Kapitel 11

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Hoffnung ist der krankhafte Glaube an den Eintritt des Unmöglichen.“ - Henry Louis Mencken

Jedes seiner Worte war wie ein Schlag ins Gesicht. Es tat weh, obwohl ich mir geschworen hatte, mich nicht von ihm verletzen zu lassen. Bei jedem Buchstaben schlug er mir einen Keil mitten in die Brust, genau durch mein blutendes Herz, als wäre er nur darauf erpicht mir Schmerzen zu zufügen. Denn die vergangenen Wochen und vor allem die letzten Tage hatte er nichts anderes zu tun, als all seine schlechte Laune an mir auszulassen. Ich hörte mir seine Worte an, doch ich nahm sie nicht in mir auf. Meine Gedanken überschlugen sich zu sehr, als dass ich ihm jetzt noch kontra geben könnte. Ich war am Ende meiner Kräfte. Bald würde ich unter seinem Gewicht zusammensacken und alles ohne Widerworte ertragen.
Er war kurz davor mich zu brechen, mir meinen Lebenshauch zu entziehen und mich nur zu einer seiner Marionetten zu machen. Eine Figur, so wie er es sich wünscht. Eine Frau, die adrett lächelnd und loyal an seiner Seite stand und immer das Richtige tat. Mehr als geknickt auf den Boden sehen zu können und ab und zu einen flüchtigen Blick auf seine Lippen konnte ich nicht wagen. Sonst wäre ich auf der Stelle ohnmächtig geworden. Seine Präsenz wurde zu übermächtig für mich.
„Und jetzt geh mir verdammt noch mal aus den Augen.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, erwachte mein Verstand und mein Körper begann wieder zu arbeiten. Ich war froh, dass er die Verbindung zwischen uns beiden kappte. Eine Sekunde länger seine Hand auf meiner Haut spürend, hätte mich den Verstand gekostet, denn diese Berührung verpasste mir kleine Stromschläge und schmerzte leicht.

Sofort begab ich mich in das für mich vorhergesehene Zimmer und zog die Vorhänge zu. Ich wollte kein Tageslicht. Es war mir zu fröhlich und bunt außerhalb, als dass ich das in meiner derzeitigen Stimmung ertragen konnte. Ich musste hier raus. Ich musste von ihm weg. Ich musste mir Freiheiten erkämpfen. Es würde mein letzter Kampf vor der totalen Zerstörung meiner selbst werden. Dessen war ich mir nur zu bewusst. Schluchzend ließ ich mich auf das große Bett nieder und legte meinen Kopf in die Hände. Ich hörte jedes Wort, das er sagte, durch die geschlossene Türe hindurch. Bei jeder Silbe wurde ich kleiner und bei jedem Buchstaben starb in meinem Inneren etwas ab. Was tat ich hier? Weshalb machte ich diese Farce überhaupt mit? War es das alles überhaupt wert? Bevor ich mich näher mit der Philosophie meines Lebens beschäftigen konnte, trat eine gut gelaunte Victoria in den Raum. Ein kurzer Blick von mir genügte und ihr Lachen erlosch. Bedrückt sah sie mich an und setzte sich neben mich.
„Was ist los?“, erkundigte sie sich bei mir und zog mich in eine mitfühlende Umarmung. Seitdem sie für mich, oder besser gesagt für Edward arbeitete, hatte ich mich mit ihr befreundet. Sie war neben Tanya und Angela meine Verbündete. Ich wusste nicht wie lange wir so schweigend dagesessen hatten, doch ich zuckte irgendwann nur abweisend mit den Schultern und versuchte ein freudiges Gesicht zu machen. Gespielt motiviert wollte ich sie davon überzeugen, dass wir nun endlich die Kleiderfrage für heute beenden sollten, denn seit Tagen freute ich mich schon auf diesen Abend. Ich würde endlich wieder Rose und Alice treffen, der einzige Wermutstropfen waren meine Eltern. So wie ich Charlie kannte, würde er mit Argusaugen über seine Tochter wachen und alle möglichen Vorkehrungen treffen, sodass ich ihm nicht wieder entwischen konnte.

