Kapitel 2

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„Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“ – Otto von Bismarck

Ich schlug die Augen auf und griff wütend nach meinem Handy. Welcher Idiot wagte es mich jetzt  anzurufen? Meine innere Uhr sagte mir, dass ich noch schlafen könnte. Deshalb tastete ich widerwillig nach meinem Black Berry, das auf dem Nachtkästchen liegen sollte. Bloß, wo war dieses Drecksding? Wütend sah ich mich um und fand es auf dem Tisch, der am anderen Ende des Zimmers stand. Der Anrufer würde an der ersten Stelle meiner Abschussliste stehen, wenn es nichts Dringendes war. Mich weckte man nicht einfach so. Die paar Stunden Schlaf, die ich bekam, genoss ich in vollen Zügen und es gab nichts Verboteneres, als mich dabei zu stören. Ich stand auf und schnappte mir das Handy.
„Senator Cullen“, sagte ich barsch, und setzte mich auf den Sessel. Ich kreiste den Kopf, wie ich es jeden Morgen tat und fuhr mir danach durchs Haar.
„Es tut mir außerordentlich leid, dich in aller Herrgottsfrühe zu stören, aber ich dachte, du willst wissen, dass Isabella geflüchtet ist.“ Die Stimme gehörte unverkennbar zu Charlie Swan.
Wieso hatte ich so etwas geahnt? Mit Isabella in meinem Leben würde jenes um einiges komplizierter werden, als es schon war. Seufzend massierte ich mir die Nasenwurzel und stützte meine Ellbogen auf die Knie.
„Danke für deine Mitteilung. Wenn es dir recht ist, werde ich in zirka zwei Stunden bei dir und Renée sein, damit wir alles weitere besprechen können.“ Nach seiner bejahenden Antwort, beendete ich das Gespräch ohne jegliche Verabschiedung und stand auf. Isabella war doch nicht etwa so naiv und dumm zu glauben, dass sie fliehen könne. Ich würde sie finden, auch wenn ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen musste. Das würde ihr eine Lehre sein. Niemand – schon gar nicht so eine Frau - entzog sich mir.

Kopfschüttelnd streckte ich mich ausgiebig. Wie ich solche Hotelbetten hasste. Als ich meine Arme vor dem Körper kreuzte, knackte es in meinem Rücken und ich spürte jede einzelne Verspannung. Deshalb ging ich ins Bad und drehte die Regler der Dusche auf heiß, um meine Muskeln zu lockern. Was sollte ich bloß mit Isabella machen? Weshalb hatte ich mich überhaupt zu dieser Idee von Tanya überreden lassen? Ich erkannte Isabella überhaupt nicht mehr wieder und ihre Art am gestrigen Abend gab mir mehr als zu verstehen, dass sie von unserer Zweckgemeinschaft nicht gerade sehr angetan war. Eigentlich hatte ich mir eine andere Reaktion erwartet, erhofft. Viele meiner Affären hätten sich gerne an meiner Seite gesehen, aber auch nur um des Geldes und der Position Willen. Doch sie war anders und sie war keine meiner zahlreichen Verflossenen.
Ich duzte Charlie nicht aufgrund dessen, dass er mein Schwiegervater werden würde, sondern weil mein Vater mit ihm sehr gut befreundet war und ich viel in meiner Kindheit mit ihm zu tun hatte. Ich war zwar in San Francisco geboren worden, verbrachte jedoch die ersten Jahres meines Lebens in Chicago. Carlisle hatte dort einen Job als Oberarzt in der Neurochirurgie bekommen. In dieser Zeit war ich oft bei den Swans, da sie einen Sohn in meinem Alter hatten. Jeden Nachmittag nach der Schule waren wir entweder bei Alex oder bei meinen Eltern zu Hause. Charlie und Carlisle sowie Renée und Esme freundeten sich an und waren mit der Situation vollkommen glücklich. Als ich elf war, bekamen Alex‘ Eltern noch ein Kind namens Isabella.

