Kapitel 1

,

„Die Fähigkeit, das Wort "Nein" auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit.“ - Nicolas Chamfort

Verstohlen sah ich mich um und bemerkte, dass mein Vater Wort gehalten und uns alleine gelassen hatte. Es war eindeutig, dass er es sich nicht mit Edward verscherzen wollte. Mit energischem Schritt ging ich die hintere Treppe des Hauses hinauf, um in mein Zimmer zu gelangen. Wie konnten meine Eltern so etwas nur von mir erwarten? Jetzt zu heiraten, würde meine ganzen Zukunftspläne zerstören. Ich war nicht bereit dazu, obwohl ich im September dreiundzwanzig werden würde und hatte damit mein ganzes Leben noch vor mir. Ich wollte um die Welt reisen, neue Kulturen kennenlernen und nicht an jemanden so derartig gebunden sein, wie ich es an Edward wäre, wenn ich ihn heiraten würde. Denn als seine zukünftige First Lady müsste ich stets an an seiner Seite sein, bei jedem Empfang dabei sein und könnte mich nicht mit der Ausrede, ich hätte Kopfschmerzen, verdrücken. Wie ich meinen Vater kannte, würde er von mir verlangen, dass ich ein Kind von Edward bekam, denn das würde für positive Schlagzeilen sorgen und Pluspunkte bei den US-Bürgen einbringen. Es wäre nicht das erste Kind, das während einer Amtszeit eines Präsidenten der US geboren werden würde.
Wütend schlüpfte ich aus meinen High Heels und stellte mich vor das große Fenster, um auf unser Anwesen blicken zu können. Es war Abend und die Sonne verabschiedete sich mit den letzten Strahlen von uns, um morgen wieder in voller Größe und Stattlichkeit wiederzukommen. Seufzend trat ich auf meinen Balkon und stützte die Unterarme auf dem Geländer ab. Der Boden war kühl und es war eine angenehme Abwechslung zu den regulierten Zimmern. Was sollte ich nun machen? Mir wurde gerade das unmoralischste Angebot unterbreitet, das ich je erlebt hatte. War es aber wirklich so verwerflich? Hatte man früher nicht auch so geheiratet? War es bei meinen Eltern nicht anders gewesen? Wie pflegte Charlie zu sagen: „Die oberen zehntausend bleiben unter sich und lassen niemanden in ihren Kreis. Das wirst du einmal verstehen und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, auch einen wohlhabenden Mann finden!“
Frustriert öffnete ich meinen Dutt und schüttelte mein Haar aus. Ich konnte und wollte noch nicht heiraten. Es verstieß gegen meine Prinzipien. Wie sollte das überhaupt harmonieren? Wir kannten uns kaum und würden das verliebte Paar spielen müssen. All das, damit er Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte.
Es war mehr als sinnwidrig solch ein Angebot zu akzeptieren, gar darüber nachzudenken. Aber es wäre eine Zweckbeziehung, aus der ich auch meine Vorteile ziehen könnte.

Ich wollte gerade zu meinem Schrank gehen, um mir etwas Bequemeres anzuziehen, als es an meiner Tür klopfte. Keine Sekunde später kam meine Mutter mit meinem Vater ins Zimmer.
Die beiden Gastgeber hatten ihre Feier verlassen, nur um ihrer Tochter ins Gewissen zu reden, dass sie ja den aufstrebenden Politiker heiraten sollte.
„Schatz, egal wie du dich entscheiden wirst, wir werden immer hinter dir stehen“, begann Renée und Charlie schnaubte abfällig. Sicher wäre es ihm lieber, wenn ich die Zweckgemeinschaft – mehr wäre es nicht zwischen Edward und mir – dulden würde.
„Das sieht mein Vater ab nicht so.“ Meine Stimme klang kühl und kontrolliert. Mein Gegenüber sah mich warnend an und legte seiner Frau eine Hand auf den Rücken –als könnte er uns mit dieser Geste zwingen, das zu tun, was er verlangt.