Victoria hatte sich für zwei Kleider entschieden, die mir ebenfalls gefielen. Das eine – mein Favorit – war türkis, die Rücken- und Schulterpartie war aus Spitze gefertigt, und um die Taille war ein Stoffband, auf dem eine Verzierung angebracht war. Es war schlicht, aber auch aufwendig zugleich. Der Schnitt war raffiniert gesetzt, sodass ich nicht so dünn wirkte wie ich war.
Das andere war ein schwarzes Bustierkleid, das ab der Hälfte des Kleides rot weiße Blumen bedruckt hatte. Es war schön, doch würde man dadurch meine hervorstehenden Schlüsselbeine und die zierlichen Arme mehr sehen. Ich wusste, dass ich nun untergewichtig war, das hatte mir auch meine Frauenärztin Dr. Mallory bestätigt. Sie war eine alte erfahrene Ärztin, die auch schon Esme bei ihrer Schwangerschaft mit Edward betreut hatte. Doch ich wollte daran nichts ändern. Jeder sollte meine schreckliche Lage sehen können, doch immer wieder wurde es vertuscht und heute Abend war ich sogar dafür dies zu tun.

Ich war so in meinen Gedanken verloren, sodass ich zusammenschreckte, als mir Victoria ein Kleid in die Hand drückte. Besorgnis spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, doch ich ging einfach in das Wohnzimmer, wo Edward sein würde. Die ganze Zeit über, überließ ich das Reden Vic, denn die Kraft dazu hätte ich nicht aufgebracht. Am liebsten wäre ich wieder auf der Stelle zurück in dieses unpersönliche Zimmer und hätte mich in den Schlaf geweint, denn viel war nicht mehr von der starken und selbstbewussten Bella übrig.



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Ich war froh, endlich meilenweit von Edward entfernt zu sein. Tief die Luft inhalierend, trat ich durch die verspiegelten Schiebetüren hindurch. Außerhalb des Flughafengebäudes tummelten sich schon die nervige Fotografen und das Blitzlichtgewitter ging sogleich los. Die Paparazzi wurden von dem Sicherheitspersonal, das mir Edward auf Anraten von Tanya zu meinem persönlichen Wohl zur Verfügung gestellt hatte, unsanft von mir fern gehalten. Trotzdem versuchte ich lächelnd und gespielt gut gelaunt durch die Menge zu kommen, denn das wurde von mir erwartet. Immer ein Lächeln auf den Lippen, gut auszusehen und freundlich zu den Menschen zu sein.
Sobald die SUV Tür zu war, ließ ich meine Maske fallen und lehnte mich mitgenommen in den weichen Sitz zurück. Die dreißigminütige Fahrt zu dem Familienanwesen – natürlich war es für alle Beteiligten klar, dass ich bei meinen Eltern unterkommen würde – verbrachte ich damit weltpolitische Themen auf meinem iPad zu verfolgen. Darunter war auch ein Artikel über meinen Vater bezüglich eines neuen Sozialprojekts in Chicago. Ich las es mir nicht durch, da mir Charlie vermutlich – nein, sogar mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit – alles bis ins kleinste Detail erzählen und erklären würde. Seufzend stieg ich vor der imposanten Eingangstür aus und brachte die wenigen Meter in meine persönliche Hölle hinter mich.

„Isabella, Schatz, es freut mich, dass du endlich zu Hause bist.“ Renée umarmte mich für ihre Verhältnisse stürmisch, für Außenstehende hätte diese Geste etwas Kühles gehabt. Charlie musterte mich nur mit hochgezogener Augenbraue.
„Tochter, ich hoffe, dass du unsere Familie würdig vertrittst. Die Aktionen am Anfang eurer Beziehung wären nicht nötig gewesen. Ich erwarte mir von dir, dass du dir heute Abend keinen Fehltritt erlaubst.“ Es hatte sich zu meinem Erwarten nichts geändert. Renée machte immer noch das, was Charlie ihr vorschrieb und jeder blieb seiner harten Linie treu. Meine Mutter tat mir unter meinem Vater leid, jedoch hatte ich kein besseres Los gezogen. Die Ehe mit Edward würde eine weitere Hölle auf Erden sein. So würde ich vom Regen in die Traufe kommen. Vor den Gedanken nach der Hochzeit grauste es mir und ich spürte, wie mir die Galle hochstieg.
„Zumal ich nun hoffe, dass du ein paar Minuten deiner spärlich begrenzten Zeit für deinen Vater entbehren kannst, sodass ich dich von meinen neuen Projekten in Kenntnis setzen und über Persönliches informieren kann.“ Eindringlich sah mich Charlie an und ich fragte mich, über was es sich bei dem Persönlichen handeln würde. Ich straffte meine Schultern und ging Richtung Salon, in dem wir üblicher Weise immer unseren Nachmittagstee einnahmen.
„Vater, weshalb stehst du noch dort? Ich dachte, dass du mir etwas zu sagen hast“, sagte ich spitz formuliert und sah ihn provokant an. Danach ging ich einfach in den Raum weiter und setzte mich auf die Chaiselongue.  Abschätzend sah mich Charlie an und ließ sich gegenüber von mir auf den Zweisitzer nieder. Miss Bennett, die Haushälterin, brachte unseren Tee und entfernte sich dann wieder diskret.

