Prolog
Prolog:
„Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann.“ - Otto von Bismarck
Ich stand mit meinen beiden besten Freundinnen Alice Brandon und Rosalie Hale in einer stillen Ecke des Raumes und führte mit ihnen eine angeregte Unterhaltung über die Dekoration des Raumes. Renée, meine Mutter, hatte sich heute wieder einmal selbst übertroffen.
„Es fasziniert mich immer wieder, wie schnell deine Eltern eine solche Veranstaltung ausrichten können. Und dann auch noch in diesem Ausmaß. Ich weiß ja, wie nervenaufreibend so etwas sein kann“, meinte Alice seufzend und sah sich schließlich prüfend um. Sie war Eventmanagerin und in ihrem Job gefragt wie eh und je. Früher hatte sie oft meiner Mutter geholfen, doch seit einigen Monaten war schienen sie sich aus dem Weg zu gehen. Den Grund hatte ich nie erfahren, denn sie sprach nicht mit mir darüber. Bei Rose war es nicht anders. Sie lächelte in jeder Metropole der Welt von einem Werbeplakat für exklusive Marken und jettete von einer Stadt zur anderen. Ich beneidete die beiden um ihre Freiheit.
Mein Vater Charlie hegte einen gewissen Widerwillen gegen die beiden, weil er meinte, dass sie mich von meinen Pflichten abhielten. Seit Jahrzehnten bekleidete nämlich ein Swan ein politisches Amt. In unsere Linie gab es einen Präsidenten und einen Gründervater. Um diese Familientradition fortzusetzen, blieb mir gezwungenermaßen nichts anderes übrig, als Politikwissenschaften zu studieren. Wider meiner Erwartung bereitete das Studium sogar Vergnügen. Damit waren mein Vater und ich zufrieden. Meinen Schwerpunkt hatte ich auf Internationale Beziehungen gelegt, um dadurch später bessere Chancen als Außenministerin oder Botschafterin eingesetzt zu werden größer schienen. Denn das war mein Traum. Das Amt als Außenministerin und damit verbunden eine der mächtigsten Frauen der Welt zu sein, lag jedoch in weiter Ferne. Allerdings war eine Karriere im diplomatischen Bereich zum Greifen nahe und ich wollte ebendiese Chance nutzen.
Charlie war Senator des Bundesstaates Illinois. Daher hatten meine Eltern ihren Wohnsitz in Washington D.C., jedoch auch einen in Chicago. Ich hasste beide Städte und war froh in Harvard mein Studium absolvieren zu können – wie auch schon meine Ahnen. Für Dad gab es keine bessere Fakultät, um Politikwissenschaften zu studieren. Jedes Wochenende wurde ich vom Campus abgeholt und in eine der beiden ungeliebten Städte geflogen. Mein Studium würde ich nach diesem Semester abschließen und mit meinem Praktikum bei einem befreundeten Senator von Colorado beginnen. Danach würden mir in der politischen Welt die Türen offen stehen – so sah jedenfalls der Plan für mich aus.
„Bella, du bist heute wieder derart in deine Gedanken verloren.“ Mein Kopf flog zu Rose herum und ich sah sie entschuldigend an. Jene lächelte mir freundlich zu, da sie wusste, dass ich solche Festlichkeiten mehr als hasste. Meine Eltern liebten es ihren Prunk zur Schau zu stellen. Wir waren eine demokratische Familie und sollten genau das nicht tun. Ich war immer der Meinung gewesen, dass wir uns volksnaher geben sollten, aber mein Vater wusste immer alles besser und hörte mir deswegen kaum zu. Er entschied schon mein gesamtes Leben lang für mich. Es war, als würde ich in einem goldenen Käfig leben, dem ich gerne entfliehen würde, wozu mir jedoch leider die Kraft fehlte.
„Ich sagte, dein Vater kämpft sich gerade durch die Menge zu uns durch und dass wir dich jetzt alleine lassen werden. Einen Aufstand von ihm möchte ich heute nicht provozieren, und du wärst dann wieder die Schuldige.“ Die blonde Schönheit verabschiedete sich von mir und Alice tat es ihr gleich.
Bevor mein Vater bei mir war, zupfte ich noch meinen Rock zurecht und überprüfte mein Make-up in dem kleinen Spiegel neben mir. Für Charlie stand Perfektion an oberster Stelle, alles andere war nicht akzeptabel und musste ausgemerzt werden. Unter diesem Druck stand ich seit meiner Geburt. Nie war er mit mir zufrieden. Ich konnte kein Semester mit ‚nur’ neunzig Prozent abschließen, ich musste sie mit der vollen Prozentzahl absolvieren.