„Isabella, halte dich in Zaum. Du wirst die Zeit nutzen um nachzudenken, schließlich ist dies ja auch ein Teil deines Philosophiestudiums. Nicht wahr? Philosophiere doch die nächsten Stunden darüber und wage es nicht von dem Anwesen zu verschwinden. Wenn es sein muss, werde ich dich in diesem Zimmer einsperren“, sagte Charlie barsch.
„Das kannst du nicht tun. Weißt du nicht, was Abraham Lincoln gesagt hat: ‚Wer anderen die Freiheit vorenthält, hat sie selber nicht verdient!‘
„Versuche mich nicht zu belehren, was einer unserer Ahnen gesagt hat. Aber du weißt sicher auch, dass die Freiheit nicht in erster Linie aus Privilegien besteht, sondern aus Pflichten.* Deine Pflicht ist es „Ja“ zu sagen und nicht „Nein“, das Angebot zu akzeptieren und das zu tun, was man von dir erwartet.“
Meine Mutter wollte die gespannte Situation zwischen Charlie und mir beruhigen, jedoch  kam sie nicht dazu, da sie von ihm schnurstracks aus dem Raum geführt wurde. Die Tür fiel hinter ihm mit einem lauten Knall ins Schloss und ich zuckte unweigerlich zusammen.

Ich ging zu meinem Bett und ließ mich darauf fallen. Er würde nichts als ein „Ja“ akzeptieren und mich solange manipulieren bis ich einwilligte, das hatte er gerade nur allzu deutlich gesagt. Charlie kannte mich und ich ihn und wir beide wussten, dass nur einer als Gewinner dieser Schlacht hervorgehen würde und dieses Mal würde ich es nicht sein. Ich sah mich in diesem aussichtslosen Weg gefangen und mich erwartete schon der nächste goldene Käfig. Wäre Edward humaner als mein Vater? Vielleicht war es ein kleiner Lichtblick, schließlich forderte er von mir, mein Leben seiner hochgeschätzten politischen Karriere zu unterstellen, was er mir nur zu deutlich mit seiner arroganten Art gezeigt hatte. Somit konnte ich gewisse Privilegien herausschlagen.
Nein, ich war absolut nicht bereit  das zu tun! Der Entschluss stand in meinem Kopf fest. Ich sprang aus meinem Bett, lief zu meinem Schrank und holte eine Reisetasche und Kleidung heraus. Das Nötigste um von Chicago nach Cambridge zu fahren. Ich müsste öfters Pause machen und in einem Motel übernachten, aber das war es mir wert.

~~~~*~~~~

Es war kurz vor vier Uhr in der Früh und ich hatte die ganze Zeit über schlaflos und angezogen in meinem Bett gelegen. Die Tasche stand gepackt neben der Tür und nun würde ich mit meiner Flucht beginnen. Leise schlug ich meine Decke zurück und zog meine Converse an. Ich schnappte mir meine Reise- und Umhängetasche. Vor der Tür sah ich mich um ob die Luft rein war und schlich auf den Fußballen zum Treppenhaus. Ich war froh, dass meine Eltern ihre Zimmer im zweiten Stock hatten, jedoch hieß das nicht für mich, dass ich unbeobachtet aus dem Haus fliehen konnte. Schließlich war Charlie immer drauf erpicht die bestmöglichen Sicherheitsvorkehrungen zu haben, damit niemand einbrechen oder ungesehen hinaus konnte, so wie ich es nun vorhatte.
Die Hoffnung, dass der heutige Sicherheitsbeamte vielleicht eingenickt war, wurde jäh zerstört als mir eine großgewachsene Gestalt entgegenkam.
„Miss Swan, was machen Sie noch auf?“, fragte mich Joe, den ich seit meiner Kindheit kannte. Fieberhaft suchte ich nach einer Erklärung, jedoch fiel sein Blick auf meine Tasche und er sah mich bemitleidend an.
„So gerne ich Sie gehen lassen würde, aber ich kann es leider nicht. Mir wurde dies strengstens untersagt.“ Ich überlegte, ob ich ihn bestechen könnte, was nichts nützen würde, da er gut bei meinem Vater verdiente. Charlie tat alles um die Loyalität seiner Bediensteten zu bewahren, dazu gehörte auch ein gutes Gehalt – fast das Dreifache, das man sonst normal verdienen würde.