Charlie begann über sein soziales Projekt zu sprechen, denn er wollte Schulen neu gestalten, und mehr Kinder, die aus schlechten Verhältnissen kamen, fördern.
„Isabella, nun zu dem Persönlichen. Ich wurde bereits in Kenntnis gesetzt, dass Edward und du einen Ehevertrag – etwas anderes hätte ich auch gar nicht erwartet – aufgesetzt habt und diesen während der Zeremonie unterzeichnet. Einblick habe ich ebenfalls erhalten und ich denke, dass drei oder vier Kinder für deine anatomischen Proportionen kein Problem sind. Als angehender Großvater würde ich mir natürlich einen Jungen sehr wünschen und nach einem Gespräch mit meinem Schwiegersohn weiß ich nun, dass dieser das auch so sieht. Ein kleiner – sagen wir einmal – Charlie Carlisle Cullen wäre eine große Bereicherung für beide Familien.“
Sein bedeutungsvoller Blick entging mir dabei nicht. Er versuchte mir schon wieder durch die Blume zu sagen, dass ich ja einen Sohn auf die Welt bringen und diesen dann noch nach ihm benennen sollte. Mein Vater sprach bereits davon, als wäre ich längst schwanger, doch ich konnte getrost sagen, dass Edward und ich noch keinen Sex hatten und würde es nach mir gehen, hätten wir diesen bis ans Ende unsere Ehe auch nicht. Unterzeichnet hatte ich den Vertrag schließlich noch nicht. Gäbe es überhaupt Zeit diesen zu ändern? „Du wirst Edward noch lieben lernen, mein Kind, bei mir und deiner Mutter war es nichts anderes und jetzt haben wir dich, ein Kind, das wir sehr lieben. Renée kann dir bestimmt gute Ratschläge geben, wie du deinen Ehemann bei Laune halten kannst, bei mir schafft sie es meistens. Ich möchte nicht, dass du weiterhin als Sonderbotschafterin arbeitest, das wird dich nur von deinen Pflichten ablenken. Aus diesem Grund habe ich dir schon eine Rede schreiben lassen, die du im Laufe der nächsten Woche bei einer Pressekonferenz vortragen wirst. Edward und ich haben das vor ein paar Tagen zusammen besprochen und wir finden das viel sinnvoller. Du sollst lieber an seiner Seite sein und ihn unterstützen, als selbst durch die Weltgeschichte zu fliegen und in eigener Sache zu handeln.“

Erzürnt ballte ich meine Hände zu Fäusten und spürte, wie meine Nägel sich in mein Fleisch gruben. Ich schloss meine Augen und atmete einmal tief ein. Die beiden wollten mich vernichten, doch ich würde nun meine letzten spärlich verbleibenden Kräfte sammeln und mich gegen sie auflehnen.
„Vater, ich weiß, dass ihr beide es nur gut mit mir meint, doch bin ich der Ansicht, dass ich so einen besseren Eindruck auf die Bevölkerung habe und ich bitte dich, dich nicht mehr in meine Angelegenheiten einzumischen. Wie ich heute hören durfte, hast du sehr viel mit deinen Projekten zu tun und dort sind deine Gedanken besser aufgehoben, als bei mir. Ich werde das machen, was von mir verlangt wird, da sei dir gewiss, doch lasse ich mich weder von dir noch Edward herumkommandieren. Mein ganzen Leben lang schrieben Mutter und du mir vor, was ich zu tun und zu lassen hatte. Dieser Farce habe ich nur zugestimmt, damit ich aus diesem goldenen Käfig herauskomme. Vater, ich bitte dich inständig meine Entscheidung zu akzeptieren. Ich weiß nicht, was du dafür bekommen hast, mich an Edward verschachert zu haben, aber ich denke, dass es genug gewesen ist. Nun lass mich mein Leben leben, das an Edwards Seite sein wird.“ Wütend stand ich auf und rannte in mein Zimmer. Tränen quollen aus meinen Augen und liefen über die Wangen. Schnell wischte ich sie mir aus dem Gesicht und schloss meine Zimmertür hinter mir ab. Erschöpft ließ ich mich auf das weiche Bett fallen und weinte mich in den Schlaf.


