Schwägerin bekam ein High-Five dafür. Nachdem wir damals alles nötige für einen Hund von Leine, Beißkorb – ich fragte mich immer noch, weshalb mein Hündchen so etwas brauchte – bis hin zu komischen Spielsachen. Gott, da gab es wirklich schräge Dinge, und genau diese hatte ich auch gekauft. Ein Quietschhuhn, das Eddie immer nur angeknurrt hatte, eine Spinne, die, wenn er mit der Pfote draufdrückte, in die Höhe sprang – er macht seit dem ersten Mal einen großen Bogen um das Ding – und jede Menge anderer Sachen, vor allem Emmett war Feuer und Flamme für meinen kleinen Jungen.


***


„Guck mal, was ich dem kleinen Racker gekauft habe“, sagte Emmett stolz und hievte einen großen Karton aus dem Kofferraum des SUV. Er trug das riesige Teil ins Wohnzimmer des Hauses und machte sich sofort daran es auszupacken und aufzustellen. Eddie und ich sahen ihm von der Couch aus zu und betrachteten das Spektakel sehr skeptisch.
„So, jetzt nur noch die Bälle und dann kann der kleine Mann hier in sein Pool.“ Emmett grinste breit und tätschelte den Kopf meines Hundes, der ihn sofort abschleckte. Vor uns stand also ein „Pool“, das nun mit bunten Plastikbällen gefüllt wurde. Es war so eines, in dem auch kleine Kinder normalerweise spielten. Kaum waren alle Bälle in dem Becken, hüpft Eddie hinein und Emmett gleich hinterher.
Er ist irgendwie noch ein kleines Kind, dachte ich bei mir und musste den Kopf schütteln, weil es eigentlich sein Job war Edward und mich zu beschützen. Die Hälfte der Bälle waren aus dem Pool verdrängt worden und mein Hündchen bellte den Hünen nur an. Danach jagte er den bunten Kugeln im ganzen Haus hinterher. Nun gut, so hatte der Kleine wenigstens eine Tagesbeschäftigung.
„Emmett, ich weiß schon dein Geburtstagsgeschenk“, kicherte ich und Tanya kam in dem Augenblick in den Raum. Als sie Emmett so sah, begann sie schallend zu lachen und schoss ein Foto von ihm.
„Ich frage mich gerade, was Rose dazu sagen würde…“ Emmetts Augen wurden groß.
„Bella, bitte, nein, schick das nicht an Rose.“ Er flehte mich schon regelrecht an.
„Zu spät, mein Großer, Rose lacht sich gerade tot“, meinte Tanya mit einem Grinsen im Gesicht. Er sprang auf, wäre fast auf den Bällen ausgerutscht und jagte meine Schwägerin im Garten umher.


***


Bei dem Gedanken konnte ich nur meinen Kopf schütteln.  Abwesend streichelte ich das Fell meines Tieres, welches mich plötzlich abzuschlecken begann.
„Igitt Eddie, du weißt, dass ich das im Gesicht nicht mag. Und warum bist du nicht in deinem Körbchen?“, fragte ich meinen Hund, der nur kurz bellte, bevor er aus dem Zimmer rannte, das mein zukünftiges Schlafzimmer werden würde. Denn die letzte Nacht hatte ich in Edwards Anwesen in Washington D.C. verbracht, denn hier würden wir heute heiraten.
Hinter dem Haus erstreckte sich ein wunderschön angelegter großer Garten, dort wurde seit gestern schon fleißig gearbeitet, damit alles für die bevorstehende Feier bereit war.
Lachend drehte ich mich im Bett um und wollte noch einmal einschlafen, bevor der Ernst des Tages begann. Jedoch wurden meine Pläne von einer aufgedrehten Alice, die wie wild auf meinem Bett herumsprang, zunichte gemacht. Mürrisch wälzte ich mich hin und her und stand schließlich auf. Denn eine Kitzel-Attacke in aller Früh hätte ich nicht überlebt, das hatte ich schon gestern herausgefunden.
„Wir müssen noch so viel machen. Du musst dich duschen, dein Haar waschen, zum Frisör, der Visagist kommt, und dann das Kleid. Wobei das ziehst du erst kurz davor an“, trällerte sie, währenddessen ich mir meinen Weg zur Küche bahnte, denn Eddie hatte überall sein Spielzeug liegen.
Langsam verdammte ich Emmett dafür, dass er das alles eingekauft hatte.
Warum war Alice so gut drauf, wenn sie wusste, dass ich nicht heiraten wollte.