„Können Sie nicht einfach sagen, dass ich mich unbemerkt davongeschlichen habe?“
„Das würde heißen, dass ich meiner Arbeit nicht nachgekommen bin und ich würde von Ihrem Vater die Kündigung erhalten.“ Verdammt. Er hatte Recht. Mein Fluchtplan löste sich gerade in seine Einzelteile auf und ich konnte nichts dagegen machen. Anscheinend war er doch nicht so ausgefeilt, wie ich gedacht hatte.
„Also gehen Sie bitte wieder in Ihr Zimmer und schlafen Sie. Ich werde ein Auge auf Ihren Flur haben, denn ich bin nur für das Innere des Hauses zuständig.“ Mir entging nicht, dass er das Innere betonte. Wollte er mir gerade helfen? Kurz lächelte er mir zu, bevor er mich tadelnd ansah. Plötzlich machte es „Klick“ in meinem Kopf. Joe hatte mir gerade das Stichwort geliefert. Er würde das Haus von Innen bewachen, was Außen vor sich ging, hatte ihn nicht zu interessieren. Es war mein Schlupfloch. In seiner Begleitung kehrte ich in mein Zimmer zurück.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, ging ich auf den Balkon und sah hinab auf das Gras. Es war hoch, aber ich riskierte lieber einen gebrochenen Arm, als eine Minute länger in diesem Haus zu bleiben. Meine Taschen fanden den Weg auf den Rasen und ich wartete, ob jemand vorbei kommen würde. Als ich nichts hörte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und stieg über das Geländer hinweg. Baumelnd über den Abgrund atmete ich ein und ließ, dann das Metall los. Am Boden angekommen, spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner linken Hand, da ich  beim Aufprall am Boden darauf gefallen war. Vorsichtig bewegte ich diese. Gebrochen war sie vermutlich nicht, aber ich musste später einen Arzt konsultieren, denn ich wollte sicher sein. Jetzt aber sollte ich so schnell wie möglich von hier weg. Ich stand auf, schnappte meine Taschen und rannte über die Grünfläche bis zu dem Eingangstor. Die Überwachungskameras ignorierte ich und versuchte erfolglos mein Gepäck über das meterhohe Tor hinüber zu bringen. Gerade als ich aufgeben wollte, ging jenes auf und ich schlüpfte hinaus in meine neugewonnene Freiheit. Ich joggte, bis ich vor Rose‘ Haus keuchend stehen blieb. Meinen Finger hatte ich auf die Klingel gedrückt und von Innern vernahm ich ein lautes Rufen. Die Tür wurde aufgerissen und Rose stand in einem pinken Morgenmantel vor mir. Mit verwirrter Miene starrte mich meine Freundin an.
„Was machst du hier?“, fragte sie verschlafen und gähnte herzhaft.
„Ich brauche deine Hilfe.“ Immer noch keuchend schnappte ich nach Luft.
„Komm doch erst einmal herein, dann-“, begann Rose, doch ich unterbrach sie: „Dein Auto, ich brauch dein Auto. Würdest du es mir leihen, du bekommst es auch heil zurück.“
Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte sie mich kritisch, doch sie nickte schließlich. Rose ging zu der kleinen Kommode und überreichte mir schließlich den Schlüssel zu ihrem roten BMW.
„Pass auf ihn auf und wehe es ist ein Kratzer drinnen!“, rief sie mir hinterher, als ich schon zu dem Wagen lief.
„Werde ich und vielen Dank für deine Hilfe!“ Ich winkte ihr zu und stieg sogleich in das Fahrzeug ein. Rose‘ unkomplizierte Art war angenehm, sie fragte auch kaum nach den Gründen. Sie nahm es einfach an und das liebte ich so an ihr. Und ich war froh, dass sie ein Faible für schnelle Autos hatte.