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„Bella!“, quietschte Alice erfreut und zog mich in eine freudige Umarmung. Euphorisch erwiderte ich die Geste und küsste ihre Wange. Das zierliche Geschöpf in meinen Armen zu halten, war eine Wohltat, die mein Herz schon lange ersehnt und gebraucht hatte. Ich spürte, wie es aufquoll und schneller zu schlagen begann. Es war, als würde es das erste Mal seine ganze Kraft ausschöpfen.
„Ich habe dich so vermisst, Alice und dich auch, Rose. Es ist so schön euch beide wiederzusehen und um mich zu haben. All die letzten Tage habe ich auf diesen Abend hin gefiebert und endlich ist er gekommen. Irgendwie kann ich es gerade nicht realisieren, dass ich wirklich hier bin und ihr auch da seid.“ Meine beiden Freundinnen lächelten mir glücklich zu und umarmten mich abermals. Kleine Tränen machten sich bei mir im Gesicht breit.
„Sh… wir freuen uns auch, dass du da bist. Aber etwas scheint nicht in Ordnung mit dir zu sein. Hast du schon einmal in den Spiegel gesehen? Du bist so dünn geworden, dass ich eben dachte, dir jeden einzelnen Knochen zu brechen, als ich dich umarmte. Was ist los? Erzähl es und friss es nicht in dich hinein.“ Alice nahm meine Hand zwischen ihre und Rose fuhr mir mit einer Hand beruhigend über den Rücken. Ich sah, wie Charlie auf uns zukam. Da ich ihm keinen Angriffspunkt nach meinem abrupten Gesprächsabbruch geben wollte, sammelte ich mich schnell und wischte, die Tränen sacht aus dem Gesicht. Mein allzu bekanntes Lächeln setzte ich wieder auf und wartete zögerlich bis mein Vater bei uns war.
„Ein paar Gäste würden gerne mit dir sprechen, denn sie sind ganz gespannt die vermutlich zukünftige First Lady kennen zu lernen.“ In seiner Stimme schwang ein gewisser Unterton mit, der mir verriet, dass ich ihm nun lieber Folge leisten sollte, als den Sturkopf zu spielen.
„Später“, flüsterte mir Rose zu und sah mich besorgt an. Ich konnte nur die Schultern anheben. Plötzlich spürte ich Charlies Hand an meinem Rücken und ich versteifte mich sofort. Diese Geste konnte ich nicht ausstehen.
„Senator Newton, darf ich Sie mit meiner Tochter Isabella bekannt machen?“ Mike Newton war groß, blond und das was die Frauenwelt als schlechthin attraktiv sah, doch konnte ich nichts für ihn abgewinnen. Nach Edward war er einer der begehrtesten Junggesellen und würde es nach Charlie gehen, würde ich mit Mike schon lange eine Beziehung führen, doch ich entwich den Begegnungen mit ihm immer geflissentlich. Denn Newton war schlechthin als notorischer Schürzenjäger, oder auch Casanova bekannt.
„Es freut mich Sie endlich kennen zu lernen, Miss Swan. Ihr Vater hat regelmäßig erwähnt, dass Sie zu einem Empfang oder Essen mitkommen würden, doch dann kam leider Gottes immer etwas dazwischen, sodass Sie verhindert waren. Aus diesem Grund bin ich erfreuter denn je, dass Sie heute doch die nun kurz bemessene Zeit gefunden haben, um bei dieser Gala anwesend zu sein. Darf ich Ihnen gleich ein Kompliment machen, Sie sehen heute einfach nur bezaubernd aus.“ Dieser Mann überrannte mich beinahe.
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Senator Newton. Ich habe vernommen, dass Sie meinen Verlobten, Senator Cullen, tatkräftig unterstützen. Deshalb möchte ich mich in Edwards Namen sehr herzlich bei Ihnen bedanken, da er leider in Kalifornien weilt und ein TV-Duell vorbereitet. Sie verstehen das sicher als Politiker. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, es gibt noch so viele unbekannte Gesichter, die ich auch gerne kennenlernen würde, deshalb hoffe ich, dass Sie es mir verzeihen. Vielen Dank für das Kompliment und ich kann es nur zurückgeben.“ Lächelnd wandte ich mich von ihm ab, da ich diese Schleimerei nicht ausstehen konnte.

