Kapitel 5

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„Sei höflich zu allen, aber freundschaftlich mit wenigen; und diese wenigen sollen sich bewähren, ehe du ihnen Vertrauen schenkst.“ – George Washington


Als ich das nächste Mal meine Augen öffnete, fand ich mich in einem fremden Bett wieder. Hastig sah ich unter die Decke und atmete erleichtert auf, da ich noch meine Unterwäsche an hatte. Danach blickte ich mich im Raum um. Er wirkte sehr steril, kaum persönliche Sachen und alles war in schwarz-weiß gehalten. Wenigstens gingen die Fenster von der Decke bis zum Boden und das Zimmer wurde mit Sonnenlicht durchflutet. Gähnend streckte ich mich und fragte mich gleichzeitig, ob Edward mich hierher gebracht hatte. Unsere Konversation im Auto war ungezwungen, teilweise musste ich sogar über seine Antworten schmunzeln. Ich streckte mich ein letztes Mal und stand schließlich auf. Ein seidener schwarzer Morgenmantel lag auf einem Stuhl neben dem Fenster, den ich mir überzog. Denn in Unterwäsche wollte ich nicht unbedingt vor Edward treten, wobei er mich vermutlich schon so gesehen hatte. Auf eine gewisse Weise reizte es mich schon, wie er reagieren würde, wenn er mich nur in Dessous sah.
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch,  da ich nicht wusste, was mich nun erwarten würde, öffnete ich die Tür und trat auf einen ebenfalls hell erleuchteten Flur. Am Ende des Ganges fand ich eine Treppe, die wohl mehrere Geschosse miteinander verband. Das hier sah eindeutig nach einem Haus, anstatt einer Wohnung aus. Kopfschüttelnd ging ich die Treppe hinunter und fand mich in einem weitläufigen Wohnzimmer wieder. Das Zentrum des Raumes bildete eine riesige weiße Couchlandschaft. Edward schien es nicht so mit Farben zu haben. Meine Wohnung hingegen war mehr als farbenfroh und in verschiedene Themenbereiche gegliedert.
Plötzlich vernahm ich ein komisches Geräusch und folgte jenem. Als ich um die Ecke trat, sah ich Edward mit etwas hantieren.
„Was machst du da?“, fragte ich und bemerkte, dass er zusammenzuckte. Er drehte sich ruckartig um.
„Dir auch einen schönen guten Morgen, Isabella. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Deine Vorlesung beginnt in...“ Er stellte das Küchenutensil ab und sah auf seine Uhr. „Zwei Stunden. Du solltest etwas essen und dich danach fertig machen. Angela wird in einer halben Stunde hier sein um dir zu helfen.“ Er nahm einen Becher von der Arbeitsplatte, musterte mich flüchtig, was mich dazu brachte nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten. Schließlich verschwand er ohne ein weiteres Wort mit mir zu wechseln aus dem Raum. So ein arroganter Mann! Er war nicht auf meine Frage eingegangen. Das nannte ich eine funktionierende Kommunikation. Ich ging weiter in die Küche und sah, dass noch Kaffee da war. Schnell durchsuchte ich alle Schränke nach einer Tasse und wurde schließlich fündig. Seufzend nahm ich den ersten Schluck und fühlte mich sogleich wie im Himmel. Mit dem warmen Getränk setzte ich mich an die kleine Küchentheke und begann ein paar Weintrauben zu essen. Das Haus war schön eingerichtet – jedenfalls das, was ich bisher sehen konnte - und mir war es möglich durch die Fensterfront hinaus in den mit Bäumen bepflanzen Garten blicken. Ich ließ meine Gedanken schweifen und spielte mit dem Verlobungsring an meiner Hand. Der gestrige Abend wiederholte sich in meinem Kopf und ich analysierte jede Szene.

Würde ich jemanden meine Geschichte erzählen oder nur über die gestrige Konversation reden, käme bestimmt die Frage auf, weshalb ich zugestimmt hatte. Edward überrumpelte mich einfach und zwang mich regelrecht, mit seiner dominanten Art zu der Antwort.