Schnaubend trat ich aus der Dusche und spürte, wie sich mein Körper unter dem heißen Wasser entspannt hatte. Ich streckte mich, ging dann mit einem Handtuch bekleidet zu meinem Bett und ließ meinen Laptop starten.
Alex war stolz auf seine kleine Schwester gewesen. Zuerst hatte ich sie gehasst, schließlich war sie nun der Mittelpunkt von Alex und hatte ihn mir weggenommen. Nur selbst als Elfjähriger, der Mädchen verabscheute und ihnen die Pest an den Hals wünschte, verfiel ich ihr. Aus diesem Grund wollte ich sie noch mehr hassen, doch jedes Mal wenn sie mich mit ihren großen, braunen Augen ansah, wollte ich sie nur an mich reißen und fest an mich drücken.
Kopfschüttelnd, weil ich jetzt an die Zeit mit Bella dachte, öffnete ich mein Postfach, und schloss es im nächsten Augenblick. Keine neuen Mails. Das war wirklich ungewöhnlich. Normalerweise bombardierte mich Tanya regelrecht mit ihnen oder Angela – meine Sekretärin – meldete sich hin und wieder. Meine Gedanken schweiften von Bella und Alex weg zu einem wichtigeren Thema: die Präsidentschaftswahlen. Ich hatte in Iowa und den ersten paar Staaten die Vorwahlen gewonnen. Das war meist das Zeichen, dass man schließlich Präsident wurde, jedoch gingen in letzter Zeit meine Zahlen bei den Umfragen stark zurück, was an der negativen Presse lag. Wer wollte schon einen Präsidenten, der wild durch die Gegend vögelte? Ich war auch selbst daran schuld.

Ich öffnete im Browser die Seite, die für die Umfragen zuständig war und musste feststellen, dass innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden meine Stimmen um ein Viertel zurückgegangen waren und mein Hauptkonkurrent, Jacob Black, dafür zugelegt hatte. Wie konnte man nur diesen Idioten wählen? Hinter keiner seiner Versprechungen steckten umsetzbare Ziele. Er wollte, dass die Reichen gar keine Steuern mehr zahlten, dass man Förderungen für jedes Kind bekam, welches auf eine private Schule ging, sowie, dass es weniger Einschränkungen für den Waffenbesitz gab und härtere Strafen für Täter verhängt wurden, wenn nicht wieder die Todesstrafe in einigen Bundesstaaten. Bei der Vorstellung wurde mir mehr als schlecht. Die Bürger hatten Jahrzehnte für die Abschaffung gekämpft und nun wollte dieser Black sie wieder einführen. Ein Schauder rann mir über den Rücken.

Meine Ziele hatte ich bereits seit einem Jahr ausgearbeitet, und es war mir schon immer wichtig gewesen, dabei besonderes Augenmerk auf den Umweltschutz zu legen. Dass die USA damals das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet hatte, und somit nicht wirklich etwas dazu beitrug, den nationalen CO2-Ausstoß zu verringern, war mir mehr als ein Dorn im Auge. Ich hatte mir vorgenommen, vermehrt auf den Einsatz erneuerbarer Energien und alternativer Treibstoffe zu pochen. Es würde Förderungen für die staatlichen Schulen geben, so dass mehr Kinder einen besseren Unterricht erhalten konnten. Denn diese Kinder waren die Zukunft dieses Landes. Außerdem würde ich die Parkanlagen ausbauen und etliche neue Spielplätze errichten lassen. Dies alles war aber nur machbar, wenn ich einen höheren Steuersatz durchsetzte. Bei der derzeitigen Stimmverteilung im Kongress würde ich gnadenlos scheitern.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als das BlackBerry zum zweiten Mal an diesem Morgen läutete. Nachdem ich auf den Display Tanyas Namen gelesen hatte, meldete ich mich.