Er ließ mich weder meine Freunde treffen, noch eine Freizeitaktivität selbst entscheiden. Charlie forderte von mir immer zu lernen und hatte mit meiner Mutter ein ausgeklügeltes Modell entwickelt, damit ich so viele Sprachen, wie erdenklich lernen konnte.
„Isabella“, sagte mein Vater streng und bedachte mein Champagnerglas mit bedeutungsvollem Blick. Er hasste es wenn ich trank. Für ihn war es ein Staatsvergehen und wären wir hier nicht in der Öffentlichkeit, hätte ich mir eine lange Rede über den Konsum von Alkohol und meinen von ihm gewünschten Verzicht anhören können.
„Vater“, erwiderte ich kühl und blickte in seine braunen Augen. Er hob eine Augenbraue, da er es hasste, wenn ich mich widersetzte. Das Spielchen existierte bereits seit einigen Jahren Ich konnte mich glücklich schätzen, wenigstens Philosophie studieren zu dürfen. Damals konnte ich anhand von Cicero und anderen Philosophen verdeutlichen, dass die Belegung dieses Studiengangs immense Vorteile mit sich brachte.
Charlie bot mir seinen Arm und ich wusste, dass ich jetzt lieber nicht ablehnen sollte. Provokant kippte ich das edle und sündhaft teure Getränk hinunter und lächelte ihn unschuldig an. Mein Vater räusperte sich und gab mir dadurch zu verstehen, dass ich ihm jetzt lieber Folge leisten sollte. Die Quittung für diese Aktion würde ich spätestens morgen Früh beim gemeinsamen Frühstück bekommen.
Mit einem Seufzer stellte ich mein Glas beiseite und ging mit meinem Vater zum anderen Ende des Raumes. Währenddessen war ich immer darauf bedacht, genügend Abstand zwischen uns zu halten. Wie es sich für die Tochter des Gastgeberpaares gehörte, begrüßte ich etliche Freunde der Familie und Politiker artig. Ich hasste es gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber es gehörte nun einmal dazu. Wie jedes Mal hatte ich mein falsches Lächeln aufgesetzt, das durch langes und hartes Üben sehr überzeugend wirkte.
Charlie führte mich zu meiner Verwunderung mit einer Hand auf meinem Rücken in den hinteren Teil unseres Hauses, weit ab von dem regen Treiben der Gäste.
Wir blieben vor der Tür zu seinem Büro stehen, in das weder ich noch Mum Zutritt hatten. Mein Vater sah mir in die Augen.
„Isabella, ich erwarte von dir, dass du dich von Beginn an von deiner besten Seite zeigst und diese Situation mit der äußerster Diskretion behandelst. Es ist dir überlassen, ob du das Angebot akzeptierst oder nicht. Da ich dich aber für eine gebildete und intelligente Frau halte, wirst du das Pro und Contra abwägen, bevor du die richtige Entscheidung für unsere Familie und deine Karriere triffst.“
Die unterschwellige Drohung war unüberhörbar. Ich straffte meine Schultern, so wie ich es immer tat, wenn ich etwas erwidern wollte, jedoch öffnete Charlie die Tür zu seinem Büro und brachte mich somit zum Schweigen. Er wusste nur zu gut, dass ich mich nicht vor fremdem Publikum gegen ihn stellen würde. Galant ließ mein Vater mir den Vortritt und ich sah mich in dem dämmrig beleuchteten Raum um. Ich nahm im fahlen Licht eine hochgewachsene Person war. Nachdenklich sah ich mich um und schritt ein wenig in den Raum hinein. Seit Jahren hatte ich ihn nicht mehr betreten, aber es hatte sich anscheinend nichts verändert. Nachdem mein Vater die Tür geschlossen hatte, wurde das Licht auf dem Schreibtisch angemacht, und ich musste mehrmals blinzeln, um mich an die Helligkeit zu gewöhnen.
„Guten Abend, Mister Cullen. Es freut mich, dass Sie Zeit gefunden haben an den Feierlichkeiten teilzunehmen“, sagte Charlie wie immer voller Elan und trat neben mich. Seine Hand legte er wieder auf meinen Rücken und mir stellten sich sogleich alle Haare auf. Ich stand stocksteif und konnte nichts anderes als den Präsidentschaftskandidaten zu mustern. Edward Anthony Cullen wäre der jüngste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten Amerikas, vorausgesetzt die Amerikaner würden ihn diesen November wählen. Und es sah gut für ihn aus. In den letzten drei Monaten konnte er in mehr als dreiviertel der Bundesstaaten, die bis jetzt in der ersten Runde - den sogenannten Primaries und Caucuses - gewählt hatten, für sich gewinnen.