Es dauerte mehrere Stunden bis ich mit allen durch war, und ich hatte die Namen der ersten Leute schon längst vergessen. Zielstrebig steuerte ich Alice und Rose an, die sich in eine Ecke zurückgezogen hatten und sich prächtig zu amüsieren schienen. Wie gerne würde ich auch so frei und unbekümmert lachen können, mich einfach meinen Emotionen hingeben, doch würde ich das im Moment tun, so würde ich sicherlich weinend am Boden liegen und jeden – vor allem Edward und meinen Vater – anschreien. Jedoch war ich eine starke Swan und würde keinem etwas von meinem Kummer zeigen.
„Da bist du ja. Hat dich Charlie endlich aus deinen Pflichten entlassen?“ Meine blonde Freundin  sah mich aufmunternd an. Ich wusste nicht, was ich ohne die beiden machen würde. Vermutlich in einer Gummizelle einer Psychiatrie sitzen und mit Medikamenten ruhig gestellt werden. So fühlte sich das jedenfalls für mich an.
„Würde es euch etwas ausmachen, wenn wir hier diskret und vor allem unauffällig verschwinden würden, denn ich halte es hier nicht mehr aus.“ Alice und Rose nickten mir zu. Ihnen waren solche Galas auch unangenehm, denn man musste immer auf seinen Ton und die Wortwahl aufpassen. Heute war es besonders schlimm, denn mehr als zwei Drittel der Gäste waren über sechzig Jahre alt und sahen verbittert drein, außer sie verschlangen den Körper mit gierigem Blick. So etwas die ganze Zeit über ausgesetzt zu sein, widerte einen nach kurzem nur noch an.
„Bitte folgen Sie mir, die Damen“, sagte Alice und kicherte kurz.

Als wir beim Notausgang angekommen waren, wollte ich gerade die Tür aufmachen, als Rose meine Hand fasste und auf Alice deutete, die gerade ihr Handy aus der Tasche zog und jemand anrief.
„Mister Smith, wir wären nun so weit, bitte beim Notausgang und scheuchen Sie die Paparazzi weg.“ Gleich nachdem sie den Satz beendet hatte, verfrachtete sie das Gerät wieder in ihrer Clutch.
„Ich weiß nicht wie es euch geht, aber es ist gerade einmal elf und ich habe noch keine Lust ins Bett zu gehen. Der Tag ist einfach zu jung, als das nicht auszunutzen. Also, wie wäre es, wenn wir eine Runde feiern gehen, dass Bella kurz in der Stadt ist? Heute soll auch ein guter DJ in dieser neuen angesagten Disco auflegen“, sagte Rose und sah zwischen Alice und mir hin und her. Jetzt hatte ich so oder so nichts mehr zu verlieren und stimmte zu. Meine kleine Freundin klatschte in ihre Hände und strahlte mich an.
„Als hätte ich das kommen sehen, habe ich schon einiges bei mir vorbereitet. Ich werde veranlassen, dass wir zuerst zu mir und dann in den Club fahren. Bella, es tut mir leid, das Kleid ist wirklich bezaubernd und verdeckt wirklich das Schlimmste, aber lässt dich trotzdem noch so abgemagert aussehen.“ Kaum hatte sie den Satz beendet, klopfte es schon an der Tür und ein „Miss Brandon?“ ertönte. Die Genannte steckte ihren Kopf hinaus und machte danach den Ausgang frei. Die Kleinlimousine parkte genau vor uns und ich brauchte nur einen Schritt machen, sodass ich im Auto war.