„Schwester, was kann ich für dich tun?“
„Heute schon so früh auf?“, kam prompt die Gegenfrage und ich musste ein erneutes Gähnen unterdrücken.
„Ja, es gab eine Entwicklung mit Bella, über die ich eben von Charlie unterrichtet wurde. Also, Tanya, was willst du von mir?“ Ich hörte auf der anderen Leitung ein Rascheln und fragte mich, was sie denn tat.
„Die neuen Umfragen sind da, und es sieht nicht gut für dich aus. Sollte Isabella nicht zustimmen, steckst du in wirklich großen Schwierigkeiten. Black zeigt sich mit wachsender Begeisterung mit seiner Frau und den Zwillingen. Dadurch sammelt er etliche Pluspunkte bei den Wählern. Wenn“, bevor sie weiterreden konnte, unterbrach ich sie barsch.
„Tanya, ich weiß das! Bevor ich aber mit Bella über alles reden kann, muss ich sie einmal finden, da sie von zu Hause abgehauen ist.“ Ich fuhr mir mit der freien Hand übers Gesicht und seufzte resigniert. Bella würde den Ausgang der Wahlen bestimmen, das hieß aber auch, dass sie den Wählern sympathisch sein musste. Würde das nicht der Fall sein, konnte ich mir das Amt des Präsidenten, auf das ich schon so lange hinarbeitete, aus dem Kopf schlagen.
„Dann setzt deinen Arsch in Bewegung und hol‘ sie! Ich setze mich gleich mit Charlie telefonisch in Verbindung und du überlegst dir, wie du sie dazu bringst, ja zu sagen. Und wehe, du benimmst dich wie das Arschloch, das du gegenüber allen Frauen privat bist.“ Gegen Ende hin keifte Tanya mich an und ich musste mein Lachen zurückhalten, denn als Arsch hatte ich mich schon verhalten, so wie immer. Ich würde weiterhin der Egoist bleiben, schließlich schien das zu funktionieren.
„Ist gut, Tanya. Wir sehen uns dann später.“ Damit würgte ich sie ab. Erleichtert, meine Schwester los zu sein, schnappte ich mir eine Jogginghose und ein Muskelshirt, um in den Fitnessraum zu gehen. Schließlich war es mir wichtig, viel Sport zu treiben, um bei bester Gesundheit zu bleiben.

~~~~*~~~~

Als ich verschwitzt mein Zimmer betrat, erwartete mich eine halbnackte Frau. Sie lag im Bett und drehte eine Strähne um ihren Finger.
„Edward, ich habe schon auf dich gewartet. Wo warst du bloß?“, fragte mich Victoria mit verrauchter Stimme und stand grazil auf. Auf ihren High Heels kam sie zu mir gestöckelt und legte ihre Hand auf mein nasses Shirt. Angewidert verzog sie das Gesicht, besann sich aber schnell wieder. Ich zog eine Augenbraue hoch und sah sie missbilligenden an. Danach schlug ich ihre Hand von meiner Brust.
„Zieh dich an, verschwinde von hier und geh‘ zu Black. Mit dem scheinst du lieber zu vögeln“, sagte ich barsch und ging ins Bad. Hinter mir donnerte ich die Tür zu. Ich hasste nichts mehr, als wenn man mich mit einem meiner ‚Feinde’ hinterging. Ich verlangte nicht von meinen Affären, dass sie nur mit mir schliefen, aber sie sollten verdammt noch mal nicht mit diesem scheiß Kerl von Black vögeln. Bei dem Gedanken kam mir die Galle hoch. Ein zweites Mal trat ich unter die Dusche, jedoch um mir dieses Mal den Schweiß vom Körper zu waschen. Kaum war ich aus dem Badezimmer, läutete mein Handy. Und am Rande bemerkte ich, dass Victoria gegangen war, was auch besser für sie war, denn ich wusste nicht ob ich mich hätte beherrschen können.