Vor zwei Tagen fanden die Wahlen hier in Illinois statt und er hatte Haus hoch gegen seine Konkurrenten gewonnen. Nun saß er hier. Für seine fünfunddreißig Jahre sah er sehr jung aus. Es war auch kein Wunder, dass die meisten Frauen ihn wählten. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Cullen sah in seinem Anzug zum Anbeißen aus. Er hatte inzwischen genau das Mindestalter erreicht, um für den Posten des Präsidenten zu kandidieren. Andere Voraussetzungen waren, dass man in den USA geboren wurde und dass man vierzehn Jahre am Stück in dem Land wohnte. Alles traf auf diesen Mann zu.
Der derzeitige Senator von Kalifornien war jung, ledig, vermutlich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten und somit mächtigster Mann der Welt. Unter vorgehaltener Hand tuschelte man, er sei angeblich ein Frauenheld der extra Klasse. Ich musste schlucken.
„Senator Swan, ich freue mich, dass Sie mich eingeladen haben.“ Cullen nickte meinen Vater kurz zu und ließ seinen erwartungsvollen Blick über mich schweifen. Sofort überkam mich das Gefühl, als würde er mich in Gedanken nackt ausziehen.
„Die Freude ist ganz meinerseits. Aber lassen wir doch diese Floskeln weg und sprechen über den Grund unseres Zusammentreffens.“ Warum hatte ich plötzlich den Eindruck, dass es etwas mit mir zu tun hatte? Ich war kurz davor, fluchtartig den Raum zu verlassen. Doch dann erinnerte mich die Hand auf meinem Rückgrat, dass ich mich im Haus meines Vaters befand und ich mich zu benehmen hatte.
Edward stand auf und umrundete im lässigen Gang den Tisch. Eine Hand hatte er in die Hosentasche seines Anzuges gesteckt und mit der anderen rieb er sich das Kinn.
In der Mitte des Raumes blieb er stehen und lächelte mich charmant an, was mich jedoch kaum beeindruckte.
„Senator, ich würde Sie gerne bitten, mich das mit Ihrer Tochter alleine klären zu lassen. Schließlich ist das meine Aufgabe. Wären Sie so gütig und würden dafür sorgen, dass wir beide für während dieser wichtigen Unterredung ungestört sind?“
Seine Stimme ließ keine Widerrede zu. Während er sprach, hatte er mich eindringlich angesehen. Ich konnte seinem Blick nicht standhalten und blickte nervös zu meinem Vater, dem sein Unmut ins Gesicht geschrieben stand. Nachdem ich ihm leicht zugenickt hatte, gab er nach und verließ schweigend das Büro.
Jetzt fühlte ich mich sogar noch unwohler als zuvor. Als ich seinen Blick deutlich auf mir spürte, sah ich ihn mit hochgezogener Augenbraue an.
„Nun, Miss Swan“, begann mein Gegenüber und lehnte sich gegen den antiken Schreibtisch meines Vaters, bevor er fortfuhr: „Ich möchte Ihnen nun den Grund meiner Anwesenheit erläutern. Es liegt auch nicht in meiner Natur, um den heißen Brei herum zu reden.“ Misstrauisch verfolgte ich jede seiner Gesten und verschränkte meine Arme vor der Brust. Dies führte unweigerlich dazu, dass mein Dekolleté noch üppiger wirkte als es schon war. Natürlich wanderte sein Blick dorthin- wie konnte es anders sein. Jedoch überraschte er mich, denn keine Sekunde später sah er mir wieder in die Augen. Seine Miene war eine neutrale Maske. Bis jetzt hatte er mir gegenüber freundlich gewirkt und ein Lächeln in mein Gesicht getragen.
„Vielleicht haben Sie schon gehört, dass meine Konkurrenten in den letzten Debatten immer wieder mein Singledasein und die publik gewordenen Affären als Angriffspunkt verwendet haben.“ Oh ja, das hatte ich mitbekommen. Es hatte ihm viel mehr Stimmen als erwartet bei den Volksbefragungen in den konservativ angehauchten Staaten gekostet. Aber auch bei den Demokraten war es nicht gut angekommen, denn viele US-amerikanische Bürger hatten das veraltete und überaus verstaubte Bild eines Präsidenten mit seiner First Lady im Kopf, so wie, dass es keine Präsidentin geben konnte. Diese rückständige Ansicht hatte mich schon an die Grenzen meiner Rhetorik bei einer Diskussion mit meinen Kommilitonen gebracht. Der kommende Stimmenverlust musste ihm zugesetzt haben, da er diesem Thema geflissentlich aus dem Weg ging, wenn es aufkam. Eine leise Vorahnung schlich sich ein und ein unangenehmes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit.