„Du wirst sehen, Edward werden die Augen herausfallen, wenn er dich in dem Kleid sieht und darauf freue ich mich schon so sehr.“ Auf diesen Part freute ich mich am meisten, denn zu sehen, wie er vor Wut kochend das Kleid mustern wird und mich am liebsten vor den Augen aller anderen zu verstecken, würde die ganze Aktion wert sein. Ich stellte mir das gedanklich vor, bis mich Rose aus meinen Tagträumen riss.
„Bella, wo bist du bloß mit deinen Gedanken?“, fragte sie mich und setzte sich neben mich, nachdem sie mir eine Tasse Kaffee vor die Nase gestellt hatte. Ich sog den wohltuenden Geruch auf und freute mich schon auf das heiße Getränk.
„Ich hab gerade daran gedacht,  was mich nach diesem Tag alles erwartet und ich kann es nicht. Ich kann das nicht durchziehen.“ Mein Seufzen brachte mir einen bitterbösen Blick von meiner Mutter ein. Denn eine Ehe mit Edward konnte ich mir nicht vorstellen.
„Schatz, wir haben das schon alles besprochen. Und du wirst das durchziehen. So schlimm, wie du dir das jetzt vorstellst, ist es doch gar nicht.“ Ein falsches Lächeln zierte ihre Lippen und ich erschauderte bei dem Gedanken an ihren Vortrag unlängst im Spa. Die letzte Nacht hatten Alice, Rose und Tanya, aber zu meinem Leidwesen auch meine Mutter, bei mir verbracht. Es war meine Junggesellinnen Party gewesen. Am Vormittag waren wir im Spa, wo ich am ganzen Körper enthaart wurde und danach alle Vorteile einer VIP-Card genoss, angefangen von Massage bis hin zu Mani-, und Pediküre. Meine Mutter hatte mich da auch zur Seite genommen – sie musste ja unbedingt beaufsichtigen, dass ja nichts falsch gemacht wurde – und mir einen Vortrag darüber gehalten, wie ich meinen Zukünftigen zu verwöhnen hatte.