Charlie hatte es nicht für nötig empfunden, mich den Führerschein machen zu lassen. Jedoch konnte ich meine Mutter überzeugen und diese ließ ihn mich heimlich machen. Hätte mein Vater jemals davon etwas mitbekommen, wäre meine Mutter zur Rechenschaft gezogen worden. Es gab nichts, was er mehr hasste, als wenn man sich ihm widersetzte. Ich schüttelte meinen Kopf, denn das hatte mich alles nicht mehr zu interessieren. Nun würde ich ein Leben in Freiheit genießen und das tun und lassen was ich wollte. Mein Studium würde ich beenden können, da das Semester bezahlt war und ich mir darum keine Sorgen mehr machen musste. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich kein Bargeld mit hatte, sondern nur meine Kreditkarte. Seufzend hielt ich in der zweiten Spur vor der nächsten Bank, fischte meine große Sonnenbrille aus der Tasche, sowie mein Portemonnaie und schaltete die Warnblinklichtanlage an. Ich huschte in das Foyer und zog die schwarze American Express heraus. Wusste ich noch den Code? Auf die Unterlippe beißend tippte ich die Nummer ein und hob den Höchstbetrag ab, den der Automat zuließ. Danach huschte ich schon hinaus. Ein Polizist stand neben meinem Wagen und wollte gerade jemanden anrufen, als ich neben ihn trat. Ich sah ihn entschuldigend an.

„Miss, ist das Ihr Fahrzeug?“, fragte der Officer höflich und ich nickte ihm zu.
„Können wir nicht vergessen, dass ich unerlaubter weise in der zweiten Spur stehen geblieben bin?“
„Es tut mir leid, das ist nicht möglich.“ Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen und überlegte, bis mir schließlich die rettende Idee kam, auch wenn ich damit Korruption beging.
„Wie viel verdienen Sie, wenn ich fragen darf?“ Misstrauisch sah er mich an.
„Miss, Sie wollen mich doch jetzt nicht bestechen, oder?“ Er nahm seinen Notizblock in die Hand und schrieb sich sorgfältig die Nummer des BMWs auf. Genervt schnaubte ich und machte meine Geldbörse auf. Als der Mann wieder aufsah, hielt ich ihm rund eintausend Dollar hin. Ich bemerkte, wie er schwer schluckte, danach sah er sich sorgfältig um und nahm dann das Geld entgegen. Vor meinen Augen verbrannte er das Stück Papier und ließ mich ziehen.
„Vielen Dank, Officer!“, sagte ich und setzte mich in das Auto. Sobald ich angeschnallt war, fuhr ich auch schon los.

~~~~*~~~~

Aufgrund von mehreren Staus und Umleitungen kam ich gegen sechs Uhr abends erschöpft in Buffalo an. Hier würde ich übernachten und am nächsten Tag weiter nach Cambridge fahren, das hatte ich jedenfalls geplant. Die letzten Stunden der Autofahrt  hatte ich mehr instinktiv gehandelt, als wirklich darüber nachgedacht, was ich genau machte. In meinem Hotelzimmer riss ich mir schon fast meine Kleidung vom Leib und sprang sogleich unter die Dusche, um meine Lebensgeister zu wecken.
Nachdem ich wieder im Schlafzimmer war, nahm ich mir frische Wäsche aus der Reisetasche. Hier und in Cambridge konnte Charlie nicht bestimmen was ich anzog. Nie wieder würde er das können, denn ab jetzt würde ich „Nein“ sagen. Da ich das erste Hotel, das ich gefunden hatte, eindeutig zu den besseren hier in Buffalo zählte, zog ich ein hellblaues knielanges Kleid mit einer rosafarbenen Weste darüber an. Danach nahm ich meinen Zimmerkarte und ging hinunter in die Bar, die ich beim Einchecken wahrgenommen hatte. Seufzend musste ich feststellen, dass alle Barhocker bis auf einen besetzt waren. Ich blieb neben der älteren Dame stehen.
„Entschuldigen Sie bitte, ist der Platz neben ihnen noch frei?“ Die Frau blickte zu mir auf und sah mich verwirrt an. Dann wanderte ihr Blick auf den Hocker neben ihr.
„Sicher. Wenn Sie einen Moment warten, dann nehme ich schnell meine Tasche und den Mantel weg“, antwortete sie mir höflich und lächelte mir zaghaft zu. Nachdem sie die Tasche auf den Boden gestellt und den Mantel über die Beine gelegt hatte, konnte ich mich an die Bar setzten. Sofort kam der Barkeeper zu mir geeilt und fragte, was ich trinken wolle. Die Dame neben mir ignorierte er, obwohl sie, wie ich nichts zu trinken hatte. Darauf machte ich ihn ebenfalls aufmerksam, wofür er sich auch entschuldigte.