„Hier kommen Sie ins Spiel, Miss Swan. Ich habe lange nach einer passenden Frau gesucht, deren familiärer Hintergrund akzeptabel ist. Daher fiel meine Wahl auf Sie.“ Ich musste reichlich schockiert ausgesehen haben, doch das ignorierte er gekonnt. Stattdessen fuhr er fort: „Sie sind Studentin an der Harvard Kennedy School mit exzellenten Noten und Schwerpunkt auf Internationale Beziehungen. Hinzu kommt ein Philosophiestudium, das nicht weniger beachtlich absolviert wird wie Politologie. Zuletzt verbrachten Sie ein halbes Jahr an derLondon School of Economics and Political Sciencesowie amInstitut d’Etudes Politiquesin Paris und besuchten dadurch die besten Universitäten der Welt in Bezug auf Politik. Außerdem absolvierten Sie im letzten Semester ein Praktikum beim Senior Senator Kaliforniens. Ich würde sagen, dass das eine bisher außerordentliche Laufbahn ist, jedoch meiner etwas hinterher hinkt.“ Arrogant lächelte er mich an und ich ballte die Fäuste. Ich hasste es, wenn man meinen Bildungsweg herunterratterte, als wäre es nichts Besonderes und sich schließlich noch darüber lustig machte.
Cullen stieß sich von dem Tisch ab und kam langsam auf mich zu. Er würde es doch nicht wagen?! Abrupt blieb er vor mir stehen und lehnte sich leicht zu mir hinab, da er mich um mindestens einen Kopf überragte.
„Ich unterbreite Ihnen einen Vorschlag, den Sie entweder akzeptieren oder ablehnen können. Nach meinem Dafürhalten wäre eine Verbindung zwischen Ihnen und mir von außerordentlichem Gewinn für uns beide. Wir würden in den nächsten Wochen meine Verlobung mit Ihnen bekannt geben und nach Ihren letzten Prüfungen heiraten. Natürlich erhalten Sie im Gegenzug gewisse Rechte und Annehmlichkeiten. Jedoch fordere ich äußerste Diskretion und Loyalität mir gegenüber meiner Person. In der Öffentlichkeit wären Sie die treue und liebende Verlobte, später Ehefrau, die mich in allem Belangen unterstützt und zu mir hält. Was Sie in Ihrer Freizeit machen, ist mir gleich. Allerdings bestehe ich darauf, dass es sich hierbei um nichts handelt, was den Wahlgang negativ beeinflussen könnte“, hauchte er mir ins Gesicht und ich konnte ihn nur perplex anstarren. Perplex starrte ich ihn an. Verlangten er und mein Vater allen Ernstes, dass ich ihn heiratete? Anscheinend reagierte ich nicht auf die Art, die er sich ausgemalt hatte. Er wandte sich von mir ab und brachte wieder eine gewisse Distanz zwischen uns, die ich nur gerne annahm.
„Sie erhalten von mir eine Bedenkzeit von einem Tag.“ Der Senator klang kühl. Während er sprach, betrachtete er das Bücherregal meines Vaters. Mit dem Zeigefinger fuhr er prüfend über das Bord und entfernte danach den Staub von seinem Finger.
„Erwarten Sie jetzt ernsthaft von mir, Sie zu heiraten, obwohl ich Sie nicht kenne, geschweige denn sympathisch finde?“ Ruckartig wandte er sich zu mir um und ich war mir sicher, hätte er mit dieser Blick töten können, wäre ich tausend Tode gestorben und immer noch nicht erlöst.
„Wie gesagt, Miss Swan, überlegen Sie es sich. Wir können noch über das eine oder andere Detail verhandeln. Spätestens bei unserem Ehevertrag müssen wir das geregelt haben.“ Ich reckte mein Kinn in die Höhe und straffte meine Schultern.
Alles an diesem Mann ließ mich erschaudern und machte mich gleichzeitig rabiat. Am liebsten hätte ich die nächste Vase gegen die Wand, wenn nicht sogar besser nach ihm geworfen. Als ich gerade ansetzte, etwas zu erwidern, kam er mir in überaus scharfem Ton zuvor: „Nehmen Sie sich die Zeit und denken darüber nach. Vierundzwanzig Stunden von jetzt an.“
Ich bedachte ihn mit einem letzten empörten Blick, stürmte aus dem Raum und zog die Tür mit lautem Knall hinter mir zu.
Wie konnte er sich so eine Unverschämtheit erlauben?