***




„Bella, kommst du bitte kurz mit mir mit. Ich würde gerne etwas mit dir bereden.“ Verwirrt sah ich meine drei Freundinnen an, folgte dann aber meiner Mutter in einen Raum, der zwei Stühle beherbergte.
„Nun, ich möchte mit dir gerne über deine zukünftige Ehe sprechen“, in dem Moment fiel ich aus allen Wolken und landete auf dem harten Boden der Realität, „wie du sicherlich weißt, hast du als Ehefrau Pflichten gegenüber deinem Mann. Gleich zu Anfang, vergiss alles was du jemals gehört hast über Zärtlichkeit, Liebe und Geborgenheit, einen Ritter in der weißen Rüstung, der deine Jungfräulichkeit ehren wird, gibt es hier nicht. Das erste Mal wird schmerzhaft sein, reiße dich also gefälligst zusammen und gebe bloß keinen Mucks von dir, wenn dein Jungfrauenhäutchen defloriert wird. So etwas mögen Männer nicht und es zeigt von keiner Stärke, wenn du danach weinst. Es wird schnell vorbei sein und er wird dich wieder in dein Zimmer schicken, solange ihr beide nicht im Weißen Haus wohnt. Bilde dir niemals ein, dass er dich bei sich schlafen lassen würde. Edward wird von dir erwarten, dass du dich ihm oft hingibst, also wirst du ihn niemals abweisen, nicht solange du nicht sein Kind in dir trägst. Und du solltest schnell schwanger werden, sonst bereitest du deinem Elternhaus Schande – ich warne dich. Sollten wir jemals Klagen darüber hören, dass du dich ihm verweigerst oder seine Wünsche nicht erfüllst und wehe, du gehst fremd, dann Gnade dir Gott.
Du wirst deinen Vater und mich ansonsten kennenlernen. Wenn Edward dich am Küchentisch, im Büro, in der Dusche, von hinten, von vorne, oder deinen Mund will, dann gibst du ihm das auch. Da gibt es kein: Nicht jetzt, später oder nein. Sondern du machst es ohne zu zögern. Seine Befriedigung ist deine oberste Priorität. Wenn du Glück hast, verliert er schnell die Lust an dir und deiner Unerfahrenheit und sucht sich nach dem zweiten Kind eine Geliebte. Das wird das Beste für dich sein. Er wird nur noch zu dir kommen, damit du von ihm schwanger wirst, mehr nicht. Wenn du klug bist und es richtig anstellst, dann kann er dir auch aus der Hand fressen und macht was du willst. Natürlich nur im Fall, dass du ihm vorher das gibst, was er möchte. Nach seinem ersten Sohn wird er dir mehr Freiheiten geben, nach dem zweiten und dritten, darfst du machen was du möchtest. Enttäusche deine Familie nicht, indem du zuerst ein Mädchen zur Welt bringst, das macht keine Swan. Ich möchte nicht bei meinen Freunden als Mutter einer Tochter dastehen, die keinen Sohn gebären kann, das steht außer Frage. Außerdem solltest du seine Leintücher nicht beschmutzen, also schluck alles, wenn er oral befriedigt werden möchte. Du wirst sicher selbst hinter die Geheimnisse einer guten Ehe kommen und entdecken, dass du alles haben kannst, wenn du es nur geschickt anstellst. Ich habe dir in deinen Koffer ein paar sehr interessante Bücher über Sexualpraktiken gegeben, ich rate dir, dass du sie auch anwendest.“ Sie erhob sich und ging einfach wieder zurück zu den anderen. Ich konnte nicht mehr als ihr geschockt hinterher sehen. Das war nicht ihr Ernst gewesen. Meine Mutter hatte ich noch nie so kalt und berechnend erlebt. In dem Moment konnte ich nichts anderes als zu weinen zu beginnen. Am liebsten wäre ich hinausgerannt und hätte mit Rose, Alice oder Tanya darüber geredet, aber das ging ja nicht.


***


Mir war das Frühstück an den Gedanken daran vergangen. Ich würde nie tun, was Edward mir sagen würde. Ich wäre auch niemals seine Hure, die er nach Belieben vögeln konnte. Das war ich nicht und das würde ich auch niemals sein, das stand schon einmal fest und wenn ich mich mit Händen und Fäusten dagegen wehren müsste, so würde ich das auch tun. Angewidert schob ich einfach nur die Schüssel mit dem Müsli von mir.
„Willst du gar nichts essen und dich stärken, Kind?“, ertönte plötzlich die Stimme meines Vaters hinter mir und ich zuckte kaum merklich zusammen. Ich spürte, wie er eine Hand auf meine Schulter legte und bedacht zudrückte.
„Du wirst die Vitamine und anderen Stoffe brauchen, denn heute wird alles sehr anstrengend für dich.“ Renée kam mit einem Teller Obst zu mir und Charlie stellte diesen vor mir ab. Rose und Alice sahen mich mitleidsvoll an, als ich die Apfelstücke widerwillig aß und mir mein Vater meinen Kaffee aus der Hand entriss, als ich einen Schluck machen wollte.
„Dieses Zeugs erhöht nur das Risiko auf einen Herzinfarkt. Trink lieber Tee, Kind. Und wenn wir schon alle so schön versammelt sind, werde ich auch gleich den Zeitplan vorlesen. Tanya, du wirst bitte das Brautkleid abholen. Alice und Rose, ihr werdet Bella helfen, Renée, du ebenfalls und ich werde alles überwachen. In einer Stunde kommen die Frisöre und Visagisten, bis dorthin müsst ihr alle geduscht sein und das ganze Zeugs. Ihr werdet keine Zeit haben etwas zu Mittag zu essen, deshalb stärkt euch jetzt. Um fünfzehn Uhr beginnt die Trauung, das heißt, dass Bella spätestens um vierzehn Uhr dreißig fertig sein sollte und ihr ebenfalls. Edwards Eltern sowie ich und Renée werden ab vierzehn Uhr alle Gäste begrüßen. Wenn jetzt keiner mehr Fragen hat, solltet ihr euch sputen.“ Danach verließ Charlie wortlos den Raum und zog sich in Edwards Büro, in das ich noch keinen Fuß gesetzt hatte, zurück. Meine Mutter folgte ihm wenige Minuten später und ich erhob mich ebenfalls. Seufzend stieg ich die Treppe in den ersten Stock hinauf, als ich die gedämpften Stimmen aus dem Büro wahrnahm.