Eine Machtlosigkeit hatte mich paralysiert, und ich musste mir das erste Mal in meinem Leben eingestehen, dass ich gegen jemanden keine Chance hatte. Bei Charlie war das nie der Fall gewesen, da konnte ich immer kontern, doch Edward war ein anderer Fall.
Aber mit der Verlobung und seinem Drängen, das davon zeugte, dass er mich unbedingt brauchte, konnte ich einige meiner Wünsche fordern. Ich würde die Sache zu meinem Vorteil nutzen, nichts anderes war es bei meinem Vater gewesen. So gut ich könnte, würde ich Edward unterstützen und vielleicht die First Lady werden. Wer sagte, dass ich das nicht auch zu meinen Gunsten wenden konnte? Schließlich ließen wir uns später - seinem Reden nach - scheiden und meine Chancen für eine Kandidatur jedes Amtes stiegen damit exponentiell, schließlich war ich dann die Ex- First Lady. Zumal könnte ich mich für viele Sachen, wie zum Beispiel erschwingliche und gesunde Nahrungsmittel einsetzen. Das jedoch würde ich nur schaffen, wenn Edward Präsident wäre. Mit Sicherheit wird mir Edward nicht vorschreiben können, mit wem ich befreundet sein darf, und mit wem nicht, schließlich war das meine eigene Entscheidung und für diese kämpfte ich mit allen Mitteln. Ich würde für alles kämpfen und Edward immer meine Meinung sagen, denn den Mund konnte er mir nicht verbieten, das war schon so oft in meinem Leben passiert. Auf unsere Diskussionen freute ich mich schon. Doch jetzt sollte ich die brave Verlobte spielen und alles tun, damit er gewann, denn das lag nun in unser beider Interesse.
Ich trank den Kaffee aus und huschte zurück in das Schlafzimmer. Dort entdeckte ich zum ersten Mal die beiden Türen. Zielstrebig ging ich auf die rechte der beiden zu und fand sogleich das Bad. Wie konnte es anders sein, war es ebenfalls in schwarz-weiß gehalten. Der Boden bestand aus schwarzem und die Wände aus weißem Marmor. Zu meiner Rechten gab es eine große Dusche, die mit Glas verkleidet war. In ihr hätten sicherlich vier Personen Platz, ohne sich zu stoßen. Die große Badewanne war von dem schwarzen Gestein umgeben, und gegenüber davon gab es zwei Waschbecken und einen großen Spiegel. Ich zog mich aus und stellte mich unter die Dusche.

Als ich mit einem Handtuch bekleidet aus dem Zimmer kam, saß eine Frau im schwarzen Bleistiftrock und Blazer auf dem Sessel, auf dem mein Morgenmantel gelegen hatte, und tippte auf ihrem BlackBerry herum. Auf der Nase saß eine schwarze eckige Brille und das braune Haar hatte sie zu einem Dutt gesteckt. Sie sah zu mir auf und lächelte zaghaft. Mit ihren braunen Augen musterte sie mich flüchtig, stand dann auf und trat zu mir. Als sie vor mir stand, hielt sie mir ihre Hand entgegen und sagte: „Angela Weber. Ihre persönliche Assistentin. Sollten Sie irgendwelche Wünsche haben, dann äußern Sie bitte jene.“ Zögernd nahm ich ihre Hand und schüttelte sie.
„Isabella Swan. Sie können mich aber gern Bella nennen.“ Ihr Lächeln wurde breiter und sie nickte mir zu.
„Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Bella. Nun, was halten Sie davon, wenn wir Ihnen etwas zum Anziehen aussuchen? Wir haben nämlich nur noch eine Dreiviertelstunde bis Sie abgeholt werden. Bis dahin müssen wir beide noch einiges erledigen.“ Seufzend ging ich hinter ihr durch die andere Tür im Raum, welcher sich als begehbarer Kleiderschrank erwies. Geschockt von der Unmenge an Garderobe sah ich mich um. Es war alles hier, angefangen bei Hosen, Jeans bis über Kleider hin zu Accessoires und Handtaschen. Ich war nie ein wirklicher Fan teurer Sachen gewesen, aber das hier brachte meine Welt zum Wanken. Nachdem ich mich einmal im Kreis gedreht hatte, ließ ich mich auf einen der beiden Sessel in der Mitte nieder und starrte Angela fassungslos an. Diese betrachte mich sichtlich amüsiert.