„Mr. Cullen, ich sollte Sie an Ihren Pressetermin erinnern“, kam meine Assistentin gleich zur Sache. Sie wusste, dass ich das Herumschleichen um ein Problem hasste.
„Vielen Dank, Angela, aber könnten Sie den bitte absagen? Ich habe etwas Wichtigeres vor.“
„Sicher, Sir. Brauchen Sie sonst noch etwas?“ Ich überlegte kurz. Charlie hatte doch erwähnt, dass Bella in Boston studierte. Sicherlich würde ich dorthin nun auch ziehen. Was für ein Bild würde es für die Presse geben, wenn ich mit meiner Verlobten nicht unter einem Dach lebte?
„Ja. Lassen Sie das Familienanwesen in Boston herrichten und fliegen Sie dorthin. Kaufen Sie alles, was eine Frau braucht: Unterwäsche, Röcke, Blusen und so weiter.“ Ohne Nachfragen bejahte sie und das Gespräch war damit beendet. Seufzend ließ ich mich in mein Bett fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ich überlegte, wie ich am besten an die Sache mit Isabella herangehen würde. Ich wusste, dass sie klug war – keine Frage – aber irgendein Fehler musste ihr unterlaufen, dafür war ihre Flucht nicht durchgeplant – jedenfalls vermutete ich dies. Dass ich den Fehler noch nicht kannte, reizte mich zwar, doch ich würde mich später damit auseinandersetzen. Erst einmal zählte, dass ich Emmett anrief und zu Charlie fuhr.
Keine fünf Minuten nach meinem Anruf, klopfte mein bester Freund an der Tür. Ich trug bereits meinen Anzug.

„Können wir los?“, fragte Emmett kaum, dass ich die Tür geöffnet hatte. Ich nickte, schloss hinter mir die Zimmertür und spürte kurz darauf mein BlackBerry erneut in meiner Hosentasche vibrieren. Jenes zog ich heraus und las die eingegangene E-Mail. Es war eine weitergeleitete Anfrage für ein Interview. Scheinbar schien Jasper – mein Wahlkampfleiter – dieses für wichtig zu halten. Für so etwas hatte ich aber jetzt überhaupt keinen Nerv. Schnell schob ich das Handy zurück in meine Hosentasche  und eilte mit Emmett zu meinem Hummer, welcher mit Biodiesel betrieben wurde. Ich fand es zwar immer noch eine Verschwendung, jedoch war es laut Emmett das sicherste Auto. Wir fuhren mit dem Lift in die Tiefgarage, denn vor dem Hotel wollte ich mit Sicherheit nicht einsteigen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wurde dies von etlichen Reporten belagert. Ich setzte mich auf die Rückbank und rief meine Schwester an, um ihr mitzuteilen, dass ich in der nächsten Viertelstunde bei Charlie ankommen würde.
„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, erkundigte sich Emmett und musterte mich im Rückspiegel an. Er war nicht umsonst mein bester Freund und Sicherheitschef. Emmett McCarty war im gleichen Zug wie ich beim Militär gewesen und von Anfang an waren wir beide uns sympathisch. Wir wurden während der Ausbildungsphase immer Zwillinge genannt, da wir uns gegenseitig ergänzten. Seitdem sind wir ein eingespieltes Team und ist auch heute noch so.
„Isabella ist von zu Hause weggelaufen und jetzt müssen wir sie finden. Hast du eine brillante Idee, wie wir sie so schnell wie möglich ausfindig machen können?“ Ich sah, dass er sich ein Lachen verkneifen musste.