„Ist es nicht eine Ungerechtigkeit was vor Jahren passiert ist? Heute könnte er heiraten und nicht Bella. Unser Junge. Er könnte die Frau heiraten, die er liebt, solange sie standesgemäß ist und eine Familie gründen. Aber-“, bevor Renée weitersprechen konnte, unterbrach sie Charlie rüde. „Ich verbiete dir so zu reden, überhaupt heute. Wir haben die letzten Jahre kein Wort verlauten lassen, so werden wir es jetzt auch tun. Renée, muss ich dich erinnern, wer die Schuld daran trägt? Also verbiete dir selbst den Gedanken. Heute wird ein Vertrag besiegelt, der mich mächtiger machen wird, als in den letzten Jahren. Ich werde über Krieg und Frieden entscheiden können. Denn, wie du weißt, unterstütze ich nicht nur Edward, weil ich seine politischen Ansichten teile, nein, weil er mich zum Außenminister der Vereinigten Staaten machen wird, wenn er ins Amt tritt. Das heißt, dein Traum aus den USA zu kommen, die Welt zusehen und neue Kulturen zu entdecken, wird in Erfüllung gehen und das habe ich dir schließlich versprochen.“ Seine Stimme hatte diesen manipulativen Ton an sich, den er immer wieder bei mir versuchte, doch ich blieb standhaft im Gegensatz zu meiner Mutter.
„Charlie, ich kann ihn nicht vergessen. Er war unser Kind“, schluchzte Renée und ich empfand Mitleid für sie. Auch wenn ich nicht wusste, wer dieser er war und wer schuld an seinem Tod war, hatte ich den Drang meine Mutter in die Arme zu schließen und sie vor Vater zu beschützen. Renée war zwar nie die beste Mutter der Welt, aber hin und wieder, wenn es ihr nicht auffiel, dass sie ihre harte Schale fallen ließ, zeigte sie mir mit kleinen Sachen, dass sie mich auf eine gewisse Art und Weise liebte.