„Was tragen Sie am liebsten?“ Verblüfft hob ich eine Augenbraue.
„Jeans und etwas Sportliches. Ich hasse Röcke und alles was eng ist.“ Sie nickte und begab sich auf die Suche. Hatte sie mich jetzt ernsthaft nach meinen Kleidungsvorlieben gefragt? Durfte ich endlich das anziehen was ich wollte?
„Irgendwelche bevorzugen Farben?“, erkundigte sie sich und hielt zwei Blusen in der Hand, welche sie mir auch zeigte. Die eine war weiß und die andere ockerfarben, noch dazu glänzte sie.
„Nicht wirklich, aber die weiße ist besser.“ Die Brünette nickte und legte sie sorgfältig über den anderen Sessel. Danach entnahm sie einer weißen Schublade Unterwäsche.

Nach einigen Minuten und Rücksprache, ob mir jedes Teil gefiel, hatte ich meine Sachen zusammen und Angela verließ den Raum. Seufzend stand ich auf und zog mich langsam an. Wenn das jeden Tag so lief, würde ich mit Sicherheit durchdrehen. Es war angenehm, immer wieder gefragt zu werden, ob ich mit allem einverstanden war, aber ich kam mir dadurch wie ein Kleinkind vor, dem alles gerichtet werden musste. Hätte ich von ihr verlangt, meine Speisen in mundgerechte Stücke zu zerteilen, wäre sie augenblicklich losgerannt, um das passende Messer zu suchen. Schnaubend schloss ich den Knopf der Jeans und schob die Bluse hinein. Dann folgten der Gürtel und der braun-grau-schwarz karierte Blazer. Einen Blick über die Schulter in den Spiegel werfend, überprüfte ich, ob alles richtig saß. Angela war mit meinem Auftreten zufrieden, als ich aus dem Zimmer kam. Auf dem kleinen Schminktisch in dem Raum lagen schon alle möglichen Kosmetika bereit. Ich sah mich schon mit Tonnen an Make-up im Gesicht. Nach ihrer Aufforderung ließ ich mich auf dem kleinen Hocker nieder und schloss einfach die Augen, um die Prozedur schnell über mich ergehen zu lassen.
„Fertig!“, verkündete sie kurze Zeit später, und ich war sichtlich überrascht, dass es erstens nicht so lange gedauert hatte und zweitens, weil es natürlich aussah. Angela verstand wirklich etwas von ihrem Fach.
„Miss Swan, wir müssen jetzt langsam los, außer Sie wollen Ihre Vorlesung verpassen?“ Irritiert sah ich sie an und musste anhand meiner Armbanduhr feststellen, dass ich nur noch eine halbe Stunde hatte, bis der Vortrag begann und das war eine Pflichtveranstaltung. Nickend stand ich auf, doch der Gedanke an meine Unterlagen, die ich dazu benötigen würde, machte mich stutzig.
„Mein Laptop -“, begann ich, wurde jedoch jäh von der Brünetten unterbrochen.
„Alles schon im Wagen. Ihr Vater hat uns Ihren Wohnungsschlüssel zukommen lassen, sodass ich alles Notwendige beschaffen konnte.“
Das verwunderte mich keineswegs und ich tat es mit einem Lächeln ab. Die Augen verdrehend marschierte ich hinunter in das Erdgeschoss und Angela dackelte mir wie ein Wachhund hinterher. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.
„Angela, ich werde nach der Vorlesung ein Auto brauchen, da ich noch einige Besorgungen machen muss, wenn das möglich wäre.“ Verwirrt sah sie mich an und nickte schließlich perplex.
„Ich muss aber davor Mr. Cullen Bescheid sagen, dass... “ Dieses Mal unterbrach ich sie, da ich schon eine Idee hatte, wie ich das gestrige Erlebnis Edward heimzahlen konnte. Ein paar Gerüchte würden seiner Kandidatur schon nicht schaden, überhaupt, wenn diese mich betrafen.