„Lass mich nur machen. Charlie und ich werden uns zusammensetzen, in der Zwischenzeit kannst du deine ‚Fanpost’ beantworten und deine Termine mit Tanya absprechen.“ Ich nickte und danach wandte ich meinen Blick aus dem Fenster. Die Gebäude zogen an uns vorbei, bis wir vor einem alten hohen Eisentor stehen blieben. Links und rechts vom Tor waren Kameras platziert. Anscheinend ein gut ausgeklügeltes Sicherheitssystem. Wenigstens etwas. Die Flügel öffneten sich, um uns Einlass zu gewähren. Wir fuhren bis zur Haustür vor, wo auch schon ein nervös zappelnder Charlie und eine aufgebrachte Renée standen. Sobald wir standen, stieg Emmett aus und öffnete die Autotür für mich. Isabellas Eltern begrüßten mich überschwänglich. Ich zog eine Augenbraue in die Höhe, da ich dieses Schauspiel nicht ausstehen konnte. Charlie ging es nicht um seine Tochter, sondern nur darum, seinen Machtbereich zu vergrößern. Bei mir war es nicht wirklich etwas anderes.
„Gehen wir doch hinein“, sagte mein Gegenüber und ließ mir den Vortritt durch die Tür. Charlie ging voraus ins Wohnzimmer, wo sich etliche Laptops und anderer technischer Schnickschnack türmten. Ich sah zu Emmett und bemerkte, wie seine Augen zu glänzen begannen. Er liebte diesen Scheiß einfach. Ich konnte dem nichts abgewinnen.
„Charlie, Emmett wird dir behilflich sein. Ich würde mir aber gerne dein Büro ausborgen, um mich meiner Arbeit zu widmen. Sie soll schließlich nicht auf der Strecke bleiben.“ Der Senator sah mich verdutzt an, nickte jedoch zustimmend.
„Wenn etwas ist, ruf mich einfach an“, sagte ich zu Emmett. Danach wandte ich mich um und marschierte in den Raum.

Gestern Abend hatte ich Isabella nach all den Jahren wiedergesehen. Sie war eine wunderschöne Frau geworden, daher verwunderte es mich einigermaßen, weshalb sie noch keinen Mann hatte. Nun würde sie mich heiraten, ob sie wollte oder nicht. Wenn es sein musste, würde ich ihr ein so verlockendes Angebot unterbreiten, dass sie nicht anders konnte, als einzuwilligen. Mit einem zufriedenen Lächeln trat ich in das Büro und ließ mich auf den weichen Lederstuhl sinken. Meine Gedanken schweiften zum gestrigen Abend. Isabella fand mich attraktiv, was eine natürliche Reaktion auf mich war. Bis jetzt hatte jede Frau so auf mich reagiert. Entweder lag es an meinem unwiderstehlichen Charme, an meinem Sexappeal oder doch an meiner Machtposition. Vielleicht auch eine Mischung aus allem.
Aber was interessierte es mich wirklich? Hauptsache war, dass ich gewählt wurde und in der Politik tätig sein konnte. Alles andere war mir egal. Für das Amt der Präsidenten wäre ich inzwischen auch über Leichen gegangen, auch wenn das nicht gut geheißen wurde. Isabellas widerwillige Art faszinierte mich und meine Instinkte wurden geweckt. Ich begehrte inzwischen keine Frau mehr, als sie, denn sie war die Erste, die sich meinem Bann entziehen konnte. Ich hoffte nur, dass diese Gier nach ihr, nach ein paar Mal Sex vorbei war, denn ein Leben mit nur einer Frau, passte mir so ganz und gar nicht.
Natürlich würde ich ihr das Gefühl geben, dass sie die einzige war und ihr das auch versichern, wobei das mit Sicherheit nicht machbar werden würde. Und nach Ende meiner Amtszeit würde ich mich auf der Stelle von ihr scheiden lassen, selbst wenn wir in der Zwischenzeit Kinder hatten. Um die sollte sie sich kümmern. Dafür würde sie auch ein großzügiges Honorar bekommen. Ich legte meine Gedanken über Isabella beiseite und wandte mich meiner Arbeit zu.

Keine zehn Minuten nachdem ich Tanya eine SMS geschrieben hatte, dass sie mir Fragen von meinen Wählern schicken sollte, hatte ich schon etliche in meinem Postfach. Also erledigte ich meine Arbeit und begann die Fragen Schritt für Schritt zu beantworten.