„Er war es und ist es nicht mehr. Erinnere dich an den Tag zurück, als wir ihn in die Hände Gottes gegeben und ihn begraben haben. Erinnere dich daran, wie du sie nicht mehr ansehen konntest, und wie du, genauso wie ich, sie nicht mehr lieben konntest und immer noch nicht kannst, weil sie ihn umgebracht hat. Sie ist an allem schuld. Wäre das damals nicht passiert, wäre er am Leben und ich hätte kandidieren können und wir würden jetzt im Weißen Haus leben und nicht Edward in geraumer Zeit.“
„Charlie, ich bitte dich. Du hast nicht den Charme und die Kontakte um jemals Präsident zu werden. Die hattest du nie und wirst sie nie haben. Edward jedoch überzeugt mit seiner Jugend und dem Fachwissen, das er an den Tag legt. Also bilde -“ Plötzlich hörte ich einen Knall und ich wusste, dass Charlie meine Mutter eine Ohrfeige verpasst hatte. Meine Hände presste ich vor meinem Mund, denn das hatte ich nicht erwartet. Wie geschockt starrte ich auf die angelehnte Tür.
„Weib, höre auf Dinge von dir zu geben, bei denen du dich weder auskennst noch das Recht hast mitzureden. Nun sieh nach, ob Bella sich vorbereitet. Ich möchte, dass das heute reibungslos über die Bühne geht. Denn die Ehre dieser Familie steht auf dem Spiel und wehe, du lehnst dich nochmals gegen mich auf.“ Ich hörte meine Mutter schluchzen und sie kurz danach aufschreien.
„Zieh deinen Rock hoch! Wenn du es gut machst, dann ist es schnell vorbei. Ich freue mich schon darauf wieder mit Lauren zu vögeln, die weiß wenigstens was sie macht. Sei still, sonst hört uns das ganze Haus“, befahl er. Er würde doch nicht… Doch dann hörte ich auch schon ein gedämpftes Stöhnen. Panisch sah ich mich um und lief schnell in das Schlafzimmer. Eddie saß auf dem Bett und sah mich mit schief gelegtem Kopf an. Würde Edward das auch machen, wenn ich ihm nicht folgte, wenn ich ihn reizte? Ich setzte mich auf das Bett und mein Hund sprang auf meinen Schoß. Abwesend streichelte ich ihn und dachte über alles nach. Tränen begannen sich in meinen Augen zu bilden und dann über meine Wangen zu rinnen. Eddie sprang von Bett hinunter und kam kurz danach wieder zurück. Er hatte ein Stofftier im Maul, legte es mir vor die Füße, bellte kurz und wimmerte danach. Er wusste, dass es mir nicht gut ging und wollte mir sein Spielzeug zur Aufmunterung geben.
„Hey, mein Kleiner, danke, aber damit spiele ich nicht“, sagte ich ihm bedrückt, hob ihn hoch und kuschelte mit ihm.

Plötzlich wurde die Tür zu meinem Zimmer geöffnet und Renée trat ein. Ich sah ihr an, dass sie Tränen in den Augen hatte und ihre Wange leicht gerötet war. Ihr Haar und das Kostüm saßen jedoch perfekt und wiesen keinerlei Spuren auf, was gerade im Büro passiert war.
„Mum, geht es dir gut?“, fragte ich sie und sie lächelte mich strahlend an.
„Ja, Schatz, ich bin nur gerade etwas sentimental, denn mein Kind heiratet endlich.“ Hätte ich nicht gewusst, was vor ein paar Minuten passiert war, so hätte ich ihr das wirklich abgekauft. Langsam wurde mir bewusst, dass ich vielleicht ein nicht so schweres Los hatte wie sie. Am liebsten wäre ich zu ihr gegangen und sie überredet meinen Vater zu verlassen, doch sie kam mir zuvor.
„So, mein Kind, jetzt wirst du dich fertig machen. Wir wollen ja nicht, dass die ganze Welt auf dich warten muss.“ Damit schob sie mich schon in Richtung der Badezimmertüre, die das Schlafzimmer und den anderen Raum miteinander verband.