„Das hätten Sie jetzt nicht tun müssen, aber ich danke Ihnen. Vermutlich hätte ich sonst den ganzen Abend auf dem Trockenem gesessen.“
„Doch. Es ist eine Unverschämtheit, wenn man jemanden nur aufgrund des Geschlechts, Alters, Abstammung oder finanzieller Lage bevorzugt oder ablehnt.“
„Ich gebe Ihnen vollkommen Recht.“ Der Barkeeper stellte vor uns unsere Getränke ab. Die Frau hatte sich einen Rotwein bestellt und ich mir einen Whisky. Danach herrschte Stille zwischen uns. Gedankenverloren starrte ich das Glas mit dem braunen Getränk an.
„Woher kommen Sie?“, fragte mich plötzlich wieder die Frau. Ich drehte meinen Kopf in ihre Richtung und antwortete: „Aus Chicago und Sie? Sie sind nicht aus den USA, das höre ich an Ihrem Akzent.“
„Ich bemühe mich so sehr, dass man ihn nicht hört. Welche Vermutung haben Sie?“
„Großbritannien? Es klingt sehr danach.“ Sie nickte mir zu und kicherte leicht.
„Ja ich komme direkt aus London.“
„Eine schöne Stadt. Ich habe dort ein halbes Jahr studiert, nur bin ich leider nie dazu gekommen mir die Sehenswürdigkeiten anzusehen.“ Wie denn auch, wenn rund um die Uhr eine Frau bei mir war, die darauf achtete, dass ich lernte? Charlie hatte mich nur an der London School of Economics and Political Science studieren lassen, damit ich neben Harvard noch eine Elite-Uni aufzeigen konnte. Genau das Gleiche war auch in Paris der Fall gewesen.
„Das ist aber schade. London hat so viel zu bieten. Hat Ihnen aber die Stadt an sich gefallen – jedenfalls das, was Sie zu Gesicht bekommen haben?“
„Oh ja. Sie ist für mich anders als die amerikanischen Städte, zwar herrscht dort ebenfalls Trubel, aber es läuft viel kultivierter ab wie hier. Wenn man zum Beispiel in New York mit der U-Bahn fährt, wird man gestoßen, angerempelt und eingequetscht. In London ist das nicht der Fall. Vielleicht bin ich auch nie zu den Stoßzeiten gefahren.“
Gut, ich war nur ein einziges Mal mit der Londoner Underground gefahren und das nur, weil ich damals meinen Begleiter überreden konnte. Mein Vater hatte wie immer nichts davon erfahren. Damals hatte ich mir auch die Freiheit genommen, mir ein Tattoo stechen zu lassen. Natürlich nur an einer Stelle, die man weder bei Kleidern, Röcken oder kurzen Shirts sehen konnte. Charlie hatte es bis jetzt nicht entdeckt.
Er hätte getobt und mich gezwungen es sofort entfernen zu lassen. Ihm wäre es lieber, ich hätte an der Stelle eine Narbe als ein Tattoo.
„Da kann ich leider nicht mitreden. Ich benutze kaum die öffentlichen Verkehrsmittel.“

Wir begannen vertieften unser Gespräch und kamen schließlich auf das Thema Politik, da die Primaries waren.
„Denken Sie, dass Senator Cullen dieses Jahr zum Präsidenten gewählt werden könnte?“, stellte mir die Dame die Frage. Bei seinem Namen lief mir ein Schauer über den Rücken, jedoch ließ ich es mir nicht anmerken.
„Ich denke, dass er gute Chancen hat. Ausgeschlossen ist nichts, da er gut bei den Wählern polarisiert. Jedoch werden seine Gegner ihm sein Alter und die damit verbundene geringe Erfahrung vorwerfen. Seine Affären sind auch ein großer Kritikpunkt. Aber er hat gute Vorschläge und wenn er diese verwirklichen kann – ich denke, dass er das sicher können wird – dann wird sich die USA verändern.“ Sie nickte mir zu.