„Jetzt erzähl uns alles ganz genau!“, sagte Alice mit besorgter Stimme. Jedoch sahen mich die beiden eindringlich an und nahmen mich sogleich in den Arm.
„Eigentlich darf ich darüber nicht reden, aber mir ist es egal welchen Vertrag ich damit breche. Ich vertraue euch so weit, dass ihr nicht gleich morgen zur Presse rennt und alles ausplaudert.“ Die beiden nickten zustimmend und ich hielt kurz den Atem an.
„Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll…“ Ich überlegte kurz bevor ich fortfuhr, „…Vielleicht geht es so. Der letzte Abend den wir drei gemeinsam verbracht hatten, war der erste Tag an dem ich Edward traf. Mehr oder minder freiwillig, denn Charlie zerrte mich regelrecht in sein Büro, in dem er wartete. Mir wurde zwar die Wahl gelassen, ob ich Edward heiraten möchte, jedoch hatte mir mein Vater schon deutlich gemacht, dass alles andere als ein Ja nicht in Frage käme…“ Ich erzählte von meiner Flucht, dass Edward mich wieder gefunden hatte, meinen Aktionen, unseren Streit, einfach alles. „Und nun ist es so, dass ich nicht mehr kann und will. Ich versuche stark zu bleiben, damit Edward meine Schwäche nicht erkennt, aber es dauert nicht mehr lange bis ich zusammenbreche. Aufgrund des Druckes, den er mir macht, kann ich kaum noch essen, trinken oder schlafen. Ich fühle mich wie eine wandelnde Tote. Er ignoriert mich. Für ihn bin ich nur eine Puppe, die zu funktionieren hat, nicht mehr und nicht weniger. Immer wieder rede ich mir ein, dass ich das alles für das Wohl der Bürger tue, dass ich etwas ändern möchte, doch wenn ich dann merke, wie er mich behandelt, dann nützen mir all diese Ziele nichts mehr.“ Zirka bei der Hälfte meines Monologes merkte ich, wie sich Tränen den Weg meinen Wangen hinab bahnten. Ich wusste nicht wie lange ich geredet hatte, doch eines war mir klar, wir standen schon lange vor Alice' Haus.
„Bella, hör mir zu. Ich werde diesen Arsch in den Hintern treten, sobald er nur in die Nähe von dir kommt. Du bist viel zu gut für ihn und das muss er begreifen. Die Farce, die ihr abzieht, ist nicht gerade sehr neu und ich weiß wie das schmerzen kann. Erinnerst du dich noch an Vladimir? Meine Eltern hatten ihn für mich ausgesucht und mich vor die Wahl gestellt, den russischen Oligarchen zu heiraten, oder aus der Familie ausgestoßen zu werden und ich entschied mich für letzteres. Denn um so etwas durchzuziehen, muss man eiskalt sein und du bist ein viel zu liebenswürdiger Mensch dazu. In jedem Vertrag gibt es ein Schlupfloch und glaube mir, wenn ich ihn in die Finger bekomme diesen Bastard, dann werde ich ihm zeigen, was er mit den vier Kindern machen kann. Bei mir läuten alle Alarmsignale auf, wenn ich so etwas höre. Wir werden dich hier aufpäppeln und dann wirst du ihm gegenübertreten und ihm sagen, dass er zur Hölle fahren kann.“
Rose hatte sich so in Rage geredet, dass ich zu grinsen begann. Sie war eine dieser Personen, die sich schnell in etwas hineinsteigerte und einen mit Fäusten verteidigte. Genau das liebte ich an ihr.
„Und lass dir ja nicht von diesem Nichtsnutz dreinreden. Du bist eine starke selbstbewusste Frau, die weiß was sie möchte und das auch bekommt. Edward wird sehen müssen, dass du keine Marionette in seinem kleinen Spiel bist, sondern Isabella Marie Swan, eine kluge Frau, die ihre Stärken kennt und diese auch zu nutzen weiß. Weshalb drehst du nicht den Spieß um? Er möchte doch so viel von dir, dann muss er auch etwas dafür tun…“ Ich schnaubte verächtlich, als würde er das jemals tun, doch Alice fuhr unbeirrt fort, „… Wenn er möchte, dass du zu einer Gala gehst, dann nur mit uns, oder, Rose?“ Diese nickte zustimmend. „Wenn du dich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen sollst, dann nur auf der rechten Seite, denn dann sieht die ganze Welt, dass du die Oberhand in der Beziehung hast. Und glaube mir, darauf schauen alle. Er würde damit Schwäche zeigen und eingestehen, dass er nicht der große Machthaber ist, als der er sich ausgibt. Will er mit dir das erste Mal schlafen, so muss er dir Tests vorlegen, die sagen, dass er keine übertragbare Krankheit hat. Möchte er, dass du sein Kind austrägst, so wirst du den Zeitpunkt bestimmen und nicht er, auch wenn etwas anderes in diesem verfickten Vertrag stehen sollte, du entscheidest. Egal was er als nächstes möchte, du wirst deinen eigenen Zeitplan fordern, denn sonst wirst du wohl oder übel jedes Event absagen müssen und ich denke, dass es kein gutes Bild macht, wenn er überall alleine auftaucht. Denn, Bella, du bist die, die die Macht hat und nicht er. Mache ihn zu deinem Schoßhund und nicht umgekehrt und wir beide stehen dir liebend gern mit Rat und Tat zur Verfügung.“ Alice drückte mich fest an sich, bevor sie mich wieder losließ.
„Doch jetzt, meine beiden Hübschen, werden wir Bella fertig machen, uns umziehen und dann ihn für den Rest deines Aufenthaltes nicht mehr erwähnen. Heute Nacht betrinken wir uns und mir ist es herzlich egal, wie ich dabei aussehe!“, verkündete meine dunkelhaarige Freundin, als sie aus dem Auto ausstieg.