„Nein, nein, nein! Mein Verlobter soll bitte davon nichts erfahren, schließlich soll es eine Überraschung werden.“ Sehr böse, wenn alles so aufging, wie ich es im Bad geplant hatte.
„Mir wäre es aber lieber, wenn ich Sie begleiten könnte, dann müsste ich es auch nicht an den Senator melden.“ Langsam reichte es mir und mein Ton veränderte sich schlagartig.
„Sehen Sie, Angela, ich weiß, dass Sie für Edward arbeiten, aber Sie wollen ihm und mir doch nicht den Spaß verderben, oder? Deshalb bitte ich Sie um diesen Gefallen und dass Sie ihm gegenüber nichts erwähnen werden.“ Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und musterte mich eingehend.
„Nun gut, aber machen Sie bitte keine Dummheiten.“ Strahlend lächelte ich sie an, öffnete die Haustür und schlenderte fröhlich zu dem wartenden Auto.

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Als das Auto vor dem Gebäude für Politikwissenschaften am Campus von Harvard hielt, wurde es sofort von Paparazzi umzingelt. Das konnte nun etwas werden!
„Miss Swan, ich rate Ihnen, auf keine Fragen der Reporter zu antworten“, sagte plötzlich Angela, die während der gesamten Fahrt über in ihr Handy vertieft gewesen war.
„Dessen war ich mir schon vorher bewusst, aber trotzdem vielen Dank für Ihren Rat.“ Einmal tief durchatmend öffnete ich die Tür und stieg aus. Wie am gestrigen Abend ging sofort das Blitzlichtgewitter los, und ich musste mich durch die Masse kämpfen. Die Fragen ignorierend eilte ich zu den rettenden Toren des Hauses und war froh, endlich meine neuen ‚Feinde’ los zu sein.
„Bells!“, rief eine tiefe Stimme und ich wandte meinen Kopf in die Richtung, aus der sie kam. Am Treppenende erblickte ich Ethan. Groß, blond und durchtrainiert, wie eh und je stand er dort, wie ein Gott. Kein Wunder, dass fast alle Frauen Harvards darauf erpicht waren, ein Date mit ihm zu haben, wenn nicht sogar eine Beziehung mit ihm zu beginnen. Doch all die Jahre hatte er sich dagegen geweigert, da er meinte, dass er sich zuerst auf die Uni konzentrieren wolle und da lenke eine Freundin nur ab. Ethan kam auf mich zu geschlendert und nahm mir meinen Laptop ab.
„Darf ich dir also zu der Verlobung gratulieren?“ Oh, oh, jetzt musste ich mein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen, denn niemand konnte so gut Menschen durchschauen wie er. Mein überzeugendstes Lächeln auflegend antwortete ich ihm.
„Sicherlich darfst du das, ich freue mich sehr darüber.“
„Senator Cullen also, wie hast du denn das geschafft? Die Frauen müssen doch bei dem Schlange stehen, nach allem, was man so liest.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und ging die Stufen hinauf. Wenn er die Antwort wollte, musste er mir folgen. Kaum hatte ich den ersten Stock erreicht, versperrte er mir den Weg.
„Das ist ganz einfach, wir sind uns regelmäßig auf Veranstaltungen begegnet, sodass wir uns einmal länger unterhalten konnten und damals hat es dann zwischen uns geknistert. Wir haben öfters telefoniert, bis wir zu der Auffassung gelangten, dass wir ohne einander nicht können und haben eine Beziehung begonnen. Die vorzeitige Veröffentlichung unserer Verlobung war so nicht geplant gewesen.“
Ungläubig sah er mich an und ich marschierte weiter zu dem Saal.
„Das ist doch … toll. Bella, hast du dir eigentlich schon überlegt, ob wir nicht einmal zusammen für die Prüfung lernen? Das würde sicher schneller und besser von der Hand gehen.“ Stimmt, vor einer Woche hatte er etwas in die Richtung erwähnt. Nun ja, weshalb nicht? Dann könnte ich es Edward heute gleich zweimal heimzahlen.