„Sie sollten in die Politik gehen. Eindeutig. Wissen Sie, mein Neffe ist Politiker und er macht seine Sache fabelhaft. Ich hoffe, dass er es schaffen wird.“ Bevor ich sie fragen konnte, wer denn ihr Neffe sei, sah sie entsetzt auf ihre Armbanduhr.
„Es tut mir fürchterlich Leid, aber ich muss jetzt los. Mein Flieger nach Washington D.C. wartet schon auf mich. Ich werde meinen Neffen besuchen gehen. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Es war wirklich angenehm mit Ihnen zu reden, Sie haben nämlich so eine erfrischende Art.“ Entschuldigend sah sie mich an und winkte den Barkeeper zu sich. Sie überreichte ihm eine schwarze AmEx.
„Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Flug und einen schönen Aufenthalt in D.C.“ Sobald sie wieder ihre Kreditkarte in der Hand hielt, verabschiedete sie sich von mir.

Sobald sie aus dem Raum war, ließ ich mich von der leisen Jazzmusik berieseln und sah mich um. Im hinteren Teil des Raumes saß ein großgewachsener Mann mit schwarzem Haar. Als ich jenen genauer betrachten wollte, hob sich sein Kopf und er sah mich direkt an. Er lächelte mir zu, schob die eine Frau, die nahe bei ihm saß, weg und stand auf. Mit lässigem Gang kam er auf mich zu. Es erinnerte mich an den gestrigen Abend und ich verglich ihn sofort mit Edward. An ihn konnte der Fremde nicht heranreichen. Vor mir blieb er stehen und setzte sich dann anschließend auf den kürzlich freigewordenen Barhocker.
„Eine so schöne junge Dame ganz alleine hier und dann noch mit so einem starken Getränk. Da kann nur ein anderer Mann dahinter stecken.“ Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn an. Was wollte er von mir? Mich beschlich das Gefühl, dass ich ihn kannte, woher bloß?
„Darf ich Sie auf den nächsten Drink einladen?“ Ich wollte etwas erwidern, doch er winkte den Barkeeper heran. Jener schenkte mir sogleich nach. In den letzten Stunden hatte ich genau das Glas mühsam geleert und jetzt nahm sich mein Gegenüber einfach das Recht, es wieder auffüllen zu lassen. Das Glas drehte ich in meinen Händen und kippte schließlich den Whisky in einem hinunter.
„Es war unhöflich von mir, mich nicht vorzustellen. Mein Name ist Jacob Black und Sie sind?“ Okay, das war jetzt nicht gut. Vor mir saß der Spitzenkandidat der Republikaner. Er war so etwas wie der Edward Cullen der Demokraten. Nur hatte er eine Frau und um einiges weniger Erfahrung als Edward. Seine Bildungslaufbahn wies auch keine Uni der Ivy-League auf. Jedoch waren seine rhetorischen Fähigkeiten einer der besten. Ich ignorierte ihn geflissentlich und spielte mit meinem Glas weiter, doch er ließ einfach nicht locker.
„Kann es sein, dass Sie Isabella Swan sind?“ Geschockt sah ich ihn an, setzte aber mein Pokerface wieder auf.
„Tut mir leid, aber Sie scheinen mich, wie viele andere, mit Miss Swan zu verwechseln. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend mit Ihrer Begleitung und danke für den Whisky“, antwortete ich ausgesprochen höflich und erhob mich. Schnell ging ich zu den Aufzügen, vernahm aber Schritte hinter mir.

„Ich hoffe, dass Sie jetzt nicht beleidigt sind.“ Er gab also nicht auf. Ich atmete tief ein und sah den Republikaner dann an.
„Mister Black, ich möchte nicht in der nächsten Ausgabe eines Schundblattes auf der Titelseite sehen und als Ihr neues Betthäschen gelten, deshalb bitte ich Sie nun Abstand von mir zu wahren.“ Verwundert sah er mich an, jedoch lächelte er im nächsten Moment charmant. Das von Edward war gestern sogar noch überzeugender!