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Die laute Musik dröhnte in meinem Kopf und langsam aber sicher machte sich ein nicht gerade häufiges Schwindelgefühl in mir breit.
„Der Typ dort an der Bar verschlingt dich die ganze Zeit mit seinem Blick. Komm, geh hinüber und hol dir etwas neues zu trinken“, sagte Rose und musterte den Typen. Ich schnaufte kurz, denn sie versuchte schon seit unserer Ankunft, dass ich mit jemand tanzen sollte. Wenn nicht jetzt, wann dann?, schoss es mir durch den Kopf und ich straffte meine Schultern. Als ich aufstand, verpasste mir Rose einen aufmunternden und leichten Schlag auf den Po und zwinkerte mir zu. Langsam schob ich mich durch die tanzende Masse zur Bar und bestellte mir sogleich eine Empfehlung des Barkeepers. Dieser begann mit mir zu flirten, doch ich zog eine Augenbraue in die Höhe. Zwar war ich es gewohnt angeflirtet zu werden, doch war mir dies schon zu viel des Guten.
„Ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie mir schöne Augen machen, sondern dass Sie mir etwas Starkes mischen!“, schnauzte ich und schlug sofort eine Hand vor den Mund. Denn so kannte ich mich nicht, ich ließ nie meinen Frust an anderen aus, denn dann wäre ich nicht besser als er. Der Barkeeper reichte mir mein Getränk und ich gab ihm im Gegenzug das Geld.
„Den Rest können Sie behalten. Das eben vorhin war arrogant von mir. Es tut mir wirklich leid, ich hätte nicht an Ihnen meine Gereiztheit auslassen sollen.“
„Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass das vorhin noch charmant formuliert war. Es gibt hier Personen, die explodieren, wenn diesen etwas nicht passt.“ Da kannte ich auch eine gewisse Person, die schnell von null auf hundert schoss, wenn ihr etwas nicht passte. So wie es heute schon passiert war. Er hatte auf den Tisch geschlagen, mich am Arm festgehalten, war laut geworden und hatte Sachen von sich gegeben, die mir schmerzhaft wehtaten. Ich kippte mein Getränk in einem Zug hinunter, lächelte ihm kurz zu, bevor ich mich abwandte und das Thema einfach Thema sein ließ. Darauf wollte ich auch gar nicht näher eingehen, sonst hätte ich wieder an ihn denken müssen und ich hatte gerade so eine schöne Zeit mit meinen besten Freundinnen. Diese wollte ich auch genießen und nicht von ihm zerstören lassen.
Vor mir stand der Mann, den Rose vorhin gemeint hatte. Er war attraktiv, keine Frage, aber ich verglich ihn sogleich mit ihm. Dafür rügte ich mein Unterbewusstsein.
„Hey, meine Schöne, darf ich dich auf einen Drink einladen? Schöne Frauen sollten nicht im Trockenen sitzen.“ Er war nun ganz nah an mir und spielte mit einer Strähne meines Haares. Was sollte daran falsch sein, dachte ich und drehte mich wieder zur Bar um. Was ich als letztes wirklich in meinem noch akzeptablen Zustand mitbekam, war, dass er Tequila orderte.

„Hättest du nicht auf sie aufpassen können?“ Von irgendwoher hörte ich Alice' Stimme. Sie klang gereizt und besorgt zugleich.
„Bella, hörst du mich?“ Plötzlich tauchten vier Alice Köpfe vor mir auf.
„Seit wa-wann has du viiiier Kö-pfe?“, kicherte ich und der Boden unter meinen Füßen bewegte sich.
„Ey, der Bod’n so-soll sich nich‘ so vi-viel bewegen!“ Ich hielt mich an ihrer Hand und an einem Tisch fest.
„Komm, wir fahren jetzt nachhause und du schläfst schön brav deinen Rausch aus!“
„Ne-Nein, nich‘ nachhause, nich‘ zu Edward. Ich will noch hi-hier bleiben. Hicks.“ Demonstrativ schlang ich meine Arme um den nächsten Typen, der sogleich seine Hand an meinen Po legte.
„Komm schon, Bella.“ Alice zerrte an meinem Arm und ich hörte Rose neben mir „Sie ist betrunken und ein paar Feiernde haben leider Fotos von ihr gemacht. Tanya, keine vorteilhaften Fotos… Ja… Ja, wir haben auf sie aufgepasst…“ Ich spürte, wie ich den Druck an meinem Körper folgte und sich meine Beine automatisch in Bewegung setzten.
„Bella, versprich mir bitte eines. Kotz die paar Meter bis zum Auto nicht. Drinnen egal, im Haus egal, aber nicht die nächsten paar Sekunden.“ Rose umfasste meine Taille, genau wie Alice und die Tür, vor der wir plötzlich standen, wurde geöffnet. Die kühle Luft und das Blitzlichtgewitter trafen mich unerwartet. Eigentlich wollte ich mich hier nur hinlegen und schlafen. Nach mehr verlangte ich nicht. Schlafen… himmlisch…
„Die paar Meter schaffst du!“, flüsterte Rose und zog mich mit sich.