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Den ganzen Tag über wurde an mir herumgezupft, gezogen, aufpoliert und schlussendlich von meiner Mutter abgesegnet.
„Du siehst wunderhübsch aus!“, sagte Renée, als sie durch die Tür in das Zimmer trat. In den Händen hielt sie eine große Schachtel, die sie auf den Schminktisch stellte, damit sie mich in eine Umarmung ziehen konnte.
„Mein Kind wird nun erwachsen.“ Als ich sie näher betrachtete, sah ich, dass sie Tränen in den Augen hatte. Diese tupfte sie sich augenblicklich mit einem Kleenextuch fort. Diese Gefühlsregung war mir bis jetzt bei ihr nicht bekannt gewesen. Vielleicht lag es an den Nachwirkungen der Konversation, die ich vor ein paar Stunden mitbekommen hatte.
„Hast du den Ehevertrag unterschrieben?“ Die Stimme meines Vaters war kühl, kontrolliert und geschäftsmäßig. Ich konnte den Ausdruck des Widerwillens in meinem Gesicht zügeln. Ein Mann, der seine eigene Frau vergewaltigte, war mein Vater. Am liebsten hätte ich ihm den Kopf abgehackt. Weshalb hatte ich nur so eine Familie verdient?
„Den werden wir während der Zeremonie unterschreiben, Vater.“ Er nickte mir nur zu und verließ danach das Zimmer, ohne Renée eines weiteren Blickes zu würdigen. Meine Mutter nahm die Box und öffnete diese. Es war ein dezentes Collier, sowie filigrane Ohrringe.
„Ein kleiner Teil unseres Familienschmuckes. Es war ein Geschenk deines Großvaters an deine Großmutter zu deren Hochzeit. Ich hab das Set auch getragen, als Charlie und ich geheiratet haben. Und jetzt borgen wir es dir.“ Ehrfürchtig strich sie mit ihren Fingerspitzen über das Geschmeide, bevor sie es herausholte und mir anlegte. Das Brautkleid hatte ich schon an, denn in einer Stunde würde die Trauung beginnen. Renée lächelte mich zaghaft an, küsste meine Wange und wünschte mir viel Glück für die Trauung, bevor sie aus dem Raum ging.

Ich wusste nicht, was ich die nächste Stunde machen würde und sah an mir herunter. Das Kleid war schön und vor allem angemessen züchtig, denn wehe, die zukünftige First Lady würde zu viel Haut zeigen. Sollte ich es wirklich wagen? Schnell verwarf ich den Gedanken und schritt zu dem Fenster im Raum. Eine schwarze Kleinlimousine fuhr gerade vor und ich sah, wie Edward und Emmett ausstiegen. Beide sahen in ihren Anzügen wunderbar aus. Plötzlich sah Edward zu dem Fenster herauf und ich wich augenblicklich zurück, auch wenn ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Emmett klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und beide begannen zu lachen. Kaum gingen sie einen Schritt, kam ihnen schon Charlie entgegen und beglückwünschte Edward, das konnte ich an dem Handschlag und an der Umarmung erkennen. Er hieß ihn schon in der Familie willkommen. Er sah auch besser aus, als nach dem Live-Auftritt bei der Talkshow, nach welcher die ganze USA sich gefragt hatte, ob es ihm gesundheitlich auch gut gehe. Ich konnte mich noch genau erinnern, als Emmett das Foto von mir mit dem Wassereis gemacht hatte und ihm schickte.


***


„Komm schon, Bells, das wird ihm zusetzen, ich kenn ihn! Außerdem geschieht ihm das recht“, sagte Emmett schadenfroh. Ich zuckte mit den Schultern, legte einen unschuldigen Blick auf und leckte an dem Eis. Schnell war ein Foto gefunden, das Emmett ihm auch sofort schickte. Wir drei wussten nur zu gut, dass er gleich ein Interview hätte, welches wir dann gebannt am Fernseher verfolgen würden.
„Und nun begrüßen Sie bitte Senator Edward Cullen“, sagte der Moderator und Edward trat auf die Bühne. Die Beule in seinem Schritt war nicht zu übersehen gewesen, jedenfalls für den, der es wusste. Tanya hatte währenddessen ihr Laptop auf ihren Schoß und meine Twitter-Seite. Sie und Jasper waren der Meinung, dass ich Social Networks benutzen sollte, um besseren Anklang bei der Jugend zu finden und up-to-date zu wirken. Also tat ich das auch. Innerhalb weniger Stunden hatte ich mehrere tausende Fans und Follower. Innerhalb der Woche wuchs die Zahl stetig an, was mich natürlich freute.
„Scheiße“, entfuhr es meiner Schwägerin in Spe und sie begann schadenfroh zu lachen. Verwirrt sah ich sie an, bevor sie fortfuhr, „Du bekommst gerade eine Welle von Fragen herein, in denen es um Edwards gesundheitlichen Status geht.“ Ich sah mir Edward an und merkte, dass ihm die Bilder zugesetzt haben mussten. Ich entschloss mich einen Schlussstrich ziehen, auch wenn ich wollte, dass Edward litt, so konnte ich nicht meinen Platz als First Lady aufs Spiel setzen.
„Wir hören ab jetzt mit dem Scheiß auf. Ihr macht keine Bilder mehr von mir und schickt sie ihm. Und wenn ich was mitbekomme, dann könnt ihr euch auf etwas gefasst machen.“ Weshalb ich so wütend wurde, wusste ich nicht, aber ich stapfte mit Eddie im Schlepptau in mein Zimmer und schmiss die Tür hinter mir zu. Daraufhin stellten Tanya und Emmett widerwillig die Bilderaktion ein. Ich wusste, wie viel Spaß das gemacht hatte, aber es war inzwischen nicht mehr vertretbar.