Sehr geehrter Senator Edward Cullen,


ich bin eine Wählerin, die derzeit nicht weiß, welche Partei die richtige für mich ist. Ich schicke Ihnen sowie dem Spitzenkandidaten der Republikaner, Jakob Black genau die gleichen Fragen und vergleiche Ihre Antworten. Demjenigen,  dessen Antworten in meine persönliche Richtung gehen, werde ich wählen.


Was haben Sie geplant, um den Kurs des Dollars zu konsolidieren?

Möchten Sie die Soldaten im Nahen Osten abziehen, oder sie weiterhin dort stationiert lassen?

Werden Sie Gesetze für die Verbesserung der Umwelt vorschlagen?

Möchten Sie die Todesstrafe in jedem Bundesstaat abschaffen?


Ich würde mich über Antworten freuen.


Mit freundlichen Grüßen

Elizabeth Smith



Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Tanya wusste, dass ich nichts lieber tat, als solche Mails zu beantworten. Denn Black machte das nie und ich sammelte dadurch einige Pluspunkte und konnte neue Wähler gewinnen.


Sehr geehrte Misses Smith,


ich freue mich, von Ihnen eine Mail erhalten zu haben. Denn der Kontakt mit meinen Wählern und Unterstützern liegt mir sehr am Herzen. Sicherlich werde ich auf Ihre Fragen Bezug nehmen und diese beantworten, sofern mir das möglich ist.


Den Dollar werde ich mit neuen Steuern und Investition versuchen zu stabilisieren, in wie weit dies möglich ist, weiß ich noch nicht, da die Konstellation im Kongress für die Umsetzung dieses Vorhabens sehr entscheidend ist. Ohne eine Mehrheit, wird das schwer möglich sein. Außerdem werde ich einen Sparplan erstellen und den Export von Gütern zu fördern und um das BIP zu erhöhen.  Ebenso werde ich im Tourismus ein paar Sanktionen erlassen, sodass mehr Urlauber in die USA kommen können. Die Visa werden teurer, um somit mehr Geld in die Staatskasse zu bekommen. Jedoch werde ich weiterhin alles in meiner Macht stehende tun um den Terrorismus zu bekämpfen, sodass die US-amerikanischen Bürger in Sicherheit leben können. Aufgrund dessen werden die Sicherheitskontrollen weiterhin verschärft bleiben und wir werden in Austausch von Daten mit Europa und der Europäischen Union zusammenarbeiten, sodass sich 9/11 nicht wiederholen kann.

Eine meiner ersten Amtshandlungen wird der langsame Abzug der US-Soldaten aus dem Nahen Osten sein. Zu lange sind sie schon von ihren Freunden und Familien getrennt und befinden sich in permanenter Lebensgefahr. Einen Teil möchte ich jedoch zur Sicherung des Landes vor Terror und Diktatur stationiert lassen, bis sich die Lage entschärft hat.

Außerdem werde ich versuchen, ein Emissionsgesetz zu verabschieden, sodass weniger CO2 ausgestoßen werden kann. Unter anderem werde ich auch den Gebrauch von Alternativtreibstoff fördern und Benzin sowie Diesel höher versteuern.

Ich war schon immer der Meinung, dass es andere Alternativen zur Bestrafung von Mördern gibt, als den Tod selbst. In meiner Amtszeit als Senator habe ich wiederholt Anträge zur Abschaffung eingereicht, welche jedoch stets mit einer nicht ausreichenden Stimmenanzahl abgelehnt wurden.
Daher ist mir das ein sehr großes Anliegen, welches ich mit allen Mitteln versuchen werde, endlich durchzusetzen.


Vielen Dank für Ihre Fragen. Selbstverständlich dürfen Sie sich jederzeit wieder an mich wenden. Ich würde mich freuen, Ihnen behilflich sein zu können.