„Wie wäre es mit heute Abend? Ich schick dir die Adresse per SMS und du kommst einfach vorbei. Sofia, Lily und Mia werde ich es auch noch mitteilen. Vielleicht kann uns Edward dann etwas weiterhelfen.“ Ich nahm ihm meinen Laptop ab und eilte in den Saal zu meinen Kommilitoninnen. Wir vier Frauen waren die Einzigen dieses Jahrganges, was noch nie vorgekommen war, aber für alles gab es ein erstes Mal. Diese waren Feuer und Flamme für meinen Ring und die Verlobung und tuschelten die ganze Vorlesung darüber. Vermutlich planten sie schon mein Hochzeitskleid. Meine gesamte Aufmerksamkeit hatte aber unser Dozent, der gerade Hinweise für die Prüfungen gab. Diese notierte ich mir sorgfältig.

„Was würdet ihr drei davon halten, wenn wir heute Abend eine Lerngruppe bei mir machen? Und wisst ihr, was ich schon seit langem vermisse: unsere Pyjamaparties.“ Wir vier begannen aufgrund der Erinnerungen zu kichern.
„Ja klar. Aber ‚bei dir’ ist jetzt nicht mehr in deiner Wohnung. Ich meine, nachdem du und Edward jetzt verlobt seid, werdet ihr wohl zusammenwohnen. Jedenfalls habe ich das in ein paar Blogs gelesen“, meinte Mia neugierig, eine rothaarige Schönheit mit grünen Augen. Sie war unter uns so etwas wie ein Gossip Girl. Immer gut unterrichtet, was den neuesten Tratsch und Klatsch über Promis und welche die es gerne wären betraf. Lily war die ruhige und schüchternste. Auf ihr pechschwarzes Haar mit Korkenzieherlocken und den stechend blauen Augen war ich mehr als eifersüchtig. Sofia war der kleine ‚Nerd’ in der Runde mit ihren runden Brillengläser, dem üblichen Zopf und den ausgelatschten Converses. Anfangs hatten wir uns nicht vertragen, aber im Laufe der Semester waren wir immer mehr zusammengewachsen und unternahmen viel, wenn ich in Boston war. Neben Alice und Rose waren sie meine treuesten Freunde – Ethan konnte ich weitestgehend auch dazuzählen.
„Wir wohnen jetzt gemeinsam in einem Familienanwesen, und die Blogs liegen da schon richtig, aber mehr dazu heute Abend. Ich muss mich jetzt nämlich leider verabschieden, da ich noch ein paar Besorgungen erledigen muss.“

Vor dem Fakultätsgebäude erwarteten mich wieder die Reporter. Gab es keinen Prominenten bei dem sie mehr Geld verdienen konnten? Keine Partyexzesse? Keine Drogen? Wo war das alte Hollywood, wenn man es einmal brauchte? Beim Hinuntersteigen der Treppe, hatte ich durch die großen Fenster Angela auf der anderen Seite der Straße ausmachen können. Aus diesem Grund marschierte ich durch die Paparazzimenge und blieb vor ihr stehen. Die Brünette drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und stieg sogleich auf der anderen Seite ein. Verwundert zog ich eine Augenbraue in die Höhe, doch ich tat es ihr gleich.
„Ich würde Sie nur bitten, mich vor dem Anwesen abzusetzen, da ich Ihnen gerade mein Privatauto borge und es für mich keine andere Möglichkeit gibt, wieder zurückzufahren. Edward ist beschäftigt, daher wird ihm diese Aktion verborgen bleiben. Er hasst nichts mehr, als wenn etwas nicht nach seiner Nase läuft, oder etwas Unerwartetes passiert.“ Das war mir aber schon bekannt. Und es war das erste Mal, dass sie Edward sagte und nicht Mister Cullen.
„Vielen Dank, Angela, ich weiß das zu schätzen und freue mich, dass Sie mir in diesen Belangen vertrauen.“ Danach war unsere Konversation beendet. Meine Laptoptasche nahm sie mit und übergab mir schließlich noch eine schwarze AmEx. Weshalb besaß sie so eine? Ein Blick auf den Eigentümer dieser Kreditkarte und mir war klar, dass sie meinem Verlobten gehörte. Langsam musste ich mich an dieses Wort angewöhnen und ein paar peinliche Spitznamen überlegen. Aber das hatte noch Zeit. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass mir die Paparazzi gefolgt waren, damit mein Plan aufging.