„Das muss doch niemand erfahren. Außerdem finde ich es unfair, dass Sie meinen Namen wissen und ich Ihren nicht.“ Wie oft wollte er denn noch nach meinem Namen fragen? Reichte es ihm nicht, dass er jedes Mal einen Korb bekam? Ich hob meine Augenbraue an. Er gab also immer noch nicht auf. Um Gottes Willen, war dieser Mann begriffsstutzig. Musste ich ihm erst eine Arbeit zu dem Thema: „Man belästigt keine Frauen, wenn sie ‚Nein‘ sagen“ geben, damit er es endlich verstand?
Die Mühe würde ich mir sogar machen. Ich seufzte und fuhr mir durch mein offenes Haar.
„Ich hätte Ihren Namen auch ohne die kleine Vorstellungsrunde gewusst, da Sie bei den Wahlen zum Präsidenten kandidieren. Außerdem würde es an die Öffentlichkeit gelangen. Irgendwie und irgendwann, daher schlage ich Ihr Angebot gerne aus.“
„Wenn wir beide den Mund halten, nicht. Sie interessieren sich also für Politik“, stellte er fest und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Gereizt tippte ich mit dem Fuß auf den Marmorboden, da der Aufzug so lange brauchte. Vielleicht wäre es klüger gewesen zu Fuß hinaufzugehen. Aber dann wäre ich dem Tod nahe, denn ich schaffte bei meiner derzeitigen körperlichen Verfassung sicher keine dreißig Stockwerke.
„Ja, ich interessiere mich für Politik und wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin Demokratin. Also können wir nun bitte dieses unnütze Gespräch beenden und Sie mich in Ruhe lassen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“ In diesem Moment öffneten sich die Aufzugstüren und ich trat in die Kabine. Jacob tat es mir gleich. Ihn ignorierend drückte ich auf die Zahl des Stockwerkes, in dem mein Zimmer lag.
„Es ist aber sehr interessant mit Ihnen ein Gespräch zu führen.“ Augenverdrehend starrte ich auf die Stockwerksanzeige und war froh, als jene endlich dreißig zeigte. Die Türen sprangen auf und ich trat erleichtert auf den Flur.
„Wir wohnen auf der gleichen Etage. Sehen Sie, alles spricht dafür. Ihre politische Einstellung hat auch nichts zu bedeuten.“ Langsam wurde ich wütend. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und öffnete diese aber gleich wieder. In der kleinen Tasche, die ich mitgenommen hatte, suchte ich nach der Karte, die nun als Schlüssel diente. Ich hasste diese hypermodernen Sachen, denn es erinnerte mich zu sehr an zu Hause.

Als ich ihn fand atmete ich erleichtert auf. Ich wollte gerade die Karte durch den Scanner ziehen, als mich eine Hand auf der Schulter packte und umdrehte. Geschockt sah ich in das Gesicht des Republikaners. Er näherte sich mir und hielt meinen Kopf mit einer Hand fest. Verdammt, was machte ich jetzt? Instinktiv, hob ich mein Knie und traf ihn mit voller Wucht in der Leistengegend. Seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, musste das wirklich schmerzhaft sein. Innerlich lachte ich schadenfroh, als er sich von mir löste und sich an die Wand stützen musste.
„Denken Sie nicht einen Moment an Ihre Frau? Sie sitzt wahrscheinlich zu Hause mit Ihren zwei Kindern und wartet auf Sie und Sie haben nichts Besseres zu tun als eine Frau, die um einiges jünger ist als Sie zu belästigen und dazu zu führen mit ihr Ihre Frau zu betrügen und so etwas nennt sich Republikaner. Sie können sich glücklich schätzen, dass ich nicht damit zur Presse gehe.“ Wütend sah er mich an und stieß sich von der Wand ab. Mit zittrigen Fingern zog ich die Karte durch und schlüpfte schnell in mein Zimmer. Ich spürte wie das Adrenalin durch meine Blutbahn gepumpt wurde und mein Herz raste.
Nachdem ich die Tür verschlossen hatte und ich mich nun einigermaßen sicher fühlte, lehnte ich mich gegen das Holz und knipste das Licht an.
„Du bist also auch schon hier“, begrüßte mich eine kühle Stimme und mir stellten sich alle Haare auf. Entsetzt sah ich ihn an. Wäre ich doch lieber draußen geblieben und hätte mit Jacob Black geschlafen.