Mit freundlichen Grüßen

Senator Edward Cullen




Ich wusste, dass  meine Antworten spartanisch ausgefallen waren, aber die ausführlicheren konnte sie auch im Parteiprogramm nachschlagen. Kopfschüttelnd stürzte ich mich wieder in die Arbeit.
Irgendwann trat eine Hausangestellte mit Essen ein, doch das interessierte mich wenig. Erst als das Handy meine Konzentration durchs Klingeln unterbrach, sah ich auf die Uhr und stellte fest, dass es schon sechs Uhr abends war. Ich meldete mich und Emmett erklärte mir die Lage, die folgendermaßen aussah: Isabella hatte mit ihrer Kreditkarte – welche glücklicherweise dauernd überwacht wurde – in einem Hotel in Buffalo eingecheckt. Charlie würde mir seinen Hubschrauber zur Verfügung stellen, damit ich sofort dorthin abreisen konnte. Emmett würde mich begleiten. Er hatte dort auch einige Freunde, die ihm bei meinem Schutz helfen könnten. In der Zwischenzeit blieb uns nur zu hoffen, dass sie nicht weiterfuhr.
Plötzlich kam mir eine Idee und ich rief Tanya an.
„Hallo Edward“, meldete sie sich prompt und im Hintergrund vernahm ich leise und sanfte Klaviermusik. Ich lauschte genauer und konnte Chopins Nocturne no. 20 heraushören. Meine Schwester vergötterte seine Musik. Ich war mehr der Bach-Liebhaber.
„Tanya, du meintest doch letztens, dass Tante Ava in den USA wäre und die Tage in Buffalo sein müsste, um ein paar alte Freunde zu besuchen.“ Ich hoffte inständig, dass sie noch in der Stadt war, denn dann könnte sie nach Isabella sehen.
„Ihr Flug sollte heute Nacht nach D.C. gehen, da sie dich besuchen möchte, warum?“ Erleichtert atmete ich aus und fuhr mir mit einer Hand durchs Haar.
„Könntest du sie bitte anrufen und ihr mitteilen, dass sie in das Hotel, zu dem du noch die Adresse bekommst, gehen und mit Isabella reden soll, damit ich sie abholen kann?“
„Edward, das ist jetzt aber unerhört! Wobei, vielleicht verbrüdern sich die beiden gegen dich.“ In Tanyas Stimme konnte ich die pure Vorfreude hören, denn sie wusste, dass neben meinen Eltern und ihr, Ava eine der wenigen Personen war, die mir wirklich wichtig war.

~~~~*~~~~

„Senator Cullen, wir treffen in drei Minuten am Landeplatz ein“, hörte ich die Stimme des Piloten über meine Kopfhörer, die nur dürftig die lauten Geräusche der Rotorblätter übertönte. Ich blickte aus dem kleinen Fensters des Helikopters. Oft war ich schon mit so einem Ding geflogen, doch noch nie hatte es mir dabei so den Magen umgedreht. Kurz nach dem Start hatte ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Durch die antrainierten Atemübungen ging es Gott sei Dank wieder. Unter uns befand sich die Stadt Buffalo und die ersten Lichter der Skyline konnte man schon ausmachen. Gerade ging die Sonne unter und Ava hatte mir vor knapp zehn Minuten geschrieben, dass sie Isabella als eine sehr höfliche und nette Frau kennen gelernt hatte und dass ich ihr, sobald ich im Hotel war, doch Bescheid geben solle, denn ihr Flug gehe demnächst.
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar und seufzte laut auf. Emmett wandte den Kopf zu mir und sah mich verwirrt an. Ich winkte ab.
Ich spürte den Aufprall auf dem Beton, auch wenn der Pilot sich Mühe gab. Schnell bedankte ich mich und eilte mit Emmett an meiner Seite zu dem wartenden Hummer.