In gemächlichem Tempo fuhr ich zu dem nächsten Supermarkt und vergewisserte mich, dass auch wirklich Fotografen da waren. Wenn nicht, hätte ich gewartet oder irgendwie die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Edward würde mir den Kopf abreißen für die geplante Aktion, aber das war es mir wert, schließlich war ich keine Frau, die sprang, wenn er „Hopp!“ sagte. Das konnte er sich aus dem Kopf schlagen. Ich schlenderte in den Supermarkt und beobachtete verstohlen meine Umgebung. Wie vermutet waren schon Reporter da. Als die Schiebetür des Supermarktes hinter mir zuging, nahm ich einen kleinen Einkaufskorb und eilte in die Reihe für alle Mittel, die mit Frau, Schwangerschaft und Baby zu tun hatte. Als ich vor dem Regal mit den Schwangerschaftstests stehen blieb, kam sofort ein übereifriger Verkäufer zu mir. Sein Gesicht war mit Akne übersät und sobald er sprach, bemerkte ich, dass der Teenager eine Zahnspange trug.
„Miss, kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“ Er befand sich eindeutig im Stimmbruch, denn es klang, als hätte er vor einer Minute einen Maschendrahtzaun gegessen.
„Wissen Sie, ich brauche einen Schwangerschaftstest. Einen der zuverlässig ist und so genau wie möglich das Ergebnis anzeigt.“ Verstehend und als ob er eine Ahnung von den Dingen hätte, erklärte er mir alle Pro und Contra der einzelnen Tests. Ich stand bereits geschlagene zehn Minuten mit dem Jugendlichen davor und erste zwei von rund fünfzehn verschiedenen Modellen waren besprochen.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe, aber ich werde von jedem Produkt einfach eines nehmen. Sicher ist sicher.“ Ihm zuzwinkernd, warf ich eine Packung nach der anderen in den Korb und ging eiligen Schrittes zur Kasse. Die Kassiererin machte große Augen, als sie die Anzahl der Tests sah, verlor aber kein Wort. Während ich auf meiner AmEx wartete, entdeckte ich eine Zeitschrift mit Edward und mir auf dem Titelblatt. Die Überschrift lautete: „Die neue First Lady?“
Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und nahm die Kreditkarte entgegen. Die Frau warf einen kurzen Blick auf das Bild und dann wieder zu mir und nochmals hin. Das Ganze ging einige Male so, bis sie mich stotternd nach einem Autogramm fragte. Weshalb denn nicht? Damit machte ich mir Freunde, und das wäre wieder gut für die Wahl, was bedeutete, dass ich meine kleinen Pläne durchsetzen konnte. Lächelnd unterschrieb ich auf einem Stück Papier und eilte dann samt Schwangerschaftstests aus dem Markt.
Nun würde ich mein schauspielerisches Talent benötigen. Nervös blickte ich mich um und ließ ganz unabsichtlich die Tüte fallen, sodass die Verpackungen hinausfielen. Als ich diese wieder einpackte, sah ich flüchtig in eine Kamera und tat so, als wäre mir das wirklich peinlich. Mit zittrigen Händen lief ich schließlich zum Auto und fuhr – nicht wie im Schneckentempo wie zuvor – los.

Als ich vor dem Familienanwesen wieder stehen blieb, begann ich schallend zu lachen. Das würde morgen interessante Artikel in der Presse geben und ich sah schon einen tobenden Edward vor mir. Mit hochrotem Gesicht, mich ankeifend und ich saß nur da und lachte mir ins Fäustchen. Dieser Plan sollte dazu dienen, dass er endlich begriff, dass ich mich wehren kann und es auch tun werde, wenn es nötig ist. Denn so behandelt man keine Frau, schon gar nicht eine Swan! Lachend stieg ich mit der Tüte in der Hand aus. Mein erstes Ziel war die Küche, damit ich die Dinger entsorgen konnte, schließlich brauchte ich sie nicht.
„Sie sind schon wieder zurück?“ Ich schreckte zusammen, als ich Angelas Stimme hinter mir vernahm.