***


Seufzend setzte ich mich auf das Bett. Ich ging mein Ehegelübde durch und wartete dann einfach auf Charlie. Dieser kam auf die Minute genau zu mir hoch und lächelte mich siegreich an.
„Kommst du? Dein Zukünftiger wartet schon ganz gespannt auf dich!“ Widerwillig erhob ich mich und ging mit ihm die Treppe hinab, wo Alice und Rose schon auf mich warteten. Tanya, welche den Part als Trauzeugin übernehmen würde, wartete am Ende meines Weges beim Pavillon. Die Musik begann zu spielen und meine beiden Brautjungfern setzten sich in Bewegung,
„Ich möchte, dass du dein freudigstes Lächeln zeigst, schließlich ist es der schönste Tag in deinem Leben“, flüstere er mir zu und drückte meine Hand. So fest, dass ich beinahe mein Gesicht verzogen hätte
„Sicher, Vater, aber schöner wird es sein, meinen ersten Sohn in den Händen zu halten.“ Sein Gesicht hellte sich auf und es sah wirklich aus, als wäre das Lächeln echt. Ich wusste nur zu gut, was er hören wollte und das bekam er auch. Und dann kam unser Einsatz. Charlie und ich schritten langsam den mit Blumenblättern bedeckten Weg entlang. Um mich herum ertönten „Ahs“ und „Ohs“, sowie „Eine wirklich wunderschöne Braut“, was Charlie noch glücklicher machte. Ich hob meinen Blick und sah Edwards zufriedenes Gesicht. Emmett klopfte ihm auf die Schulter und grinste mich an. Mein Zukünftiger stand auf den Stufen zu dem Pavillon, der mit Efeu bewachsen war und Blumenranken sich hochschlängelten. Alles stand in voller Blüte und die Farben strahlten nur so. Doch das Gefühl, dass ich das hier nicht konnte, breitete sich in mir aus.

Zur Überraschung aller blieb ich stehen und wandte mein Gesicht Charlie zu.
„Was tust du, komm, wir gehen dort nach vorne und dann heiratest du Edward. Blamier uns jetzt nicht!“, zischte Charlie, was er mit einem Lächeln überspielte, als würde er mir gerade eine Liebkosung der Worte sagen. Er packte meine Hand fester und wollte mich Richtung Edward zerren, doch er schaffte es nicht.
„Dad, ich kann das nicht“, antwortete ich ihm und war froh einen Schleier zu tragen, sodass ich nicht lächeln musste.
"Du wirst jetzt sicher nicht gehen. Wir sind kurz vor dem Ziel." Er versuchte mich abermals in Richtung des Pavillons zu ziehen, doch ich wehrte mich und entzog mich seines Griffes. Ich drehte mich um, nahm das Kleid in die Hand und rannte zurück in das Zimmer, aus dem ich gekommen war.
"Sie hat etwas Muffensausen, sie wird sich gleich beruhigt haben. So eine Hochzeit ist doch sehr nervenaufreibend", hörte ich Charlie noch erklären und die Gesellschaft kichern, bevor ich die Tür hinter mir schloss. Ich atmete tief durch und wusste, was nun folgen würde und darauf freute ich mich schon.