„Biodiesel betrieben. Keine Sorge!“, rief mir Emmett über den Lärm des Helikopters zu und ich nickte. Mir wurde die Tür aufgehalten. Sobald ich saß und angeschnallt war, fuhren wir auch schon in Richtung Hotel davon.
„Was wirst du ihr sagen?“ Emmett kannte meine impulsive Art, wenn man sich mir widersetzte.
„Das weiß ich noch nicht. Sie wird sicherlich schockiert sein, dass ich sie so schnell gefunden habe und das werde ich zu meinem Vorteil nutzen. Aber du hältst dich bitte bereit, denn ich kann mir vorstellen, dass mein Besuch hier, sich wie ein Lauffeuer verbreiten wird. Außerdem werden wir Isabella nach Boston auf das Familienanwesen bringen. Dort werden wir schließlich wohnen.“ Mein bester Freund nickte knapp.
„Was ist, wenn sie nicht möchte?“
„Sie wird wollen, Emmett. Meinem Charme kann niemand widerstehen.“ Wir lachten auf und der Chauffeur teilte uns mit, dass wir eingetroffen waren. Heute rann mir die Zeit nur so zwischen den Fingern hindurch.

Gemeinsam mit Emmett ging ich in das Hotel und marschierte zur Rezeption.
„Guten Abend, Senator. Wollen Sie ein Zimmer beziehen?“ Die Wangen der Frau hinter dem Tresen wurden eine Spur roter und ich setzte mein strahlendes Lächeln auf.
„Nein, möchte ich nicht. Mir ist zu Ohren gekommen, dass meine Verlobte Isabella Swan hier eingecheckt haben soll. Könnten Sie mir vielleicht sagen, in welchem Zimmer sie wohnt? Ich weiß, dass es gegen die Vorschriften ist, aber ich war gerade in der Nähe und ich kann sie leider nicht am Handy erreichen.“ Sie sah verstohlen zu mir auf und tippte schnell etwas in den Computer ein. Danach machte sie eine Lade auf und zog eine Schlüsselkarte heraus.
„Ich vertraue Ihnen, Senator Cullen und das ist eine Ausnahme. Wenn mein Chef davon Wind bekommt, werde ich gefeuert.“ Sie überreichte mir die Karte.
„Zimmer 2056, vorletztes Stockwerk, die Tür auf der linken Seite.“
„Vielen Dank, ich werde mich revanchieren.“ Ich nahm die Karte und eilte unverzüglich zu den Aufzügen. Emmett stand neben mir, während ich auf einen wartete.
„Du bekommst eine SMS, wenn wir fahren. Bis dahin sichere das Gebäude und halte mir die Presse vom Hals. Vielleicht könntest du dir auch etwas für die Frau überlegen.“ Emmett schüttelte den Kopf, wie er es immer tat, wenn er meine Idee nicht mochte, aber sie trotzdem ausführen würde. In dem Moment öffneten sich die Türen des Aufzuges und ich stieg ein. Ohne Halt gelangte ich in den vorletzten Stock und schlenderte zu dem Zimmer. Nachdem ich aufgeschlossen hatte, sah ich mich um und durchsuchte Isabellas Sachen. Wie gedacht, hatte sie tatsächlich nichts Brauchbares zum Anziehen mit dabei. Vorsichtshalber hatte Tanya ein paar ihrer Sachen in die Tasche eingepackt, die nun über meiner Schulter hing. Jene entnahm ich jetzt und legte sie ins Bad. Die Unterwäsche hatte sie erst gekauft und meinem Augenmaß nach sollten sie passen, denn Tanya und Isabella hatten ungefähr die gleiche Statur. Nachdem ich alles hergerichtet hatte, ging ich zur Minibar und bereitete mir einen Scotch. Danach machte ich es mir auf dem Sessel gemütlich, schrieb noch schnell eine SMS an Ava und bedankte mich bei ihr. Nun konnte das Warten beginnen.