„Tun Sie das bitte nie wieder!“, sagte ich, als ich mich zu ihr umwandte. Meine linke Hand ruhte auf meinem Brustkorb. Angela starrte ehrfürchtig den Ring an.
„Wollen Sie ihn mal sehen?“ Zögerlich nickte sie und trat langsam näher. Ich hielt ihr meine Finger entgegen und sie fuhr sanft über das Schmuckstück. Ihre Augen hatten dieses besondere Glitzern, wenn Frauen über Verlobung, Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt oder Kinder redeten. Bei ihr war es sehr ausgeprägt. Anscheinend war sie eine hoffnungslose Romantikerin, was ich sehr niedlich fand.
„Der ist wunderschön und alt! Vermutlich ein Familienerbstück. Wussten Sie, dass Mister Cullens Vater – Carlisle Cullen – seiner Frau Esme zur Hochzeit eine eigene Insel geschenkt hat? Außerdem trägt sie den Ehering von Senator Cullens Urgroßmutter. In dieser Familie scheint dies eine Art Tradition zu sein. So romantisch. Wissen Sie schon, wann Sie beide heiraten wollen? Der Senator hat nur wenige freie Tage. Aufgrund seiner Kampagnen werden Sie auch nur kurze Flitterwochen verbringen können. Außerdem sollten Sie langsam die Verlobungsanzeige mit einem hübschen Foto publik machen. Das würde den Wählern sicherlich gefallen.“ Als die Brünette das Wort „heiraten“ erwähnte, war es für mich, als würde eine Abrissbirne mit dem größtmöglichen Schwung auf mich zukommen. Perplex starrte ich sie an. Ich hatte nie gedacht, dass er mich vor den Wahlen noch heiraten wollen würde. Damit hätte ich aber rechnen müssen, schließlich würde das positive Presse bringen. Nun gut, dann musste ich mich eben jetzt damit auseinandersetzen.
„Nein, das wissen wir noch nicht, und die Verlobungsangelegenheiten müssen wir auch erst klären. Ich weiß nicht, wie ich das allein schaffen soll, überhaupt habe ich in zwei Wochen meine letzten Prüfungen, für die ich lernen muss.“
„Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen dabei, schließlich ist das auch mein Job!“ Freudestrahlend sah mich Angela an. Wenn ich jetzt einwilligte, wäre sie vermutlich der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich lächelte.
„Über Ihre Hilfe würde ich mich sehr freuen, da mir dadurch eine gewisse Last von den Schultern genommen wird. Falls es Ihnen recht ist, können wir uns jetzt gleich zusammensetzen. Jedoch werden gegen Abend Kommilitonen zum Lernen hierher kommen.“ Die Brünette strahlte über das ganze Gesicht.
„Wie wäre es, wenn Sie sich etwas Bequemeres anziehen und ich hole ein paar Magazine vom Poolhaus?“

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„Bella“, begrüßten mich Ethan, Sofia, Lily und Mia unisono, als ich ihnen die Eingangstür öffnete. Sofort wurde ich von meinem besten Freund hoch angehoben und in den nächsten Raum – das Wohnzimmer – getragen, dort drehte er mich wild herum, sodass ich wie am Spieß schrie. Sobald er mit dem Karussell aufgehört hatte, ließ er mich wieder zu Boden und ich versuchte, ohne seine Stütze zu stehen. Mein Versuch endete damit, dass ich lachend am Boden lag und sich meine Freunde zu mir gesellten. Plötzlich vernahm ich ein Räuspern und ich sah mich suchend um. Am Treppenansatz stand Edward an die Wand gelehnt. Arrogant wie eh und je sah er zu uns und schüttelte den Kopf. Widerwillig stand ich auf und tänzelte zu ihm. Jetzt musste ich wohl oder übel meine Freunde von meiner neuen Liebe überzeugen. Kurz bevor ich ihn erreichte, bemerkte ich seinen Blick, mit dem er zu meinen Freunden sah. Flüchtig spähte ich zu ihnen und merkte, wem jener gegolten hatte und zwar Ethan.