Wie ich in das Auto kam, wusste ich nicht, was ich während der Fahrt tat, war mir ebenfalls schleierhaft. Jedoch wusste ich, dass sie mich nicht zu Edward bringen würden. Ich war betrunken, irgendwie war mir das klar und selbst in dem Zustand wusste ich, dass Edward mir den Kopf abreißen würde, wenn er mich so sehen könnte. Langsam verstand ich, weshalb mein Vater etwas gegen Alkohol hatte. Und diesen würde ich auch nie wieder anrühren. Ehrenwort!
„So, wir bringen dich jetzt in ein Gästezimmer und dort ruhst du dich schön brav aus und schläfst deinen Rausch aus.“ Alice klang fürsorglich. Mit Müh und Not schafften wir es schließlich die Stufen hinauf.
„Hey, lasst das. Fi-Finger wech!“ Ich schlug wild um mich, als sie mir das Kleid ausziehen wollten. Entfernt nahm ich das Reißen des Stoffes war und danach fand ich mich im weichen Bett wieder. Die Augen fielen mir augenblicklich zu und ich schlief. Jedoch holte mich sogleich ein Albtraum ein.

Es war Abend. Edward und ich hatten geheiratet und waren nun in auf einer Insel, die für unsere Flitterwochen gebucht war. Ich strich durch die seidenen Vorhänge des Himmelbettes, als mich zwei starke Arme von hinten umschlossen. Ruckartig wurde ich umgedreht und ich sah Edwards hungrigen Blick. Er beugte sich zu mir hinab und küsste mich wild. Eine Hand lag auf meinem Rücken und presste mich an ihn, sodass ich seine Erektion spürte, und die andere hatte er in mein Haar vergraben. Ich wusste was er vorhatte, doch das konnte er nicht durchziehen. Er konnte mich nicht gegen meinen Willen nehmen, oder? Mit all meiner Kraft drückte ich gegen seinen Brustkorb und war erleichtert, als er endlich von mir abließ. Flehend sah ich ihn an und flüsterte.
„Nein, Edward, bitte tu mir das nicht an…“ Doch er lachte nur und versuchte mich wieder zu küssen. Mit Händen und Fäusten trommelte ich gegen seinen Körper, jedoch zeigte nichts Wirkung. Seine Lippen wanderten zu meinem Ohr und er biss spielerisch hinein. Alles in mir verkrampfte sich und ich begann stoßweise zu atmen.
„Ich weiß doch, dass du es auch willst. So einem Körper kannst du nicht widerstehen, Isabella.“
„…ich kann nicht mehr… ich halt das nicht aus…“, sagte ich lauter und es war kein Flehen wie in dem vorherigen Satz mehr dabei. Gekonnt ignorierte er es und zog den Zipp meines Kleides hinunter und ich spürte, wie der Stoff von meinem Körper glitt.
„Bitte… wenn du so weiter machst, dann…“
„Dann was? Gibst du dich mir voll und ganz hin?“, lachte er kehlig und strich mit dem Daumen über die Lippen.
„Lach mich nicht aus… hör auf… geh weg…“, schrie ich ihn an, als er mich wieder küssen wollte.

Schreiend schreckte ich aus meinem Traum hoch. Nein, das war eine Fata Morgana.  Das musste eine Täuschung sein. Er konnte nicht hier sein. Nein. Perplex musste ich ihn angestarrt haben. Aufgrund seiner Gesichtszüge konnte ich deuten, dass er wütend war. Vermutlich hatte er irgendwie von meinem kleinen Ausflug in die Disco gehört. Doch das war mir nun egal. Auf einmal überkam mich solch eine Übelkeit, dass ich mich erhob und meinen gesamten Mageninhalt auf Edwards Anzug verfrachtete. Das geschah ihm recht. Angewidert sah er an sich herab und verschwand augenblicklich aus dem Zimmer. Ich kauerte mich klein zusammen und würgte immer wieder, doch ich hatte nichts mehr im Magen. Mein Körper fühlt sich erschöpft, schlaff und ermüdet an und wollte mir nicht gehören. Rose' Gesicht tauchte in meinem Blickfeld auf.
„Das hast du gut gemacht, meine Süße. Alles schön auf dem Anzug verteilt. Keine Sorge, der wird mich noch kennenlernen. Mich einfach so stehen zu lassen. Eine Frechheit. Ich-“ doch weiter kam sie nicht.
„Emmett, kümmere dich darum, dass niemand in dieses Zimmer hineinkommt, und dass Bella und ich ungestört sind. Denn ich muss mich jetzt um meine Verlobte kümmern.“ Irgendwie kam es mir so vor, als würde er das Wort Verlobte nicht mehr mit Missfallen aussprechen. Sondern es lag ein anderer Ton darin. Vermutlich bildete ich mir das nur ein. Dieser Gedanke wurde jäh durch seine nächste Aktion beendet.