War er etwa eifersüchtig? Das musste ich mir eindeutig merken. Sobald ich vor ihm stand, zog mich Edward an sich und küsste mich sanft. Obwohl ich mich damit angebiederte, musste ich wohl oder übel das Spiel mitspielen. Sonst wären wir aufgeflogen. Ich war froh, als wir uns endlich voneinander gelöst hatten. Meine Freude wurde jedoch jäh durch Edwards flüsternde Worte getrübt.
„Vielen Dank, dass du mir Bescheid gegeben hast, dass deine Freunde hierher kommen. Da dies nun der Fall ist, werde ich euch heute mit all meinem Wissen zur Seite stehen und keinen Millimeter von dir weichen, denn schließlich macht das auch ein verliebtes Paar. Und die Rechnung dafür wirst du bekommen, nachdem sie gegangen sind!“ Trotz seines warmen Atems an meinem Hals und dem zärtlich gesetzten Kuss, rann mir ein Schauer über den Rücken und ich musste mich zusammennehmen, um nicht einen Schreikrampf zu bekommen. Dieser Mann war mehr als nur mein Albtraum, er war mein persönlicher Teufel, dem ich nicht entfliehen konnte. Aber ich musste mich gegen ihn wehren.

„Dann darf ich euch meinen Verlobten Edward vorstellen. Edward, das sind Ethan, Sofia, Lily und Mia – Kommilitonen von mir und gute Freunde. Wisst ihr, er würde uns gerne helfen, aber da ist mir eingefallen, dass wir es zuerst allein versuchen sollten. Und wenn wir nicht mehr weiterkommen, doch Edward um Hilfe bitten könnten. Das würde um einiges mehr bringen, als dauernd die Antworten vorgesagt zu bekommen. Außerdem hat mein Verlobter bestimmt Wichtigeres zu tun, als uns bei den Prüfungsvorbereitungen zu helfen. Ich erwähne nur die neueste Kampagne gegen die drohende Ölpest und den Wahlkampf. Also, Schatz, hilf den Bürgern weiter, zumal ich noch mit meinen Freunden über die Hochzeit und das Kleid reden muss.“
Die neuen Informationen bezüglich der Ölpest und der Kampagne hatte ich heute von Angela erfahren, als wir mit der Planung begannen. Das Hochzeitsdatum hatten wir schon fixiert, und jenes musste Edward nur noch absegnen. Als ich Angela gesagt hatte, dass mir der 20. Juni am besten gefiele, hatten ihre Augen den Höchststand des Glitzerns gewonnen. Ich war mir nicht bewusst, welcher Tag das war, bis sie es mir erzählte. Edwards Geburtstag. Nun ja, zu seiner arroganten und selbstverliebten Art würde der Tag doch wunderbar passen! Außerdem würde es unsere Liebe zueinander doch noch mehr widerspiegeln, wenn man an dem Geburtstag des Partners heiratet. Zumal konnte er diesen dann auch nicht vergessen, weder Hochzeits-, noch Geburtstag. Angela war so sehr von der Wahl des Tages begeistert, dass sie mir auch gleich Hochzeitskleider vorgeschlagen hatte. Die Erinnerung des Nachmittags schlug ich mir schnell wieder aus dem Kopf, da mich eine gewisse Freude überkam.

Plötzlich verstärkte sich Edwards Griff um meine Taille.
„Würdet ihr Isabella und mich kurz entschuldigen? Ich möchte nur ein paar Minuten alleine mit ihr haben, bevor ich wieder an meine Arbeit begebe. Ich bekomme sie leider nur viel zu selten zu Gesicht.“ Als ich zu meinen Freundinnen sah, bemerkte ich, dass diese begeistert nickten und Edward gleichzeitig verträumt ansahen.
Was war bitte an diesem Mann so besonders? Ich verstand es einfach nicht. Ethan hingegen war – nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen - nicht wirklich zufrieden mit der Wende des Abends. Nachdem ich ihm aufbauend zugelächelt hatte, wandte ich mich zu Edward und Händchen haltend stiegen wir die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Hier war ich noch nicht gewesen. Er geleitete mich in einen – wie für das ganze Haus üblichen – hellen Raum, der scheinbar sein Büro war. Als er der Tür schloss, fiel seine Maske und er sah mich wütend an. Dies würde nun ein verheißungsvoller Abend werden!